Es ist ein natürliches Gefühl bei Jedem, der eine Schilderung des Elends

hört, irgend ein Trostwort sagen zu wollen. Emmeline wollte auch etwas

sagen, aber sie konnte sich auf nichts besinnen. Was sollte sie sagen?

Wie aus Uebereinkommen vermieden Beide vor Furcht und Schrecken des

entsetzlichen Mannes Erwähnung zu thun, der jetzt ihr Herr war.

Wahr ist, daß es selbst in der trübsten Stunde einen religiösen Trost

gibt. Die Mulattin war Mitglied einer methodistischen Kirche, und besaß

zwar einen unaufgeklärten Geist, aber aufrichtige Frömmigkeit. Emmeline

hatte eine bessere Bildung empfangen; sie hatte durch die Fürsorge einer

frommen Mistreß lesen, schreiben und die Bibel verstehen gelernt; aber

würde es nicht selbst den Glauben des besten Christen erschüttern, wenn

er sich anscheinend so von Gott verlassen, und in den Klauen der

rohesten Gewalt befände? Wie viel mehr mußte es den Glauben von Kindern

erschüttern, die noch schwach in Erkenntniß, und zart an Jahren waren.

Das Boot verfolgte seinen Lauf, -- beladen mit seiner kummerschweren

Last, -- durch den röthlichen, trüben Strom, und durch die Windungen des

rothen Flusses hinauf; und traurige, müde Augen ruhten auf den steilen,

röthlichen Kalkufern, die in öder Einförmigkeit vorüber glitten. Endlich

hielt das Boot vor einer kleinen Stadt an, und Legree schiffte sich mit

seinem Trupp Sklaven aus.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Finstere Orte.

Das Land ist allenthalben jämmerlich

verheeret, und die Häuser zerrissen.

Müde und matt sich hinter einem rohen Wagen herschleppend, einen rauhen

Weg entlang, verfolgten Tom und seine Genossen ihre Reise.

Im Wagen saß Simon Legree; und die beiden Frauenzimmer, noch immer

zusammengefesselt, hatten mit verschiedenem Gepäcke ihren Platz im

hinteren Theile desselben angewiesen erhalten. Auf diese Weise bewegte

sich die ganze Gesellschaft der Plantage Legree's zu, welche noch in

ziemlicher Entfernung lag.

Es war eine wilde, öde Straße, die sich bald durch einsame

Fichtenwaldungen wand, und bald über Knippeldämme, durch lange, mit

Cypressen bewachsene Sümpfe hinlief, deren melancholische Bäume weite

Kränze schwarzen Leichenmooses trugen, während hier und dort die

widerliche Gestalt der Mokassin-Schlange zwischen Baumstämmen und

abgebrochenen Zweigen sich hinschlängelte, welche faulend im Wasser

lagen.

Es ist eine solche Reise schon trostlos genug für den Fremden, wenn er

mit wohlgefüllter Tasche und zuverlässigem Pferde den einsamen Weg in

Geschäften verfolgen muß; aber noch viel schrecklicher und öder ist sie

für den unglücklichen Sklaven, den jeder müde Schritt weiter und weiter

von dem entfernt, was der Mensch liebt, und wonach er sich sehnt.

So würde Derjenige gedacht haben, der den kummervollen Ausdruck jener

dunklen Gesichter sah, die sinnende, geduldige Mattigkeit, mit der jene

traurigen Augen an jedem Gegenstande hängen blieben, der ihnen auf ihrem

trostlosen Wege begegnete.

Simon setzte inzwischen in bester Laune, wie es schien, seine Reise

fort, während er von Zeit zu Zeit einer Brandweinflasche zusprach, die

er in seiner Tasche trug.

»Ihr da, hört!« rief er, indem er sich umwandte und mit einem flüchtigen

Blicke die muthlosen Gesichter hinter sich gewahrte. »Singt eins,

Jungens! -- los!«

Die Männer sahen sich gegenseitig an, und die Wiederholung des Wortes

»los!« wurde mit einem kräftigen Knall der Peitsche begleitet, welche

der Fuhrmann in der Hand trug. Tom begann eine methodistische Hymne zu

singen:

»Sei, Seele, stark und unverzagt!

