nicht anders, -- St. Clare konnte noch lächeln; denn so hell und ruhig
war die Abschiedsfahrt des kleinen Geistes, -- von so sanften,
balsamischen Lüften wurde der kleine Nachen den himmlischen Ufern
zugetrieben, daß es unmöglich war, zu erkennen, daß es der Tod sei, der
sich nahe. Das Kind empfand keinen Schmerz, -- nur eine ruhige, sanfte
Schwäche, die täglich und fast unmerklich zunahm; und so schön, so
liebreich, so vertrauensvoll, so glücklich war es dabei, daß Niemand dem
besänftigenden Einflusse der Unschuld und Friede athmenden Luft
widerstehen konnte, welche das Kind zu umgeben schien. Auch St. Clare
fühlte eine sonderbare Ruhe auf sich niedersinken. Es war nicht
Hoffnung, -- die war unmöglich; es war nicht Resignation; es war nur ein
ruhiges Weilen in der Gegenwart, die so schön erschien, daß er nicht an
die Zukunft denken mochte.
Der Freund, welcher am meisten von Eva's Vorstellungen und Ahnungen
wußte, war ihr treuer Träger, Tom. Ihm theilte sie mit, womit sie ihren
Vater nicht beunruhigen wollte. Ihm vertraute sie jene geheimnisvollen
Vorgefühle, welche die Seele empfindet, wenn ihre Saiten sich zu lösen
beginnen und sie ihre irdische Hülle verlassen will.
Tom wollte endlich nicht mehr in seinem Zimmer schlafen, sondern lag
jede Nacht in der äußeren Veranda, bereit für jeden Ruf.
»Onkel Tom,« sagte Miß Ophelia, »was in der Welt ist Dir eingefallen,
daß Du überall liegst und schläfst wie ein Hund. Ich dachte, Du wärest
ein ordentlicher Mensch, der gewohnt wäre, in christlicher Weise in
einem Bette zu schlafen.«
»Das bin ich, Miß Feely,« sagte Tom geheimnißvoll. »Das bin ich, aber
jetzt --«
»Nun, was jetzt?«
»Wir müssen nicht so laut sprechen, -- Master St. Clare will nichts
davon hören; aber, Miß Feely, Sie wissen, es muß Einer auf den Bräutigam
warten.«
»Was meinst Du, Tom?«
»Sie wissen, es heißt in der Schrift: »Zur Mitternacht aber ward ein
Geschrei: siehe, der Bräutigam kommt.« Das ist's, was ich jetzt erwarte,
Miß Feely, -- und ich konnte nicht schlafen, wo ich nicht höre.«
»Wie, Onkel Tom, wie kommst Du auf diesen Gedanken?«
»Miß Eva, -- sie spricht mit mir. Der Herr sendet seinen Boten in die
Seele. Ich muß dabei sein, Miß Feely; denn wenn das Segenskind in das
Himmelreich geht, wird sich das Thor so weit öffnen, daß wir alle einen
Blick in seine Glorie hineinthun können, Miß Feely.«
»Onkel Tom! sagte Miß Eva, daß sie sich heute Abend kränker als
gewöhnlich fühle?«
»Nein, aber sie sagte mir diesen Morgen, daß sie näher käme, -- jene da
oben sind es, die es dem Kinde sagen, Miß Feely, -- die Engel sind's! --
Es ist der Trompetenschall vor dem Anbruch des Tages!« sagte Tom, sich
der Worte einer Lieblingshymne bedienend.
