Legree beachtete im Stillen Toms Brauchbarkeit wohl. Er hielt ihn für

einen vorzüglichen Arbeiter, und dennoch empfand er einen gewissen

Widerwillen gegen ihn, -- die natürliche Antipathie des Schlechten gegen

das Gute. Er sah deutlich, daß wenn, was oft der Fall war, seine Rohheit

und Gewaltthätigkeit auf die Hülflosen fiel, Tom dies jedesmal

beachtete; denn so fein ist die Atmosphäre der Gedanken, daß sie sich

selbst ohne Worte fühlbar macht, und selbst die Gedanken eines Sklaven

können einen Herrn verletzen. Tom verrieth in mannigfachen Beziehungen

eine Zartheit des Gefühls, und ein Mitleid für seine Leidensgenossen,

welches diesen durchaus neu war, und von Legree mit eifersüchtigen Augen

beobachtet wurde. Er hatte Tom in der Absicht gekauft, ihn zu einer Art

Aufseher zu machen, dem er, während Abwesenheiten von kurzer Dauer,

seine Geschäfte übertragen könne, und nach seiner Ansicht war das erste,

zweite und dritte Erforderniß zu einer solchen Stellung -- ^Härte^. Da

nun Tom für diesen Zweck nicht hart genug war, so nahm sich Legree vor,

ihn abzuhärten; und als Tom einige Wochen dort gewesen war, beschloß er

diesen Prozeß zu beginnen.

Eines Morgens, als die Arbeiter für die Feldarbeit gemustert wurden,

bemerkte Tom mit Erstaunen einen neuen Ankömmling unter ihnen, dessen

Erscheinung seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Frau, von großem,

schlanken Wuchse, mit außerordentlich zarten Händen und Füßen, die

reinlich und anständig gekleidet war. Ihrem Gesichte nach zu urtheilen,

konnte sie zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahr alt sein; und es war

dies ein Gesicht, das, einmal gesehen, sich nie wieder vergessen ließ,

-- eins derjenigen, die uns auf den ersten Blick eine wilde,

schmerzvolle, romantische Lebensgeschichte ahnen lassen. Ihre Stirn war

hoch, und ihre Augenbrauen waren fein und schön gezogen. Ihre

griechische Nase, ihr fein geschnittener Mund und die reizenden Umrisse

ihres Kopfes und Nackens zeigten, daß sie einst sehr schön gewesen sein

müsse; aber ihr Gesicht trug tiefe Furchen von Schmerz und stolzen und

bitteren Leidens. Ihre Gesichtsfarbe war bleich und ungesund, ihre

Wangen waren eingefallen, ihre Züge scharf, und ihre ganze Gestalt

abgezehrt. Aber ihr Auge war der merkwürdigste Theil ihrer ganzen

Erscheinung, -- so groß, so tiefschwarz, beschattet von langen und eben

so schwarzen Wimpern, und dem Ausdrucke wilder Verzweiflung. In jeder

Linie ihres Gesichts, in jeder Biegung ihrer Lippen, in jeder Bewegung

ihres Körpers lagen Stolz und wilder Trotz; aber in ihrem Auge lag eine

stille, tiefe Nacht von Angst, die in schrecklichem Gegensatze zu dem

Stolze und Trotze stand, welcher aus ihrem ganzen Wesen sprach.

Woher sie kam, und wer sie war, wußte Tom nicht. Seine erste Wahrnehmung

von ihr bestand darin, daß er sie stolz und grade an seiner Seite durch

die erste Morgendämmerung schreiten sah. Den Uebrigen schien sie jedoch

bekannt zu sein; denn Aller Köpfe wendeten sich nach ihr um, und

blickten nach ihr hin, und eine unterdrückte, aber unverkennbare Freude

sprach sich unter den elenden, zerlumpten, halb verhungerten Wesen aus,

von denen sie umgeben war.

»Endlich doch gekommen? -- freue mich!« sagte Einer.