Wenn irgend Dich ein Kummer plagt,

Befiehl Gott deine Sachen.

In aller Pein --«

»Halt Dein schwarzes Maul!« brüllte Legree. »Denkst Du, ich will 'was

von Deinem verfluchten methodistischen Unsinn hören? Stimmt mir gleich

'was Lustiges an, -- schnell!«

Einer der anderen Männer begann einen jener sinnlosen Gesänge, welche

unter Sklaven üblich sind, und schien den Text selbst zu erdichten, ohne

Rücksicht auf Sinn und Vernunft nur nach einem Reime haschend:

»Master sah' mich 'nen Affen fangen,

Jungens hoch, Jungens hoch!

Er hätte sich vor Lachen bald aufgehangen,

Ho, ho, ho, Jungens, ho!«

wozu die ganze Gesellschaft den Chor sang:

»Ho! ho! ho! Jungens, ho!

Ho, he, ho! ho, he, ho!«

Es wurde von Allen sehr laut, und mit einem erzwungenen Versuche zur

Fröhlichkeit gesungen; aber nicht das flehendste Gebet um Hülfe, nicht

die verzweiflungsvollste Klage hätte ein so tiefes Weh auszudrücken

vermocht, wie in den wilden Klängen dieses Chores lag. Als wenn das

arme, stumme Herz, bedroht und in Fesseln geschlagen, zu dem

unartikulirten Heiligthume der Musik seine Zuflucht genommen, und darin

die Sprache gefunden hätte, in der es sein Gebet zu Gott empor senden

wollte! Es lag ein Gebet darin, aber Simon konnte es nicht hören. Er

hörte nur den lauten, lärmenden Gesang der Sklaven, und war zufrieden

damit; er hatte sie »lustig« gemacht.

»Nun, meine liebe Kleine,« sagte er, sich zu Emmelinen wendend, und

seine Hand auf ihre Schulter legend, »wir sind nun bald zu Hause.«

Wenn Legree fluchte und stürmte, war Emmeline erschreckt; aber wenn er

sie berührte, und mit ihr sprach, wie er jetzt that, so war es ihr, als

wolle sie sich lieber von ihm mißhandeln lassen. Der Blick seiner Augen

machte ihr Herz stocken, und ihre Haut schaudern. Unwillkürlich drängte

sie sich dichter an die Seite der Mulattin, als wenn sie ihre Mutter

wäre.

»Du hast noch nie Ohrringe getragen,« sagte er, mit seinen groben

Fingern ihre zarten Ohren anfassend.

»Nein, Master!« entgegnete Emmeline zitternd und mit gesenkten Blicken.

»Wohl, Du sollst ein Paar haben, wenn wir nach Hause kommen, wenn Du

artig sein willst. Brauchst Dich nicht zu fürchten: Du sollst keine

schwere Arbeit verrichten. Kannst gute Zeit bei mir haben, und wie eine

Dame leben, -- wenn Du artig sein willst.«

Legree hatte so viel getrunken, daß er sich geneigt fühlte, in diesem

herablassenden Tone zu reden. Gleich darauf zeigten sich den Reisenden

die Umzäunungen der Plantage.

Die Besitzung hatte früher einem Manne gehört, der Reichthum und

Geschmack besaß, und sehr viel für die Verschönerung der Anlagen gethan

hatte. Da er insolvent starb, so kaufte sie Legree um einen billigen

Preis, und benutzte sie, wie alles Andre in der Welt, lediglich als

Werkzeug, Geld zu verdienen. Der Ort hatte ein ödes, verwildertes

Ansehen, was sich immer dann zeigt, wenn die Sorgfalt eines früheren

Besitzers dem gänzlichen Verfalle überlassen worden ist.

