»Es ist wahr,« entgegnete St. Clare, »daß Eva von Natur sehr schwächlich

ist, und daß ihre Kräfte durch zu schnelles Wachsen in hohem Grade

erschöpft sind, und daß ihr Zustand sehr bedenklich ist; allein gerade

jetzt ist sie nur durch die Hitze der Jahreszeit auf's Bett geworfen

worden, wozu die Aufregung und die Anstrengungen beigetragen haben, die

durch den Besuch ihres jungen Cousin verursacht worden sind. Der Arzt

sagt, es sei noch nicht alle Hoffnung verloren.«

»Gut, natürlich, wenn Du die Sache noch aus einem günstigen Lichte

betrachten kannst, so thue es; -- es ist eine Wohlthat in dieser Welt,

wenn die Menschen keine tiefen Gefühle haben. Ich wollte, ich hätte auch

keine, denn sie machen mich nur noch elender! -- Ich wünschte, ich

^könnte^ eben so sorglos darüber sein wie Ihr andern alle!«

Eine oder zwei Wochen später zeigte sich plötzlich eine günstige

Veränderung der Symptome, -- eine jener trügerischen Windstillen, durch

die jene unerbittliche Krankheit so oft das angstvolle Herz noch am

Rande des Grabes täuscht. Eva's Tritt schwebte wieder durch den Garten,

durch die Balkone, -- sie spielte wieder und lachte wieder, und ihr

Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so gesund sein

solle, wie je zuvor. Nur Miß Ophelia und der Arzt schöpften keine neuen

Hoffnungen aus diesem trügerischen Wechsel. Und noch ein anderes Herz

schlug, das auch dieselbe Gewißheit in sich fühlte, und das war Eva's

kleines Herz. Was für eine Stimme ist das, die zuweilen im Herzen so

ruhig, so deutlich spricht, daß seine irdische Zeit bald abgelaufen sei?

Ist es der geheime Instinkt der vergehenden Natur, oder ist es ein

ahnender Herzschlag, wenn die Ewigkeit uns näher rückt? Was es auch

sei, in Eva's Herzen war die ruhige, süße, prophetische Gewißheit

vorhanden, daß der Himmel ihr nahe sei, und nur der Schmerz um

diejenigen, die sie so innig liebten, beunruhigte ihr kleines Herz. Denn

das Kind, obgleich es so zärtlich auferzogen worden war, und obgleich

sich das Leben vor ihm mit allem Glanze ausbreitete, den Liebe und

Reichthum gewähren können, empfand dennoch keinen Schmerz über sein

nahendes Scheiden. In jenem Buche, in dem sie mit ihrem schlichten,

alten Freunde so viel gelesen, hatte sie das Bild Eines gefunden und in

ihr Herz geschlossen, der das kleine Kind liebte; und während sie sann

und an ihn dachte, hatte er aufgehört, ein bloßes Bild und Gemälde zu

sein, und war eine lebendige, Alles umfassende Wirklichkeit geworden.

Seine Liebe umschloß ihr kindliches Herz mit mehr als menschlicher

Zärtlichkeit, und zu Ihm, nach Seinem Hause, sagte sie, daß sie gehe.

Aber ihr Herz dachte mit wehmüthiger Zärtlichkeit an alle diejenigen,

die sie zurücklassen mußte; zunächst an ihren Vater, -- denn, obgleich

sie sich dessen nicht deutlich bewußt war, hatte sie dennoch das

instinktmäßige Gefühl, daß sie seinem Herzen mehr angehöre, als irgend

einem andern. Sie liebte ihre Mutter, weil ihr ganzes Wesen Liebe war,

und alle die Selbstsucht, die sie an ihr wahrnahm, verursachte ihr nur

Betrübniß und Verwunderung; denn sie hatte das dunkle, kindliche Gefühl,

daß ihre Mutter nicht unrecht thun könne. Eben so gedachte sie mit Liebe

jener treuen, anhänglichen Dienstboten, für die sie wie Tageslicht und

Sonnenschein gewesen war. Kinder generalisiren in der Regel nicht,

allein Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind, und was sie von den Uebeln

jenes Systems gesehen hatte, unter dem jene Unglücklichen lebten, war

eins nach dem andern in die Tiefen ihres sinnenden Gemüthes gesunken.

