Jane ließ bei diesen Worten erschreckt ihren Kopf hängen, denn es war

ihr, als seien diese Worte besonders an sie gerichtet. Miß Ophelia saß

einige Augenblicke da, als wenn sie eine explodirende Mixtur eingenommen

hätte, und im Begriffe sei zu bersten; sodann aber die völlige

Nutzlosigkeit jedes ferneren Streites mit einer solchen Natur in

Betracht ziehend, preßte sie entschlossen ihre Lippen zusammen, erhob

sich, und verließ das Zimmer.

Es war für sie eine harte Aufgabe, zu Rosa zurückzugehen, und ihr zu

sagen, daß sie nichts habe für sie thun können; und gleich darauf

erschien ein männlicher Sklave mit dem Befehle seiner Mistreß, Rosa nach

dem Stockhause zu bringen, wohin sie, ihrer Thränen und Bitten

ungeachtet, unverzüglich geschleppt wurde.

Wenige Tage nachher stand Tom sinnend an einem der Balkone, als Adolph

zu ihm trat, der seit dem Tode seines Herrn im höchsten Grade

niedergeschlagen und trostlos gewesen war. Adolph wußte, daß er von

jeher für Marien ein Gegenstand des Widerwillens gewesen war; allein so

lange sein Herr lebte, hatte er sich wenig darum gekümmert. Jetzt, da er

todt war, bewegte er sich in täglichem Zittern und Beben umher, ohne zu

wissen, welches Schicksal ihn zunächst treffen werde. Marie hatte

vielfache Consultationen mit ihrem Rechtsanwalte gehalten, und man war

endlich, nachdem auch St. Clare's Bruder zur Berathung gezogen worden

war, dahin übereingekommen, daß die Besitzung und sämmtliche Sklaven

verkauft werden sollten, mit alleiniger Ausnahme der ihr persönlich

zugehörigen, mit denen sie nach der Pflanzung ihres Vaters

zurückzukehren beabsichtigte.

»Weißt Du, Tom, daß wir Alle verkauft werden sollen?« sagte Adolph.

»Wo hast Du das gehört?« entgegnete Tom.

»Ich hatte mich hinter den Gardinen versteckt, als Missis mit dem

Anwalte sprach. In wenigen Tagen sollen wir Alle zur Auktion geschickt

werden,« sagte Adolph.

»Des Herrn Wille geschehe!« erwiderte Tom mit schwerem Seufzer, seine

Hände faltend.

»Wir werden nie einen solchen Herrn wieder bekommen,« fuhr Adolph

furchtsam fort; »aber ich will doch lieber verkauft werden, als bei

Missis bleiben.«

Tom wandte sich ab, -- sein Herz war schwer. Die Hoffnung auf Freiheit,

der Gedanke an sein fernes Weib und seine Kinder stieg vor seiner

geduldigen Seele auf, wie vor dem Seemanne, der dicht vor dem Hafen noch

Schiffbruch leidet, der Kirchthurm und die geliebten Dächer seines

heimatlichen Dorfes aufsteigen, die er nur über den Gipfel einer

schwarzen Welle hinweg sieht, um ihnen für immer Lebewohl zu sagen. Er

zog seine Arme dicht über die Brust zusammen und drückte die

andringenden, bitteren Thränen zurück, und versuchte zu beten. Die arme,

alte Seele hatte eine so unerklärliche Liebe zur Freiheit, daß es ein

harter Kampf für ihn war; und je öfter er sagte: »Dein Wille geschehe!«

desto schwerer wurde ihm das Herz.

Er suchte Miß Ophelien auf, die seit Eva's Tode ihn stets mit besonderer

Güte und Achtung behandelt hatte.

»Miß Feely,« sagte er, »Master St. Clare versprach mir meine Freiheit.

Er sagte mir, daß er den Anfang dazu gemacht habe; und wenn nun

vielleicht Miß Feely so gut sein wollte, ein Wort für mich mit Missis zu

sprechen, so würde sie vielleicht das thun, was Mr. St. Clare's Wille

war.«

»Ich will für Dich sprechen, Tom, und mein Bestes thun,« sagte Miß

Ophelia; »allein, wenn es von Mrs. St. Clare abhängt, so kann ich Dir

nicht viel Hoffnung machen, -- dennoch will ich es versuchen.«

Dieser Umstand ereignete sich wenige Tage nach dem Vorfalle mit Rosa,

als Miß Ophelia grade mit ihren Vorbereitungen zur Rückkehr nach Norden

beschäftigt war.

