»Würde es nicht Deinen Glauben etwas wankend machen?«
»Nicht im Geringsten,« entgegnete Tom.
»Aber, Tom, Du mußt bedenken, daß ich viel mehr weiß als Du.«
»O Master, haben Sie nicht just jetzt gelesen, »Er hat es den Weisen und
Klugen verborgen, und es den Unmündigen geoffenbaret?« Aber Master war
nicht im Ernste, -- gewiß nicht -- nicht wahr?« sagte Tom ängstlich.
»Nein, Tom, es war nicht mein Ernst. Ich verwerfe den Glauben nicht, und
dennoch kann ich nicht selbst glauben. Es ist eine unglückliche, böse
Gewohnheit, Tom, die ich angenommen habe.«
»Wenn Master nur beten wollte!«
»Woher weißt Du, Tom, daß ich es nicht thue?«
»Thut Master es?«
»Ich würde es thun, Tom, wenn Jemand dort wäre, wenn ich bete; aber alle
meine Worte gehen nur in die Leere hinein. Aber komm, Tom, Du sollst
beten, jetzt, und es mir zeigen, wie.«
Tom's Herz war voll. Er ließ es ausströmen in Gebet wie Wasser, die
lange zurückgedrängt worden sind. Eins war klar: Tom glaubte, daß Jemand
da sei, der ihn höre, und St. Clare fühlte sich auf der Fluth seines
Glaubens und Gefühls beinahe bis zu den Pforten des Himmels hinauf
getragen, den Tom so deutlich zu sehen schien; es war ihm, als wenn er
Eva näher gebracht würde.
»Danke Dir, mein Junge,« sagte St. Clare, als Tom aufstand. »Ich höre
Dich gern, Tom, aber jetzt gehe, und verlaß mich; ein anderes Mal wollen
wir mehr mit einander reden.«
Tom verließ schweigend das Zimmer.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Wiedervereinigung.
Woche um Woche floß dahin in St. Clare's Hause, und die Wellen des
Lebens nahmen wieder ihren gewöhnlichen Lauf an, wo jener kleine Nachen
untergegangen war; denn wie gebieterisch, wie kalt, wie gefühllos, wie
gleichgültig bewegt sich nicht das tägliche Leben fort! Wir müssen
essen, trinken, schlafen und wieder erwachen -- wir müssen handeln,
kaufen, verkaufen, fragen und antworten, -- kurz, tausend Schatten
verfolgen, obgleich jedes Interesse in ihnen längst verschwunden ist;
denn die kalte, mechanische Gewohnheit des Lebens bleibt, nachdem jedes
lebendige Interesse längst geflohen ist.
Alle Hoffnungen und jedes Interesse in St. Clares Leben hatten sich ihm
unbewußt um dieses Kind gewunden. Für Eva verwaltete er sein Eigenthum;
mit Rücksicht auf Eva hatte er die Eintheilung seiner Zeit getroffen;
und dies oder das für Eva zu thun, -- zu kaufen, zu verbessern, zu
verändern und anzuordnen, -- war seit so langer Zeit seine Gewohnheit
gewesen, daß es ihm jetzt, wo sie nicht mehr da war, schien, als habe er
an nichts mehr zu denken, nichts mehr zu thun.
Zwar gab es noch ein anderes Leben, -- ein Leben, das, wenn einmal daran
geglaubt wird, als eine so heilige, bedeutungsvolle Ziffer vor den sonst
so bedeutungslosen Zahlen der Zeit steht, daß sie einen geheimnißvollen,
unaussprechlichen Werth dadurch empfangen. St. Clare wußte dies, und
glaubte in mancher müden Stunde die zarte, kindliche Stimme zu hören,
wie sie ihn zu sich rief, und die kleine Hand zu sehen, wie sie ihm den
Lebensweg vorzeichnete; aber es lag ein schwerer, lethargischer Schmerz
auf ihm, er konnte sich nicht erheben. St. Clare hatte nie versucht,
sich durch religiöse Vorschriften leiten zu lassen, denn eine gewisse
Feinheit seiner Natur hat ihm einen Blick in die weite Ausdehnung der
Erfordernisse des Christenthums gegeben, so daß er im Voraus davor
zurückbebte. So inconsequent ist die menschliche Natur, besonders im
Gebiete des Geistigen, daß es ihr besser erscheint, ein Unternehmen
überhaupt gar nicht zu beginnen, als darin nicht ganz erfolgreich zu
sein.