Was einst ein glatt geschorener Rasenplatz vor dem Hause gewesen war,

der hier und da verzierende Stauden getragen hatte, war jetzt mit

dichtem, wilden Grase überwachsen, und zur Anlage von Pferdeständen

benutzt, wo der Rasen zertreten, und der Boden mit zerbrochenen Eimern,

Maishülsen und andern Fragmenten bedeckt war. Hier und da hing ein

verwelkender Jasmin oder ein verkümmerndes Geißblatt von einer Säule

herab, die früher als Verzierung gedient, aber jetzt eine schiefe

Stellung angenommen hatte, weil sie als Pferdepfosten benutzt worden

war. Was früher ein großer Garten gewesen, war jetzt mit Unkraut

überwachsen, aus welchem hier und da noch eine einzelne Zierpflanze ihr

einsames Haupt erhob. Ein ehemaliges Gewächshaus war jetzt ohne Fenster,

und auf den modernden Blumenbrettern standen noch einige trockene,

verlassene Blumentöpfe, deren verwelkte Stöcke und Blätter kaum erkennen

ließen, daß sie einst Pflanzen gewesen waren.

Der Wagen fuhr einen mit Unkraut bedeckten Kiesweg hinauf, durch eine

schöne Allee von Chinabäumen, deren anmuthige Formen und immergrünender

Blätterschmuck die einzigen Dinge hier zu sein schienen, die

Vernachlässigung nicht verändern konnte, gleich edlen Geistern, die

ihre Wurzeln so tief in den Boden des Guten geschlagen haben, daß sie

selbst unter Entmuthigung und Verfall blühen und kräftiger werden.

Das Wohnhaus war groß und schön gewesen, und war in dem im Süden

gewöhnlichen Style erbaut. Eine zwei Stock hohe Veranda, deren unterer

Theil von massiven Säulen getragen wurde, umgab dasselbe auf allen

Seiten, und nach ihr öffneten sich alle äußeren Thüren des Hauses.

Allein das ganze Gebäude sah öde und unbehaglich aus. Einige Fenster

waren mit Brettern verschlossen, andere hatten zerbrochene Scheiben, und

Laden, die nur noch an einer Angel hingen. Alles verrieth rohe

Vernachlässigung und Unbehaglichkeit. Zerbrochene Bretter, Stroh, alte,

eingefallene Fässer und Kisten bedeckten den Boden in allen Richtungen;

und drei bis vier wild aussehende Hunde, die durch das Geräusch der

Wagenräder erweckt worden waren, kamen angesprungen, und wurden nur mit

großer Mühe von den ihnen folgenden, zerlumpten Dienstboten abgehalten,

über Tom und seine Genossen herzufallen.

»Da seht Ihr, was mit Euch geschehen würde!« sagte Legree zu Tom und

seinen Gefährten, während er seine Hunde mit grimmiger Freude liebkoste.

»Ihr seht, was mit Euch geschehen würde, wenn Ihr fortlaufen wolltet.

Diese Hunde sind dressirt, Niggers aufzuspüren, und würden eben so gut

einen von Euch zermalmen und verschlucken, wie sie ihr Abendbrod

verzehren. Also nehmt Euch in Acht! -- Sieh' da, Sambo!« sagte er zu

einem zerlumpten Kerl mit einem Hut ohne Krempe, der sehr geschäftig in

seinen Aufmerksamkeiten um ihn war. »Wie sind die Sachen hier gegangen?«

»Vortrefflich, Master.«

»Quimbo,« sagte Legree zu einem Andern, der sich die möglichste Mühe

gab, seine Aufmerksamkeit zu erregen, -- »Du hast das gethan, was ich

Dir gesagt habe?«

»Gewiß hab' ich's gethan.«

Diese beiden farbigen Männer waren die obersten Arbeiter auf der

Plantage. Legree hatte sie in Rohheit und Brutalität so systematisch

erzogen und abgerichtet wie seine Bulldogs, und hatte durch lange Uebung

in Härte und Grausamkeit ihre ganze Natur ziemlich auf denselben Stand

von Fähigkeiten reducirt. Es ist eine gewöhnliche Erfahrung, die gegen

den Charakter der Rasse stark zu sprechen scheint, daß nämlich der

schwarze Aufseher immer tyrannischer und grausamer ist als der weiße. Es

gilt dies aber von dieser Rasse nicht mehr als von jedem andern

unterdrückten Geschlechte auf der ganzen Erde. Der Sklave ist stets ein

Tyrann, sobald sich ihm Gelegenheit dazu darbietet.

