vergitterten Fensters, und werfen den Schatten derselben auf die
ausgestreckten, schlafenden Gestalten, während Mutter und Tochter eine
jener milden, melancholischen Trauerarien singen, welche unter den
Sklaven als Begräbnißgesänge üblich sind.
Singt nur, arme Seelen! Die Nacht ist kurz, und der kommende Morgen wird
Euch für ewig trennen!
Aber jetzt tagt der Morgen, und Alles ist munter; und der würdige Mr.
Skeggs ist geschäftig und guter Laune, denn eine Quantität Waare soll
zur Versteigerung in Stand gesetzt werden. Alles macht Toilette, und
Befehle ergehen an einen Jeden, das beste Gesicht anzulegen, und heiter
zu sein; und dann werden alle zur letzten Revüe in einen Kreis gestellt,
ehe sie nach der Börse abgeführt werden, und Mr. Skeggs, mit der Cigarre
im Munde, hält die letzte Schau.
»Was ist das?« fragte er, vor Susan und Emmelinen tretend. »Wo sind
Deine Locken, Mädchen?«
Das Mädchen blickte furchtsam auf ihre Mutter, welche mit der ihrem
Geschlechte eigenthümlichen, sanften Gewandtheit antwortete: »Ich sagte
ihr gestern Abend, ihr Haar glatt zu kämmen, und es nicht in Locken
umherhängen zu lassen, weil es anständiger aussehe.«
»O Unsinn!« entgegnete der Mann, und fügte, sich in befehlendem Tone an
das Mädchen wendend, hinzu: »Du gehst mir auf der Stelle, und bringst
Deine Locken wieder ordentlich in Stande! -- und bist mir schnell wieder
hier!« und an die Mutter gerichtet, sagte er: »Die Locken bringen
vielleicht 'en hundert Dollar mehr beim Verkaufe.«
Unter einem glänzenden Dome befanden sich Menschen aller Nationen, die
sich auf den Marmorplatten des Fußbodens hin und her bewegten. Auf jeder
Seite der kreisförmigen Area standen kleine Tribünen zum Gebrauche von
Rednern oder Auktionatoren. Zwei derselben auf gegenüberliegenden Seiten
der Area waren jetzt von talentvollen Männern besetzt, welche mit großem
Enthusiasmus in gemischtem Englisch und Französisch die Gebote der
Kenner ihrer verschiedenen Waaren in die Höhe trieben. Eine dritte
Tribüne auf der andern Seite, noch unbesetzt, war von einer Gruppe
umringt, welche auf den Anfang der Versteigerung wartete. Hier können
wir St. Clares ehemalige Dienstboten finden, Tom, Adolph und andere;
und außerdem Susan und Emmeline, welche mit angstvollen,
niedergeschlagenen Mienen ihr Schicksal erwarten. Mehrere Zuschauer,
theils kauflustig, theils nicht, umgaben die Gruppe, und untersuchten,
befühlten und besprachen die verschiedenen Gesichter und Gliedmaßen mit
derselben Freiheit, mit der eine Gesellschaft Roßkämme die Verdienste
eines Pferdes bespricht.
»Holla! Alf! was bringt Dich denn hieher?« sagte ein junger Stutzer,
einem andern, auffallend geputzten jungen Manne auf die Schulter
schlagend, welcher Adolph durch eine Lorgnette beobachtete.
»Ich brauche einen Lackei,« entgegnete dieser, »und hörte, daß St.
Clare's Leute an die Reihe kämen; und so wollt' ich mir 'mal ansehen --«
»Wollte mich hüten; jemals einen von St. Clare's Leuten zu kaufen!
verdirbt alle seine Nigger, -- sind unverschämt wie der Teufel!« sagte
der Andere.
»Fürchte mich nicht davor!« sagte der Erstere. »Wenn ich sie habe, will
ich ihnen bald ihre Manieren abgewöhnen, -- sollen bald wissen, daß sie
mit einem andern Master zu thun haben, als mit Monsieur St. Clare. Mein
Wort, ich kaufe den Burschen; -- er gefällt mir.«
»Du wirst sehen, es kostet Dich Alles, was Du hast, um ihn zu halten; --
er ist teufelsmäßig ausschweifend.«
»Ja, aber Mylord wird sehen, daß er bei ^mir^ nicht ausschweifend sein
^kann^. Laß ihn nur erst ein paar Male nach dem Stockhause geschickt
und gründlich dressirt sein, -- dann wird er schon zur Besinnung kommen!
