denken haben, als den Dienstboten die Bibel vorzulesen. Nicht, daß es
unpassend wäre, -- denn ich habe es, als ich noch gesund war, selbst
gethan; aber wenn Du dich erst ordentlich anziehen und in Gesellschaft
gehen mußt, dann hast Du keine Zeit mehr dazu. Sieh hier!« fügte sie
hinzu, »diese Juwelen will ich Dir schenken, wenn Du größer bist. Ich
habe sie auf meinem ersten Ball getragen. Ich kann Dir sagen, Eva, ich
machte damals Sensation.«
Eva nahm den Juwelenkasten, und hob ein diamantenes Halsband auf. Ihre
großen, sinnenden Augen ruhten darauf, aber es war klar, ihre Gedanken
waren anderswo.
»Wie gleichgültig Du dabei aussiehst, Kind!« sagte Marie.
»Sind diese sehr viel Geld werth, Mamma?«
»Gewiß! Vater ließ sie mir von Frankreich kommen. Sie sind ein kleines
Vermögen werth.«
»Ich wünschte, ich hätte sie,« sagte Eva, »um damit machen zu können,
was ich wollte!«
»Was würdest Du denn damit machen?«
»Ich würde sie verkaufen, und einen Platz in den Freistaaten ankaufen,
und alle unsere Leute dahin bringen, und Lehrer annehmen, um ihnen Lesen
und Schreiben zu lehren.«
Eva wurde durch das Lachen ihrer Mutter unterbrochen.
»Eine Schulanstalt errichten! Wolltest Du ihnen nicht auch lehren, auf
dem Piano zu spielen und auf Sammet zu malen?«
»Ich würde ihnen lehren, ihre Bibel selbst zu lesen, und ihre Briefe
selbst zu schreiben, und Briefe, die an sie geschrieben worden sind,
selbst zu lesen,« sagte Eva ruhig. »Ich weiß, Mamma, es ist recht
schlimm für sie, daß sie so etwas nicht selbst thun können. Tom fühlt
es, -- Mammy fühlt es, -- und viele Andere fühlen es. Ich denke, das ist
unrecht.«
»O geh, Eva, Du bist nur ein Kind! Du verstehst von allen diesen Dingen
nichts,« sagte Marie; »und überdieß macht mir Dein Geschwätz
Kopfschmerzen.«
Marie hatte stets Kopfschmerzen bei der Hand, sobald ihr irgend eine
Unterhaltung nicht zusagte.
Eva schlich sich fort; aber von der Zeit an gab sie Mammy mit großem
Eifer Leseunterricht.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Henrique.
Um diese Zeit brachte St. Clare's Bruder, Alfred, mit seinem ältesten
Sohne, einem Knaben von etwa zwölf Jahren, ein paar Tage bei der Familie
am See zu.
Es konnte keinen seltsameren und zugleich schöneren Anblick geben, als
diese beiden Zwillingsbrüder. Die Natur hatte, statt zwischen ihnen
Aehnlichkeiten zu schaffen, sie zu Gegenstücken in fast jeder Beziehung
gemacht; und dennoch vereinigte sie auf geheimnißvolle Weise das Band
einer mehr als gewöhnlichen brüderlichen Zuneigung.
Sie pflegten Arm in Arm die Alleen und Gänge des Gartens zu
durchschlendern. Augustin, mit seinen blauen Augen, blondem Haar,
seiner ätherisch biegsamen Figur und seinen lebhaften Zügen; und Alfred,
mit dunklen Augen, stolzem römischen Profile, gedrungenem Baue, und
fester Haltung. Sie schalten fortwährend gegenseitig auf ihre so
verschiedenartigen Ansichten und Gewohnheiten, und waren dennoch
unzertrennlich in ihrer Gesellschaft; kurz, grade ihre Verschiedenheit
schien sie an einander zu fesseln, wie Attraktion zwischen verschiedenen
Polen des Magnets.
Henrique, der älteste Sohn Alfred's, war ein dunkeläugiger Knabe von
edlem Aeußern, und voll von Geist und Lebhaftigkeit; und schien vom
ersten Augenblicke seiner Einführung an von den ätherischen Reizen
seiner Cousine Evangeline vollständig bezaubert worden zu sein.
