nie Zeit zu allgemeinen Betrachtungen, Cousine; Du stellst mich immer
dicht vor die wirkliche Gegenwart; Du hast eine Art von ewigem ^Jetzt^
fortwährend im Geiste.«
»^Jetzt^ ist auch die einzige Zeit, mit der ich etwas zu thun habe,«
sagte Miß Ophelia.
»Meine theure, kleine Eva, -- armes Kind!« sagte St. Clare, »sie
gedachte in ihrer kleinen schlichten Seele ein gutes Werk für mich zu
thun.«
Es war das erste Mal seit Eva's Tode, daß er so viele Worte über sie
geäußert hatte, und er unterdrückte jetzt augenscheinlich, während er
sprach, sehr heftige Empfindungen.
»Meine Ansicht vom Christenthume ist eine solche,« fuhr er fort, »daß
ich der Meinung bin, kein Mensch kann sich consequenter Weise dazu
bekennen, ohne sich mit aller Macht diesem abscheulichen Systeme von
Ungerechtigkeit entgegen zu werfen, welches allen unsern
gesellschaftlichen Zuständen zu Grunde liegt, und im Falle der Noth sich
selbst im Kampfe dagegen zu opfern. Ich will damit sagen, daß ich selbst
mich unter keinen andern Bedingungen einen Christen nennen könnte,
obgleich ich mit vielen erleuchteten und christlichen Leuten Umgang
gehabt habe, die es nicht gethan haben; und ich bekenne, daß die
Gleichgültigkeit religiöser Leute über diesen Punkt, ihr Mangel an
Empfänglichkeit für das Unrecht, welches mich mit Abscheu erfüllte, mehr
dazu beigetragen haben, Unglauben in mir zu erwecken, als irgend ein
anderer Umstand.«
»Wenn Du alles dieß wußtest,« sagte Miß Ophelia, »warum hast Du es nicht
gethan?«
»O, weil ich nur diejenige Art von Wohlwollen besitze, welche darin
besteht, daß ich auf dem Sopha liege und die Kirche und alle Geistlichen
verdamme, weil sie nicht Märtyrer und Bekenner in diesem Sinne sind. Man
kann natürlich sehr leicht sehen, wie Andere Märtyrer sein sollten.«
»Wohl, willst Du von nun an anders handeln?« fragte Miß Ophelia.
»Gott allein kennt die Zukunft,« entgegnete St. Clare. »Ich bin besser
als ich war, weil ich Alles verloren habe; und der, welcher nichts mehr
zu verlieren hat, kann sich leicht allen Gefahren aussetzen.«
»Und was willst Du jetzt thun?«
»Meine Pflicht, hoffe ich, gegen die Armen und Niedrigen, so weit ich
sie erkennen kann,« sagte St. Clare, »und ich will mit meinen eignen
Sklaven anfangen, für die ich bis jetzt nichts gethan habe; und zu einem
späteren Zeitpunkte kann es sich vielleicht zeigen, daß ich etwas für
eine ganze Klasse thun kann, -- etwas, um mein Vaterland von der Schande
jener unrichtigen Stellung zu befreien, in der es jetzt vor allen
civilisirten Nationen steht.«
»Hältst Du es für möglich, daß eine Nation jemals von freien Stücken
emancipiren werde?« sagte Miß Ophelia.
»Ich weiß nicht,« entgegnete St. Clare. »Es ist jetzt eine Zeit großer
Handlungen. Heroismus und Uneigennützigkeit erheben sich hier und dort
auf der Erde. Der ungarische Adel hat mit einem ungeheuren Geldverluste
Millionen von Sklaven freigelassen; und vielleicht finden sich auch
unter uns edelmüthige Seelen, die Ehre und Gerechtigkeit nicht nach
Dollarn und Cents abschätzen.«
»Ich glaube kaum,« bemerkte Miß Ophelia.