Dennoch war St. Clare in mancher Beziehung ein andrer Mensch geworden.
Er las in der Bibel seiner kleinen Eva ernstlich und aufrichtig; er
dachte mehr und reichlicher über das Verhalten gegen seine Dienstboten
nach, -- eine Betrachtung, die ihn im höchsten Grade unzufrieden mit
seiner bisherigen und gegenwärtigen Verfahrungsweise machte; und er
that, gleich nach seiner Rückkehr nach New-Orleans, die nöthigen
Schritte, um Tom's Freilassung zu bewirken, welche erfolgen sollte,
sobald den nöthigen Formalitäten genügt worden war. Inzwischen schloß er
sich jeden Tag mehr und mehr an Tom an. Nichts in der Welt schien ihn so
sehr an Eva zu erinnern wie Tom; und so verschlossen und unzugänglich er
sonst mit seinen tieferen Gefühlen war, so legte er sich in Tom's
Gegenwart so wenig Zwang an, daß er beinahe laut dachte. Auch würde sich
Niemand darüber gewundert haben, der den Ausdruck von Liebe und
Ergebenheit sah, mit dem Tom seinem jungen Herrn überall folgte.
»Nun, Tom,« sagte St. Clare am Tage, an welchem die gesetzlichen
Förmlichkeiten seiner Freilassung begonnen hatten, -- »ich will Dich
jetzt zu einem freien Menschen machen; -- Du kannst also nur Deinen
Koffer packen, und Dich zur Abreise nach Kentucky vorbereiten.«
Die plötzliche Freude, die in Tom's Gesicht aufleuchtete, während er
seine Hände erhob, und sein Ausruf: »Gesegnet sei der Herr!« kränkten
St. Clare gewissermaßen. Es gefiel ihm nicht, daß Tom so bereitwillig
war, ihn zu verlassen.
»Du hast doch so sehr schlimme Zeit hier nicht gehabt, daß Du in solches
Entzücken darüber gerathen mußt, Tom,« sagte er trocken.
»Nein, nein, Master!, das ist es nicht, -- es ist ›ein freier Mensch
sein.‹ Darüber freue ich mich.«
»Wie, Tom, glaubst Du nicht, daß Du, was Dich allein betrifft, es hier
besser gehabt hast, als wenn Du frei gewesen wärest?«
»Nein, Master St. Clare,« sagte Tom mit aufloderndem Enthusiasmus, --
»nein, o nein!«
»Wie, Tom, hättest Du durch Deine eigene Arbeit Dir solche Kleider und
solchen Unterhalt verdienen können, wie ich Dir gegeben habe?«
»Weiß das, Master St. Clare; Master ist zu gut gewesen; aber, Master,
ich will lieber schlechte Kleider, eine kleine Hütte, und Alles dürftig
haben, und es ^mein^ nennen, als das Beste haben, was einem Andern
gehört. -- Ich möchte 's so, Master, -- ich denke, 's ist natürlich,
Master.«
»Ich denke, Tom, Du wirst ungefähr in einem Monat gehen, und mich
verlassen können,« sagte St. Clare etwas unzufrieden. »Aber warum
solltest Du 's auch nicht? -- kein Mensch kann es sagen,« fuhr er
plötzlich in heiterem Tone fort, und stand auf, und begann im Zimmer auf
und abzugehen.
»Nicht, so lange Master St. Clare unglücklich ist,« sagte Tom. »Ich will
bleiben, so lange Master mich nöthig hat, und ich von Nutzen sein kann.«
»Nicht, so lange ich unglücklich bin, Tom?« sagte St. Clare, traurig
durch das Fenster blickend. -- -- »Und wann glaubst Du, daß mein Unglück
aufhören werde?«
»Wenn Master St. Clare ein Christ ist,« sagte Tom.