Dieses Zwiegespräch fand zwischen Miß Ophelia und Tom eines Abends
zwischen zehn und elf Uhr Statt, nachdem sie bereits alle ihre
Anordnungen für die Nacht getroffen hatte, und sie, als sie die äußere
Thür der Veranda schließen wollte, Tom vor derselben ausgestreckt
liegend fand. Sie war weder nervenschwach, noch leicht erregbar, allein
Tom's feierlicher, aus dem Herzen kommender Ton fiel Ophelien auf. Eva
war an diesem Tage besonders munter und heiter gewesen, und hatte
aufrecht in ihrem Bett gesessen, und über alle ihre kleinen
Schmucksachen geblickt und die Freunde namhaft gemacht, denen sie
gegeben werden sollten. Ihr ganzes Wesen war lebhafter und ihre Stimme
natürlicher gewesen als seit vielen Wochen. Ihr Vater war gegen Abend in
ihrem Zimmer gewesen und hatte gesagt, daß Eva ihm ihren früheren
gesunden Tagen ähnlicher erschienen wäre, als je in ihrer Krankheit, und
als er sie zum Abschiede für die Nacht geküßt, hatte er zu Miß Ophelien
gesagt: »Cousine, wir können sie vielleicht dennoch behalten, sie ist
entschieden besser,« und hatte sich sodann mit leichterem Herzen in sein
Zimmer zurückgezogen, als manche lange Woche zuvor.
Aber um Mitternacht, -- seltsame, geheimnißvolle Stunde! -- wenn der
Schleier zwischen der gebrechlichen Gegenwart und der ewigen Zukunft
durchsichtiger wird, -- dann kam der Bote!
Ein Geräusch wurde hörbar in jenem Zimmer von schnellen, eiligen
Schritten. Es war Miß Ophelia, welche beschlossen hatte, die ganze Nacht
bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und um Mitternacht Etwas bemerkt
hatte, was erfahrene Wärterinnen bedeutungsvoll »eine Veränderung« zu
nennen pflegen. Die äußere Thür wurde schnell geöffnet, und Tom, der
außerhalb wachte, war im Augenblick bei der Hand.
»Geh' zum Arzte, Tom! verliere keinen Augenblick!« sagte Miß Ophelia,
und eilte durch das Zimmer, um an St. Clare's Thür zu pochen.
»Cousin,« rief sie, »bitte, komm heraus!«
Diese Worte fielen auf sein Herz wie Sandschollen auf einen Sarg. Im
Augenblicke war er im Zimmer und beugte sich über Eva nieder, die noch
schlief.
Was war es, was er dort sah und sein Herz stocken ließ? Weshalb wurde
kein Wort zwischen Beiden gesprochen? Du, liebe Leserin, weißt es
vielleicht, die Du denselben Ausdruck auf dem Gesichte dessen gesehen
hast, was Dir am theuersten war, -- jenen unbeschreiblichen,
hoffnungslosen, unverkennbaren Zug, der Dir sagt, daß Dein Geliebtes
nicht mehr Dein ist.
Gleichwohl zeigte sich auf dem Gesichte nichts Geisterhaftes,
Todtenähnliches, sondern nur ein hoher, beinahe erhabener Ausdruck, --
die überschattende Gegenwart geistiger Naturen, der Tagesanbruch eines
unsterblichen Lebens in dieser kindlichen Seele.
St. Clare und Ophelia standen so still und betrachteten das Kind so
schweigend, daß selbst der Pendelschlag der Uhr zu laut zu sein schien.
In wenigen Minuten kehrte Tom mit dem Arzte zurück. Letzterer trat ein,
warf einen Blick auf das Kind, und blieb schweigend wie die Uebrigen
stehen.
»Wann trat diese Veränderung ein?« sagte er flüsternd zu Ophelien.
»Ungefähr um Mitternacht,« war die Antwort.
Jetzt erschien aus dem nächsten Zimmer Marie in größter Eile, die durch
die Ankunft des Arztes erweckt worden war.
»Augustin! Cousine! -- O! -- was« -- begann sie in hastigem Tone.