Legree, gleich andern Potentaten, von denen wir in der Geschichte lesen,

beherrschte seine Plantage mit Hülfe einer gewissen Trennung der Kräfte.

Sambo und Quimbo haßten sich gegenseitig von ganzem Herzen; die

Plantagen-Arbeiter haßten beide eben so sehr; und indem er den Einen

gegen den Andern anhetzte, war er dessen gewiß, von einem dieser drei

Theile zu erfahren, was in der Plantage vorging.

Niemand kann ganz ohne geselligen Verkehr leben, und Legree ermunterte

deßhalb seine beiden schwarzen Satelliten zu einer Art roher

Familiarität mit ihm, die jedoch zu jedem Augenblicke den Einen oder den

Andern in eine mißliche Lage bringen konnte; denn bei der geringsten

Veranlassung stand einer von ihnen stets bereit, auf einen gegebenen

Wink seine Rache gegen den Andern auszuüben.

Wie sie jetzt neben Legree standen, erschienen sie als eine passende

Versinnlichung der Wahrheit, daß viehische Menschen selbst noch tiefer

stehen als Thiere. Ihre rohen, dunklen, schweren Züge; ihre großen

Augen, die neidisch einander betrachteten; ihre barbarische,

thierähnliche Gutturalsprache; ihre zerrissenen Kleidungsstücke, die im

Winde flatterten, standen in bewunderungswürdiger Harmonie mit dem

gemeinen, ungesunden Charakter der ganzen Besitzung.

»Hier, Sambo,« sagte Legree, »bringe diese Burschen nach den Quartieren;

und hier ist ein Weib, das ich ^Dir^ mitgebracht habe,« sagte er,

indem er die Mulattin von Emmelinen trennte, und sie ihm zustieß. »Du

weißt, ich versprach Dir eins.«

Die Frau erschrack, und sagte ängstlich, sich zurückziehend: »O Master,

ich habe meinen alten Mann in New-Orleans gelassen.«

»Was soll das heißen, Du --; brauchst Du hier keinen Mann? Keine Worte:

-- fort mit Dir!« sagte Legree, während er die Peitsche aufhob.

»Komm', Mistreß,« sagte er darauf zu Emmelinen gewendet, »Du gehst mit

mir diesen Weg.«

Ein dunkles, wildes Gesicht wurde einen Augenblick lang am Fenster des

Hauses sichtbar, und als Legree die Thüre öffnete, sagte eine weibliche

Stimme Etwas in schnellem und befehlendem Tone. Tom, der Emmelinen mit

ängstlichem Interesse nachblickte, nahm dies wahr, und hörte Legree

ärgerlich antworten: »Du hältst Deinen Mund! Ich werde thun, was mir

gefällt, und mich um Dich nicht kümmern!«

Tom hörte weiter nichts; denn er folgte Sambo gleich darauf nach den

Quartieren. Diese bestanden in einer Reihe roh gezimmerter Schuppen,

welche eine Art kleiner Straße bildeten, und in einem von dem Wohnhause

weit entlegenen Theile der Plantage lagen. Tom's Herz sank, als er sie

sah. Er hatte sich mit der Hoffnung auf eine Hütte getröstet, die er,

wenn sie auch in rohem Zustande war, doch zu einer reinlichen, stillen

Wohnung machen konnte, wo ein Plätzchen für seine Bibel war, und wo er

sich nach beendigten Arbeitsstunden allein aufhalten durfte. Er sah in

mehrere derselben hinein. Es waren nichts als rohe, leere Schalen, ohne

jede Art von Hausgeräth, ausgenommen einem Haufen Stroh, der vor Schmutz

in Fäulniß überging, und den Fußboden bedeckte, welcher nur aus dem

natürlichen, von zahllosen Füßen festgetretenen Erdboden bestand.

»Welches von diesen Behältnissen ist mein?« sagte er demüthig zu Sambo.