Ich will ihn schon reformiren. -- Du sollst es sehen. Ich kaufe ihn, das
steht fest!«
Tom hatte inzwischen sinnend die Menge von Gesichtern derer geprüft, die
sich um ihn drängten, und nach Einem gesucht, den er seinen Herrn hätte
nennen mögen. Wenn Du, lieber Leser, Dich jemals in der Nothwendigkeit
befinden solltest, aus zweihundert Männern einen auszuwählen, der Dein
unbeschränkter Herr und Eigenthümer werden soll, so würdest Du wie Tom
sehen, wie wenige darunter zu finden sind, denen Du Dich bereitwillig zu
diesem Zwecke übermachen lassen möchtest. Tom sah eine große Anzahl von
Männern vor sich, -- große, dicke und finstere; kleine, magere und
muntere; lange und dünne, mit harten Gesichtszügen, und jede Abstufung
gemeiner Gesichter, die ihren Mitmenschen aufnehmen, wie man Späne
aufsammelt, um sie in's Feuer oder in den Korb zu werfen; aber er sah
keinen St. Clare.
Kurz vorher, ehe der Verkauf begann, drängte sich ein kurzer, breiter,
muskulöser Mann, in einem bunten Hemde, welches auf der Brust weit offen
war, und sehr schmutzigen Beinkleidern, durch die Menge, wie Jemand, der
eifrig an ein Geschäft gehen will, und begann, als er der Gruppe näher
kam, diese systematisch zu untersuchen. Vom ersten Augenblicke, wo Tom
ihn sich nähern sah, fühlte er einen unwillkührlichen Schrecken vor ihm,
der sich steigerte, je näher er zu ihm kam. Der Mann besaß
augenscheinlich, obgleich er klein war, eine gigantische Kraft. Sein
runder, kugelförmiger Kopf, seine großen, hellgrauen Augen, mit den
zottigen, rothen Augenbrauen, und sein struppiges, sonnverbranntes Haar
waren allerdings wenig einnehmende Eigenschaften; sein großer, gemeiner
Mund dehnte sich unter großen Tabacksballen, deren Saft er von Zeit zu
Zeit mit großer Kraft und Entschiedenheit hinausschleuderte; seine Hände
waren unförmlich groß, haarig, sonnverbrannt, fleckig, sehr schmutzig,
mit langen Nägeln versehen, und überhaupt in einem ekelhaften Zustande.
Dieser Mann begann eine sehr dreiste, persönliche Untersuchung der zum
Verkauf aufgestellten Sklaven. Er ergriff Tom beim Kiefer, und riß
seinen Mund auf, um seine Zähne zu untersuchen; ließ ihn seinen Aermel
aufstreifen, um seine Muskeln zu zeigen, und drehte ihn herum, und ließ
ihn springen, um seine Gelenkigkeit zu prüfen.
»Wo bist Du aufgebracht worden?« fragte er kurz nach diesen
Untersuchungen.
»In Kentucky, Master,« sagte Tom, sich wie nach Hülfe umschauend.
»Was hast Du da gethan?«
»Habe Master's Farm verwaltet,« entgegnete Tom.
»Sehr wahrscheinliche Geschichte!« sagte der Andere kurz, während er
weiter ging. Er blieb einen Augenblick vor Adolph stehen, feuerte eine
Ladung Tabakssaft auf seine blank geputzten Stiefeln ab, und ging mit
einem verächtlichen »Umph!« weiter. Vor Susan und Emmelinen blieb er
wieder stehen. Er streckte seine schwere schmutzige Hand aus, und zog
das Mädchen zu sich, strich ihr damit über Nacken und Brust, untersuchte
ihre Zähne, und stieß sie dann wieder zu ihrer Mutter zurück, deren
geduldiges Gesicht das tiefe Leiden verrieth, welches sie bei jeder
Bewegung des scheußlichen Fremden empfunden hatte.
Das Mädchen war erschreckt worden, und fing an zu weinen.