»Still!« sagte St. Clare mit rauher Stimme, -- »^sie stirbt!^«
Mammy hatte diese Worte gehört und eilte davon, um die Dienstboten zu
erwecken. Das ganze Haus war bald munter, -- Lichter wurden gesehen,
Fußtritte gehört, ängstliche Gesichter drängten sich in die Veranda, und
blickten mit thränenvollen Augen durch die Glasthüren; aber St. Clare
hörte und sah nichts, -- er sah nur ^den Ausdruck^ im Gesichte der
kleinen Schläferin.
»O, wenn sie nur noch einmal aufwachen und sprechen wollte!« sagte er,
und sich über sie niederbeugend, flüsterte er in ihr Ohr: »Eva,
Liebling!«
Die großen blauen Augen öffneten sich, -- ein Lächeln flog über ihr
Gesicht, -- sie versuchte ihren Kopf zu erheben und zu sprechen.
»Kennst Du mich, Eva?«
»Lieber Vater!« sagte das Kind, mit letzter Anstrengung seine Arme um
den Hals des Vaters schlingend. Im nächsten Augenblicke fielen sie
wieder nieder und als St. Clare seinen Kopf erhob, sah er einen
Todeskrampf über das Gesicht ziehen; -- das Kind suchte angstvoll nach
Athem, und warf seine kleinen Hände empor.
»O Gott, das ist schrecklich!« rief er, sich im tiefsten Schmerze
abwendend und Tom's Hand drückend, ohne zu wissen, was er that. »O Tom,
es bringt mich um!«
Tom hielt die Hand seines Herrn zwischen den seinigen, und während die
Thränen über seine dunklen Wangen strömten, schaute er nach Hülfe da
hinauf, wohin er immer gewohnt gewesen war, zu blicken.
»Bete, daß dies bald enden möge!« sagte St. Clare, -- »es zerreißt mir
das Herz.«
»Der Herr sei gepriesen! es ist vorüber, -- es ist vorbei, lieber
Master!« sagte Tom; -- »sehen Sie sie an.«
Das Kind lag erschöpft und schwer athmend auf seinen Kissen, während die
großen klaren Augen weit offen vor sich hinstarrten. Was sagten diese
Augen, die sich so gerade auf den Himmel richteten? Die Erde und
irdischer Schmerz war zurückgelassen; aber so feierlich, so
geheimnißvoll war die triumphirende Klarheit dieses Gesichts, daß selbst
das Schluchzen des Schmerzes verstummte. Alle drängten sich in
athemloser Stille um sie her.
»Eva,« sagte St. Clare sanft.
Sie hörte nicht.
»O Eva, sage uns, was Du siehst! Was ist es?« sagte der Vater.
Ein sanftes, seliges Lächeln schwebte über ihr Gesicht, und sie
antwortete in gebrochenen Tönen: »O! Liebe, -- Freude, -- Friede!«
seufzte tief auf, und ging vom Leben zum Tode über.
Lebe wohl, geliebtes Kind! Die glänzenden Thore der Ewigkeit haben sich
hinter Dir geschlossen; wir werden Deine sanften Züge nicht mehr sehen.
Wehe den Armen, die Deinen Eingang in den Himmel sahen, und, wenn sie
erwachten, nichts als den kalten, grauen Lebenshimmel finden, nachdem Du
für immer dahin bist.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Dies ist das Letzte der Erde.
J. G. ^Adams^.
Die Statuen und Gemälde in Eva's Zimmer waren mit weißen Tüchern
verhangen, und nur stilles Athmen und leise Tritte wurden darin gehört,
und das Licht stahl sich feierlich durch halbverschlossene Fenster.
Das Bett war weiß überzogen, und darauf, unter dem Engel mit gesenkten
Flügeln, lag eine kleine, schlafende Gestalt, schlafend, -- um nimmer
wieder zu erwachen.