Ernstlich hierüber nachdenkend kam sie zu der Ansicht, daß sie in ihrer

früheren Zusammenkunft mit Marien sich vielleicht einer zu heftigen

Sprache bedient habe, und nahm sich deßhalb vor, jetzt in einem so

gemäßigten und versöhnenden Tone als möglich zu reden. Die gute Seele

erhob sich deßhalb, nahm ihr Strickzeug, und beschloß in Mariens Zimmer

zu gehen, sich dort so angenehm wie möglich zu machen, und für Toms

Sache mit aller diplomatischen Kunst, die ihr zu Gebot stand, zu

arbeiten.

Sie fand Marien der Länge nach auf einem Sopha ausgestreckt, mit einem

Ellbogen auf Kissen gestützt, während Jane verschiedene Muster feinen,

schwarzen Stoffes vor ihr ausbreitete.

»Dieses hier würde mir gefallen,« sagte Marie, ein Muster auswählend; --

»nur weiß ich nicht, ob es sich für Trauer paßt.«

»O Missis,« sagte Jane mit geläufiger Zunge, »die Frau Generalin

Derbennon trug grade dasselbe Zeug, als der General im vorigen Sommer

gestorben war; es macht sich wunderschön!«

»Was denken Sie?« sagte Marie zu Miß Ophelien.

»Das ist Sache des Geschmackes,« entgegnete Miß Ophelia. »Sie können

darüber besser urtheilen als ich.«

»Die Sache ist die,« sagte Marie, »daß ich kein einziges Kleid habe, was

ich tragen kann; und da ich hier das Haus und Alles verkaufen, und

nächste Woche fortgehen will, so muß ich mich zu Etwas entschließen.«

»Gehen Sie schon so bald?«

»Ja. St. Clare's Bruder hat geschrieben, daß er und der Anwalt es für am

zweckmäßigsten hielten, die Mobilien und die Sklaven zu verkaufen, und

das Grundstück dem Anwalte zur Verwaltung zu überlassen.«

»Ich möchte gern über einen Gegenstand mit Ihnen sprechen,« sagte Miß

Ophelia. »Augustin versprach Tom seine Freiheit, und begann die

Einleitung der dazu erforderlichen, gesetzlichen Förmlichkeiten. Ich

hoffe, daß Sie Ihren Einfluß benutzen werden, um seine Freilassung zu

vollenden.«

»Wirklich? Ich habe nicht die Absicht, etwas Derartiges zu thun!« sagte

Marie mit scharfem Tone. »Tom ist einer der werthvollsten Sklaven der

ganzen Besitzung -- das geht unmöglich an. Ueberdies, wozu braucht er

seine Freiheit? Er ist so viel besser daran.«

»Aber er sehnt sich so sehr danach, und sein Herr hat sie ihm

versprochen,« entgegnete Miß Ophelia.