»Ha! ha! ha!« sagte ein Anderer, »sollst sehen, wie gut es ist, Missis!«

»Wollen sie nun 'mal arbeiten sehen!«

»Soll mich wundern, ob sie heut Abend 'mal eine Tracht Prügel bekömmt,

wie wir anderen!«

»Sollte mich freuen, wenn sie auch 'mal die Peitsche kriegte, -- meiner

Seel!« sagte wieder ein Anderer.

Die Frau nahm keine Notiz von allen diesen Spöttereien, sondern schritt

mit dem Ausdruck kalter Verachtung weiter, als höre sie nichts. Tom

hatte von jeher unter gebildeten Leuten gelebt, und erkannte an ihrem

Wesen und ihrer ganzen Haltung, daß sie dieser Klasse angehöre; aber wie

oder weßhalb sie in diese entehrende Verhältnisse gesunken sei, konnte

er sich nicht erklären. Die Frau sah ihn weder an, noch sprach sie mit

ihm, obgleich sie während des ganzen Weges nach dem Felde an seiner

Seite blieb.

Tom war bald darauf mit seiner Arbeit beschäftigt, allein, da die Frau

sich nur in geringer Entfernung von ihm befand, so warf er öfters einen

Blick nach ihr hinüber, während sie bei ihrer Arbeit saß. Er erkannte

sogleich, daß ihr vermöge einer natürlichen Gewandtheit und

Geschicklichkeit die Arbeit viel leichter wurde als vielen Andern. Sie

zupfte sehr schnell und sehr reinlich, und mit einer Miene, als wenn sie

sowohl die Arbeit wie die Schande und Demüthigung der Verhältnisse

verachte, in denen sie sich befand.

Im Laufe des Tages arbeitete Tom auch in der Nähe der Mulattin, die

zugleich mit ihm gekauft worden war. Sie befand sich augenscheinlich in

einem sehr leidenden Zustande, und Tom hörte sie öfters beten, während

sie zitterte und schwankte, und nahe daran zu sein schien, umzusinken.

Indem er sich deßhalb ihr schweigend nahte, that er einige Handvoll

Baumwolle aus seinem Sacke in den ihrigen.

»O thue das nicht, thue das nicht!« sagte die Frau, ihn erstaunt

anblickend, »es wird Dir Schaden bringen.«

In demselben Augenblicke kam Sambo heran. Er schien einen besondern

Groll gegen dieses Weib zu haben; und während er deßhalb seine Peitsche

schwang, rief er mit seinen rohen Kehllauten: »Was ist das hier? Luce,

-- Betrügereien?« stieß das Weib mit seinem schweren Schuh in die Seite,

und hieb Tom mit der Peitsche über das Gesicht.

Tom fuhr schweigend mit seiner Arbeit fort, aber die Frau, vorher schon

gänzlicher Erschöpfung nahe, fiel in Ohnmacht.

»Ich will sie wieder zu sich bringen!« sagte der Treiber mit viehischem

Lachen. »Will ihr noch 'was Besseres geben als Kampher!« und indem er

sodann eine Stecknadel von seinem Aermel zog, stieß er diese bis an den

Knopf in ihr Fleisch hinein. Das Weib stöhnte, und erhob sich halb.

»Steh' auf, Du Biest, und arbeite, willst Du?« rief Sambo, »oder ich

will Dir noch was anderes zeigen.«

Auf diese Weise zu einer unnatürlichen Kraft für einige Augenblicke

angetrieben, arbeitete die Frau mit verzweifeltem Eifer weiter.

»Sieh' Dich vor, daß Du so fortfährst,« sagte der Mann, »oder Du sollst

wünschen, daß Du heut Abend noch todt wärst, -- glaubs mir!«

»Das wünsch' ich jetzt schon!« hörte Tom sie sagen, und gleich darauf:

»O Gott, wie lange noch! O Gott, warum hilfst Du uns nicht?«

Auf die Gefahr jedes möglichen Uebels hin näherte sich ihr Tom abermals,

und that alle seine Baumwolle in den Sack der Frau.