»Aber angenommen, wir erhöben uns morgen und emancipirten, -- wer würde
diese Millionen erziehen, und ihnen lehren ihre Freiheit richtig zu
gebrauchen? Wir selbst sind zu träge und unpraktisch, um ihnen eine Idee
von der Industrie und Energie beizubringen, welche erforderlich sind, um
sie zu Menschen zu machen. Sie werden nach Norden gehen müssen, wo
Arbeit an der Tagesordnung, allgemeine Sitte ist; und sage mir nun,
herrscht in Euren nordischen Staaten genug christliche Menschenliebe, um
den Prozeß ihrer Erziehung und Heranbildung zu unternehmen? Ihr sendet
Tausende von Dollarn nach fernen Missionen, aber würdet Ihr erlauben,
daß die Heiden in Eure eignen Städte und Dörfer gesendet würden, und
Eure Zeit, Ueberlegung und Geld daran wenden, um sie nach christlichen
Principien zu bilden? Das ist's, was ich gerne wissen möchte! Wenn wir
emancipiren, seid Ihr dann bereit zu erziehen? Wie viele Familien in
Eurer Stadt würden wohl einen Neger oder eine Negerin in ihr Haus
nehmen, sie unterrichten, und zu Christen machen? Wie viele Kaufleute
würden sich wohl bereit finden lassen, den Adolph aufzunehmen, wenn ich
einen Commis aus ihm machen, -- oder Handwerker, wenn ich ihn ein
Handwerk lernen lassen wollte? Wenn ich die Absicht hätte, Rosa und Jane
in eine Schule zu bringen, wie viele Schulen würden sich in den
nördlichen Staaten wohl finden, die sie annähmen, wie viele Familien,
die sie in Kost zu nehmen bereit wären? Und dennoch sind sie so weiß wie
irgend ein Frauenzimmer im Norden oder Süden. Du siehst, Cousine, ich
will nur, daß man uns Gerechtigkeit widerfahren lasse. Wir befinden uns
in einer bösen Lage. Wir sind die mehr sichtbaren Bedrücker der Neger,
aber das unchristliche Vorurtheil des Nordens ist ein eben so harter
Tyrann.«
»Ich weiß, es ist so, Cousin,« entgegnete Miß Ophelia, -- »ich weiß, es
war mir selbst so, bis ich es für meine Pflicht hielt, das Gefühl zu
unterdrücken; aber ich hoffe, ich habe es unterdrückt, und ich weiß, daß
es im Norden viele gute Menschen gibt, die über diesen Gegenstand nur
belehrt zu werden brauchen, um ihre Pflicht zu erkennen und zu erfüllen.
Es würde jedenfalls eine größere Selbstverläugnung sein, Heiden unter
uns aufzunehmen, als ihnen Missionäre zuzusenden; aber ich glaube, wir
würden es thun.«
»^Du^ würdest es thun, das weiß ich!« sagte St. Clare. »Ich möchte
wissen, was Du nicht thun würdest, sobald Du es für Deine Pflicht
hieltest!«
»Ich bin nicht so außerordentlich gut,« entgegnete Miß Ophelia. »Andere
würden es eben so wohl thun, wenn sie die Sachen so ansähen wie ich.
Wenn ich nach Hause reise, soll Topsy mit mir gehen. Ich glaube gern,
unsere Leute werden sich anfangs wundern; aber sie werden bald dahin
gelangen, die Sache eben so zu betrachten wie ich. Ueberdieß weiß ich,
daß es Viele im Norden gibt, die grade das thun, was Du sagst.«
»Ja, aber es ist nur die Minorität; und wenn wir jemals anfangen
sollten, zu emancipiren, so würden wir bald von Dir hören.«
Miß Ophelia antwortete nicht. Es herrschte einige Augenblicke lang eine
Pause, und St. Clare's Gesicht hatte einen melancholischen,
träumerischen Ausdruck angenommen.
»Ich weiß nicht, was mich heut Abend so unaufhörlich an meine Mutter
erinnert,« sagte er. »Ich habe ein sonderbares Gefühl, als ob sie mir
nahe wäre; und ich denke fortwährend an Dinge, die sie mir gesagt hat.
Woher kommt es nur, daß zuweilen vergangene Zeiten so lebhaft vor unsere
Erinnerung geführt werden?«
Mehrere Minuten lang schritt St. Clare im Zimmer auf und ab, und sagte
dann:
»Ich will einige Augenblicke die Straße hinauf gehen, und hören, was für
Neuigkeiten es gibt.«
Er nahm seinen Hut und ging hinaus.