Sie empfand ein dunkles Sehnen, irgend etwas für sie zu thun, -- ein

Sehnen, das in so grellem Gegensatze zu der Gebrechlichkeit ihrer

kleinen, körperlichen Hülle stand.

»Onkel Tom,« sagte sie eines Tages, als sie ihm vorlas, -- »ich kann es

mir erklären, weßhalb Jesus für uns sterben ^wollte^.«

»Weßhalb, Miß Eva?«

»Weil ich grade dasselbe Gefühl auch habe.«

»Welches Gefühl, Miß Eva? -- ich verstehe Sie nicht.«

»Ich kann es Dir nicht beschreiben: aber als ich jene unglücklichen

Wesen auf dem Schiffe sah, -- Du weißt ja, als wir zusammen hierher

fuhren, -- von denen einige ihre Mütter verloren hatten, und andere um

ihre Männer, und noch andere um ihre Kinder weinten, -- und als ich von

der armen Prue hörte, -- o, war das nicht schrecklich! -- da dachte ich,

ich würde gern sterben, wenn mein Tod allem diesem Elend ein Ende machen

könnte. -- Ich würde ^gern^ sterben, gewiß, Tom, wenn ich könnte,«

fügte sie lebhafter hinzu, indem sie ihre kleine Hand auf die seinige

legte.

Tom blickte mit Ehrfurcht auf das Kind, und als es auf den Ruf seines

Vaters davon eilte, trocknete er seine Augen viele, viele Male, während

er ihr nachschaute.

»'s ist vergeblich, Miß Eva hier behalten zu wollen,« sagte er zu Mammy,

der er gleich nachher begegnete; -- »sie hat schon das Zeichen des Herrn

auf ihrer Stirn.«

»Ach, ja, ja,« sagte Mammy, ihre Hände aufhebend; -- »habe immer das

gesagt. Sie war nie, wie ein Kind ist, das leben soll, -- 's war immer

so 'was Tiefes in ihren Augen. Hab's Missis oft genug gesagt, -- 's muß

wahr werden, -- wir sehen's Alle, -- das liebe, kleine Lamm!«

Eva trippelte die Stufen der Veranda hinauf zu ihrem Vater. Es war spät

am Nachmittage, und die Strahlen der Sonne bildeten eine Art Glorie

hinter ihr, während sie sich ihm nahte in ihrer weißen Kleidung, mit dem

goldenen Haar, den glühenden Wangen und den vom langsamen Fieber, das in

ihren Adern brannte, unnatürlich glänzenden Augen.

St. Clare hatte sie gerufen, um ihr eine kleine Statue zu zeigen, die er

für sie gekauft hatte; aber ihre Erscheinung, als sie sich näherte,

ergriff ihn plötzlich auf schmerzhafte Weise. Es gibt eine Art

hinreißender, aber so gebrechlicher Schönheit, daß wir sie kaum zu

betrachten vermögen. Ihr Vater drückte sie heftig in seine Arme, und

vergaß beinahe, was er ihr hatte sagen wollen.

»Eva, mein liebes Kind, Du bist jetzt besser, -- nicht wahr?«

»Papa,« sagte Eva mit plötzlicher Festigkeit, -- »ich habe Dir Etwas

sagen wollen -- schon seit langer Zeit. Ich will es Dir jetzt sagen, ehe

ich noch schwächer werde.«

St. Clare zitterte, während Eva sich auf seinen Schooß setzte. Sie legte

ihren Kopf an seinen Busen und sagte:

»Es nützt nichts, Papa, daß ich es noch länger bei mir behalte. Die Zeit

naht, wo ich Dich verlassen muß. Ich gehe und kehre nie wieder!« sagte

sie schluchzend.

»O nein, meine liebe kleine Eva!« sagte ihr Vater bebend, während er

sprach, aber einen heitern Ton annehmend, »Du bist angegriffen und

niedergeschlagen, aber Du mußt Dich nicht so düsteren Gedanken hingeben.