»O freilich, er sehnt sich danach,« sagte Marie. »sie sehnen sich Alle

danach, weil sie ein unzufriedenes Geschmeiß sind, und immer danach

verlangen, was sie nicht besitzen. Es ist durchaus gegen meine

Grundsätze, irgend Einen frei zu lassen. So lange ein Neger unter einem

Herrn ist, befindet er sich wohl, und thut gut; aber sobald man ihn

freiläßt, wird er faul, will nicht mehr arbeiten, fängt an zu trinken,

und wird gemein und nichtsnutzig. Habe das hundertmal gesehen; 's ist

gar keine Wohlthat für sie, freigelassen zu werden.«

»Aber Tom ist so ordentlich, so fleißig und so fromm!«

»O, Sie brauchen mir das nicht zu sagen! Ich habe hundert gesehen, wie

er. Er wird sich so lange gut betragen, als er unter strenger Aufsicht

steht, -- länger nicht.«

»Aber bedenken Sie doch,« sagte Miß Ophelia, »wie leicht er einen

schlechten Herrn bekommen kann, wenn Sie ihn zum Verkaufe ausstellen.«

»O, das ist Alles Thorheit!« entgegnete Marie. »Nicht einmal unter

hundert geschieht es, daß ein guter Dienstbote einen schlechten Herrn

bekömmt. Die meisten Herren sind gut, was auch immer gesprochen werden

möge. Ich habe hier im Süden gelebt, und bin hier aufgewachsen, und habe

nie einen Herrn kennen gelernt, der seine Leute nicht gut behandelte, --

grade so gut, als es nöthig ist. Darüber bin ich ganz ruhig.«

»Wohl,« sagte Miß Ophelia mit Nachdruck, »ich weiß, daß es einer der

letzten Wünsche Ihres Gatten war, daß Tom seine Freiheit haben solle; es

war ein Versprechen, welches er der lieben, kleinen Eva auf ihrem

Sterbebette gemacht hatte, und ich glaubte nicht, daß Sie sich für

berechtigt halten würden, dies zu vergessen.«

Marie bedeckte bei dieser Anrede ihr Gesicht mit dem Taschentuche, und

begann heftig zu schluchzen und ihr Riechfläschchen zu gebrauchen.

»Jeder Mensch ist gegen mich!« sagte sie. »Jeder ist so rücksichtslos!

Ich hätte nicht gedacht, daß ^Sie^ auch mir alle diese Erinnerungen

meiner Leiden vorhalten würden, -- es ist so rücksichtslos! aber Niemand

hat die geringste Rücksicht für mich, -- meine Leiden sind

unaussprechlich! Ist es nicht schrecklich, daß, wenn ich nur eine

einzige Tochter habe, ich auch diese verlieren muß? -- und daß mir mein

Mann, der grade für mich paßte, genommen werden muß? -- Und nun scheinen

Sie auch noch so wenig Gefühl zu haben, und erinnern mich daran so

unbarmherzig, -- da Sie doch wissen, wie sehr es mich angreift! Ich

glaube recht gern, daß Sie es gut meinen, aber es ist so rücksichtslos!«

Und Marie schluchzte und suchte nach Athem, und rief Mammy zu, das

Fenster zu öffnen, und ihr die Kampferflasche zu bringen, und ihr das

Kleid aufzuhaken; und während der hierauf folgenden Unruhe trat Miß

Ophelia ihren Rückzug in ihr eigenes Zimmer an. Sie sah, daß es nutzlos

sein würde, noch mehr über den Gegenstand zu sprechen; denn Marie hatte

eine unendliche Fertigkeit, hysterische Anfälle heraufzubeschwören, und

sobald nachher irgend eine Erwähnung der von ihrem Manne oder Eva

ausgesprochenen Wünsche in Betreff der Dienstboten geschah, fand sie es

jedes Mal für angemessen, einen solchen zu Hülfe zu rufen. Miß Ophelia

that deßhalb das Einzige, was sie noch für Tom thun konnte, -- sie

schrieb an Mrs. Shelby, schilderte seine traurige Lage, und bat um Hülfe

für ihn.

Am nächsten Tage wurden Tom und Adolph mit einem halben Dutzend anderer

Dienstboten nach einem Sklavenhause abgeführt, um daselbst den Händler

abzuwarten, der eine größere Anzahl zur öffentlichen Versteigerung

sammeln wollte.

Dreißigstes Kapitel.

Das Sklavenhaus.