Tom folgte ihm bis in den Hof, und fragte ihn, ob er ihn begleiten
solle?
»Nein, mein Junge,« sagte St. Clare, »in einer Stunde bin ich wieder zu
Hause.«
Tom setzte sich in der Veranda nieder. Es war ein schöner, mondheller
Abend. Er betrachtete das Steigen und Fallen des Springbrunnens, horchte
seinem Plätschern und dachte an seine Heimath, und daß er nun bald ein
freier Mensch sein werde, und nach Belieben dahin zurückkehren könne. Er
dachte daran, wie er arbeiten werde, um seine Frau und seine Kinder
loskaufen zu können; er befühlte mit einer Art Freude die Muskeln seiner
sehnigen Arme, und dachte, daß diese ihm nun bald selbst gehören würden,
und wie viel sie für die Freiheit seiner Familie würden arbeiten können.
Dann dachte er an seinen edlen jungen Herrn, und als unmittelbare Folge
davon sprach er das gewohnte Gebet für ihn; und dann wendeten sich seine
Gedanken der schönen, kleinen Eva zu, die er jetzt unter den Engeln
vermuthete; und dachte daran so lange, bis es ihm beinahe vorkam, als ob
der goldene Kopf mit dem klaren Gesichtchen aus dem Schaume des
Springbrunnens auf ihn nieder blicke. Und so sinnend schlief er ein, und
träumte, er sehe sie, nach ihrer gewohnten Weise, zu sich gesprungen
kommen, mit einem Jasminkranz im Haare, glänzende Wangen und vor Freude
strahlenden Augen. Aber während er sie betrachtete, schien sie aus der
Erde aufzusteigen; ihre Wangen waren bleicher, -- aus ihren Augen
leuchtete ein tiefer, göttlicher Strahl, ihren Kopf umgab ein goldener
Heiligenschein, -- und sie verschwand vor seinen Augen; und in
demselben Augenblick wurde Tom durch ein lautes Pochen und den Klang
vieler Stimmen aus seinen Träumen erweckt.
Er beeilte sich, das Thor zu öffnen, worauf mehrere Männer mit
gedämpften Stimmen und schwerem Tritte eintraten, welche einen, durch
ein schwarzes Tuch bedeckten und auf einer Bahre liegenden Körper
trugen. Das Lampenlicht fiel auf das Gesicht desselben, und Tom stieß
einen wilden, gellenden Schrei des Schreckens aus, der durch alle
Gallerien scholl, während die Männer mit ihrer Bürde sich dem offenen
Wohnzimmer näherten, wo Miß Ophelia mit Stricken beschäftigt saß.
St. Clare war in ein Caffehaus getreten, um die Abendzeitung zu lesen.
Während er damit beschäftigt war, hatte sich zwischen zwei etwas
berauschten Herrn im Zimmer ein Streit erhoben. St. Clare mit einigen
andern der Anwesenden versuchte sie zu trennen, und empfing dabei einen
Stich mit einem Jagdmesser, welches er einem der Streitenden zu
entringen bemüht war.
Das Haus füllte sich mit Geschrei, Klagen und Lamentationen; und die
Dienstboten rauften sich ihr Haar, und warfen sich auf den Boden nieder
oder rannten wie wahnsinnig umher. Tom und Miß Ophelia allein schienen
etwas Geistesgegenwart bewahrt zu haben, denn Marie lag in heftigen
hysterischen Krämpfen. Auf Miß Opheliens Anordnung wurde eins der
Kanapees im Zimmer zu einem Bettlager umgeschaffen, und die blutende
Gestalt darauf gelegt. St. Clare war durch Schmerz und Blutverlust
ohnmächtig geworden; allein, als Miß Ophelia Wiederbelebungsmittel
anwandte, kam er wieder zu sich, schlug die Augen auf, und schaute sich
aufmerksam im Zimmer um, während seine Blicke sinnend von einem
Gegenstande zum andern wanderten, und endlich am Bilde seiner Mutter
hängen blieben.