Sieh' hier, ich habe eine kleine Statue für Dich gekauft!«

»Nein, Papa,« entgegnete Eva, sie sanft bei Seite schiebend, -- »täusche

Dich nicht selbst! Ich bin ^nicht^ besser, ich fühle das recht wohl,

-- und ich gehe bald. Ich bin nicht angegriffen, -- ich bin nicht

niedergeschlagen. Wenn es nicht Deinethalben wäre, Papa, und um meiner

Freunde willen, so wäre ich ganz glücklich. Ich gehe gern, -- ich sehne

mich danach!«

»Wie, Kind, was hat denn Dein armes kleines Herz so traurig gemacht? Du

hast Alles gehabt, was möglich war, um Dich glücklich zu machen.«

»Ich möchte lieber im Himmel sein, obgleich ich um meiner Freunde willen

gern lebte. Es gibt hier so viele Dinge, die mich traurig machen, die

mir schrecklich erscheinen; -- deßhalb möchte ich lieber dort sein, --

aber ich verlasse Dich nicht gern, -- es bricht mir beinahe das Herz.«

»Was macht Dich denn so traurig und erscheint Dir so schrecklich, Eva?«

»O, Dinge, die immer und immer geschehen. Unsere armen Leute thun mir

leid; sie haben mich so lieb und sind alle so gut gegen mich. Ich

wünschte, Papa, sie wären alle ^frei^.«

»Wie, Eva, glaubst Du denn nicht, daß sie es alle gut haben?«

»Ja, aber, Papa, wenn Dir irgend etwas zustoßen sollte, was würde dann

aus ihnen werden? Es gibt wohl wenige Menschen, die so wie Du sind.

Onkel Alfred ist nicht so und Mamma ist nicht so; und dann denke nur

einmal an die Herrschaft der armen, alten Prue! was für schreckliche

Dinge Menschen begehen können!« sagte Eva schaudernd.

»Mein liebes Kind, Du bist zu reizbar. Ich bereue es, daß ich Dich

jemals solche Dinge habe hören lassen.«

»O, sieh, Papa, das ist's, was mich beunruhigt. Du willst, daß ich

glücklich leben und nie Schmerzen, -- nie Leiden haben, -- selbst nicht

einmal eine traurige Geschichte hören soll, während andere arme Wesen

nichts als Schmerz und Kummer ihr ganzes Leben lang haben, -- ist das

nicht selbstsüchtig? Ich muß solche Sachen hören und darüber denken!

Solche Sachen sanken mir immer in's Herz, -- tief, tief, und ich habe

darüber gedacht und gedacht. Papa, ist denn gar kein Weg möglich, um

alle Sklaven frei zu machen?«

»Das ist eine schwierige Frage, Kind. Ohne Zweifel ist ihr jetziges Loos

ein sehr trauriges. Viele Menschen denken so und ich selbst denke so.

Von Herzen wünschte ich, daß es im ganzen Lande keinen Sklaven gäbe;

aber ich weiß nicht, wie das zu erreichen ist.«

»Papa, Du bist so gut und so edel und so freundlich, und weißt Alles so

hübsch zu sagen, -- könntest Du denn nicht zu allen Leuten herumgehen,

und sie zu überreden suchen, dieses Unrecht abzustellen? Wenn ich todt

bin, Papa, dann wirst Du an mich denken, und es um meinetwillen thun.

Ich würde es selbst thun, wenn ich könnte.«

»Wenn Du todt bist, Eva?« sagte St. Clare leidenschaftlich. »O Kind,

sage nicht so etwas zu mir; -- Du bist ja mein Alles, was ich auf Erden

besitze.«

»Das Kind der armen, alten Prue war auch Alles, was sie besaß, -- und

dennoch mußte sie es schreien hören und durfte ihm nicht helfen! Papa,

diese armen Wesen lieben ihre Kinder eben so sehr wie Du mich liebst. O,

thue etwas für sie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder auch; ich habe

gesehen, wie sie weinte, wenn sie von ihnen sprach. Und Tom liebt seine

Kinder, und ist es nicht schrecklich, Papa, daß solche Dinge immer und

immerfort geschehen?«

»Still, still, mein Liebling,« sagte St. Clare beruhigend: »beunruhige

Dich nur nicht so sehr, und sprich mir nicht von sterben, und ich will

Alles thun, was Du willst.«

»Und versprich mir, lieber Vater, daß Tom seine Freiheit haben soll,

sobald« -- sie hielt inne und fügte zaudernd hinzu -- »ich nicht mehr da

bin!«

»Ja, mein Kind, ich will Alles -- Alles in der Welt thun, um was Du mich

bittest.«

»Mein lieber Vater,« sagte dann das Kind, indem es seine brennende

Wange an die seinige legte, »wie sehr wünschte ich, daß wir zusammen

gehen könnten!«

»Wohin, mein Liebling?« fragte St. Clare.