Dort lag sie, in eins der schlichten weißen Gewänder gekleidet, welche
sie im Leben zu tragen gepflegt hatte, und das rosige Licht, welches
durch die Gardinen fiel, warf einen wärmeren Schein über die eisige
Kälte des Todes. Die schweren Augenwimpern ruhten sanft auf der klaren
Wange; der Kopf war ein wenig nach einer Seite geneigt, wie im
natürlichen Schlafe, aber über alle Züge des Gesichtes ergoß sich jener
himmlische Ausdruck, jene Mischung von Wonne und Ruhe, welche deutlich
erkennen ließ, daß es kein irdischer oder zeitlicher Schlaf, sondern
jene lange, heilige Ruhe sei, welche »Er Denen gibt, die er liebt.«
Für Wesen wie Du, theure Eva, gibt es keinen Tod! Es ist nichts als ein
sanftes Schwinden, wie wenn der Morgenstern unter den goldenen Strahlen
des ersten Tageslichtes erbleicht. Dir gehört der Sieg ohne Kampf, --
die Krone ohne Streit.
So dachte St. Clare, als er mit unterschlagenen Armen vor der Hülle
seines Kindes stand. Aber, wer will sagen, was er dachte? denn von der
Stunde an, daß er Stimmen in dem Sterbezimmer gehört hatte, die da
sagten, »sie sei dahin,« war Alles um ihn nur ein dunkler, schwerer
Nebel gewesen. Er hatte Stimmen um sich gehört; es waren Fragen an ihn
gerichtet und beantwortet worden; man hatte ihn gefragt, wann das
Begräbniß stattfinden solle, und wo er wünsche, daß sie beigesetzt
werde, und er hatte ungeduldig geantwortet, daß es ihm gleichgültig sei.
Adolph und Rosa hatten die Anordnungen im Zimmer getroffen, welche,
obgleich leichtsinnig und kindisch, doch gutherzig und gefühlvoll waren;
und während Miß Ophelia die Vorbereitungen im Allgemeinen leitete, waren
es ihre Hände, welche ihnen jenen sanfteren, poetischeren Anstrich
liehen, der dem Sterbezimmer den abschreckenden, geisterartigen Anschein
nimmt, welcher den Leichenbegängnissen in Neu-England so eigentümlich
ist. Auch jetzt, während St. Clare sinnend dastand, kam Rosa mit einem
Korbe voll weißer Blumen leise in das Zimmer getrippelt. Sie trat
zurück, als sie St. Clare gewahrte, und blieb ehrfurchtsvoll stehen;
allein, da sie sah, daß er sie nicht bemerkte, kam sie näher, um die
Blumen um das todte Kind zu legen. St. Clare sah sie nur wie im Traume,
als sie in die kleinen Hände eine schöne Jasminblüthe legte, und mit
bewunderungswürdigem Geschmacke die anderen Blumen auf dem Sterbelager
ausbreitete.
Die Thür öffnete sich abermals, und Topsy erschien mit dick
angeschwollenen, verweinten Augen, Etwas unter ihrer Schürze tragend.
Rosa machte gegen sie eine schnelle, zurückweisende Bewegung, aber sie
trat dennoch einen Schritt weiter in das Zimmer.
»Du mußt hinausgehen,« sagte Rosa flüsternd in scharfem, entschiedenem
Tone; -- »^Du^ hast hier Nichts zu thun.«
»O, bitte, laß mich! Ich habe eine Blume, -- so eine schöne!« sagte
Topsy, eine halb aufgeblühte Theerosenknospe emporhaltend. »Bitte, laß
mich sie dahin legen!«
»Geh' hinaus!« sagte Rosa noch bestimmter.
»Laß sie hier!« rief St. Clare plötzlich mit dem Fuße stampfend. »Sie
soll herein kommen.«
Rosa zog sich sogleich zurück, und Topsy kam näher und legte ihr
Geschenk zu den Füßen des Leichnams; und sodann sich plötzlich mit einem
wilden, schmerzlichen Schrei an der Seite des Bettes niederwerfend,
begann sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit zu weinen und zu
schluchzen.