Eva besaß ein kleines, schneeweißes Ponypferd. Es war sanft wie eine
Wiege, und so ruhig wie seine kleine Herrin. Dieses Pferdchen wurde
jetzt durch Tom vor die Veranda geführt, während ein kleiner
Mulattenknabe von ungefähr dreizehn Jahren ein kleines, schwarzes,
arabisches Pferd heranführte, welches erst kürzlich mit bedeutenden
Unkosten für Henrique importirt worden war.
Henrique empfand einen knabenhaften Stolz auf sein neues Besitzthum; und
als er sich deßhalb näherte, und die Zügel aus der Hand seines kleinen
Reitknechts empfing, blickte er aufmerksam über das Pferd, und seine
Stirne wurde finster.
»Was ist das, Dodo, Du fauler, kleiner Hund! Du hast mein Pferd diesen
Morgen nicht geputzt.«
»O ja, Master,« sagte Dodo unterwürfig, »den Staub da hat es sich selbst
eben angeworfen.«
»Halt Deinen Mund, Du Schlingel!« rief Henrique heftig, seine
Reitpeitsche aufhebend. »Wie kannst Du Dich erkühnen, zu reden?«
Der Knabe, ein hübsches, helläugiges Mulattenkind, von Henrique's Größe,
mit dunklem Lockenhaar um eine hohe, kühne Stirne, hatte weißes Blut in
seinen Adern, wie man deutlich aus der plötzlichen Röthe, die seine
Wangen überzog, und dem Funkeln seines Auges erkennen konnte, während er
zu sprechen versuchte.
»Master Henrique! --« begann er.
Henrique schlug ihm mit der Reitpeitsche über das Gesicht, faßte einen
seiner Arme, und drückte ihn nieder auf die Kniee, und peitschte ihn
dann so lange, bis er außer Athem war.
»Da, Du unverschämter Hund! Willst Du lernen, mir nicht zu
widersprechen, wenn ich mit Dir rede? Führe das Pferd zurück, und putze
es erst ordentlich. Ich werde Dich lehren, was Du zu thun hast!«
»Junger Master!« sagte Tom, »ich denke, was er sagen wollte, war, daß
das Pferd sich wälzte, als er es herbrachte vom Stalle, -- es ist so
muthig; -- davon ist es so schmutzig geworden; das Putzen habe ich mit
angesehen.«
»Halte Deinen Mund, bis Du gefragt wirst!« sagte Henrique, während er
sich auf dem Absatz umwandte, und die Stufen zu Eva hinaufstieg, welche
in ihrem Reitkleide in der Veranda stand.
»Liebe Cousine, es thut mir leid, daß dieser dumme Bursche Dich hier so
lange aufhält,« sagte er. »Komm, laß uns hier niedersitzen und warten,
bis er die Pferde bringt. Aber was ist Dir denn, Cousine? -- Du siehst
ja so verstimmt aus.«
»Wie konntest Du so grausam und so schlecht gegen den armen Dodo
handeln?« sagte Eva.
»Grausam, -- schlecht?« sagte der Knabe mit ungekünsteltem Erstaunen.
»Was meinst Du, liebe Eva?«
»Ich will nicht, daß Du mich liebe Eva nennest, wenn Du so handelst,«
entgegnete Eva.
»Liebe Cousine, Du kennst den Dodo nicht; es ist dies der einzige Weg,
um mit ihm fertig zu werden; er ist so voll von Lügen und
Entschuldigungen. Man muß ihn gleich ganz zum Schweigen bringen, -- ihn
gar nicht den Mund öffnen lassen; so macht es Papa.«
»Aber Onkel Tom sagte, es war ein Zufall, und er sagt niemals eine
Unwahrheit.«
»Dann ist er ein ganz ungewöhnlicher alter Neger!« sagte Henrique. »Dodo
lügt so schnell, wie er nur sprechen kann.«
»Du schüchterst ihn so ein, daß er lügt, wenn Du ihn so behandelst,«
sagte Eva.
»In der That, Eva, Du hast eine solche Vorliebe für Dodo gefaßt, daß ich
anfange, eifersüchtig zu werden.«
»Aber Du schlugst ihn, -- und er hatte es nicht verdient.«
»Gut, so mag es für ein andres Mal gelten, wenn er's verdient, und nicht
bekömmt. Ein paar Hiebe thun Dodo nie Schaden, -- er ist ein arger
Bursche, ich versichere Dich; aber ich will ihn nie wieder in Deiner
Gegenwart züchtigen, wenn es Dir unangenehm ist.«
Eva war nicht zufriedengestellt, aber sah, daß es vergeblich sei, ihre
Gefühle auszudrücken, da der hübsche Cousin sie nicht verstand.