»Nach der Heimath unseres Erlösers; -- da ist Alles so schön, so

friedlich, -- so liebreich!« Das Kind sprach unbewußt wie von einem

Platze, wo es oft gewesen war. »Willst Du nicht mit gehen, Papa?« fügte

sie hinzu.

St. Clare drückte sie fester an sich, aber schwieg.

»Du wirst zu mir kommen,« sagte das Kind in einem Tone ruhiger

Bestimmtheit, in welchem es oft unbewußt sprach.

»Ich folge Dir, -- ich werde Dich nicht vergessen.«

Die Schatten dieses feierlichen Abends legten sich dichter und dichter

um sie, während St. Clare schweigend da saß und die kleine gebrechliche

Körperform an seinem Busen hielt. Er sah nicht mehr die tiefen Augen,

aber ihre Stimme berührte ihn wie eine Geisterstimme, und sein ganzes

vergangenes Leben stieg in einem Augenblick vor seinen Augen auf, als

sollte darüber Gericht gehalten werden: Die Gebete und Hymnen seiner

Mutter; sein eignes früheres Sehnen und Streben nach dem Guten; und

zwischen jener Zeit und der gegenwärtigen Stunde Jahre von Weltlichkeit,

Ungläubigkeit und was die Menschen anständiges Leben nennen. Wir können

^viel^, sehr viel in einem Augenblicke denken. St. Clare sah und

dachte viel, aber sagte nichts. Und als es dunkler wurde, trug er sein

Kind in das Schlafzimmer; und nachdem es zur Nachtruhe vorbereitet

worden war, sandte er die Dienstboten hinweg und wiegte es in seinen

Armen, und sang es ein, bis es entschlummert war.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Der kleine Evangelist.

Es war Sonntag Nachmittag. St. Clare lag auf einem Sitze von Bambusrohr

in der Veranda ausgestreckt und ergötzte sich am Genuß einer Cigarre.

Marie lag auf ihrem Sopha, dem Fenster gegenüber, welches nach der

Veranda ging, unter einer Dachung von durchsichtiger Gaze gegen die

Angriffe der Moskito geschützt, und hielt ein elegant eingebundenes

Gebetbuch in der Hand. Sie hielt es in der Hand, weil es Sonntag war,

und bildete sich ein, sie habe darin gelesen, -- obgleich sie in

Wirklichkeit nur, mit dem offenen Buche in der Hand, eine Reihenfolge

kurzer Schläfe durchgemacht hatte.

Miß Ophelia, die nach längerem Suchen eine kleine methodistische

Versammlung in der Umgegend entdeckt hatte, war mit Tom als Kutscher

ausgefahren, um derselben beizuwohnen, und Eva hatte sie begleitet.

»Augustin,« sagte Marie, von einem Schlummer erwachend, »ich sage Dir,

ich muß nach der Stadt schicken und meinen alten Doctor Posey holen

lassen; ich glaube gewiß, ich habe eine Herzkrankheit.«

»Weßhalb hast Du denn nöthig, nach ihm zu schicken? Der Arzt, welcher

Eva behandelt, scheint geschickt und erfahren zu sein.«

»Ich möchte mich ihm doch in einem gefährlichen Falle nicht anvertrauen,

und ich fürchte, der meinige wird ein solcher werden! Ich habe seit

zwei, drei Nächten darüber nachgedacht. Die Schmerzen, die ich leide,

sind unbeschreiblich, und dabei habe ich so sonderbare Empfindungen.«

»O Marie, Du faselst, -- ich glaube nimmermehr, daß Du eine

Herzkrankheit hast.«

»Natürlich, ^Du^ glaubst es nicht,« entgegnete Marie, »ich konnte mir

denken, daß Du ^das^ sagen würdest. Du kannst sehr besorgt sein, wenn

Eva ein wenig hustet oder ihr sonst das Geringste fehlt! aber an mich

denkst Du nie.«

»Wenn es Dir besonderes Vergnügen macht, eine Herzkrankheit zu haben,

gut, so will ich versuchen, es steif und fest zu glauben,« sagte St.