»O Du mußt nicht! Du weißt nicht, was sie mit Dir machen werden!« sagte

die Frau.

»Ich kann's tragen!« sagte Tom, »eher als Du.« während er sich auf

seinen Platz zurück begab. Es war das Werk eines Augenblicks.

Plötzlich schlug die fremde Frau, die wir geschildert haben, und die im

Laufe der Arbeit nahe genug an Tom heran gerückt war, um seine Worte

hören zu können, ihre tiefen, schwarzen Augen auf, richtete sie auf Tom

eine Sekunde lang, und nahm aus ihrem Korbe eine Quantität Baumwolle,

und that sie in den seinigen.

»Du kennst diesen Ort nicht,« sagte sie, »sonst würdest Du das nicht

gethan haben. Wenn Du erst einen Monat hier gewesen bist, wirst Du

Niemanden mehr helfen wollen, -- wirst es schwer genug finden, für Deine

eigene Haut zu sorgen.«

»Gott bewahre, Missis!« rief Tom, während er sich unwillkührlich gegen

seine Mitarbeiterin auf dem Felde der Höflichkeitsform bediente, welche

nur gegen die Personen höheren Standes üblich war, bei denen er gelebt

hatte.

»Gott ist nie an diesen Orten,« entgegnete die Frau, während sie gewandt

mit ihrer Arbeit fortfuhr, und das verächtliche Lächeln wieder um ihre

Lippen spielte.

Allein die Handlung der Frau war von dem Treiber in einiger Entfernung

wahrgenommen worden, und mit geschwungener Peitsche kam er deßhalb auf

sie zu.

»Was? was?« rief er ihr mit triumphirender Miene zu, »^Du^ --

betrügen? bist jetzt unter mir, -- nimm' Dich in Acht, oder Du sollst es

kriegen.«

Ein Glanz wie Wetterleuchten fuhr plötzlich aus ihren schwarzen Augen,

und sich mit bebenden Lippen umwendend, schoß sie einen wüthenden Blick

auf den Treiber.

»Hund!« rief sie, »berühre mich, wenn Du es wagst! Noch habe ich Macht

genug, um Dich von den Hunden zerreißen, lebendig verbrennen, oder in

Stücke zerschneiden zu lassen. Es kostet mich nur ein Wort!«

»Wozu bist Du denn hier, zum Teufel?« sagte der Mann, augenscheinlich

eingeschüchtert, sich einige Schritte zurückziehend. »Meinte nichts

Böses, Misse Cassy!«

»So entferne Dich von mir!« sagte die Frau. Und in der That schien der

Mensch sehr geneigt, sich am andern Ende des Feldes ein Geschäft zu

suchen, denn er zog sich sofort in möglichster Eile zurück.

Plötzlich wandte sich die Frau wieder zu ihrem Geschäfte, und arbeitete

mit einer Schnelligkeit, die Tom wirklich wunderbar erschien. Es war,

als wenn sie mit Zauberkräften arbeitete. Ehe der Tag zu Ende war, hatte

sich ihr Korb gefüllt, fast niedergepreßt, und hoch aufgehäuft, und

dessen ungeachtet hatte sie mehrmals bedeutende Quantitäten in Tom's

Korb gelegt. Lange nachdem die Abenddämmerung vorüber war, zog der

ganze, ermüdete Haufe, mit den Körben auf den Köpfen, dem Gebäude zu, wo

das Abwägen und Aufschichten der Baumwolle Statt fand. Legree befand

sich dort, in angelegentlicher Unterhaltung mit seinen beiden Treibern.

»Der Tom fängt an, schreckliche Unruhe zu machen; -- hat immerfort in

Lucy's Korb gepackt. So Einer wird bald alle die Niggers aufsäßig und

unzufrieden machen, wenn Master ihm nicht aufpaßt!« sagte Sambo.