»Wohl, Dodo, dieses Mal hast Du es besser gemacht,« sagte der junge
Master mit gnädigerer Miene als vorher. »Komm nun, und halte Miß Eva's
Pferd, während ich sie in den Sattel hebe.«
Dodo kam, und stand bei Eva's Pony. Sein Gesicht war traurig, und seine
Augen verriethen, daß er geweint hatte.
Henrique, der sich etwas auf seine Gewandtheit in Allem, was Galanterie
betraf, zu gut that, hatte seine hübsche Cousine sehr bald im Sattel
sitzen, und nahm sodann die Zügel zusammen, um sie in ihre Hand zu
legen. Allein Eva wendete sich nach der andern Seite zu, wo Dodo stand,
und sagte, als dieser die Zügel fahren ließ: »So ist's recht, Dodo, --
bist ein guter Junge, ich danke Dir!«
Dodo blickte erstaunt in das sanfte, jugendliche Gesicht, das Blut schoß
ihm in die Wangen, und Thränen traten in seine Augen.
»Hier, Dodo,« rief sein junger Herr befehlend.
Dodo sprang zu ihm und hielt das Pferd, während Letzterer aufstieg.
»Da ist eine Picayune für Dich, Dodo,« sagte Henrique, »magst Dir
Zuckerwerk dafür kaufen.«
Henrique galloppirte die Allee hinab, hinter Eva her, und Dodo blieb
stehen, und blickte beiden Kindern nach. Das eine hatte ihm Geld
gegeben, und das andere, was ihm mehr Noth that, -- ein freundliches
Wort. Dodo war nur erst wenige Monate von seiner Mutter entfernt. Sein
Herr hatte ihn auf einem Sklavenmarkte seines hübschen Gesichtes wegen
gekauft, um zu dem hübschen arabischen Pferde zu passen, und er empfing
jetzt von den Händen seines jungen Masters die Dressur.
Die Prügelscene war von den beiden Brüdern St. Clare von einem andern
Theile des Gartens aus mit angesehen worden. Augustins Wange glühte vor
Unwillen, aber er bemerkte nur mit der ihm eigenthümlichen sarkastischen
Nachlässigkeit:
»Ist das vielleicht, was man republikanische Erziehung zu nennen pflegt,
Alfred?«
»Henrique ist ein Teufel von einem Jungen, wenn er hitzig ist,« sagte
Alfred nachlässig.
»Ich vermuthe, Du hältst dies für eine nützliche Uebung für ihn,«
bemerkte Augustin trocken.
»Ich würde es nicht verhindern können, wenn ich's auch nicht thäte.
Henrique ist ein wahrer, kleiner Sturmwind; -- seine Mutter und ich, wir
haben ihn längst aufgegeben. Aber dieser Dodo ist auch ein hartnäckiger
Bursche, -- kein Peitschen kann ihm Schaden thun.
Und bringt Henrique zugleich den ersten Vers seines republikanischen
Katechismus bei: ›Alle Menschen sind frei und gleich geboren!‹«
»Puh!« sagte Alfred, »das ist eins von Tom Jefferson's Stückchen von
französischem Sentimentalismus und Unsinn. Es ist förmlich lächerlich,
daß eine solche Idee noch jetzt unter uns herumspuckt.«
»Ich glaube es auch,« sagte St. Clare bedeutungsvoll.
»Denn,« fuhr Alfred fort, »wir können deutlich genug sehen, daß
^nicht^ alle Menschen frei und gleich geboren sind; sie sind sehr
verschieden geboren. Was mich betrifft, so halte ich alles dieses
republikanische Geschwätz für nichts als Unsinn. Es sind die Gebildeten,
die Reichen, welche gleiche Rechte haben sollten, aber nicht die
_canaille_.«
»Wenn Du die _canaille_ von dieser Ansicht überzeugen kannst,« sagte
Augustin. »In Frankreich sind sie einmal auch an der Reihe gewesen.«
»Natürlich müssen sie ^unter Druck^ gehalten werden, fest und
consequent, so, wie ich es thun würde,« sagte Alfred, seinen Fuß fest
niedersetzend, als wenn er auf Jemand stände.