Clare; »ich wußte nicht, daß das der Fall war.«

»Ich will nur wünschen, daß Dir Dein Spott nicht leid thue, wenn es zu

spät ist,« sagte Marie, »aber Du magst es glauben oder nicht, meine

Angst und Unruhe um Eva, und die Anstrengungen, denen ich mich um dieses

lieben Kindes willen unterzogen, haben jetzt vollständig entwickelt, was

ich längst gefürchtet habe.«

Worin die Anstrengungen bestanden, deren Marie erwähnte, würde schwer zu

bestimmen gewesen sein. St. Clare lieferte sich selbst im Stillen diesen

Commentar, und fuhr in seiner Hartherzigkeit fort zu rauchen, bis ein

Wagen vor der Veranda erschien, aus welchem Eva und Miß Ophelia

ausstiegen.

Miß Ophelia ging geraden Wegs nach ihrem Zimmer, um ihren Hut und Shawl

abzulegen, was ihre feststehende Gewohnheit war, ehe sie ein Wort über

irgend einen Gegenstand sprach, während Eva auf St. Clare's Ruf zu ihm

kam, sich auf sein Knie setzte, und ihm über den Gottesdienst, welchem

sie beigewohnt hatte, Bericht erstattete.

Bald darauf hörten sie aus Miß Ophelia's Zimmer, welches gleichfalls

nach der Veranda hinausging, laute Ausrufungen erschallen, und heftige

Vorwürfe, die an irgend Jemanden gerichtet wurden.

»Was für neue Teufelsstreiche hat Tops ausgeführt?« fragte St. Clare.

»Diese Scene rührt von ihr her, -- ich will darauf wetten!«

Einen Augenblick später erschien Miß Ophelia in höchster Aufregung und

schleppte die Sünderin hinter sich her.

»Jetzt komm' hier herein!« sagte sie. »Ich will es Deinem Herrn sagen!«

»Was gibt's denn nun?« fragte St. Clare.

»Die Sache ist die, daß ich mich nicht länger mit dem Kinde plagen kann.

Es geht mit ihr über alle Grenzen der Geduld hinaus; Fleisch und Blut

kann es nicht ertragen! Hier, ich schloß sie ein und gab ihr eine Hymne

zu lernen; und was thut sie statt dessen? -- spionirt aus, wo ich meinen

Schlüssel hingethan habe, geht an mein Büreau, und nimmt einen Hutbesatz

heraus, und schneidet ihn in Stücke, um Puppenjacken daraus zu machen!

Ich habe nie in meinem Leben etwas Aehnliches von einem Kinde gesehen!«

»Ich sagte Ihnen vorher, Cousine,« bemerkte Marie; »daß diese Geschöpfe

nicht ohne Strenge aufgezogen werden können. Wenn ich jetzt ^meinem^

Willen folgen könnte,« fügte sie hinzu, indem sie vorwurfsvoll auf St.

Clare blickte, »so würde ich das Kind fortschicken, und es gründlich

auspeitschen lassen, -- so lange, bis es nicht mehr stehen könnte.«

»Ich hege keine Zweifel darüber,« sagte St. Clare. »Das ist zarte

Weiblichkeit! Ich habe in meinem ganzen Leben nicht mehr als höchstens

ein Dutzend Frauenzimmer kennen gelernt, die nicht ein Pferd oder einen

Sklaven halb umbringen würden, wenn sie mit ihnen verfahren könnten, wie

sie wollten!«

»Deine nichtssagende Behandlungsweise, St. Clare, ist von gar keinem

Nutzen,« erwiederte Marie. »Cousine ist ein verständiges Frauenzimmer,

und sieht es jetzt eben so deutlich ein, wie ich.«

Miß Ophelia konnte genau zu einem solchen Grade von Unwillen und

Aufregung gebracht werden, der bei einer Hausfrau, die ihren Geschäften

mit Leib und Seele vorsteht, natürlich ist, und dieser Grad war durch

die Arglist und Unart des Kindes vollständig erregt worden; allein

Mariens Worte gingen noch viel weiter, und dämpften deshalb Ophelias

Hitze.

»Ich möchte das Kind um Alles in der Welt nicht so behandeln lassen,«

sagte sie; »aber gewiß ist, Augustin, ich weiß nicht mehr, was ich mit

ihr machen soll. Ich habe gelehrt und gelehrt; ich habe ihr

Vorstellungen gemacht, bis ich des Redens müde war; ich habe sie

gezüchtigt, ich habe sie gestraft auf jede nur denkbare Weise, -- und

dennoch ist sie nicht ein Haar breit anders, als sie von Anfang an

gewesen ist.«

»Komm' hierher, Tops, Du Affe!« sagte St. Clare, das Kind zu sich

rufend.