Der Arzt kam jetzt, und nahm seine Untersuchung vor. Es war in seinem
Gesichte deutlich zu lesen, daß keine Hoffnung vorhanden sei; allein er
begann die Wunde zu verbinden, und er fuhr mit dieser Arbeit, unter Miß
Opheliens und Tom's Beihülfe, ruhig fort, während die erschreckten
Dienstboten sich schluchzend und schreiend um die Fenster und Thüren der
Veranda drängten.
»Jetzt,« sagte der Arzt, »müssen wir alle diese Geschöpfe entfernen,
denn Alles hängt von der äußersten Ruhe ab.«
St. Clare öffnete seine Augen und blickte starr auf die trostlosen
Wesen, welche Miß Ophelia und der Arzt aus dem Zimmer zu entfernen
bemüht waren. »Arme Geschöpfe!« sagte er, mit dem Ausdrucke bitteren
Vorwurfes gegen sich selbst. Adolph verweigerte positiv zu gehen. Der
Schrecken hatte ihm alle Besinnung geraubt; er warf sich auf den
Erdboden, und nichts konnte ihn vermögen, wieder aufzustehen. Die
Uebrigen gaben Miß Opheliens dringenden Vorstellungen nach, daß das
Leben ihres Herrn von ihrer Ruhe und ihrem Gehorsam abhänge.
St. Clare konnte nur wenig sagen; er lag mit geschlossenen Augen da,
aber kämpfte augenscheinlich mit bitteren Gedanken. Nach einer Weile
legte er seine Hand auf die Tom's, der an seiner Seite kniete, und
sagte: »Tom! armer Mensch!«
»Was, Master?« sagte Tom mit innigem Tone.
»Ich sterbe!« entgegnete St. Clare, seine Hand drückend, -- »bete!«
»Verlangen Sie vielleicht nach einem Geistlichen?« sagte der Arzt.
St. Clare schüttelte unruhig mit dem Kopfe und wiederholte in noch
dringenderem Tone zu Tom gewendet: »bete!«
Und Tom begann zu beten, aus vollem Herzen, für die Seele, die im
Begriff war zu scheiden, -- die Seele, die so ruhig und so traurig aus
den großen, melancholischen, blauen Augen blickte. Es war im
eigentlichsten Sinne des Wortes »ein Gebet unter Schreien und Thränen.«
Als Tom aufgehört hatte, ergriff St. Clare seine Hand, und blickte ihn
wehmüthig an, aber sagte nichts. Er schloß seine Augen, aber hielt seine
Hand fest, denn vor den Thoren der Ewigkeit ruhen die schwarze und die
weiße Hand mit gleich warmem Drucke in einander. Er murmelte leise und
mit Unterbrechungen vor sich hin:
_»Recordare Jesu pie --
* * * * *
Ne me perdas -- illa die
Quaerens me -- sedisti lassus.«_
Es war deutlich erkennbar, daß die Worte, welche er am Nachmittage
gesungen hatte, seinem Geiste vorschwebten, -- Worte der Bitte an eine
unendliche Barmherzigkeit gerichtet. Seine Lippen bewegten sich mit
Unterbrechungen, während Bruchstücke der Hymne von seinen Lippen
flossen.
»Sein Geist irrt umher,« sagte der Arzt.
»Nein, er geht endlich ^heim^!« sagte St. Clare mit Nachdruck;
»endlich! endlich!«
Die Anstrengungen, die er machte, um zu sprechen, erschöpften ihn.
Allmählig überzog Todesblässe sein Gesicht; aber mit ihr nahmen seine
schönen Züge einen sanften Ausdruck des Friedens an, wie den eines müden
Kindes, welches einschlafen will.
So lag er einige Augenblicke. Die Umstehenden sahen, daß die mächtige
Hand ihn bereits berührt habe. Kurz zuvor, ehe sein Geist entfloh,
öffnete er seine Augen mit einem Glanze, aus dem die Freude der
Wiedererkennung strahlte, und mit dem Ausrufe: »Mutter!« verschied er.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Die Schutzlosen.
Wir hören oft von dem unglücklichen Zustande der Negersklaven beim
Verluste eines guten Herrn, und nicht ohne Grund, denn kein Wesen auf
Gottes Erde ist schutzloser und verlassener, als ein Sklave unter
solchen Umständen.