»Heisa! Der schwarze Schlingel!« sagte Legree. »Wird 'ne Dressur nöthig

haben, -- nicht wahr, Jungens?«

Beide Neger grinsten bei dieser Mittheilung auf entsetzliche Weise.

»Master Legree wird ihn schon dressiren, -- das kann der Teufel selbst

nicht besser, als Master!« sagte Quimbo.

»Ich denke, Jungens, das beste Mittel ist, daß er's Auspeitschen

besorgt, bis er seine Begriffe los wird,« sagte Legree.

»O Herr! Master wird schwere Arbeit haben, bis er die aus ihm heraus

bringt!« bemerkte Sambo.

»Heraus müssen sie doch!« entgegnete Legree, während er seinen Taback im

Munde umher wälzte.

»Nun, da ist Lucy, -- das ärgerlichste, häßlichste Mensch auf der ganzen

Plantage!« fuhr Sambo fort.

»Nimm Dich in Acht, Sam,« sagte Legree, -- »werd's am Ende ausfinden,

warum Du solchen Groll gegen Lucy hast.«

»Ja, Master weiß, sie hat sich Master widersetzt, und hat mich nicht

haben wollen, als ich's ihr sagte.«

»Ich wollt's ihr schon einprügeln,« sagte Legree speiend, »aber 's gibt

jetzt so viel Arbeit, und 's ist nicht erst der Mühe werth, sie gerade

jetzt unter zu bringen. Sie ist nur schmächtig; aber diese Schmächtigen

lassen sich halb umbringen, um ihren Willen zu behalten!«

»Ja, aber Lucy war faul und eigensinnig, und wollte nichts thun, -- und

Tom hat die Arbeit für sie gethan.«

»Tom, -- wirklich? Na, dann soll Tom das Vergnügen haben, sie

auszupeitschen. 'S wird 'ne gute Uebung für ihn sein, und er wird's ihr

nicht so geben, wie Ihr, Teufels!«

»Ho! ho! ho!« lachten die beiden schwarzen Schufte, und ihre

diabolischen Laute schienen in der That kein unpassender Ausdruck des

teuflischen Charakters zu sein, welchen Legree ihnen zuschrieb.

»Ja, aber, Master, Tom und Misse Cassy haben beide Lucy's Korb gefüllt.

Kann mir's Gewicht schon denken, Master.«

»^Ich will das Abwägen besorgen!^« sagte Legree mit Nachdruck.

Beide Treiber ließen von Neuem ihr teuflisches Lachen hören.

»So?« fügte Legree hinzu, »Misse Cassy hat ihr Tagewerk gethan?«

»Sie zupft wie der Teufel, und alle seine Engel!«

»Sie hat sie, glaub' ich, alle in sich!« sagte Legree, und ging, während

er einen rohen Fluch brummte, nach dem Wägezimmer.

* * * * *

Langsam schleppten sich die müden, muthlosen Geschöpfe in dasselbe, und

boten furchtsam und kriechend ihre Körbe zum Wägen dar.

Legree vermerkte den Betrag eines jeden auf einer Schiefertafel, auf

deren Seite sich ein Namensverzeichniß Aller befand.

Tom's Korb wurde gewogen und richtig befunden, worauf er mit ängstlichem

Blicke den Erfolg der armen Frau beobachtete, die er in seine

Freundschaft gezogen hatte.

Wankend vor Mattigkeit, trat sie vor und übergab ihren Korb. Er hatte

volles Gewicht, wie Legree wohl bemerkte; aber sich zornig stellend,

sagte er:

»Was, Du faules Thier, wieder zu wenig? tritt auf die Seite, -- sollst

es kriegen, -- gleich!«

Das Weib ließ ein Stöhnen der äußersten Verzweiflung hören, und setzte

sich auf eine Bank nieder.