Topsy näherte sich ihm. Ihre grellen, runden Augen glänzten und

funkelten von einer Mischung von Furcht und ihrer gewöhnlichen

Schalkhaftigkeit.

»Warum beträgst Du Dich so?« sagte St. Clare, der sich über den

sonderbaren Gesichtsausdruck des Kindes kaum des Lachens enthalten

konnte.

»Denke, 's ist mein schlechtes Herz,« sagte Topsy ganz ernsthaft; »Miß

Feely sagt so.«

»Siehst Du nicht, was Miß Ophelia alles für Dich gethan hat? Sie sagt,

sie habe Alles gethan, was sie nur habe erdenken können.«

»Ja, Master! alte Missis sagte auch so. Sie peitschte mich ganz anders,

und riß mein Haar aus, und stieß meinen Kopf gegen die Wand, -- aber 's

half nichts. Glaube, wenn sie mir auch alle Haare ausrissen, 's würde

doch nichts helfen; -- bin so schlecht! bin nichts als ein Nigger, gar

nichts!«

»Ja, ich muß sie aufgeben,« sagte Miß Ophelia, »ich kann diese Qual

nicht länger ertragen.«

»Gut, ich wollte nur eine Frage an Dich richten,« sagte St. Clare.

»Und welche?«

»Wenn Euer Evangelium nicht kräftig genug ist, ein heidnisches Kind zu

erretten, welches Du hier bei Dir allein im Hause haben kannst, welchen

Nutzen kann es dann gewähren, ein paar arme Missionäre unter Tausende

von derselben Art und Gattung zu senden?«

Miß gab keine unmittelbare Antwort hierauf; und Eva, welche bisher eine

stumme Zuschauerin der Scene abgegeben hatte, gab Topsy ein stummes

Zeichen, ihr zu folgen. In der einen Ecke der Veranda befand sich ein

kleines Zimmer mit einer Glasthüre, welches St. Clare als Lesezimmer zu

benutzen pflegte. Dort hinein verschwanden Eva und Topsy.

»Was hat Eva jetzt vor?« sagte St. Clare. »Ich will lauschen.«

Indem er sich auf den Zehen der Glasthür näherte, und den Vorhang,

welcher sie bedeckte, aufhob, blickte er hinein. Im nächsten Augenblicke

machte er, den Finger auf die Lippen legend, Miß Ophelien ein Zeichen,

ihm zu folgen und in das Zimmer zu blicken. Dort saßen die beiden Kinder

auf dem Fußboden, während die Seiten ihrer Gesichter den Schauenden

zugewendet waren: Topsy, mit ihrer gewöhnlichen Miene drolligen,

sorglosen Muthwillens, und ihr gegenüber Eva, glühend im ganzen Gesichte

von Gefühl, und mit Thränen in ihren großen Augen.

»Warum bist Du so unartig, Topsy? Weßhalb gibst Du Dir nicht Mühe, gut

zu sein? Hast Du denn Niemanden lieb, Topsy?«

»Weiß nichts von lieb haben; habe Zuckerbrod und so 'was lieb, -- weiter

nichts,« sagte Topsy.

»Aber Du hast doch Deinen Vater und Deine Mutter lieb?«

»Habe nie keine gehabt; -- hab's Ihnen schon gesagt, Miß Eva.«

»Ja, ich weiß,« entgegnete Eva traurig; »aber hast Du nie einen Bruder

oder eine Schwester oder eine Tante oder --?«

»Nein, keinen, -- gar keinen, niemals.«

»Aber Topsy, wenn Du Dir nur Mühe geben wolltest, gut zu sein, so

könntest Du --«

»Könnte doch nie 'was Andres sein als ein Nigger, wenn ich auch noch so

gut wäre,« sagte Topsy. »Wenn sie mir die Haut abziehen könnten, und

wenn ich weiß werden könnte, dann wollt' ich 's versuchen.«

»Aber die Menschen könnten Dich ja doch lieb haben, wenn Du auch schwarz

bist, Topsy. Miß Ophelia würde Dich lieb haben, wenn Du gut wärest.«

Topsy ließ ein kurzes, grelles Lachen als Antwort hören, was ihre

gewöhnliche Mode war, wenn sie Ungläubigkeit ausdrücken wollte.

»Glaubst Du das nicht?« fragte Eva.