»Es verursacht einen fürchterlichen Fall, wenn sie aufstehen,« bemerkte
Augustin, -- »zum Beispiel in St. Domingo.«
»Puh!« entgegnete Alfred, »dafür wollen wir hier schon sorgen. Wir
müssen uns durchaus allen diesen Geschwätzen von Erziehung und Bildung
entgegen stemmen, die jetzt überall gehört werden. Die untere Klasse muß
keine Erziehung und Bildung haben.«
»Dafür möchte alles Beten nichts mehr helfen,« sagte Augustin; »eine
Erziehung werden sie erhalten, und wir haben nur zu sagen, welche. Unser
System ist, sie in Rohheit und Unmenschlichkeit zu erziehen. Wir
zerreißen alle menschlichen Bande, und machen sie zu nichts als rohen,
thierischen Geschöpfen; und als solche werden sie sich zeigen, wenn sie
je die Oberhand gewinnen sollten.«
»Sie werden nie die Oberhand gewinnen!« sagte Alfred.
»Das ist recht,« entgegnete St. Clare; »laß den Dampf los, schließe das
Sicherheitsventil, setze Dich dabei, und sieh zu, wo Du landen wirst.«
»Gut,« sagte Alfred, »wir wollen sehen. Ich fürchte mich nicht, am
Sicherheitsventile zu sitzen, so lange die Dampfkessel stark sind, und
die Maschine in Ordnung ist.«
»Der Adel in Louis _XVI._ Zeit dachte auch so, und Oestreich und Pius
_IX._ denken noch so; und eines schönen Morgens könnt Ihr Euch alle
vielleicht in der Luft begegnen, ^wenn die Dampfkessel gesprungen
sind^.«
»_Dies declarabit_,« sagte Alfred lachend.
»Ich sage Dir,« fuhr Augustin fort, »wenn in unserer jetzigen Zeit
irgend Etwas mit der Kraft eines göttlichen Gesetzes offenbart worden
ist, so ist es das, daß die Massen aufstehen, und die unteren Klassen an
die Stelle der oberen gestellt werden.«
»Das ist etwas von Deinem rothrepublikanischen Unsinn, Augustin! Warum
bist Du denn nicht Volksredner geworden? -- Du eignest Dich ganz
vortrefflich dazu! -- Nun, ich hoffe nur, daß ich todt bin, ehe dieses
tausendjährige Reich Deiner schmutzigen Massen kommt.«
»Schmutzig oder nicht schmutzig, -- sie werden Dich beherrschen,
wenn ihre Zeit kommt,« sagte Augustin, »und sie werden grade solche
Herrscher sein, als wozu Ihr sie macht. Der französische Adel
wollte das Volk als ›_sans culottes_‹ haben, und er bekam ›_sans
culottes_‹-Herrscher in vollem Maaße. Das Volk in Hayti --«
»O, laß das, Augustin! -- als wenn wir nicht genug von den
abscheulichen, verächtlichen Haytiern gehört hätten! Sie waren keine
Angelsachsen; wenn sie die gewesen wären, so würde die Sache eine andre
Wendung genommen haben. Das Geschlecht der Angelsachsen ist das
herrschende auf der Erde, und verdient es zu sein.«
»Nun, ich glaube, es ist jetzt eine gute Quantität angelsächsisches Blut
unter unseren Sklaven,« sagte Augustin. »Es giebt Viele unter ihnen, die
von dem afrikanischen grade nur so viel haben, um unserer berechnenden
Ruhe und Sicherheit etwas tropische Wärme zu verleihen. Wenn jemals die
St. Domingo-Stunde hier schlagen sollte, so wird das angelsächsische
Blut der Führer des Tages sein. Söhne weißer Väter, mit allem unserem
Stolze in ihren Adern, werden nicht immer gekauft und verkauft werden,
und Gegenstand des Handels sein. Sie werden sich erheben, und das
Geschlecht ihrer Mütter zugleich mit.«
»Unsinn!« rief Alfred.