»Weiß nicht; -- kannst hier hinein gehen, denk' ich,« entgegnete Sambo;

»wird noch Platz drin sein für Einen; -- 's ist ein guter Haufe Niggers

in jedem drin; -- weiß gar nicht, wo ich noch mit mehr hin soll.«

* * * * *

Es war spät Abends, als die müden Bewohner dieser Schuppen in Haufen

nach Hause gezogen kamen, -- Männer und Weiber in zerlumpten Kleidern,

finster und mürrisch, und in keiner Stimmung, neue Ankömmlinge

freundlich zu empfangen. Das kleine Dorf wurde nun lebendig von wenig

einladenden Tönen; rauhe Stimmen stritten sich um die Handmühlen, auf

denen ihre kleine Quantität harten Kornes erst noch gemahlen werden

mußte, um den Kornkuchen daraus bereiten zu können, aus dem ihr ganzes

Abendbrod bestehen sollte. Von der ersten Morgendämmerung an waren sie

auf dem Felde gewesen, und durch die unbarmherzige Peitsche der Aufseher

zur Arbeit angetrieben worden; denn es war jetzt grade im höchsten

Drange der Jahreszeit, und kein Mittel blieb unversucht, um die

Fähigkeiten eines Jeden bis zur äußersten Spannung zu treiben.

»Ja, aber,« sagt der nachlässige Zuschauer, »Baumwolle zupfen ist keine

harte Arbeit.«

Wirklich nicht? Es ist auch kein sehr schmerzhaftes Gefühl, sich einen

Tropfen Wasser auf den Kopf fallen zu lassen; aber die schrecklichste

Tortur der Inquisition bestand darin, Tropfen auf Tropfen einen

Augenblick nach dem andern, in gleichmäßiger Einförmigkeit auf dieselbe

Stelle fallen zu lassen; und Arbeit, die an sich nicht schwer ist, wird

dadurch schwer, daß sie eine Stunde nach der andern mit derselben

unveränderlichen, unerbittlichen Gleichförmigkeit, ohne freien Willen,

dieselbe unterbrechen zu dürfen, fortgesetzt wird.

Tom schaute sich unter dem Trupp der Sklaven, als er sich heran wälzte,

vergeblich nach umgänglichen Gesichtern um. Er sah nur finstere,

mürrische, viehische Männer, und schwarze, muthlose Weiber, oder solche,

die keine Weiber mehr waren; die Stärkeren stießen die Schwachen bei

Seite, und es zeigte sich ganz die rohe, ungebändigte, thierische

Selbstsucht menschlicher Wesen, von denen nichts Gutes mehr erwartet und

verlangt wurde, und die, behandelt wie das Vieh, dem Standpunkte

desselben so nahe gekommen waren, wie es für menschliche Wesen überhaupt

möglich war. Das Geräusch der Handmühlen wurde bis spät in die Nacht

hinein gehört; denn die Anzahl derselben war im Verhältniß zur Zahl der

Mahlenden nur gering, und die Müden und Schwachen wurden von den Starken

zurück getrieben, und kamen zuletzt an die Reihe.

»Hör Du!« rief Sambo, sich der Mulattin nähernd, und einen Sack mit Korn

vor sie nieder werfend; »wie heißt Du?«

»Lucy,« entgegnete die Frau.

»Na denn, Lucy, -- bist jetzt meine Frau. Hier, mahle das Korn, und

mache ^mein^ Abendbrod zurecht, -- hörst Du?«

»Ich bin Deine Frau nicht, und will es nicht sein!« rief das Weib mit

dem plötzlichen Muthe der Verzweiflung; -- »laß mich zufrieden!«

»Ich werde Dir 'nen Tritt geben!« sagte Sambo, drohend seinen Fuß

aufhebend.

»Du magst mich umbringen, wenn Du willst, -- je eher, je besser!

Wünschte mir, ich wäre schon todt!« sagte sie.