»Still da! Du Heuldirne! kein Blärren hier!« rief der Auktionator, --
»der Verkauf beginnt.«
Adolph wurde für eine gute Summe dem jungen Manne zugeschlagen, welcher
seine Absicht, ihn zu kaufen, vorher schon erklärt hatte; und die
übrigen Leute St. Clare's fielen verschiedenen Bietern zu.
»Hinauf nun mit Dir, Bursche! hörst Du?« rief der Auktionator Tom zu.
Tom stieg auf den Block und ließ seine Blicke ängstlich umher streifen,
während alles Geräusch in einem gemeinsamen, undeutlichen Lärm
zusammenfloß, -- das Geschrei des Verkäufers, welcher Tom's
Eigenschaften in Französisch und Englisch ausrief, das scharfe Feuer der
französischen und englischen Gebote; -- und einen Augenblick später
folgte der letzte Schlag des Hammers, und der deutliche Schall der
letzten Sylbe des Wortes ^Dollar^, als der Auktionator die Summe
verkündete, und Tom hatte einen Herrn!
Er wurde vom Block hinabgestoßen; -- der kleine, rundköpfige Mann packte
ihn bei der Schulter, stieß ihn nach einer Seite, und rief ihm mit
lauter Stimme zu: »Hier bleib stehen!«
Tom wußte kaum, was mit ihm geschah. Inzwischen dauerten die Gebote
fort, -- lärmend und geräuschvoll, bald englisch, bald französisch.
Nieder fällt der Hammer wieder, -- Susan ist verkauft! Sie steigt vom
Blocke herab, bleibt stehen, und blickt sich kummervoll um; -- ihre
Tochter streckt ihre Arme nach ihr aus. Sie schaut verzweiflungsvoll dem
Manne in's Gesicht, der sie gekauft hat, -- ein anständig aussehender
Mann von mittlerem Alter, mit wohlwollenden Zügen.
»O Master, bitte, kaufen Sie meine Tochter auch!«
»Ich hätte wohl Lust, aber ich fürchte, ich kann nicht!« sagte der Mann,
und schaute mit ängstlichem Interesse zu, als das junge Mädchen den
Block bestieg, und sich mit furchtsamen, scheuen Blicken umschaute. Das
Blut steigt in ihre sonst bleichen Wangen, ihr Auge glüht fieberhaft,
und ihre Mutter gewahrt verzweiflungsvoll, daß sie schöner erscheint als
zuvor. Der Auktionator sieht seinen Vortheil und läßt sich mit
geläufiger Zunge in gemischtem Englisch und Französisch über ihre
Vorzüge aus, und die Gebote folgen schnell aufeinander.
»Ich will thun, was ich kann,« sagte der gutmüthig aussehende Mann,
drängte sich vor und fing an mitzubieten. In wenigen Augenblicken haben
die Gebote seine Börse überstiegen, und er schweigt. Der Auktionator
wird wärmer, aber die Gebote lassen allmählig nach. Es sind nur noch
zwei Bieter da, ein alter, aristokratischer Bürger, und unser
rundköpfiger Freund. Der Bürger überbietet mehrmals, und sieht seinen
Gegner verächtlich an; aber der Rundkopf ist ihm überlegen, sowohl an
Hartnäckigkeit als in geheimer Länge der Börse, und der Streit währt nur
kurze Zeit. Der Hammer fällt, -- er hat das Mädchen, Leib und Seele, so
Gott ihr nicht hilft.
Ihr Herr ist Mr. Legree, welcher eine Baumwollen-Plantage am rothen Fluß
besitzt. Sie wird mit Tom und zwei andern Männern zusammen getrieben,
und weinend fortgeschleppt.
Dem gutmüthigen Manne thut es leid; allein der Fall ereignet sich
täglich! Man sieht ja stets auf diesen Verkäufen Mädchen und Mütter
weinen! es läßt sich nicht ändern, u. s. w., und er entfernt sich mit
seinem neuen Besitzthume in einer anderen Richtung.
Zwei Tage später sandte der Anwald der christlichen Firma _B et Cie._
in New-York das Geld ein. Auf die Rückseite des auf diese Weise
erlangten Wechsels mögen sie die Worte des großen Zahlmeisters
schreiben, dem sie an einem späteren Tage werden Rechenschaft legen
müssen: »Denn er gedenket und fraget nach ihrem Blut; er vergißt nicht
des Schreiens der Armen.«
Einunddreißigstes Kapitel.