Dann trat die Person, welche Misse Cassy genannt worden war, hervor, und

überlieferte ihren Korb mit einer stolzen, nachlässigen Miene, während

Legree sie mit einem höhnischen, fragenden Blicke beobachtete. Sie

richtete ihre schwarzen Augen fest auf ihn, ihre Lippen bewegten sich

leicht, und sie sagte etwas in französischer Sprache zu ihm. Was es war,

verstand Niemand; aber Legree's Gesicht nahm bei diesen Worten einen

dämonischen Ausdruck an, und er hob seine Hand auf wie zum Schlagen, --

eine Bewegung, die sie mit stolzer Verachtung ansah, während sie sich

abwandte und fortging.

»Und nun,« sagte Legree, »komme Du her, Tom. Siehst Du, ich sagte Dir

vorher, daß ich Dich nicht für gemeine Arbeit gekauft hätte. Ich will

Dich erhöhen, und 'nen Aufseher aus Dir machen, und so kannst Du heut

Abend gleich anfangen, und Deine Hand dazu thun. Also nimm' hier das

Weib, und peitsche sie aus; hast schon genug davon gesehen, um zu

wissen, wie Du's machst.«

»Ich bitte Master um Verzeihung,« sagte Tom, -- »hoffe, Master wird das

nicht von mir verlangen. Bin nicht daran gewöhnt, -- hab's nie gethan,

-- und kann's nicht thun, -- ganz unmöglich.«

»Wirst noch Manches lernen müssen, was Du nie gewußt hast, eh' ich mit

Dir fertig bin!« sagte Legree, während er die Peitsche aufhob, und Tom

einen schweren Hieb über die Backe versetzte, und dann einen Schauer von

Hieben nachfolgen ließ. »Da!« sagte er, als er inne hielt, um

auszuruhen, -- »willst Du mir nun noch sagen, Du kannst nicht?«

»Ja, Master,« entgegnete Tom, während er seine Hand aufhob, um das Blut

abzuwischen, welches ihm vom Gesichte herabträufelte. »Ich bin bereit,

Tag und Nacht, so lange Leben und Athem in mir ist, zu arbeiten; aber

das halt' ich nicht für recht zu thun, -- und, Master, ich werde 's

^nimmer^ thun, -- ^nimmer^!«

Tom hatte eine außerordentlich sanfte, weiche Stimme, und beobachtete

stets, gewohnheitsgemäß, ein ehrerbietiges Benehmen, was Legree zu dem

Glauben veranlaßt hatte, daß er furchtsam und leicht zu unterwerfen sei.

Als er diese letzten Worte sprach, überlief Alle ein Schreckensschauer;

das arme Weib schlug seine Hände zusammen, und rief: »o Herr!« und alle

Anwesenden blickten sich unwillkürlich gegenseitig an, und hielten den

Athem an, wie um sich auf den Sturm vorzubereiten, der jetzt folgen

müsse.

Legree stand starr vor Verwunderung und ganz verwirrt da; endlich aber

brach er los:

»Was! Du verdammtes schwarzes Biest! Du willst mir sagen, Du hältst es

nicht für recht zu thun, was ich Dir heiße? Was hat eins von Euch

verfluchten Stücken Vieh nöthig, dran zu denken, was recht ist. Wart',

ich will dem Dinge ein Ende machen! Was meinst Du denn, daß Du bist?

Glaubst wohl, Du bist ein Herr, Mister Tom, der seinem Master sagen

will, was recht ist, und was nicht! Bist also der Meinung, daß es

unrecht sei, das Weib zu peitschen?«

»Ich denke so, Master,« sagte Tom; »das arme Geschöpf ist krank und

schwach; 's würde ganz grausam sein, und ich kann 's nimmer thun.

Master, wenn Sie mich umbringen wollen, thun Sie's; aber meine Hand

werd' ich niemals gegen irgend Einen hier aufheben, -- lieber will ich

sterben!«

Tom sprach mit sanfter Stimme, aber mit einer Bestimmtheit, die sich

nicht verkennen ließ. Legree bebte vor Zorn; seine grünlichen Augen

funkelten wild, und selbst sein Bart fing sich vor Leidenschaft an zu

kräuseln; aber, gleich einem wilden Thiere, das mit seinem Opfer spielt,

ehe es dasselbe verzehrt, hielt er seinen heftigen, inneren Drang zur

augenblicklichen Gewaltthätigkeit zurück, und brach in bittere

Spöttereien aus.