Ein Sklavenhaus! ein Sklavenspeicher! Vielleicht machen sich manche

unserer Leser eine schreckliche Vorstellung von einem solchen Orte, --

halten ihn für eine schmutzige, finstere Höhle, einen schrecklichen

Tartarus, »_informis, ingens, cui lumen ademptum._« Aber nein,

unschuldiger Freund; in jetziger Zeit hat man die Kunst gelernt, auf

anständige Weise zu sündigen, so daß die Augen und Gefühle guter

Gesellschaft nicht beleidigt werden. Menschliche Waare steht in gutem

Preise, und wird deßhalb wohl genährt, wohl gereinigt und abgewartet,

damit sie glatt, kräftig und gesund auf den Markt komme. Ein Sklavenhaus

in New-Orleans unterscheidet sich äußerlich wenig von anderen Häusern

und wird in reinlichem Stande gehalten. Vor demselben kann man täglich

unter einer Art Schuppen Reihen von Männern und Weibern ausgestellt

sehen, welche als Zeichen derjenigen Waare dienen, die innerhalb

verkauft wird. Dann wirst du höflich eingeladen einzutreten und zu

untersuchen, und wirst eine große Anzahl von Ehemännern, Weibern,

Vätern, Müttern, Brüdern, Schwestern und jungen Kindern finden, die

einzeln oder zusammen, je nachdem die Käufer es wünschen, losgeschlagen

werden sollen; und die unsterbliche Seele, die einst mit dem Blute und

der Todesangst des Sohnes Gottes verkauft wurde, als die Erde erbebte

und die Felsen zersprangen, und die Gräber sich öffneten, kann jetzt

verkauft, verdungen, verpfändet oder gegen Waaren jeder Art ausgetauscht

werden, um den Bedürfnissen des Handels oder den Wünschen der Käufer zu

genügen.

Es war, wie erwähnt, wenige Tage nach jener Unterhaltung zwischen Marien

und Miß Ophelien, daß Tom, Adolph und ein halbes Dutzend anderer zur St.

Clareschen Besitzung gehöriger Sklaven der menschenfreundlichen Fürsorge

Mr. Skeggs' überwiesen wurden, welcher einen Sklavenhandel in der

F....straße hielt, um in der am nächsten Tage Statt findenden Auktion

zum Verkaufe gestellt zu werden. Tom hatte einen ganz ansehnlichen

Koffer mit Kleidungsstücken bei sich, wie die meisten Anderen. Sie

wurden für die Nacht in ein langes Zimmer geführt, in welchem sich viele

andere Männer von jedem Alter, jeder Größe und Schattirung befanden, die

ein Gebrüll von Lachen und sorgloser Fröhlichkeit erschallen ließen.

»Ah, ah! das ist recht. Nur zu, Jungens, -- nur zu,« sagte Mr. Skeggs,

der Verwalter. »Meine Leute sind immer lustig! -- Sambo, ich sehe!«

fügte er, an einen dicken Neger gewendet, beifällig hinzu, der durch

Possen der niedrigsten Art das Gelächter erzeugte, welches Tom gehört

hatte.

Wie sich leicht denken läßt, war Tom nicht in der Stimmung, an diesen

Spässen Theil zu nehmen. Indem er deshalb seinen Kasten so entfernt wie

möglich von der lärmenden Gruppe auf den Boden stellte, setzte er sich

darauf nieder, und lehnte seinen Kopf gegen die Wand.

Die Händler mit menschlichen Waaren bemühen sich gewissenhaft, auf

systematische Weise geräuschvolle Heiterkeit unter ihnen zu erhalten und

zu befördern, als ein Mittel, jedes Nachdenken zu ertödten und sie

gefühllos für ihre Lage zu machen. Der ganze Zweck der Zucht, unter

welche der Neger von dem Augenblicke an gebracht wird, wo er auf dem

nördlichen Markte verkauft worden, bis dahin, wo er nach Süden kömmt,

ist darauf berechnet, ihn gefühllos und sorglos zu machen. Der

Sklavenhändler sammelt sich eine Anzahl in Virginien oder Kentucky, und

treibt sie nach irgend einem passenden, gesunden Orte, um fett zu

werden. Hier werden sie täglich mit überflüssiger Nahrung versehen, und,

weil Manche darunter sind, welche sich zum Gram hinneigen, wird eine

Geige für sie gehalten, nach der sie täglich tanzen müssen; und

derjenige, welcher es verweigert, heiter zu sein, -- in dessen Seele

vielleicht die Gedanken an Weib, Kind oder Heimath zu stark sind, um

fröhlich sein zu können, -- wird als tückisch und gefährlich bezeichnet,

und allen Uebeln bloß gestellt, die der Unwille eines gefühllosen und

von jeder Verantwortung freien Menschen ihm auferlegen kann.

Gewandtheit, Munterkeit und Heiterkeit, besonders in Gegenwart von

Beobachtern, werden ihnen fortwährend eingeprägt, nicht nur durch die

ihnen vorgehaltene Hoffnung, dadurch einen guten Herrn zu bekommen,

sondern auch durch die Furcht vor den Uebeln, welche der Händler ihnen

zufügen darf, im Falle sie nicht verkauft werden können.