Die Fahrt.
Deine Augen sind rein, daß du Uebles nicht
sehen magst, und dem Jammer kannst du nicht
zusehen. Warum siehst du denn zu den Verräthern
und schweigest, daß der Gottlose verschlinget
den, der frömmer denn er ist.
Am unteren Ende eines kleinen Bootes, auf dem rothen Flusse, saß Tom, --
Ketten an seinen Handgelenken, Ketten an seinen Füßen, und eine Last,
schwerer als diese Ketten, auf seiner Brust. Alles war an seinem
Horizonte verschwunden, -- Mond und Sterne; Alles war an ihm
vorübergeflogen wie die Bäume und Ufer jetzt an ihm vorüber flogen, um
nie wieder zu kehren. Die Heimath in Kentucky, mit Weib und Kindern und
der freundlichen Herrschaft; St. Clare's Haus mit allem seinem Luxus und
Glanze; der goldlockige Kopf Eva's mit seinen frommen Augen; der stolze,
heitre, hübsche, anscheinend so sorglose, aber immer gütige St. Clare;
Stunden der Muße und Behaglichkeit, -- Alles fort! und was war an dessen
Stelle geblieben?
Es gehört mit zu den bittersten Erfahrungen des Sklavenlebens, daß der
Neger, der von Natur mitfühlend und leicht empfänglich ist, nachdem er
in einer gebildeten Familie den Geschmack und die Empfindungen der
dortigen Atmosphäre kennen gelernt hat, nichts destoweniger in jedem
Augenblick wieder der Sklave des rohesten und brutalsten Menschen
werden kann, -- gerade wie ein Stuhl oder Tisch, welcher einst den
kostbarsten Salon zierte, und endlich zerschlagen und entstellt in das
Schenkzimmer eines schmutzigen Wirthshauses oder in eine niedrige Höhle
gemeiner Ausschweifung gelangt. Der große Unterschied besteht aber
darin, daß der Stuhl und der Tisch nicht empfinden können, wohl aber der
Sklave; denn selbst der Ausspruch des Gesetzes, daß er »als ein
Gegenstand persönlicher Habe erachtet und gehalten werden solle,« ist
nicht im Stande, seine Seele, mit ihrer eigenen kleinen Welt von
Erinnerungen, Hoffnungen, Liebe, Furcht und Wünschen zu vernichten.
Mr. Simon Legree, Tom's Herr, hatte an verschiedenen Plätzen in
New-Orleans acht Sklaven zusammengekauft, und sie geschlossen, in Paaren
von zwei und zwei, dem Dampfboote »der Pirat« zugetrieben, welches am
Ufer lag, bereit, den rothen Fluß hinauf zu fahren.
Nachdem er sie alle an Bord gebracht hatte und das Boot abgefahren war,
kam er mit der Miene großer Geschäftigkeit, die ihm immer eigen war,
heran, um Revue zu halten. Indem er zunächst vor Tom stehen blieb, der
für den Verkauf seine beste Kleidung mit gestärkter Wäsche und blanken
Stiefeln hatte anlegen müssen, drückte er sich kurz folgender Maßen aus:
»Steh' auf!«
Tom stand auf.
»Nimm die Halsbinde ab!« und als Tom, behindert durch seine Fesseln,
dazu schritt, begann er, mit nicht sehr sanfter Hand, ihm zu helfen,
indem er sie vom Halse herunterriß und sie in seine Tasche steckte.
Sodann wandte sich Legree zu Tom's Koffer, den er schon vorher
geplündert hatte, nahm ein Paar alter Beinkleider und einen zerrissenen
Rock heraus, den Tom nur im Stall zu tragen gepflegt hatte, und sagte
zu ihm, indem er seine Handfesseln ablöste und auf einen Winkel
zwischen den Waarenballen deutete:
»Da, gehe dahin und ziehe diese an.«
Tom gehorchte und kam in wenigen Augenblicken zurück.
»Ziehe Deine Stiefel aus,« fuhr Mr. Legree fort.
Tom that es.