»Nein, sie kann mich nicht leiden, weil ich ein Nigger bin! -- sie ließe

sich eben so gern von einer Kröte anfassen! Niemand kann Niggers lieb

haben, -- Niggers können gar nichts thun! Mach' mir nichts draus!« sagte

Topsy, indem sie anfing zu pfeifen.

»O Topsy, armes Kind, ich habe Dich lieb!« sagte Eva in einem

plötzlichen Ausbruche ihres Gefühls, und legte ihre kleine, dünne Hand

auf Topsy's Schulter. »Ich habe Dich lieb, weil Du keinen Vater und

keine Mutter und Freunde hast, -- weil Du ein armes, mißhandeltes Kind

bist! Ich habe Dich lieb, und will gut gegen Dich sein. Ich bin recht

krank, Topsy, und ich glaube ich werde nicht mehr lange leben, und es

macht mir wirklich Kummer, daß Du so unartig bist. Ich wünschte, Du

versuchtest es, artig zu sein, mir zu Liebe; -- es ist nur noch kurze

Zeit, daß ich bei Dir sein werde.«

Die runden, scharfen Augen des schwarzen Kindes waren von Thränen

verdunkelt; große, schwere Tropfen rollten nach einander herab, und

fielen auf die weiße, kleine Hand. Ja, in diesem Momente hatte ein

Strahl wirklichen Glaubens, ein Strahl himmlischer Liebe die Dunkelheit

ihrer heidnischen Seele durchdrungen! Sie legte ihren Kopf zwischen ihre

Kniee nieder, und weinte und schluchzte, -- während das schöne Kind,

sich über sie neigend, wie das Bild eines glänzenden Engels erschien,

der sich herabsenkte, um einen Sünder zu erlösen.

»Arme Topsy!« sagte Eva, »weißt Du nicht, daß Jesus alle Menschen gleich

liebt? Er ist eben so bereit, Dich zu lieben wie mich. Er liebt Dich so

wie ich es thue, -- nur noch mehr, weil er besser ist. Er wird Dir

beistehen, gut zu sein: und Du kannst endlich in den Himmel gehen, und

dort für ewig ein Engel sein, eben so gut, als wenn Du weiß wärest. O,

denke daran, Topsy! -- Du kannst einer jener glänzenden Engel werden,

von denen Onkel Tom singt.«

»O, liebe Miß Eva, liebe Miß Eva!« sagte das Kind; »ich will versuchen,

ich will versuchen: -- habe früher nie 'was danach gefragt.«

In diesem Augenblicke ließ St. Clare den Vorhang fallen. »Es erinnert

mich an meine Mutter,« sagte er zu Miß Ophelia. -- »Es ist wahr, was sie

mir sagte: wenn wir die Blinden sehend machen wollen, so müssen wir

bereit sein, so zu handeln, wie Christus handelte, -- sie zu uns rufen,

und ^unsere Hände auf sie legen^.«

»Ich habe immer ein Vorurtheil gegen Neger gehabt,« sagte Miß Ophelia;

»es ist wahr, es ist mir immer zuwider gewesen, mich von dem Kinde

berühren zu lassen; allein ich glaubte nicht, daß Topsy es gewußt habe.«

»Verlaß Dich darauf, daß jedes Kind das bald entdeckt,« entgegnete St.

Clare, »es ist unmöglich, es vor ihnen verborgen zu halten. Aber ich

glaube auch, daß alle Bemühungen der Welt, einem Kinde wohl zu thun,

und alle Gunstbezeugungen nie eine Regung von Dankbarkeit in ihm

erwecken werden, so lange ein derartiges Gefühl von Abneigung im Herzen

vorhanden ist.«

»Ich weiß nicht, wie ich das ändern soll,« sagte Miß Ophelia; »sie

^sind^ mir einmal zuwider -- und besonders dieses Kind, -- wie soll

ich mich von diesem Gefühle befreien?«

»Es scheint, Eva thut es.«

»Ja, sie ist von Natur so liebreich!« sagte Miß Ophelia. »Ich wollte,

ich wäre wie sie; sie könnte mir zum Muster dienen.«

»Es wäre nicht das erste Mal, daß ein kleines Kind einem alten Schüler

eine Lehre gegeben hat,« entgegnete St. Clare.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Der Tod.

Weint nicht um die, so Grabesschleier

Am Lebensmorgen uns verbarg.

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 4 / 22 段