»Und Du gedenkst wirklich hier so lange zu bleiben, bis dieser Tag
kommt?« sagte St. Clare halb lächelnd, während er sich vom Fenster
abwandte und seine Hand auf Tom's Schulter legte. »O Tom, Du guter,
thörichter Bursche! Ich will Dich nicht bis zu dem Tage halten. Geh'
heim zu Deinem Weibe und Deinen Kindern, und grüße sie alle von mir.«
»Ich weiß gewiß, daß dieser Tag kommen wird,« sagte Tom mit Wärme und
mit Thränen in den Augen; »der Herr hat ein Werk für Master.«
»Ein Werk, wie?« sagte St. Clare; »wohl, Tom, so gib mir Deine Ansichten
darüber, von welcher Art das Werk sein könne; -- laß mich hören.«
»Wenn ein armer Mensch wie ich sogar ein Werk für den Herrn verrichten
kann, -- wie viel mehr kann Master St. Clare, der Gelehrsamkeit hat, und
Reichthümer und Freunde, für den Herrn wirken!«
»Tom, Du scheinst anzunehmen, daß der Herr ein großes Wirken für sich
nöthig habe,« sagte St. Clare lächelnd.
»Wir wirken für den Herrn, während er für seine Geschöpfe wirkt,« sagte
Tom.
»Eine gute Theologie, Tom, besser als die, welche Dr. B.... predigt, --
ich möchte darauf schwören,« entgegnete St. Clare.
Die Unterhaltung wurde hier durch Besuch, welcher sich anmelden ließ,
unterbrochen.
Marie St. Clare empfand Eva's Verlust so tief, wie sie überhaupt etwas
empfinden konnte; und da sie eine Frau war, die es verstand, Jedermann
unglücklich zu machen, wenn sie es selbst war, so hatte ihre
unmittelbare Umgebung noch besondere Gründe, den Verlust ihrer jungen
Mistreß zu betrauern, deren sanfte Fürsprache so oft für sie ein Schild
gegen die Tyrannei und den selbstsüchtigen Druck ihrer Mutter gewesen
war. Besonders herzbrechend war der Schmerz der armen, alten Mammy,
deren natürliche, häusliche Bande sämmtlich gelöst waren, und die in
jenem liebenswürdigen Wesen ihren einzigen Trost gefunden hatte. Sie
weinte Tag und Nacht, und war durch ihren übermäßigen Kummer weniger
geschickt und gewandt in ihren Verrichtungen für die Person ihrer
Mistreß, was einen fortwährenden Sturm von Schmähungen auf ihr
schutzloses Haupt herab rief.
Miß Ophelia fühlte den Verlust; aber in ihrem guten, braven Herzen trug
er Früchte des ewigen Lebens. Sie wurde gemäßigter, sanfter in ihrem
Wesen, und obgleich eben so emsig und eifrig in ihren Pflichten wie
früher, zeigte sie doch eine demüthigere, ruhigere Miene, wie Jemand,
der nicht vergeblich mit seinem Herzen Rath gepflogen hatte. Sie
verwendete noch mehr Fleiß auf den Unterricht Topsy's, -- lehrte ihr aus
der Bibel, -- scheute sich nicht mehr vor ihrer Berührung und verrieth
keinen Widerwillen mehr gegen sie, denn sie empfand keinen. Sie
betrachtete sie jetzt durch das sanftere Medium, welches Eva zuerst
ihren Augen vorgehalten hatte, und sah in ihr nur ein unsterbliches
Wesen, welches Gott gesendet hatte, um durch sie zur Herrlichkeit und
zur Tugend geführt zu werden. Topsy wurde nicht auf einmal eine Heilige;
aber das Leben und der Tod Eva's hatten eine merkliche Veränderung in
ihr bewirkt. Jene verhärtete Gleichgültigkeit war verschwunden, und an
ihrer Stelle zeigten sich jetzt Empfänglichkeit, Hoffnung, Verlangen und
Streben nach dem Guten, -- ein unregelmäßiges und oft unterbrochenes,
aber stets wieder erneuertes Streben.
Eines Tages, als Topsy von Miß Ophelien gerufen worden war, kam sie
herbei, während sie eiligst etwas in ihren Busen steckte.