Miß Ophelia kam in's Zimmer geeilt, und bemühte sich, sie aufzuheben und
zu beruhigen, aber vergeblich.
»O Miß Eva! o Miß Eva! ich wollte, ich wäre auch todt!«
Es lag eine solche Wildheit und ein so schneidender Schmerz in diesem
Weinen, daß das Blut in St. Clare's marmorweiße Wangen stieg, und seit
Eva's Tode die ersten Thränen wieder in seine Augen traten.
»Steh' auf, Kind,« sagte Miß Ophelia mit sanfter Stimme, »weine nicht so
heftig. Miß Eva ist im Himmel, und ist nun ein Engel!«
»Aber ich kann sie nicht sehen!« sagte Topsy. »Ich werde sie nie wieder
sehen!« und ihr Schluchzen begann von Neuem.
St. Clare und Ophelia standen einen Augenblick schweigend da.
»^Sie^ sagte, sie hätte mich ^lieb^,« fuhr Topsy fort, -- »ja! o
Herr! o Herr! nun ist ^Niemand^ da! -- Niemand!«
»Das ist wahr genug,« sagte St. Clare, und fuhr dann zu Miß Ophelien
gewendet fort: »aber bitte, sieh' zu, ob Du nicht das arme Wesen
beruhigen kannst.«
Miß Ophelia hob sie sanft, aber fest auf, und führte sie aus dem
Zimmer; aber, während sie es that, fielen auch aus ihrem Auge einige
Thränen nieder.
»Topsy, Du armes Kind,« sagte sie, als sie sie in ihr eignes Zimmer
führte, »verzweifle nicht! Ich kann Dich lieb haben, obgleich ich nicht
so bin, wie jenes theure Kind. Ich hoffe, ich habe etwas von der Liebe
Christi durch sie gelernt. Ich kann Dich lieben; und ich will Dir
beistehen, daß Du als ein gutes, christliches Mädchen aufwachsen
mögest.«
Miß Opheliens Stimme drückte mehr aus, als ihre Worte, und mehr noch,
als jene, sagten die aufrichtigen Thränen, die über ihre Wangen
niederrollten. Und von diesem Augenblicke an erlangte sie einen Einfluß
auf den Geist dieses verlassenen Kindes, den sie nie wieder verlor.
»O meine Eva, deren kurze Stunde so viel Gutes auf Erden wirkte,« dachte
St. Clare, »welche Rechenschaft habe ich zu geben von meinen vielen,
langen Jahren?«
Eine Zeit lang wurde noch leises Flüstern und Gehen im Zimmer gehört,
während Einer nach dem Andern herein schliech, um die Todte zu sehen;
dann kam der kleine Sarg, und dann begann das Leichenbegängniß, und
Wagen kamen gefahren, und fremde Personen betraten das Zimmer und
setzten sich darin nieder; und weiße Bänder wurden gesehen, und
Trauerflöre, und Trauernde in schwarzer Kleidung; und dann wurden Worte
aus der Bibel gelesen, und Gebete gehalten; und St. Clare lebte, und
ging, und bewegte sich wie Jemand, der die letzte Thräne vergossen hat.
Endlich sah er nur noch einen Gegenstand, -- das goldene Köpfchen im
Sarge; aber dann sah er das Leichentuch darüber ausbreiten, und den
Sargdeckel schließen, und er schritt an der Seite Andrer, wohin man ihn
gestellt hatte, nach einem Platze am Ende des Gartens, und dort, bei dem
Moossitze, wo sie und Tom so oft gesessen, und gesungen und gelesen
hatten, war das kleine Grab. St. Clare stand neben demselben, -- und
blickte gedankenlos hinab; er sah den kleinen Sarg hinabsenken: er hörte
die feierlichen Worte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an
mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe;« und als die Erde
hinab geschüttet wurde, und das kleine Grab füllte, konnte er sich nicht
denken, daß es Eva sei, die man dort vor seinen Blicken verborgen habe.