»Hier,« sagte jener, ihm ein paar grobe, starke Schuhe zuwerfend, die
gewöhnlich von Sklaven getragen werden, »ziehe diese an!«
Während seiner eiligen Umkleidung hatte Tom nicht vergessen, seine
geliebte Bibel in seine Tasche zu stecken. Und er hatte wohl gethan;
denn, nachdem Legree ihm die Handschellen wieder angelegt hatte, schritt
er sorgfältig dazu, die Taschen der abgetragenen Kleidungsstücke zu
untersuchen. Er zog ein seidenes Taschentuch hervor und steckte es in
seine Tasche. Mehrere Kleinigkeiten, welche Tom hauptsächlich deßhalb
aufgehoben hatte, weil Eva daran Gefallen gefunden, sah er mit
verächtlichem Grunzen an und warf sie rücklings über seine Schulter in
den Fluß. Jetzt zog er auch Tom's methodistisches Gesangbuch hervor,
welches er in der Eile vergessen hatte und öffnete es:
»Hm! fromm, versteht sich. So, wie heißt Du, -- gehörst zur Kirche?«
»Ja, Master,« entgegnete Tom mit fester Stimme.
»So, -- will Dir das bald abgewöhnen; -- kann keine Niggers gebrauchen,
die schreien und beten und singen, -- merke das. Also paß' auf!« sagte
er, mit dem Fuße stampfend und mit einem wilden Blicke seiner grauen
Augen auf Tom, -- »^ich^ bin jetzt Deine Kirche! verstehst Du? -- Du
mußt jetzt so sein, wie ^ich^ es haben will.«
Ein Gefühl im Innern des schwarzen Menschen antwortete ^nein!^ und,
wie von einer unsichtbaren Stimme gesprochen, kamen die Worte eines
alten prophetischen Buches in seinen Sinn, die ihm Eva öfters daraus
vorgelesen hatte: »Fürchte Dich nicht, denn ich habe Dich erlöset; ich
habe Dich bei Deinem Namen gerufen; Du bist mein.«
Aber Simon Legree hörte keine Stimme. Er stierte nur einen Augenblick
auf das niedergeschlagene Gesicht Tom's und ging weiter. Er nahm Tom's
Koffer, der eine reichliche und gute Garderobe enthielt, mit sich nach
dem Vordertheile des Schiffes, wo er bald von verschiedenen Matrosen des
Bootes umringt war. Unter vielem Gelächter und lauten Spöttereien über
Niggers, die Gentlemen sein wollten, wurden die verschiedenen Artikel
schnell verkauft und endlich der leere Koffer zur Auktion gestellt. Alle
dachten, es sei ein guter Spaß, besonders Tom zu sehen, wie er seinen
Sachen nachblickte, die nach verschiedenen Richtungen gingen; und dann
die Versteigerung des Koffers, -- was das Spaßhafteste von Allem war und
viel Witzeleien verursachte.
Als dieß kleine Geschäft endlich vorüber war, schlenderte Simon zu
seinem Eigenthume zurück.
»Nun, Tom, siehst Du, ich habe Dir etwas unnützes Gepäck abgenommen.
Nimm jetzt die Kleidungsstücke da gewaltig in Acht; denn 's dauert
lange, ehe Du neue bekömmst. Ich will meine Niggers sorgsam machen; ein
Anzug muß bei mir ein Jahr aushalten.«
Nach diesen Worten wandte Simon seine Schritte dem Orte zu, wo Emmeline
mit einem andern Frauenzimmer zusammen gekettet saß.
»Na, meine Liebe,« sagte er, ihr unter das Kinn fassend, »hübsch
munter!«
Der unwillkürliche Blick von Schrecken, Furcht und Abscheu, mit dem das
Mädchen ihn betrachtete, entging seinem Auge nicht. Er zog seine Stirn
in finstere Falten.
»Nichts von Deinen Zierereien, Mädchen! hast immer ein munteres Gesicht
zu machen, wenn ich mit Dir spreche -- hörst Du? Und Du da, altes,
gelbes Mondscheingesicht!« sagte er, indem er der mit Emmelinen
zusammengeketteten Mulattin einen Stoß gab, »laß mich nicht solch ein
Gesicht sehen! -- sollst lustiger aussehen, -- verstanden?«
»Und Ihr alle da!« fügte er, ein paar Schritte zurücktretend, hinzu, --
»hier, seht mich an, -- seht mir grade in's Gesicht, -- grade aus!« rief
er, bei jeder Pause mit dem Fuße stampfend.