»Was machst Du da, Du unnützes Ding? Du hast gewiß etwas gestohlen,«
sagte die herrschsüchtige, kleine Rosa, welche abgesendet worden war, um
sie zu holen, während sie sie zugleich heftig beim Arm ergriff.
»Laß mich gehen, Rosa!« sagte Topsy, sich von ihr losreißend; »'s geht
Dich gar nichts an!«
»Keine Ungezogenheit!« sagte Rosa. »Ich hab's gesehen, daß Du 'was
versteckt hast, -- ich kenne Deine Streiche!« Und mit diesen Worten
ergriff sie ihren Arm von Neuem und versuchte ihre Hand in Topsy's Busen
zu zwängen, während Topsy wüthend um sich stieß, und für das, was sie
als ihr Recht ansah, tapfer focht. Das Geschrei und der Lärm des Kampfes
zogen Miß Ophelien und St. Clare zur Stelle.
»Sie hat 'was gestohlen!« rief Rosa.
»'s ist nicht wahr!« schrie Topsy, leidenschaftlich schluchzend.
»Gib es mir, was es auch immer sein möge!« sagte Miß Ophelia mit
Festigkeit.
Topsy zauderte; aber nach einem zweiten Befehle zog sie aus ihrem Busen
ein Paket hervor, welches in den Fuß eines ihrer alten Strümpfe
gewickelt war. Miß Ophelia öffnete es. Es zeigte sich ein kleines Buch,
welches Topsy von Eva erhalten hatte und welches einen einzelnen Vers
enthielt, der für alle Tage des Jahres eingerichtet war, und in einem
Papiere die Haarlocke, die Eva ihr an jenem denkwürdigen Tage gegeben,
an dem sie von Allen Abschied genommen hatte.
St. Clare fühlte sich heftig ergriffen beim Anblicke derselben. Das
kleine Buch war in einen langen Streifen schwarzen Krepp's gewickelt,
der beim Leichenbegängniß benützt worden war.
»Warum hast Du ^dies^ um das Buch gewickelt?« fragte St. Clare, den
Kreppstreifen emporhaltend.
»Weil -- weil -- weil es von Miß Eva war. O, bitte, nehmen Sie's nicht
fort!« sagte sie, und setzte sich nieder auf den Fußboden, zog ihre
Schürze über den Kopf und begann heftig zu weinen.
Es war eine sonderbare Mischung des Pathetischen und Komischen, -- der
kleine, alte Strumpf, -- schwarzer Krepp -- das Textbuch -- sanftes,
blondes Haar, -- und Topsy's heftiger Schmerz.
St. Clare lächelte; aber es schimmerten Thränen in einem Auge, als er
sagte:
»Still, still, weine nicht! Du sollst Alles wieder haben!« und mit
diesen Worten wickelte er Alles wieder zusammen, warf es in Topsy's
Schooß, und zog Ophelien in das nächste Zimmer.
»Ich glaube wirklich, Du kannst aus dem Besteck noch etwas machen,«
sagte er, mit dem Daumen rückwärts über die Schulter deutend. »Ein
Gemüth, das wirklichen Schmerz empfinden kann, ist des Guten fähig. Du
mußt versuchen, ob Du etwas aus ihr machen kannst.«
»Das Kind hat sich wesentlich gebessert,« sagte Miß Ophelia. »Ich hege
große Hoffnungen mit ihr; -- aber, Augustin,« fuhr sie fort, ihre Hand
auf seinen Arm legend, »eins muß ich Dich fragen: wem soll das Kind
gehören, -- Dir oder mir?«
»Nun, ich gab sie Dir,« sagte Augustin.
»Aber nicht in gesetzlicher Form; -- ich möchte sie in aller Form
Rechtens besitzen,« sagte Miß Ophelia.