Auch war es nicht Eva! -- sondern nur der schwache Same jener
glänzenden, unsterblichen Gestalt, mit der sie hervortreten wird am Tage
unseres Herrn Jesu Christi.
Sodann entfernten sich Alle, und die Trauernden gingen zurück nach dem
Orte, an dem sie nicht mehr gesehen werden sollte. Mariens Zimmer war
dunkel, und sie selbst lag auf dem Bette, und schluchzte und stöhnte in
unmäßigem Schmerze, und verlangte jeden Augenblick nach der Bedienung
aller ihrer Dienstboten. Diese, natürlich, hatten keine Zeit zu weinen;
-- weshalb sollten sie auch? Der Schmerz war ja ^ihr^ Schmerz, und sie
war völlig überzeugt, daß Niemand auf Erden so empfinden könne oder
wolle wie sie.
»St. Clare habe keine Thräne vergossen,« sagte sie; »er habe nicht mit
ihr sympathisirt; es sei wirklich ganz unbegreiflich, wie er so
hartherzig und gefühllos sein könne, da er doch wissen müsse, was sie
leide.«
So sehr sind die Menschen Sklaven ihres Auges und Ohres, daß viele der
Dienstboten wirklich glaubten, daß ihre Missis bei diesem Trauerfalle am
meisten leide, besonders, als Marie anfing, hysterische Krämpfe zu
bekommen, und nach dem Arzte schickte, und sich selbst als dem Tode nahe
erklärte. Allein Tom trug in seinem Herzen ein andres Gefühl, welches
ihn zu seinem Herrn zog. Er folgte ihm, wohin er auch sinnend und
traurig gehen mochte; und wenn er ihn in Eva's Zimmer blaß und
schweigend sitzen, und ihre kleine Bibel offen vor sich halten sah, in
der er kein Wort und keinen Buchstaben sah, so erkannte Tom in diesem
stillen, starren, thränenlosen Auge mehr Schmerz, als in Marien's
Stöhnen und Klagen.
Wenige Tage später ging die ganze Familie nach der Stadt zurück, da St.
Clare in der Ruhelosigkeit seines Schmerzes nach andern Scenen
verlangte, um dem Laufe seiner Gedanken eine andre Richtung zu geben.
Sie verließen also das Haus und den Garten mit dem kleinen Grabe, und
kamen nach New-Orleans zurück; und St. Clare schritt eilfertig die
Straßen auf und ab, und suchte die Leere in seinem Herzen durch eifrige
Geschäftigkeit und durch Veränderung des Aufenthaltes auszufüllen; und
die Leute, die ihm auf der Straße oder im Caffe begegneten, erkannten
seinen Verlust nur durch das Zeichen am Hute, denn er lächelte und
unterhielt sich, und las Zeitungen, und disputirte über politische
Gegenstände, und widmete sich seinen Geschäften; und wer konnte sehen,
daß diese lächelnde Außenseite nur als hohle Schale ein Herz bedeckte,
welches ein dunkles, schweigendes Grab war?
»Mr. St. Clare ist ein sonderbarer Mann,« sagte Marie zu Ophelien, in
sich beklagendem Tone. »Ich dachte immer, wenn es überhaupt Etwas in der
Welt gäbe, was er lieben könne, so sei es unsere theure, kleine Eva
gewesen; allein er scheint sie sehr leicht zu vergessen. Ich kann ihn
nie dazu bringen, von ihr zu sprechen. Ich dachte wirklich, er würde
mehr Gefühl zeigen!«
»Stille Wasser sind tief, pflegt man zu sagen,« entgegnete Miß Ophelia
bedeutungsvoll.