Das Kind, welches einen Vater verloren hat, genießt noch den Schutz der
Verwandten und des Gesetzes; es ist Etwas, und kann Etwas thun, -- hat
eine anerkannte Stellung und Rechte; der Sklave hat keine. Das Gesetz
sieht ihn in jeder Beziehung als so rechtlos an wie einen Ballen Waare.
Die einzig mögliche Anerkennung seiner Wünsche und Bedürfnisse, als
eines menschlichen und unsterblichen Wesens, welche ihm werden kann, muß
durch den souveränen und unverantwortlichen Willen seines Herrn
erfolgen. Die Zahl derjenigen Menschen, welche eine ohne jede
Verantwortlichkeit verliehene Gewalt mit Menschlichkeit und Edelmuth
auszuüben verstehen, ist nur klein. Jedermann weiß das, und der Sklave
weiß es am besten, daß er eher zehn grausame und tyrannische Herren, als
einen milden und gütigen findet. Deßhalb ist die Klage um einen
menschenfreundlichen Herrn so laut und so anhaltend, wie es nicht anders
sein kann.
Als St. Clare verschieden war, hatten Schrecken und Bestürzung das ganze
Hausgesinde ergriffen. Er hatte seinen Tod so plötzlich, in der Blüthe
der Kraft und Jugend gefunden. Jedes Zimmer und jede Gallerie des
Hauses widerhallte von Schluchzen und Geschrei.
Marie, deren reizbares Nervensystem durch eine fortwährende
Verweichlichung gänzlich geschwächt worden war, hatte nichts mehr, um
einen so plötzlichen Schlag ertragen zu können, und verfiel, während ihr
Gatte seinen Geist aufgab, von einer Ohnmacht in die andere, so daß er
aus diesem Leben schied, ohne derjenigen, die mit ihm durch das enge
Band der Ehe verbunden war, auch nur ein Abschiedswort sagen zu können.
Miß Ophelia war mit der ihr eigenthümlichen Stärke und
Selbstbeherrschung bis zum letzten Augenblicke bei ihrem
Blutsverwandten geblieben, -- ganz Auge, ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit,
hatte sie Alles gethan, was geschehen konnte, und hatte von ganzem
Herzen in das weiche, inbrünstige Gebet mit eingestimmt, welches der
arme Sklave für die Seele seines sterbenden Herrn zum Himmel gerichtet
hatte.
Als man ihn zu seiner letzten Ruhe vorbereitete, wurde auf seiner Brust
ein Miniaturgemälde in einem kleinen, einfachen Futterale gefunden,
welches sich mittelst einer Feder öffnete. Es war das Portrait eines
edlen und schönen weiblichen Gesichtes, und auf der Rückseite befand
sich unter einem Krystallglase eine Locke dunklen Haares. Man legte
Beides zurück auf seine kalte Brust, -- Staub zu Staub, -- traurige
Ueberreste jugendlicher Träume, die einst dieses kalte Herz so warm
schlagen ließen!
Tom's ganze Seele war mit Gedanken an die Ewigkeit erfüllt; und während
er um die sterblichen Ueberreste seines Herrn beschäftigt war, dachte er
nicht einen Augenblick daran, daß dieser plötzliche Schlag ihn
hoffnungsloser Sklaverei überwiesen habe. Er war beruhigt über seinen
Herrn; denn in jener Stunde, wo das inbrünstige Gebet zum Vater seinen
Lippen entströmt war, hatte er als Antwort darauf das Gefühl einer
ruhigen Zuversicht in seiner Brust empfunden. In den Tiefen seines
eigenen gefühlvollen Gemüths fühlte er sich fähig, Spuren von der Fülle
der göttlichen Liebe zu entdecken; denn ein alter Spruch sagt: »Wer in
der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm.« Tom hoffte,
und vertraute, und war ruhig.