»Sieh' da, hier ist endlich ein frommer Kerl unter uns Sünder gefallen!

-- ein Heiliger, ein Gentleman, nichts weniger, um uns Sündern unsere

Sünden vorzuhalten! Muß 'ne mächtig fromme Kreatur sein! -- Hier, Du

Schlingel, der Du so fromm sein willst, hast Du nie in der Bibel

gelesen: »Ihr Knechte, seid unterthan Eurem leiblichen Herrn!« Bin ich

nicht Dein Herr? Hab' ich nicht zwölfhundert Dollar baar Geld bezahlt

für Alles, was in Deiner alten, verfluchten schwarzen Schale steckt?

Bist Du nicht mein jetzt mit Leib und Seele?« rief er, Tom einen

heftigen Stoß mit seinem schweren Stiefel versetzend, -- »sage mir!«

Selbst in diesem heftigen physischen Leiden, und obgleich niedergebeugt

von roher Gewalt, schoß dennoch bei dieser Frage ein Strahl von Freude

und Triumph durch Toms Seele. Er richtete sich plötzlich auf, und

inbrünstig zum Himmel blickend, während Thränen und Blut sich auf seiner

Wange mischten, rief er:

»Nein! nein! nein! meine Seele gehört Ihnen nicht, Master! Sie haben sie

nicht gekauft, -- Sie können sie nicht kaufen! ^Die^ ist gekauft und

bezahlt worden von Einem, der fähig ist, sie zu bewahren; -- thut

nichts, thut nichts, Sie können mir kein Leid zufügen!«

»Ich kann nicht?« sagte Legree mit höhnischem Lächeln; »wollen seh'n! --

wollen seh'n! Hier, Sambo, Quimbo, gebt diesem Hunde 'ne solche Dressur,

daß er für diesen Monat genug hat!«

Die beiden gigantischen Neger, welche mit teuflischer Freude in ihren

Gesichtern sich jetzt Toms bemächtigten, wären nicht ungeeignet gewesen,

die Mächte der Finsterniß persönlich darzustellen. Die arme Frau schrie

laut auf vor Schrecken, und Alle, wie von demselben Impulse getrieben,

erhoben sich, während Tom, ohne Widerstand zu leisten, hinausgeschleppt

wurde.

Vierunddreißigstes Kapitel.

Die Geschichte der Quadroon.

Da lobte ich die Todten, die schon gestorben

waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das

Leben hatten.

Es war Nacht, und Tom lag allein, stöhnend und blutend in einem alten,

verlassenen Zimmer des Gin-Hauses zwischen Stücken zerbrochenen

Maschinenwerks, Haufen verdorbener Baumwolle und anderem Unrath, der

hier aufbewahrt wurde.

Die Nacht war feucht und warm, und die dicke Atmosphäre war angefüllt

von Myriaden Moskitos, welche die Qualen seiner Wunden vermehrten,

während ein brennender Durst, -- die größte aller Torturen, -- das

höchste Maaß physischer Leiden füllte.

»O guter Gott! Sieh' herab, -- verleihe mir den Sieg, -- den Sieg über

Alles!« betete der arme Tom in seiner Todesangst.

Ein menschlicher Fußtritt wurde plötzlich im Zimmer gehört, und das

Licht einer Laterne fiel auf seine Augen.

»Wer ist da? O um des Herrn willen, reicht mir ein wenig Wasser!«

Die Frau Cassy -- denn sie war es -- setzte die Laterne nieder, goß

Wasser aus einer Flasche, erhob seinen Kopf, und gab ihm zu trinken.

Noch einen Becher, und noch einen leerte er in seinem fieberischen

Durste.