»Gut,« sagte Augustin, »es gibt ein altes Sprichwort, des Inhalts: ›So
wie es zur Zeit Noah's war, so wird es wieder sein; -- sie aßen, sie
tranken, sie pflanzten, sie bauten, und wußten es nicht, bis die Fluth
kam und sie verschlang.‹«
»Im Ganzen genommen, Augustin, dächte ich, hättest Du hinreichendes
Talent für einen Kunstreiter,« sagte Alfred lachend. »Sei Du nur nicht
für uns besorgt; Besitz ist unsere Festung. Wir haben die Macht; und
dieses verworfene Geschlecht,« sagte er, mit dem Fuße stampfend, »ist
unten, und soll unten bleiben! Wir besitzen Energie genug, um unser
eignes Pulver richtig anzuwenden.«
»Söhne, die wie Dein Henrique erzogen sind, werden vortreffliche
Aufseher unserer Pulvermagazine abgeben,« sagte Augustin, -- »so ruhig
und überlegend! Das Sprichwort sagt: ›Wer sich nicht selbst beherrschen
kann, ist nicht im Stande, Andere zu beherrschen.‹«
»Es ist da allerdings ein Uebelstand,« sagte Alfred gedankenvoll; »es
läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unser System nicht sonderlich
dazu geeignet ist, Kinder zu erziehen. Es läßt den Leidenschaften zu
großen Spielraum, welche in unserem Klima ohnedies schon heiß genug
sind. Henrique verursacht mir viel Unruhe. Der Knabe ist edelmüthig, und
hat ein warmes Herz, aber ist eine wahre Rakete, sobald er sich in
Aufregung befindet. Ich glaube, ich werde ihn nach Norden senden müssen,
wo Gehorsam mehr an der Tagesordnung ist, und wo seine Gesellschafter
mehr seines Gleichen, und weniger seine Untergebenen sind.«
»Da Kindererziehung ein für das menschliche Geschlecht so wichtiger
Gegenstand ist,« sagte Augustin, »so sollte ich denken, daß es einige
Betrachtung verdiente, weshalb unser System nicht gut ist.«
»Es ist in manchen Beziehungen mangelhaft,« sagte Alfred, »während es in
andern die besten Erfolge hat. Es macht Knaben männlich und muthig, und
die Laster eines verworfenen Geschlechtes wirken dahin, in ihnen die
denselben entgegengesetzten Tugenden zu stärken und zu befestigen. Ich
glaube zum Beispiel, daß Henrique um so mehr Gefühl für die Schönheit
der Wahrheit hat, als er Lug und Trug stets als Kennzeichen der
Sklaverei gesehen hat.«
»Das ist eine ächt christliche Anschauung der Sache, ohne Zweifel!«
sagte Augustin.
»Sie ist wahr, ob christlich oder nicht,« sagte Alfred, »und doch
vielleicht eben so christlich, wie viele andre Dinge in der Welt.«
»Das mag sein,« entgegnete St. Clare.
»Unser Gespräch führt zu nichts, Augustin. Ich glaube, wir haben diesen
Kreislauf bereits fünfhundertmal gemacht. Was meinst Du zu einer Partie
Puff?«
Die beiden Brüder sprangen die Stufen der Veranda hinauf, und saßen bald
vor einem leichten Tische von Bambus, mit dem Puffbrette zwischen
ihnen.
»Ich sage Dir, Augustin, wenn ich so dächte, wie Du, so würde ich
wenigstens Etwas thun.«
»Wahrscheinlich, -- denn Du gehörst zu der thätigen Klasse von Menschen,
-- aber was denn?«
»Ich würde meine eigenen Sklaven zum Muster für Andere erziehen,« sagte
Alfred mit einem halb höhnischen Lächeln.
»Du könntest eben so wohl den Berg Aetna flach auf sie stellen, und
ihnen heißen, darunter aufzustehen, wie mir rathen, meine Sklaven unter
dieser erdrückenden Masse der Gesellschaft zu erziehen. Ein Mann allein
kann gegen den Strom einer ganzen Commune nichts thun.«
»Du hast den ersten Wurf,« sagte Alfred, und beide Brüder waren bald in
ihr Spiel vertieft, und hörten nichts mehr, bis der Schall von
Pferdehufen unter der Veranda erklang.