»Was macht dieser Nigger hier?« sagte Sambo, sich Tom nähernd, nachdem

Mr. Skeggs das Zimmer verlassen hatte. Sambo war ganz schwarz, groß,

sehr lebendig, gesprächig, und voll von Possen und Grimassen.

»Was machst Du hier?« sagte Sambo, zu Tom herankommend, und ihn

scherzhaft in die Seite stoßend: -- »nachdenken, he?«

»Ich soll morgen verkauft werden, -- auf der Auktion,« entgegnete Tom

ruhig.

»Verkauft -- auf Auktion, -- ho! ho! Jungens, ist das nicht ein Spaß?

Wollte, ich ginge selbst den Weg! -- sage Euch, wollt' ich sie nicht

lachen machen? Aber wie, -- die ganze Sippschaft hier soll morgen

verkauft werden?« sagte Sambo, seinen Arm vertraulich auf Adolphs

Schulter legend.

»Ich bitte, mich in Frieden zu lassen,« sagte Adolph grimmig, und sich

mit dem Ausdruck des äußersten Abscheu's in die Höhe richtend.

»Ho, ho! Jungens, dieser hier ist einer von den weißen Niggers, -- so

'ne Art Käsefarbe, riecht gut!« sagte er, sich Adolph nähernd und

schniffelnd. »Herr! der 's gut für 'nen Tabacksladen!«

»Laß mich in Frieden! -- verstehst Du?« rief Adolph wüthend.

»Sieh' Einer! wie empfindlich wir sind, -- wir weißen Nigger! Sieh' uns

nur an!« sagte Sambo, indem er Adolphs Manieren nachzuäffen suchte; --

»wie graziös! wir sind in sehr guter Familie gewesen, -- vermuthe!«

»Ja,« entgegnete Adolph, »ich hatte einen Master, der Euch alle für

alten Plunder hätte kaufen können.«

»Nun sieh' Einer,« entgegnete Sambo, »was für ein Herr wir sind!«

»Ich gehörte der Familie St. Clare,« sagte Adolph stolz.

»Wirklich? na, ich will mich hängen lassen, wenn's nicht ein Glück für

sie ist, daß sie Dich los werden. Sie verkaufen Dich wohl mit den alten

zerbrochenen Theekannen und solcher Waare!« sagte Sambo grinsend.

Adolph, durch diesen Hohn rasend gemacht, flog wüthend auf seinen

Gegner zu, und fluchte und schlug auf ihn los von allen Seiten. Die

Uebrigen schrieen und lachten, und der allgemeine Lärm rief endlich den

Aufseher herbei.

»Was gibt's hier, Jungens? Ruhe -- Ruhe!« rief er eintretend, und eine

lange Peitsche schwingend.

Alle entflohen nach verschiedenen Richtungen, ausgenommen Sambo,

welcher, im Vertrauen auf die Gunst des Aufsehers, deren er sich bisher

als privilegirter Spaßmacher erfreut hatte, stehen blieb, und seinen

Kopf mit komischem Grinsen versteckte, sobald der Master einen Angriff

auf ihn machte.

»O, Master, wir sind's nicht, -- wir sind ganz ordentlich, -- hier,

diese Neuen sind's; -- ^die^ lassen uns nicht zufrieden, -- haben uns

zum Besten immer zu!«

Der Aufseher wandte sich hierauf gegen Tom und Adolph, theilte einige

Stöße und Püffe ohne viel Untersuchung aus, und verließ sodann wieder

das Zimmer, nachdem er zuvor allgemeine Befehle für Alle, sich ruhig zu

verhalten und zum Schlafen niederzulegen, zurückgelassen hatte.