Und wie durch Zauberkraft richtete sich jetzt jeder Blick auf die
grünlich grauen, funkelnden Augen Simon's.
»Paßt auf!« rief er, seine große, schwere Faust ballend, so daß sie die
Form eines Schmiedehammers annahm, -- »seht Ihr diese Faust? -- Seht
hier diese Knochen! Nun merkt, diese Faust ist davon so hart geworden,
daß sie so viele Niggers niedergeschlagen hat. Habe nie 'nen Nigger
gesehen, den ich nicht mit einem Schlage niedergebracht hätte!« sagte
er, indem er seine Faust so dicht vor Tom's Gesicht hielt, daß dieser
unwillkührlich mit den Augen blinzte und den Kopf zurückbog. »Halte
keine solche miserablen Aufseher; -- führe meine Aufsicht selbst, -- und
das ist Aufsicht. Ihr müßt auf's Wort passen, -- Alle, -- den
Augenblick, wo ich spreche, -- wenn ihr mit mir fertig werden wollt. Ihr
findet keine weiche Stelle an mir, nirgend. Also nehmt Euch in Acht;
denn ich habe keine Barmherzigkeit!«
Die Weiber hielten unwillkührlich den Athem an, und der ganze Trupp saß
mit niedergeschlagenen Gesichtern da. Inzwischen hatte Simon sich auf
den Hacken umgedreht und war an den Schenktisch des Bootes getreten, um
ein Glas Brandwein zu genießen.
»Das ist der Weg, wie ich immer mit meinen Niggers anfange,« sagte er zu
einem anständig gekleideten Herrn, der während dieser Rede in seiner
Nähe gestanden hatte. »'s ist mein System, immer kräftig anzufangen, --
damit sie wissen, was sie zu erwarten haben.«
»Wirklich?« entgegnete der Fremde, während er ihn mit der Neugierde
eines Naturforschers betrachtete, der irgend ein seltenes Exemplar eines
Naturprodukts vor sich hat.
»Ja, gewiß. Bin keiner von Euren vornehmen Pflanzern, mit Lilienfingern,
der sich von jedem alten, verdammten Aufseher betrügen läßt! Hier, faßt
'mal meine Knöchel an! Seht 'mal meine Faust! Sage Euch, Herr, das
Fleisch ist grade wie Stein geworden, -- 's macht die Praxis mit den
Niggers, -- faßt nur 'mal an!«
Der Fremde legte seine Hände an das fragliche Werkzeug und entgegnete
trocken:
»Hart genug! und, wie ich vermuthe, hat die Praxis Euer Herz eben so
hart gemacht.«
»Ja, ja, kann sein,« erwiederte Simon mit herzlichem Lachen. »Glaube, 's
nicht viel Weiches in mir zu finden. Ich sage Euch, es kommt keiner über
mich! Nie kommt ein Nigger um mich herum, weder mit Schreien, noch mit
weicher Seife, -- das ist gewiß!«
»Ihr habt einen hübschen Trupp hier.«
»O ja,« sagte Simon. »Da ist der Tom, -- habe gehört, es soll ein
ausgezeichneter Kerl sein. Er kostet mich viel Geld, weil ich ihn als
Kutscher oder als Verwalter gebrauchen wollte; nur die Ideen müssen erst
aus ihm heraus, die er dadurch gelernt hat, daß er behandelt worden ist,
wie Niggers nie behandelt werden sollten, -- dann wird er ganz
vortrefflich sein! Das gelbe Weib sieht mir etwas kränklich aus, aber
ich will doch noch aus ihr herausdrücken, was sie werth ist. Ein oder
zwei Jahre hält sie noch vor. Schone meine Niggers nicht; -- verbrauche
sie und kaufe neue, -- 's macht weniger Umstände und 's kommt mir am
Ende billiger zu stehen,« sagte Simon, sein Glas schlürfend.
»Und wie lange halten sie gewöhnlich aus?« fragte der Fremde.