»Höre, Sambo -- Du willst die Arbeiter mißhandeln, ich werd's Master

sagen,« rief Quimbo, welcher mit der Handmühle beschäftigt war, von der

er zwei oder drei ermüdete Weiber zurückgedrängt hatte, die lange darauf

gewartet hatten, um ihr Korn zu mahlen.

»Und ich werde ihm erzählen, daß Du die Weiber nicht an die Mühle lassen

willst, Du alter Nigger!« sagte Sambo. »Du bekümmere Dich um Deine

eigene Sachen.«

Tom war bei seiner Tagesarbeit hungrig geworden, und beinahe ohnmächtig

vor Mangel an Nahrung.

»Da, Du!« sagte Quimbo, einen groben Sack, welcher eine Metze Korn

enthielt, vor ihn niederwerfend; -- »da, Nigger, Futter, sieh' Dich mit

vor, -- bekömmst weiter nichts ^diese^ Woche.«

Tom wartete bis zu einer späten Stunde, um einen Platz an der Mühle zu

erlangen; und dann, Mitleid mit zwei todtmüden Frauen empfindend, die er

sich abmühen sah, ihr Korn zu mahlen, that er es für sie, und legte die

verglimmenden Feuerbrände zusammen, an denen Viele ihre Kuchen vorher

gebacken hatten, und schritt dann endlich dazu, sein eignes Abendbrod zu

bereiten. Dieses Werk der Liebe, so geringfügig es war, erweckte eine

antwortende Regung im Herzen der Frauen, und ein Ausdruck weiblichen

Gefühls kam über ihre harten Züge. Sie mengten den Kuchen für ihn, und

buken ihn; und er setzte sich dann beim Scheine des Feuers nieder und

suchte seine Bibel hervor, -- denn er bedurfte Trost.

»Was ist das?« sagte eine der Frauen.

»Eine Bibel,« entgegnete Tom.

»Guter Gott! habe keine gesehen seit ich in Kentucky war.«

»Bist Du in Kentucky aufgebracht worden?« fragte Tom mit Interesse.

»Ja, und gut aufgebracht; -- hätte nimmer gedacht, daß ich hierher

kommen würde!« entgegnete die Frau seufzend.

»Was für 'ne Art Buch ist das?« fragte die andere Frau.

»Nun, 'ne Bibel.«

»Wie? was ist das?« fragte jene wieder.

»Sprich doch! -- Du hast nie davon gehört? Ich hörte Missis oft drin

lesen, in Kentucky, aber hier -- o Herr! hier hört man nichts als

peitschen und fluchen.«

»Lies doch ein Stück, -- eins!« sagte die erste Frau neugierig zu Tom,

den sie eifrig darin studiren sah.

Tom las: -- »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,

ich will euch erquicken.«

»Sind gute Worte,« sagte die Frau, »wer sagt sie denn?«

»Der Herr,« entgegnete Tom.

»Ich möchte nur wissen, wo ich ihn finden könnte,« fuhr die Frau fort;

-- »ich würde zu ihm gehen. 's ist grade als sollt' ich gar keine Ruhe

mehr haben. Mein Fleisch ist wund und ich zittere jeden Tag von Morgen

bis Abend, denn Sambo schimpft immerzu auf mich los, daß ich nicht

schnell genug zupfe; und Abends wird's fast immer Mitternacht, ehe ich

mein Essen bekomme; und dann, kaum habe ich mich hingelegt und meine

Augen geschlossen, so bläst das Horn schon wieder zum Aufstehn, und dann

geht 's wieder los. Wenn ich nur wüßte, wo der Herr wäre, -- ich wollt

's ihm sagen.«

»Er ist hier, er ist überall,« sagte Tom.

»Ach, geh' weg, Du wirst mir das nicht einreden! Ich weiß, der Herr ist

nicht hier,« sagte die Frau; »'s nützt nichts, das Reden. Will mich

hinlegen und schlafen, so lange ich kann.«

Die Weiber gingen fort nach ihren Hütten, und Tom saß allein beim

verglimmenden Feuer, welches seinen röthlichen Schein über sein Gesicht

warf. Der freundliche silberne Mond stieg auf am Nachthimmel, und still

und schweigend, wie Gott auf die Scenen des Elends und der Unterdrückung

herabschaut, blickt er nieder auf den einsamen schwarzen Menschen, der

mit untergeschlagenen Armen seine Bibel auf dem Knie haltend, dort saß.