»Hoho! Cousine!« sagte Augustin, »was werden die Abolitionisten davon
denken? Die werden einen Bußtag wegen dieses Abfalls halten, wenn Du
eine Besitzerin von Sklaven wirst!«
»O Unsinn! Ich will sie nur deßhalb ^mein^ nennen können, um das Recht
zu haben, sie mit mir nach den Freistaaten zu nehmen und ihr dort die
Freiheit zu geben, damit nicht Alles verloren sei, was ich für sie zu
thun versucht habe.«
»O Cousine, was für ein schreckliches ›Uebles thun, daß Gutes daraus
komme‹ ist das! Ich kann das nicht unterstützen!«
»Du mußt nicht darüber scherzen, sondern die Sache vernünftig
betrachten,« sagte Miß Ophelia. »Alle meine Bemühungen, dieses Kind zu
einem christlichen Kinde zu machen, sind vergeblich, wenn ich es nicht
gegen alle Zufälle und Gefahren schützen kann, die ihm von der Sklaverei
drohen; und wenn es wirklich Deine Absicht ist, sie mir eigenthümlich
zu überlassen, so mußt Du mir eine in gesetzlicher Form ausgestellte
Urkunde darüber geben.«
»Gut, gut,« sagte St. Clare, »ich will es thun;« worauf er sich setzte,
und eine Zeitung zu lesen begann.
»Aber ich wünschte, daß Du es gleich thätest,« fuhr Miß Ophelia fort.
»Wozu ist diese schreckliche Eile?«
»Weil jetzt grade die einzige Zeit ist, in der etwas vorgenommen werden
kann,« entgegnete Miß Ophelia; »also komm', Cousin, hier ist Papier,
Feder und Tinte; stelle mir eine Urkunde aus.«
St. Clare, gleich der Mehrzahl seiner Geistesgenossen, haßte jede Art
gespannter Thätigkeit, und fühlte sich deßhalb nicht wenig gequält durch
Opheliens Offenheit und Dringlichkeit.
»Aber was hast Du denn?« sagte er. »Ist Dir denn mein Wort nicht
genügend? Man sollte glauben, Du wärest bei den Juden in der Lehre
gewesen, daß Du so über einen Menschen herfällst!«
»Ich will meiner Sache gewiß sein,« entgegnete Miß Ophelia. »Du kannst
sterben oder Dein Vermögen verlieren, und dann würde Topsy, aller meiner
Bemühungen ungeachtet, fortgerissen und auf den Sklavenmarkt geschleppt
werden.«
»In der That, Du bist außerordentlich vorsichtig. Gut, da ich sehe, daß
ich doch einmal in der Hand einer Yanky bin, so muß ich nachgeben,«
sagte St. Clare, und schrieb schnell eine Ueberweisungsurkunde nieder,
was ihm, da er mit den gesetzlichen Formen genau bekannt war, leicht
wurde, unterzeichnete seinen Namen mit großen Buchstaben und schloß mit
einem mächtigen Schnörkel. »Da, ist das nicht Schwarz auf Weiß?« sagte
er, als er es ihr einhändigte.
»Bist ein guter Junge,« sagte Miß Ophelia lächelnd, »aber muß es nicht
von einem Zeugen mit unterschrieben sein?«
»O Plage! -- ja. Hier,« rief er, die Thür von Marien's Zimmer öffnend,
»Marie, Cousine bedarf Deiner Handschrift; komm', schreibe Deinen Namen
hierher.«
»Was ist das?« sagte Marie, während sie das Papier überlief. --
»Lächerlich! Ich dachte, Cousine wäre zu fromm für so schreckliche
Dinge,« fügte sie hinzu, während sie nachlässig ihren Namen
unterzeichnete, »aber wenn sie an dem Artikel Gefallen gefunden hat, so
soll es uns willkommen sein.«
»Da, nun ist sie Dein mit Leib und Seele,« sagte St. Clare, ihr das
Papier aushändigend.
»Nicht mehr mein, als sie es zuvor war,« entgegnete Miß Ophelia.
»Niemand als Gott hat das Recht, sie mir zu geben; aber ich kann sie
jetzt beschützen.«
»Wohl, so gehört sie Dir durch eine Fiktion des Gesetzes,« sagte St.
Clare, während er in sein Zimmer zurückkehrte und sich wieder zu seiner
Zeitung niedersetzte.
Miß Ophelia, welche sich selten lange in Mariens Gesellschaft aufhielt,
folgte ihm in das Zimmer, nachdem sie zuvor sorgfältig die Urkunde
fortgelegt hatte.