Das Begräbniß ging vorüber mit allem Prunke von schwarzem Krepp, Gebeten
und feierlichen Gesichtern; und die kalten, trüben Wellen des täglichen
Lebens rollten zurück, und die ewige, harte Frage drängte sich auf: »Was
soll nun geschehen?« Sie drängte sich dem Geiste Mariens auf, als sie in
leichten Morgengewändern, umgeben von angstvollen Dienstboten, in einem
bequemen Armstuhle saß, und verschiedene Muster von Krepp und Bombasin
untersuchte. Sie drängte sich Miß Ophelien auf, welche begann, ihre
Gedanken ihrer nördlichen Heimath zuzuwenden; und sie drängte sich mit
geheimen Schrecken den Geistern der Sklaven auf, welche den gefühllosen,
tyrannischen Charakter ihrer Mistreß, in deren Händen sie jetzt allein
waren, kannten. Alle wußten sehr wohl, daß die Nachsicht, deren sie sich
bisher erfreut hatten, nicht von ihrer Mistreß, sondern nur von ihrem
Herrn ausgegangen war, und daß von nun an, wo er todt war, kein Schutz
und Schirm mehr zwischen ihnen und jeder tyrannischen Maßregel vorhanden
sei, welche ein durch Leiden verbittertes Gemüth ersinnen konnte.
Es war ungefähr vierzehn Tage nach dem Leichenbegängniß, daß Ophelia
eines Tages, als sie in ihrem Zimmer beschäftigt war, ein leises Klopfen
an ihre Thür hörte. Sie öffnete, und vor ihr stand Rosa, die niedliche,
kleine Mulattin, deren wir schon früher öfters erwähnt haben, mit
verstörten Haaren und verweinten Augen.
»O, Miß Feely!« rief sie, auf ihre Kniee fallend, und den Saum von
Opheliens Kleide fassend, -- »bitte, bitte, gehen Sie zu Miß Marien für
mich! und bitten Sie für mich! Sie will mich fortschicken, um
gepeitscht zu werden, -- sehen Sie hier!« Und sie händigte Miß Ophelien
ein Papier ein.
Es war ein Befehl, welcher in Mariens zarter, italienischer Hand an den
Vorsteher des Stockhauses geschrieben war, und den Auftrag enthielt, der
Ueberbringerin fünfzehn Hiebe zu ertheilen.
»Was hast Du gethan?« fragte Miß Ophelia.
»Sie wissen, Miß Feely, ich habe ein so hitziges Temperament; -- es ist
recht häßlich von mir. Ich paßte Mistreß Marien ein Kleid an, und sie
schlug mir ins Gesicht, und ich sprach, ehe ich dachte, und war
ungezogen; und da sagte sie, sie wolle mich herunterbringen, und ich
solle ein für allemal wissen, daß ich nicht mehr so verwegen sein dürfe,
wie ich immer gewesen wäre; und sie schrieb dies und sagte, ich solle es
hintragen. Ich wollte lieber, sie brächte mich auf der Stelle um.«
Miß Ophelia überlegte, mit dem Papier in der Hand.
»Sehen Sie, Miß Feely,« sagte Rosa, »ich würde nicht so viel nach den
Hieben fragen, wenn Miß Marie oder Sie sie mir gäben; aber, an einen
^Mann^ geschickt zu werden! -- und solchen schrecklichen Mann, o, die
Schande, Miß Feely!«
Miß Ophelia wußte recht wohl, daß es allgemeine Sitte war, Frauen und
junge Mädchen nach den Stockhäusern zu schicken und sie dort den Händen
der niedrigsten Menschen zu übergeben, -- Menschen, die roh genug waren,
dies zu ihrem Geschäfte zu machen, -- um dort gepeitscht und der
schamlosesten Bloßstellung preisgegeben zu werden. Sie wußte dies, aber
hatte sich bisher nie selbst davon überzeugt, bis sie die zarte Gestalt
Rosa's jetzt in fast krampfhaftem Schmerze vor sich stehen und beben
sah. Alles Gefühl von Weiblichkeit, das in Neu-England so kräftige
Gefühl für Freiheit röthete ihre Wangen und ließ ihr Herz im höchsten
Unwillen heftiger schlagen; allein, mit gewohnter Klugheit und
Selbstbeherrschung unterdrückte sie ihr Gefühl, und sagte nur, während
sie das Papier in ihrer Hand zerdrückte, zu Rosa:
»Setze Dich hier, Kind, während ich zu Deiner Mistreß gehe.«
»Schändlich! abscheulich!« sagte sie zu sich selbst, während sie durch
das Zimmer ging.