»Trink so viel Du willst,« sagte sie, »ich wußte schon, wie es sein

würde! 's ist nicht das erste Mal, daß ich in der Nacht ausgegangen

bin, um solchen Leuten, wie Du jetzt bist, Wasser zu bringen.«

»Dank' Euch, Missis,« sagte Tom, nachdem er getrunken hatte.

»Nenne mich nicht Missis! Ich bin eine elende Sklavin, gleich Dir, --

eine niedrigere, als Du je werden kannst!« sagte sie in bitterem Tone;

»aber nun,« fügte sie hinzu, an die Thür gehend, und einen kleinen

Strohsack hereinziehend, über welchen sie leinene, in kaltes Wasser

getauchte Tücher gelegt hatte, »versuche es, mein armer Bursche, Dich

auf diesen Sack zu rollen.«

Steif von Wunden und Quetschungen brauchte Tom lange Zeit, ehe er diese

Bewegung vollbrachte; dann aber empfand er eine merkliche Erleichterung

durch die kühlenden Umschläge auf seinen Wunden.

Die Frau, welche durch eine lange Praxis an den Opfern der Rohheit

manche heilende Künste erlernt hatte, legte mehrfache Verbände auf Toms

Wunden, welche ihm Linderung seiner Schmerzen bereiteten.

»Nun,« sagte die Frau, nachdem sie ihm noch eine Rolle schadhafter

Baumwolle als Kissen untergelegt hatte, »das ist Alles, was ich für Dich

thun kann.«

Tom dankte ihr, und die Frau setzte sich auf den Boden nieder, zog ihre

Kniee an, und diese mit den Armen umfassend, blickte sie mit einem

bitteren, schmerzlichen Ausdrucke ihres Gesichts starr vor sich hin. Ihr

Hut fiel zurück, und langes, üppiges, schwarzes Haar strömte um ihr

sonderbares, melancholisches Gesicht.

»Es ist vergeblich, mein armer Mensch!« begann sie endlich, »Es ist

vergeblich, was Du zu thun versucht hast. Warst ein braver Bursche, --

und hattest das Recht auf Deiner Seite; aber 's hilft Dir alles nichts,

dagegen zu kämpfen. Du bist in des Teufels Händen; -- er ist der

Stärkere, und Du mußt nachgeben!«

»Nachgeben!« und hatten nicht menschliche Schwäche und physischer

Schmerz ihm das schon zuvor in's Ohr geflüstert? Tom erschrak; denn das

bittere Weib mit den wilden Augen und der melancholischen Stimme

erschien ihm als die verkörperte Versuchung, gegen die er gekämpft

hatte.

»O Herr! o Herr!« stöhnte er, »wie kann ich nachgeben?«

»Es hilft nichts, den Herrn anrufen, -- er hört es nie,« sagte die Frau

mit ruhiger, fester Stimme. »Ich glaube, es gibt keinen Gott; oder, wenn

es einen gibt, so hat er gegen uns Partei genommen. Alles ist gegen uns,

Himmel und Erde; Alles hilft dazu, uns in die Hölle zu stoßen; -- warum

sollten wir nicht gehen?«

Tom schloß seine Augen, und schauderte vor den finsteren, atheistischen

Worten.

»Siehst Du,« fuhr die Frau fort, »Du verstehst davon nichts, -- aber

ich. Ich bin hier fünf Jahre gewesen, mit Leib und Seele unter dieses

Mannes Fuß, und hasse ihn wie den Teufel! Du bist hier auf einer

einsamen Pflanzung, zehn Meilen von jeder andern entfernt, in den

Sümpfen; und keine weiße Person ist hier, die Zeugniß ablegen könnte,

wenn Du auch lebendig verbrannt, oder geschunden, in Stücke gehauen, den

Hunden vorgeworfen, oder aufgehängt und zu Tode gepeitscht würdest. Es

gibt kein göttliches und kein menschliches Gesetz hier, das Dir von

Nutzen sein könnte, und dieser Mann! -- es gibt Nichts, das er zu gut zu

thun wäre. Ich könnte Dein Haar sträuben und Deine Zähne klappern

machen, wenn ich Dir erzählen wollte, was ich hier gesehen und gehört

habe; -- es hilft nichts, hier Widerstand zu leisten! -- ^Wollte^ ich

etwa mit ihm leben? War ich nicht ein Weib, das eine feine Erziehung

erhalten hatte? und er -- Gott im Himmel! was war er, und was ist er?