»Da kommen die Kinder,« sagte Augustin, aufstehend. »Sieh' da, Alf, hast
Du jemals etwas so Schönes gesehen?«
Und es war in der That ein schöner Anblick. Henrique mit seiner hohen,
kühnen Stirn, seinen dunkelen, glänzenden Locken, und seiner glühenden
Wange, lachte heiter, während er sich an seine schöne Cousine wendete,
und Beide näher kamen. Eva trug ein blaues Reitkleid, mit einer Mütze
von derselben Farbe. Die Bewegung hatte ihren Wangen höhere Farbe
verliehen, und ließ ihre wunderbar durchsichtige Haut und ihr goldenes
Haar noch eindrucksvoller erscheinen.
»Gott im Himmel! welche blendende Schönheit ist das!« rief Alfred. »Ich
sage Dir, August, -- wird sie nicht bald schon Manchem das Herz schwer
machen?«
»Ja, nur zu sehr, -- Gott weiß, ich fürchte es!« sagte St. Clare mit
plötzlich bitterem Tone, während er hinunter eilte, um sie
herabzuheben.
»Eva, Liebling! bist Du nicht sehr ermüdet?« sagte er, indem er sie in
seine Arme nahm.
»Nein, Papa,« entgegnete sie; allein ihr kurzer, scharfer Athem
beunruhigte ihren Vater lebhaft.
»Wie konntest Du so scharf reiten, liebes Kind? -- Du weißt, es ist Dir
so nachtheilig.«
»Ich fühle mich so wohl, Papa, und es gefiel mir so sehr, daß ich es
vergaß.«
St. Clare trug sie auf seinen Armen in das Zimmer, und legte sie auf das
Sopha.
»Henrique, Du mußt vorsichtiger mit Eva sein,« sagte er, »Du mußt nicht
so scharf mit ihr reiten.«
»Ich will sie unter meine Pflege nehmen,« sagte Henrique, setzte sich an
das Sopha, und nahm ihre Hand in die seinige.
Eva fühlte sich bald besser. Ihr Vater und Onkel setzten ihr Spiel fort,
und die Kinder waren sich selbst überlassen.
»Weißt Du, Eva, es ist recht schade, Papa will nur zwei Tage hier
bleiben, und dann sehe ich Dich so lange nicht wieder. Wenn ich hier
bliebe bei Dir, würde ich mir rechte Mühe geben, immer gut zu sein, und
nie Dodo hart zu behandeln. Ich will Dodo nichts Böses zufügen, aber,
siehst Du, ich habe ein so hitziges Temperament. Ich bin nicht immer
häßlich gegen ihn; ich gebe ihm manchmal eine Picayune. Ich glaube auch,
im Ganzen genommen hat es Dodo recht gut.«
»Würdest Du glauben, daß Du es gut hättest, wenn Dir kein Wesen der Welt
nahe wäre, das Dich liebte?«
»Ich? -- natürlich nicht.«
»Und Du hast Dodo von allen den Freunden, die er hatte, fortgerissen,
und nun hat er Niemanden mehr, der ihn lieb hat; -- wer kann unter
solchen Umständen gut sein!«
»Nun, ich kann's nicht ändern, ich wüßte wenigstens nicht wie. Ich kann
nicht seine Mutter holen, und ich kann ihn nicht selbst lieben, oder
irgend ein Andrer, so viel ich weiß.«
»Warum kannst Du nicht?« fragte Eva.
»Dodo lieben? Wie, Eva, das wirst Du doch nicht von mir verlangen! Ich
kann ihn wohl ganz ^gern haben^; aber Du liebst doch Deine Dienstboten
nicht.«
»Gewiß thue ich das.«
»Wie sonderbar!«
»Befiehlt uns die Bibel nicht, alle Menschen zu lieben?«
»O, die Bibel! Ja, die sagt wohl viele Sachen; aber es denkt wohl
Niemand daran, sie zu thun, -- das weißt Du doch, Eva?«
Eva antwortete nicht; ihre Augen waren einige Sekunden lang starr und
sinnend.
»Auf jeden Fall,« sagte sie endlich, »lieber Cousin, bitte, habe den
armen Dodo lieb, und sei freundlich gegen ihn, mir zu Liebe!«
»Dir zu Liebe könnte ich wer weiß was lieb haben; denn, wahrlich, ich
glaube, Du bist das liebenswürdigste Wesen, das ich je gesehen habe,
liebe Cousine!« sagte Henrique mit einem solchen Ernste und Eifer, daß
sein hübsches Gesicht glühte.