Während diese Scene im Schlafzimmer der Männer spielte, ist der Leser

vielleicht nicht abgeneigt, einen Blick in das dem weiblichen Personale

angewiesene, ähnliche Gemach zu thun. Ausgestreckt auf dem Erdboden in

den verschiedenartigsten Stellungen kann er hier zahllose Gestalten, von

jeder Hautfarbe, vom schwärzesten Ebenholz bis zum reinsten Weiß, und

von jedem Alter, vom Kindes- bis zum Greisenalter, schlafen sehen. Hier

liegt ein schönes, liebliches Mädchen von zehn Jahren, dessen Mutter

gestern verkauft wurde, und welches sich diese Nacht selbst in den

Schlaf weinte, während Niemand darauf achtete. Hier befindet sich eine

alte Negerin, deren dünne Arme und knöcherige Finger von schwerer Arbeit

erzählen, und die am morgenden Tage als ein abgenutzter Artikel

losgeschlagen werden soll; und um sie her liegen vierzig bis fünfzig

Andere ausgestreckt, deren Köpfe in Bettdecken oder Theile ihrer

Kleidungsstücke gewickelt sind. Allein in der Ecke, abgesondert von den

Uebrigen, sitzen zwei Frauenzimmer, deren Aeußeres mehr Interesse als

gewöhnlich erweckt. Die Eine derselben ist eine anständig gekleidete

Mulattin zwischen vierzig und fünfzig Jahren, mit sanften Augen und

weichen, einnehmenden Zügen. Sie trägt auf dem Kopfe einen hohen, aus

rothseidenen Madrastüchern gewundenen Turban, und ihre Kleidung ist von

feinem Stoffe und sauberer Arbeit, was als Beweis gilt, daß sie einer

sorgsamen Hand bisher angehört hat. An ihrer Seite, dicht an sie

gedrückt, sitzt ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, -- ihre Tochter.

Sie ist eine Quadroon, wie ihre hellere Gesichtsfarbe andeutet, obgleich

ihre Aehnlichkeit mit der Mutter unverkennbar ist. Sie hat dasselbe

sanfte, dunkle Auge, nur mit längeren Wimpern, und ihr üppiges, lockiges

Haar ist von glänzendem Braun. Ihre Kleidung ist ebenfalls von der

größten Sauberkeit, und ihre zarten, weißen Hände verrathen wenig

Bekanntschaft mit niedriger Arbeit. Diese Beiden sollen am morgenden

Tage zugleich mit den St. Clare'schen Leuten verkauft werden; und der

Herr, dem sie gehören, und dem das für sie gelöste Geld zugeschickt

werden soll, ist Mitglied einer christlichen Kirche in New-York, welcher

das Geld in Empfang nehmen, und nachher zum Sakramente seines und ihres

Herrn gehen und nicht weiter an sie denken wird.

Diese beiden Frauenzimmer, welche wir Susan und Emmeline nennen wollen,

waren Dienerinnen einer liebenswürdigen und frommen Dame in New-Orleans

gewesen, von der sie mit Sorgfalt und in Frömmigkeit erzogen und

unterrichtet worden waren. Sie hatten lesen und schreiben, und die

Wahrheiten der Religion erkennen gelernt, und ihr Loos war im

Allgemeinen ein so glückliches gewesen, als es unter ihren Verhältnissen

überhaupt möglich war. Allein der einzige Sohn ihrer Beschützerin,

welcher die Verwaltung ihres ganzen Eigenthums hatte, versank durch

Nachlässigkeit oder Verschwendung in eine tiefe Schuldenlast und

fallirte endlich. Einer der bedeutendsten Creditoren war die sehr

achtbare Firma _B. et Cie._ in New-York. Dieselbe schrieb an ihren

Anwalt in New-Orleans, welcher das vorhandene Vermögen mit Arrest

belegte (dessen werthvollster Theil in diesen beiden Frauenzimmern und

einer Anzahl Feldsklaven bestand), und der Letztere erstattete Bericht

an die Firma. Bruder _B._, der, wie gesagt, ein christlicher Mann und

ein Bewohner eines Freistaates war, fühlte einige Unbehaglichkeit über

diesen Gegenstand. Er wollte natürlich nicht gern mit Sklaven und

menschlichen Seelen handeln; allein es handelte sich um dreißig tausend

Dollars in diesem Falle, und dies war eine etwas zu große Summe, um sie

einem Principe zu opfern; und so schrieb endlich Bruder _B._ nach

langer Ueberlegung und nach Einholung von Rath bei Denjenigen, deren

Rath, wie er wußte, ihm zusagen werde, an seinen Anwalt, daß er den

Aktivbestand auf die zweckmäßigste Weise verwerthen und den Erlös an ihn

einsenden möge.