»O, ich glaube nicht an solche Dinge; das ist Alles nur Geschwätz. Wer
Gefühl hat, wird es zeigen, -- und kann nicht anders; aber es ist ein
großes Unglück, so viel Gefühl zu haben. Ich wollte lieber, ich wäre wie
St. Clare; meine Gefühle nagen an meiner Gesundheit!«
»O gewiß, Missis,« sagte Mammy, »Master St. Clare wird wie ein Schatten;
-- er ißt gar nichts. Ich weiß, er kann Miß Eva nicht vergessen; -- ich
weiß, Keiner kann's, -- das liebe, kleine, segensreiche Wesen!« fügte
sie, ihre Augen trocknend, hinzu.
»Wohl, auf alle Fälle hat er kein Gefühl für mich,« sagte Marie; »er hat
mir noch kein theilnehmendes Wort gesagt, und er muß doch wissen, wie
viel tiefer so etwas eine Mutter empfindet, als es ein Mann kann.«
»Jedes Herz kennt seinen eignen Schmerz!« sagte Ophelia sehr ernst.
»Das ist es grade, was ich denke. Ich weiß, was ich empfinde, -- und
Niemand Anderes scheint es zu ahnen. Nur Eva konnte es, aber sie ist
hin!« sagte Marie, und legte sich auf ihr Sopha zurück, und begann
heftig zu schluchzen.
Während diese Unterhaltung in Marien's Wohnzimmer Statt fand, wurde eine
andre in St. Clare's Arbeitszimmer gepflogen.
Tom, der seinem Herrn überall unruhig folgte, hatte ihn mehrere Stunden
zuvor in sein Arbeitszimmer gehen sehen, und beschloß endlich, nachdem
er vergeblich darauf gewartet hatte, ihn wieder herauskommen zu sehen,
unter irgend einem Vorwande hinein zu gehen. Er trat leise ein. St.
Clare lag auf dem Sopha, am anderen Ende des Zimmers, auf dem Gesichte,
Eva's Bibel aufgeschlagen in der Hand haltend. Tom näherte sich ihm, und
blieb am Sopha stehen. Er zauderte, und während dessen richtete sich St.
Clare plötzlich auf. Das ehrliche Gesicht, auf dem sich der Ausdruck
tiefsten Schmerzes und flehenden Mitgefühls zeigte, rührte St. Clare. Er
legte seine Hand auf Tom's Hand, und neigte seine Stirn darauf nieder.
»O, Tom, mein Junge, die Welt ist leer, wie eine Eierschale.«
»Ich weiß, Master, -- ich weiß,« sagte Tom; »aber, o! wenn Master nur
da hinauf blicken könnte, -- hinauf, wo unsere liebe Miß Eva ist, -- auf
zum lieben Herrn Jesus!«
»Ach, Tom! ich sehe hinauf; aber das Unglück ist, ich sehe nichts, wenn
ich es thue. Ich wollte, ich könnte etwas sehen.«
Tom seufzte schwer.
»Es scheint nur Kindern gegeben zu sein, und solchen armen, ehrlichen
Seelen, wie Du bist, zu sehen, was wir nicht können,« sagte St. Clare.
»Wie kommt das?«
»»Du hast es verborgen den Weisen und Klugen, und hast es geoffenbaret
den Unmündigen. Ja, Vater, also war es wohlgefällig vor Dir,««
antwortete Tom mit den Worten der Schrift.