»Ist Gott hier?« O wie ist es für das ungelehrte Herz möglich, seinen

Glauben ohne Wanken im Angesichte und unter dem Drucke gräßlicher,

unverkennbarer Ungerechtigkeiten zu bewahren! In jenem schlichten Herzen

kämpfte ein wilder Kampf; das zerschmetternde Gefühl des erlittenen

Unrechts, die Ahnung eines ganzen übrigen Lebens voll Elend, die Trümmer

aller früheren Hoffnungen, die vor der Seele traurig auf- und

niedertauchten, wie die Leichname von Weib, Kind und Freunden aus der

schwarzen Welle hervor noch einmal den Blicken des schon versinkenden

Seemannes erscheinen! War es ^hier^ leicht zu glauben, und

festzuhalten an der großen Parole des christlichen Glaubens, »daß er

sei, und denen die er suche, ein Vergelter sein werde!«

Tom erhob sich trostlos und stolperte in die Hütte, die ihm angewiesen

worden war. Der Fußboden war bereits mit müden Schläfern bedeckt, und

die schlechte Luft des Behältnisses schreckte Tom beinahe zurück; aber

der schwere Nachtthau war kalt, und seine Glieder waren müde; und indem

er sich deßhalb in eine zerrissene Decke wickelte, welche sein einziges

Bettzeug ausmachte, streckte er sich auf das Stroh und entschlief.

Eine sanfte Stimme schlug im Traume an sein Ohr. Er saß auf dem

Moossitze im Garten am See Pontchartrain, und Eva, mit ihren ernsten

Augen niederblickend, las ihm die Bibel vor, und er hörte sie lesen:

»Denn so Du durchs Wasser gehest, will Ich bei Dir sein, daß Dich

die Ströme nicht sollen ersäufen; und so Du in's Feuer gehst,

sollst Du nicht brennen und die Flamme soll Dich nicht anzünden.

Denn Ich bin der Herr, Dein Gott, der Heilige in Israel, Dein

Heiland.«

Allmählig schienen die Worte sich in himmlische Musik aufzulösen und zu

verhallen; das Kind schlug seine tiefen Augen auf und richtete sie

liebevoll auf ihn, und wärmende, tröstende Strahlen fielen auf sein

Herz; und wie getragen von den heiligen Tönen, schien sie sich auf

glänzenden Flügeln zu erheben, von denen goldene Funken und Flocken

gleich Sternen herabfielen, und sie war verschwunden.

Tom erwachte. War es ein Traum? Es möge dafür gelten; aber wer will

behaupten, daß es jenem sanften, jugendlichen Geiste, der im Leben stets

bemüht war, die Unglücklichen zu trösten und zu beruhigen, von Gott

verwehrt worden sei, dieses Amt auch nach dem Tode zu verrichten?

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Cassy.

Und siehe, da waren Thränen derer, so Unrecht

litten, und hatten keinen Tröster; und die ihnen

Unrecht thaten, waren zu mächtig, daß sie

keine Tröster haben konnten.

Es erforderte nur kurze Zeit, um Tom mit Allem bekannt zu machen, was er

auf seinem neuen Lebenswege zu hoffen und zu fürchten hatte. Er war ein

erfahrener, geschickter Arbeiter in jeder Beschäftigung, die er

unternahm, und aus Princip und Gewohnheit pünktlich und getreu. Ruhig

und friedfertig von Natur, hoffte er durch unausgesetzten Fleiß

wenigstens theilweise die in seiner Lage ihm drohenden Uebel abzuwenden.

Er sah genug Mißhandlung und Elend, um ihn krank und lebensmüde zu

machen; aber er beschloß angestrengt fortzuarbeiten, und mit frommer

Geduld auf Den zu vertrauen, der gerecht richtet, nicht ohne Hoffnung,

daß sich doch vielleicht ein Weg der Rettung öffnen könne.

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 11 / 22 段