Und dennoch habe ich mit ihm seit fünf Jahren gelebt, und jeden

Augenblick meines Lebens verflucht, -- Nacht und Tag! Und jetzt hat er

eine Neue bekommen, -- ein junges Ding, erst fünfzehn Jahre alt, und

fromm erzogen, wie sie sagt. Ihre gute Mistreß hat sie gelehrt, die

Bibel lesen, und sie hat ihre Bibel mitgebracht, -- mit in die Hölle!«

-- und das Weib stieß ein wildes, schmerzliches Lachen aus, das mit

sonderbarem, übernatürlichem Klange durch den verfallenen alten Schuppen

schallte.

Tom faltete seine Hände. Alles war Schrecken und Finsterniß.

»O Jesus! Herr Jesus! hast Du uns arme Geschöpfe ganz vergessen?« fing

er endlich an zu klagen. »O hilf, Herr! ich komme um!«

Das Weib fuhr in strengem Tone fort:

»Und was sind diese elenden, niedrigen Geschöpfe, mit denen Du

arbeitest, daß Du um ihretwillen leiden solltest? Ein Jeder von ihnen

würde sich bei der ersten Gelegenheit gegen Dich wenden. Sie sind Alle

gegen einander so gemein und grausam wie nur möglich. Es ist ganz

nutzlos, daß Du leidest, um ihnen nicht wehe zu thun.«

»Arme Geschöpfe!« sagte Tom, -- »was machte sie grausam? -- und, wenn

ich nachgebe, so werd' ich mich d'ran gewöhnen, und werde nach und nach

auch so werden, wie sie sind! Nein, nein, Missis! ich habe Alles

verloren, -- Weib, Kinder und Heimath, und einen guten Master, der mich

frei gelassen haben würde, wenn er noch eine Woche länger gelebt hätte;

ich habe Alles in ^dieser^ Welt verloren, und 's ist dahin für immer,

-- und nun ^kann^ ich nicht den Himmel auch noch verlieren; -- nein,

ich kann nicht auch noch schlecht werden!«

»Aber es ist unmöglich, daß der Herr die Sünde in unser Schuldbuch

schreiben werde,« sagte die Frau; »er wird sie uns nicht zurechnen, wenn

wir dazu gezwungen werden; er wird sie denen zurechnen, die uns dazu

getrieben haben.«

»Ja,« sagte Tom; »aber das wird uns nicht dagegen schützen, schlecht zu

werden. Wenn ich so hartherzig und so böse werden sollte, wie jener

Sambo, so würde 's mir am Ende gleich sein, wie ich dazu gekommen wäre;

es ist das ^so sein^, -- das ist's, was ich fürchte.«

Die Frau richtete einen wilden, überraschten Blick auf Tom, als wenn ein

neuer Gedanke in ihr aufgestiegen sei; dann sagte sie tief seufzend:

»O Gott sei uns gnädig! Du sagst die Wahrheit! O! O! O!« -- und stöhnend

sank sie wie zerschmettert und im tiefsten Seelenschmerz sich krümmend

auf den Boden nieder.

Es trat eine Pause ein, während deren das Athmen Beider hörbar war, bis

Tom mit schwacher Stimme sagte: »O, bitte, Missis!«

Die Frau erhob sich, und ihr Gesicht hatte wieder den gewöhnlichen

ernsten, melancholischen Ausdruck angenommen.

»Bitte, Missis, ich sah, daß sie meinen Rock in jene Ecke warfen, und in

der Tasche ist meine Bibel; -- wenn Missis so gut sein wollte, sie mir

zu reichen.«

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 12 / 22 段