»Weiß nicht genau; 's hängt von der Constitution ab. Stämmige Bursche
sechs oder sieben Jahre; schwache sind in zweien oder dreien fertig. Im
Anfang hatt' ich schrecklich viel Umstände, weil ich sie erhalten
wollte, -- und dokterte, wenn sie krank waren, und ihnen Kleidungsstücke
und Decken gab, und 's ihnen bequem machen wollte. Jetzt aber, seht,
treibe ich sie grade durch, krank oder gesund, und wenn ein Nigger todt
ist, so kauf' ich 'nen andern, und 's ist viel bequemer und billiger,
find' ich.«
Der Fremde wendete sich ab und setzte sich neben einen Herrn nieder,
welcher der ganzen Unterhaltung mit unterdrücktem Unwillen zugehört
hatte.
»Sie dürfen die südlichen Pflanzer nicht nach diesem Kerl beurtheilen,«
sagte er.
»Ich hoffe ^nicht^,« entgegnete der junge Mann mit Nachdruck.
»Es ist ein niedriger, gemeiner, viehischer Kerl,« sagte der Andere.
»Und dennoch erlauben ihm Ihre Gesetze, so viele menschliche Wesen
seinem unbeschränkten Willen unterworfen zu halten, ohne daß diese auch
nur einen Schatten von Schutz haben; und so gemein er ist, so müssen Sie
dennoch zugestehen, daß es Viele seiner Art gibt.«
»Mag sein,« entgegnete der Andere, »aber es gibt auch viele
menschenfreundliche Männer unter den Pflanzern.«
»Zugestanden,« sagte der junge Mann; »aber meiner Ansicht nach sind
grade Ihre menschenfreundlichen Männer für alle Unmenschlichkeit
verantwortlich, die von diesen Elenden verübt wird; denn ohne ihre
Billigung und ihren Einfluß könnte sich das ganze System nicht eine
Stunde halten. Wenn es keine anderen Pflanzer gäbe, als solche,« sagte
er, mit dem Finger auf Legree deutend, welcher ihnen den Rücken
zugewendet hatte, »so würde die ganze Sache wie ein Mühlstein zu Grunde
gehen. Es ist grade Ihre Menschenfreundlichkeit, die diese
Unmenschlichkeit beschützt.«
»Sie müssen viel Vertrauen zu meiner Gutmüthigkeit haben,« sagte der
Pflanzer lächelnd; »aber ich würde Ihnen doch rathen, nicht so laut zu
sprechen, da sich hier viele Personen auf dem Boote befinden, die nicht
ganz so tolerant sein dürften. Sie thun besser, zu warten, bis Sie auf
meiner Plantage sind; dann mögen Sie uns Alle schmähen, so viel Sie
wollen.«
Der junge Mann erröthete und lächelte, und Beide waren bald darauf beim
Puffspiele beschäftigt. Inzwischen fand am unteren Ende des Bootes eine
andre Unterhaltung zwischen Emmelinen und der Mulattin Statt, mit der
sie zusammengekettet war. Sie theilten sich, wie es natürlich war,
Einzelnheiten ihrer Geschichte mit.
»Wem gehörst Du?« fragte Emmeline.
»Mein Herr war Mr. Ellis, in Leveestreet. Vielleicht hast Du das Haus
gesehen.«
»War er gut gegen Dich?« fragte Emmeline weiter.
»Meistens, bis er krank wurde. Er lag länger als sechs Monate krank, und
wurde schrecklich ungeduldig. Er wollte keinen Menschen Tag und Nacht
ruhen lassen, und kein Mensch konnt' ihm 'was zu Dank thun. Jeden Tag
wurd' er schlimmer, und hielt mich alle Nächte wach, bis ich ganz hin
war und nicht mehr wachen konnte; und weil ich 'mal in einer Nacht
einschlief, wurd' er so schrecklich gegen mich, und sagte, er wolle mich
an den bösesten Herrn verkaufen, den er finden könnte! und doch
versprach er mir meine Freiheit, als er starb.«
»Hattest Du Angehörige?« fragte Emmeline.
»Ja, einen Mann, -- er ist ein Hufschmied. Master verdung ihn
gewöhnlich. Sie schleppten mich so schnell fort, daß ich ihn nicht 'mal
mehr sehen konnte; und ich habe vier Kinder. O mein Gott!« sagte das
Weib, und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.