»Augustin,« sagte sie plötzlich, während sie sich mit Stricken
beschäftigte, »hast Du nie daran gedacht, Verfügungen irgend einer Art
zu Gunsten Deiner Dienstboten für den Fall Deines Todes zu treffen?«
»Nein,« entgegnete St. Clare, während er fortfuhr zu lesen.
»Dann kann sich alle Deine Nachsicht gegen sie am Ende als eine große
Grausamkeit herausstellen.«
St. Clare hatte oft dasselbe gedacht, aber er antwortete nachlässig:
»Ich habe die Absicht, noch Verfügungen zu treffen.«
»Wann?« fragte Miß Ophelia.
»O, dieser Tage.«
»Wie aber, wenn Du früher stirbst?«
»Cousine, was meinst Du?« sagte St. Clare, sein Papier niederlegend und
sie ansehend. »Glaubst Du, daß ich Symptome des gelben Fiebers oder der
Cholera zeige, daß Du mit solchem Eifer von Verfügungen für meinen
Todesfall sprichst?«
»»Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen,«« recitirte Ophelia.
St. Clare erhob sich, legte nachlässig seine Zeitung fort und trat in
die offene Thür der Veranda, um einer Unterhaltung ein Ende zu machen,
die ihm nicht angenehm war. Mechanisch wiederholte er das Wort -- »Tod!«
-- und während er sich gegen das Geländer lehnte, und das Steigen und
Fallen des Wassers im Springbrunnen beobachtete, und die Bäume und
Blumen des Hofes wie durch einen feuchten Nebel betrachtete, wiederholte
er wieder und wieder das Wort, welches in jedem Munde so gewöhnlich und
doch von so furchtbarer Gewalt ist -- »^Tod!^« »Sonderbar,« sagte er,
»daß es ein solches Wort und einen solchen Gegenstand giebt, deren wir
nie eingedenk sind; daß man heut lebendig, warm, schön, voll von
Hoffnungen und Wünschen und morgen für immer dahin sein kann!«
Es war ein warmer, sonniger Abend, und als er zum andern Ende der
Veranda ging, gewahrte er Tom, welcher eifrigst mit seiner Bibel
beschäftigt war, jedes Wort mit dem Finger verfolgte, und sich selbst
mit ernster Miene zuflüsterte.
»Soll Dir wohl ein Stückchen lesen, Tom?« sagte St. Clare, sich
nachlässig an seine Seite setzend.
»Wenn Master so gut sein wollte,« sagte Tom dankbar, »Master macht es so
viel deutlicher.«
St. Clare nahm das Buch, und begann eine jener von Tom mit großen
Zeichen markirten Stellen zu lesen: Sie lautete folgendermaßen:
»Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit,
und alle heilige Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhle
seiner Herrlichkeit; und werden vor ihm alle Völker versammelt
werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte
die Schafe von den Böcken scheidet.«
St. Clare las mit erhobener Stimme, bis er an den letzten Vers kam:
»Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Linken: ›Gehet hin
von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem
Teufel und seinen Engeln! Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich
nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht
getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht
beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht
bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich
nicht besuchet.‹ Dann werden sie ihm auch antworten und sagen:
›Herr, wann haben wir Dich gesehen hungrig, oder durstig, oder
einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und wir haben
Dir nicht gedienet?‹ Dann wird er ihnen antworten und sagen:
›Wahrlich, ich sage Euch: Was ihr nicht gethan habt Einem unter
diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan.‹«
St. Clare schien von dem letzteren Theile der Stelle tief ergriffen zu
sein, denn er las sie zweimal, -- das zweite Mal langsam, als wenn er
die Worte im Geiste überdächte.
»Tom,« sagte er, »die Menschen, die mit so strengen Maßregeln bedroht
werden, scheinen gerade das gethan zu haben, was ich gethan habe, -- ein
behagliches, angenehmes Leben geführt, und sich nicht darum bekümmert,
wie viele von ihren Mitbrüdern hungrig, durstig, krank oder gefangen
seien.«
Tom antwortete nicht.
St. Clare stand auf und schritt gedankenvoll in der Veranda auf und ab,
alles Andere über seine eignen Gedanken so sehr vergessend, daß ihn Tom
zweimal daran erinnern mußte, daß die Glocke zum Thee gezogen worden
sei, ehe er seine Aufmerksamkeit erwecken konnte.