Sie fand Marien in ihrem Armstuhle sitzend, und Mammy neben ihr stehend
und beschäftigt, ihr Haar zu kämmen, während Jane am Boden saß, zu ihren
Füßen, und diese zu wärmen bemüht war.
»Wie befinden Sie sich heut?« sagte Miß Ophelia.
Ein tiefer Seufzer, wobei sie ihre Augen schloß, war Marien's einzige
Antwort im ersten Augenblicke; dann fuhr sie fort: »O, ich weiß nicht,
Cousine; ich glaube, ich befinde mich so wohl, wie ich überhaupt sein
kann!« wobei sie ihre Augen mit einem weißen Taschentuch trocknete,
welches eine zollbreite, schwarze Einfassung hatte.
»Ich kam,« sagte Miß Ophelia mit einem kurzen, trockenen Husten, von dem
gewöhnlich die Einführung eines schwierigen Gegenstandes begleitet wird,
-- »ich kam hierher, um mit Ihnen über die arme Rosa zu sprechen.«
Bei diesen Worten öffneten sich Marien's Augen weit genug, und ihre
bleichen Wangen rötheten sich, während sie mit scharfer Stimme
antwortete:
»Nun, was ist's mit ihr?«
»Sie bereut ihren Fehler sehr.«
»Wirklich? Sie wird ihn wahrscheinlich noch mehr bereuen, ehe ich mit
ihr ganz fertig bin! Ich habe die Unverschämtheit dieses Kindes lange
genug ertragen, und will sie jetzt demüthig machen, -- sie soll mir im
Staube liegen!«
»Aber könnten Sie sie nicht auf irgend eine andere Weise bestrafen, --
die weniger die Scham verletzte?«
»Das ist grade meine Absicht; sie soll sich schämen. Sie hat sich ihr
ganzes Leben so viel auf ihre Zartheit zu gut gethan, auf ihr hübsches
Gesicht, und auf ihre feinen Manieren, bis sie endlich ganz vergessen
hat, wer und was sie eigentlich ist. Ich will ihr jetzt eine Lehre
geben, die sie zur Besinnung bringen wird, wie ich hoffe!«
»Aber, Cousine, bedenken Sie doch, daß wenn Sie in einem jungen Mädchen
das Schamgefühl und Zartgefühl vernichten, Sie sie augenblicklich
gänzlich verderben.«
»Zartgefühl!« sagte Marie mit verächtlichem Lachen, -- »ein schönes Wort
für so Eine, wie sie ist! Ich will ihr, mit allen ihren feinen Manieren,
lehren, daß sie nichts Besseres ist, als das zerlumpteste schwarze
Mensch, das sich auf den Straßen umhertreibt! Sie soll sich mir
gegenüber keine Miene mehr geben!«
»Sie werden Gott Rechenschaft geben müssen über solche Grausamkeit!«
sagte Miß Ophelia mit Nachdruck.
»Grausamkeit, -- ich möchte wissen, wo hier Grausamkeit ist! Ich schrieb
einen Befehl für fünfzehn Hiebe, und bemerkte ausdrücklich, daß sie
leicht gegeben werden sollten. Ich dächte, das wäre keine Grausamkeit!«
»Keine Grausamkeit!« sagte Miß Ophelia. »Ich bin gewiß, daß jedes junge
Mädchen sich lieber geradezu umbringen ließe!«
»So mag es jemanden von Ihrem Gefühle erscheinen, aber alle diese
Geschöpf sind daran gewöhnt; denn es ist der einzige Weg, auf dem sie in
Ordnung gehalten werden können. Erlauben Sie ihnen nur ein einziges Mal
Mienen von Zartgefühl und dergleichen anzunehmen, und Sie haben sie alle
auf dem Halse, grade wie es meine Dienstboten mit mir gemacht haben. Ich
habe jetzt angefangen, sie wieder zur Unterwürfigkeit zu bringen; und
sie sollen mir alle wissen, daß ich jeden, ohne Unterschied, will
auspeitschen lassen, wenn sie sich nicht in Acht nehmen!« sagte Marie,
während sie sich mit einem sehr determinirten Blicke unter den
Anwesenden umsah.