Eva empfing diese Erklärung mit vollständiger Einfalt des Herzens, und
ohne daß sich ein Zug ihres Gesichtes veränderte. Sie sagte nur: »Das
freut mich, lieber Henrique! Ich hoffe, Du wirst es nicht vergessen.«
Der Schall der Mittagsglocke machte hier der Unterhaltung ein Ende.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Vorboten.
Zwei Tage später reiste Alfred St. Clare mit seinem Sohne wieder ab, und
Eva, die durch die Gesellschaft ihres jungen Cousin zu Anstrengungen
veranlaßt worden war, welche ihre Kräfte überstiegen, begann von nun an
schwächer und schwächer zu werden. St. Clare verstand sich endlich dazu,
ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen, wovor er sich bisher immer
deßhalb gescheut hatte, weil es das Zugeständniß einer traurigen
Wahrheit enthielt. Allein Eva fühlte sich einige Tage lang so krank, daß
sie selbst das Haus nicht mehr verlassen konnte, -- und so wurde der
Arzt gerufen.
Marie St. Clare hatte das allmählige Abnehmen der Gesundheit und der
Kräfte des Kindes nicht beachtet, weil ihre ganze Aufmerksamkeit sich
darauf gerichtet hatte, zwei oder drei neue Krankheitsarten zu studiren,
deren Opfer sie selbst zu sein glaubte. Es war Mariens erster und
unumstößlicher Glaubensartikel, daß Niemand so viel leide und leiden
könne, wie sie selbst; und aus diesem Grunde wies sie stets alle
Andeutungen, daß irgend Jemand ihrer Umgebung krank sein könne, mit
Unwillen zurück. Sie war in solchem Falle stets dessen gewiß, daß es nur
Trägheit oder Mangel an Energie sein könne, woran Jene litten, und daß
sie, wenn sie ein Leiden wie das ihrige zu tragen hätten, sehr bald den
Unterschied erkennen würden.
Miß Ophelia hatte mehrmals versucht, ihre mütterliche Besorgniß für Eva
zu erwecken; aber vergeblich.
»Ich sehe nicht, was dem Kinde fehlen soll,« pflegte sie zu sagen, »sie
läuft ja umher und spielt.«
»Aber sie hat den Husten.«
»Husten! -- Sie brauchen mir nicht zu sagen, was Husten ist. Ich habe am
Husten gelitten, so lange ich lebe. Als ich in Eva's Alter war, dachten
Alle, ich hätte die Auszehrung. Nacht für Nacht mußte Mammy bei mir
wachen. O! Eva's Husten ist gar nichts.«
»Aber sie wird immer schwächer, und ihr Athem immer kürzer.«
»Mein Gott! Das habe ich jahrelang gehabt; 's ist nichts als etwas
Nervenschwäche.«
»Aber sie hat des Nachts auch so starken Schweiß.«
»So, -- habe ich denn den nicht schon seit zehn Jahren? Fast Nacht für
Nacht ist meine Wäsche zum Ausringen naß, und das Bettzeug so feucht,
daß Mammy es aufhängen muß, um es zu trocknen! Eva's Schweiß ist doch
damit nicht zu vergleichen!«
Miß Ophelia sagte eine Zeit lang gar nichts mehr, allein, als Eva
endlich bettlägerig geworden und ein Arzt herbeigerufen worden war, nahm
Marie plötzlich eine andere Wendung.
»Sie habe es gewußt,« sagte sie, »sie habe es immer gefühlt, daß sie
bestimmt sei, die unglücklichste aller Mütter zu sein. Da liege sie nun
mit ihrer leidenden Gesundheit, und müsse ihr einziges Kind, ihren
Liebling vor ihren Augen zu Grabe gehen sehen.«
»Meine liebe Marie,« pflegte dann St. Clare zu sagen, »sprich nicht so!
Du solltest an ihrem Zustande nicht gleich ganz verzweifeln.«
»O Du hast nicht die Empfindungen einer Mutter, St. Clare! Du hast mich
nie verstehen können! -- und jetzt am allerwenigsten!«
»Aber sprich doch nur nicht so, als wenn alle Hoffnung verloren wäre!«
»Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, wie Du, St. Clare. Wenn Du
es nicht fühlst, wenn Dein Kind in einem so hoffnungslosen Zustande ist,
-- ich fühle es! Der Schlag ist für mich zu hart, mit alle dem, was ich
vorher schon gelitten habe.«