St. Clare blieb während des Thee's abwesend und gedankenvoll. Nach
demselben nahmen er und Marie und Miß Ophelia von dem Wohnzimmer beinahe
schweigend Besitz. Marie legte sich auf einen Sopha, unter einer
seidenen Moskitodecke, und war bald entschlafen. Miß Ophelia
beschäftigte sich schweigend mit ihrem Strickzeuge, und St. Clare setzte
sich am Piano nieder, und begann eine sanfte, melancholische Weise zu
spielen. Er schien in tiefe Träumereien versunken zu sein, und durch die
Musik mit sich selbst zu reden. Nach einer kurzen Pause öffnete er einen
Kasten, und nahm ein altes Notenbuch hervor, dessen Blätter bereits gelb
geworden waren, und schlug es auf.
»Dieses Buch,« sagte er zu Miß Ophelien, »gehörte meiner Mutter, -- und
hier ist ihre Handschrift, -- komm', sieh' her. Sie kopirte und
arrangirte dies von Mozart's Requiem.«
Miß Ophelia kam.
»Sie sang dies oft,« fuhr St. Clare fort; »mir ist, als hörte ich sie
noch.«
Er schlug einige majestätische Accorde an, und begann die erhabene, alte
lateinische Arie, »_Dies Irae_,« zu singen.
Tom, der sich in der äußeren Veranda befand, wurde durch die Klänge bis
an die Thür gezogen, wo er eifrig horchend stehen blieb. Er verstand
natürlich die Worte nicht; aber die Musik und der Gesang, besonders in
den ausdrucksvolleren Stellen, schienen ihn tief zu ergreifen. Einen
noch größeren Eindruck würde Beides auf ihn gemacht haben, wenn er den
Sinn der schönen Worte hätte verstehen können:
_Recordare Jesu pie,
Quod sum causa tuae viae
Ne me perdas illa die.
Quaerens me sedisti lassus,
Tantus labor non sit cassus._
St. Clare legte einen tief gefühlten Ausdruck in die Worte, denn der
düstere Schleier der Jahre schien hinweg gezogen zu sein, und er glaubte
noch die Stimme seiner Mutter zu hören. Stimme und Instrument schienen
lebendig zu sein, und ließen im innigsten Einklange jene herrlichen
Harmonien ausströmen, welche Mozart als sein eignes Sterbe-Requiem
zuerst erdacht hatte.
Als St. Clare aufgehört hatte, lehnte er einige Augenblicke seinen Kopf
in die Hand, und begann dann im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Welche erhabene Auffassung ist dies vom jüngsten Gerichte!« sagte er,
-- »eine Lösung aller moralischen Räthsel durch eine unwiderlegliche
Weisheit! Es ist in der That ein herrliches Bild.«
»Es ist für uns ein schreckliches,« sagte Miß Ophelia.
»Ich glaube, das sollte es für mich sein,« sagte St. Clare stillstehend
und gedankenvoll. »Ich las diesen Nachmittag Tom das Kapitel aus dem
Matthäus vor, welches eine Schilderung davon enthält, und ich fühlte
mich tief ergriffen. Man hätte schreckliche Abscheulichkeiten derjenigen
als Grund annehmen sollen, welche von dem Himmel ausgeschlossen werden;
aber nein, -- sie sind verdammt, weil sie ^nicht^ positiv Gutes gethan
haben, als wenn dies schon jedes mögliche Unrecht in sich schlösse.«
»So mag es sein,« sagte Miß Ophelia; »es ist unmöglich für Jemanden, der
nicht Gutes thut, kein Unrecht zu thun.«
»Und was,« sagte St. Clare sinnend, aber mit tiefem Gefühle, -- »was
soll von Jemanden gesagt werden, der durch sein eignes Herz, seine
Erziehung und die Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft zu edlen
Zwecken aufgefordert worden ist, und der als ein träumerischer,
theilnahmloser Zuschauer bei den Kämpfen, Leiden und Schmerzen seiner
Mitmenschen fortgelebt hat, während er hätte thätig für sie wirken
sollen?«
»Ich würde sagen,« entgegnete Miß Ophelia, »daß er bereuen und von nun
an beginnen solle.«