»Tom, ich glaube nicht, -- ich kann nicht glauben, -- ich habe einmal
die Gewohnheit des Zweifelns angenommen,« sagte St. Clare. »Ich möchte
gern an die Bibel glauben, -- und kann nicht.«
»Lieber Master, beten Sie zum lieben Herrn: »Herr, ich glaube, hilf Du
meinem Unglauben!««
»Wer ^weiß^ Etwas?« sagte St. Clare, während seine Augen träumerisch
umher wanderten, und er zu sich selbst sprach. »War alle diese
himmlische Liebe und dieser Glaube nichts als eine der ewig wechselnden
Phasen menschlichen Gefühls, die auf nichts Wirklichem ruht, und mit dem
schwachen Athem entflieht? Und gibt es jetzt keine Eva mehr, -- keinen
Himmel, -- keinen Christus, -- nichts?«
»O lieber Master, ja! ich weiß es! -- ich weiß es gewiß!« sagte Tom auf
die Knie fallend. »Bitte, bitte, lieber Master, glauben Sie es!«
»Wie weißt Du, Tom, daß es einen Christus gibt? Du hast ihn nie
gesehen.«
»Ich habe Ihn gefühlt in meiner Seele, Master, -- fühle Ihn jetzt! O
Master, als ich verkauft wurde, fort von meiner alten Frau und meinen
Kindern, da dacht' ich, 's wäre aus mit mir. Mir war, als wenn Alles
vorbei wäre; aber dann kam der gute Herr, und stand bei mir, und sagte:
›Tom, fürchte nicht!‹ und er brachte Licht und Freude in meine arme
Seele, -- und machte Friede; -- und ich wurde so glücklich, und liebte
Jedermann, und fühlte mich willig nur dem Herrn anzugehören, und des
Herrn Willen zu thun, und überall hinzugehen, wohin der Herr mir befahl.
Ich wußte, das konnte nicht von mir kommen, denn ich bin eine arme,
unzufriedene Creatur; es kommt vom Herrn; -- und ich weiß, Er ist auch
bereit, Master beizustehen.«
Tom sprach unter strömenden Thränen, und mit stockender Stimme. St.
Clare lehnte seinen Kopf an Tom's Schulter, und drückte seine harte,
treue, schwarze Hand.
»Tom, Du hast mich lieb,« sagte er.
»Bin bereit mein Leben zu lassen, heute noch, wenn Master wollte ein
Christ werden.«
»Armer, thörichter Bursche!« sagte St. Clare, sich halb aufrichtend.
»Ich bin der Liebe eines so guten, ehrlichen Herzens, wie Deines, nicht
werth.«
»O Master, ich liebe Sie nicht allein, -- der liebe Herr Jesus liebt Sie
auch.«
»Wie weißt Du das, Tom?« sagte St. Clare.
»Ich fühle es in meiner Seele. O Master! ›die Liebe Christi, die viel
besser ist denn alles Wissen.‹«
»Sonderbar!« sagte St. Clare, sich abwendend, »daß die Geschichte eines
Menschen, der vor achtzehnhundert Jahren lebte und starb, noch jetzt so
tiefen Eindruck auf die Gemüther machen kann. Aber er war kein Mensch,«
fügte er plötzlich hinzu. »Nie hatte ein Mensch eine so lange dauernde
und lebendige Kraft. O, daß ich glauben könnte was meine Mutter mich
lehrte, und beten, wie ich es als Knabe konnte!«
»Wenn Master so gut sein wollte,« sagte Tom »Miß Eva las dies immer so
wunderschön. Ich wünschte, Master wollte so gut sein und es lesen. Höre
jetzt gar nichts mehr lesen, nun Miß Eva nicht mehr da ist.«
Es war das eilfte Kapitel Johannis, -- die rührende Scene von der
Wiedererweckung des Lazarus. St. Clare las laut, oft inne haltend, um
gewisse Empfindungen niederzudrücken, die durch das Ergreifende der
Schilderung erregt wurden. Tom kniete vor ihm mit gefalteten Händen, und
mit dem innigsten Ausdrucke von Liebe, Vertrauen und Anbetung in seinem
ruhigen Gesichte.
»Tom,« sagte sein Herr, »dies ist alles Wirklichkeit für Dich!«
»Ich kann es alles deutlich sehen, Master,« entgegnete Tom.
»Ich wollte, ich hätte Deine Augen, Tom.«
»Ich wünschte, bei dem lieben Herrn Jesus, Master hätte sie.«
»Aber, Tom, Du weißt, daß ich viel mehr Kenntnisse besitze als Du; wie,
wenn ich Dir sage, daß ich an diese Bibel nicht glaube?«