Am Tage nach Eingang dieses Briefes wurden Susan und Emmeline mit Arrest

belegt, und an den Sklavendepot abgeliefert, um dort die am nächsten

Morgen stattfindende allgemeine Versteigerung zu erwarten; und während

sie jetzt dort schwach im Mondlichte schimmern, welches sich durch die

vergitterten Fenster stiehlt, können wir ihrer Unterhaltung lauschen.

Beide weinen, aber Jede leise und im Stillen, damit die Andere es nicht

höre.

»Mutter, lege Deinen Kopf in meinen Schooß, und versuche, ob Du nicht

ein wenig schlafen kannst,« sagte das junge Mädchen, während es sich

Mühe gab, ruhig zu erscheinen.

»Ich habe kein Herz zu schlafen, Em; ich kann nicht; -- es ist

vielleicht die letzte Nacht, daß wir bei einander sind!«

»O Mutter, sage das nicht! vielleicht werden wir zusammen verkauft, --

wer weiß!«

»Wenn jemand anderes sich in diesem Falle befände, so würde ich das auch

sagen, Em,« entgegnete die Mutter, »aber ich habe so große Angst, Dich

zu verlieren, daß ich nichts als die Gefahr sehe.«

»Aber Mutter, der Mann sagte doch, daß wir beide gut aussähen, und gut

verkauft werden würden.«

Susan erinnerte sich der Blicke und Worte des Mannes. Mit innerem Beben

gedachte sie, wie er Emmelinens Hände betrachtet, und ihre Locken

aufgehoben, und sie für einen Artikel erster Klasse erklärt hatte. Susan

war auf christlichem Wege erzogen, und an ein tägliches Lesen der Bibel

gewöhnt worden, und hegte deshalb denselben Abscheu davor, ihr Kind zu

einem Leben der Schande verkauft zu sehen, wie jede andre christliche

Mutter; aber sie hatte keine Hoffnung -- keinen Schutz für sie.

»Mutter, ich denke, wir könnten uns recht wohl befinden, wenn Du eine

Stelle als Köchin, und ich als Stubenmädchen oder Näherin in irgend

einer Familie bekämest. Ich hoffe es. Laß uns beide so heiter aussehen

wie wir können, und Alles sagen, was wir verstehen; vielleicht bekommen

wir dann solche Stellen,« sagte Emmeline.

»Du mußt morgen Dein ganzes Haar glatt nach hinten kämmen,« sagte Susan.

»Weshalb, Mutter? ich sehe dann bei weitem nicht so gut aus.«

»Ja, aber Du wirst so besser verkauft werden.«

»Ich sehe nicht ein, weshalb!« sagte das Kind.

»Anständige Familien werden Dich eher kaufen, wenn Du einfach und

sittsam aussiehst, und Dich nicht hübsch machen willst. Ich kenne ihre

Art und Weise besser als Du,« sagte Susan.

»Gut, Mutter, dann will ich es thun.«

»Und wenn wir uns von morgen an nie wieder sehen sollten, Emmeline, --

wenn ich nach irgend einer Plantage verkauft werden sollte, und Du

anderswohin, -- so denke immer daran, wie Du erzogen worden bist, und

was Missis Dir gesagt hat. Nimm' Deine Bibel und Dein Gesangbuch mit

Dir, und sei Gott getreu, so wird er Dir getreu sein.«

So spricht die arme Seele in schmerzlicher Muthlosigkeit, denn sie weiß,

daß am folgenden Tage jeder Mensch, so gemein und roh, so gottlos und

unbarmherzig er auch immer sein möge, Herr ihrer Tochter an Leib und

Seele werden kann, sobald er das nöthige Geld für sie zu erlegen im

Stande ist; und wie soll das Kind dann seinem Gott getreu bleiben? Sie

denkt an alles dies, während sie ihre Tochter im Arme hält, und wünscht,

daß diese weniger hübsch und anziehend sein möchte. Sie hat keine andre

Zuflucht als zum Gebete; und viele solcher Gebete sind von diesen

saubern, reinlichen Sklavengefängnissen zu Gott emporgestiegen, --

Gebete, die Gott nicht vergessen hat, wie sich an einem Tage, der noch

kommen soll, zeigen wird; denn es steht geschrieben: »Wer aber ärgert

dieser Geringsten Einen, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen

Hals gehänget würde, und er ersäufet würde im Meere da es am tiefsten

ist.«

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 9 / 22 段