»O lächerlich, Emilie! Du bist die gescheiteste Frau in Kentucky, aber

hast doch nicht Einsicht genug zu sehen, daß Du von Geschäften nichts

verstehst; -- Weiber verstehen und können davon nie etwas verstehen.«

»Aber könntest Du mich denn nicht wenigstens einen Blick in Deine

Verhältnisse thun lassen? mich ein Verzeichniß aller Deiner Schulden und

Forderungen sehen, und mich versuchen lassen, ob ich Dir keinen Rath zu

ökonomischen Maßregeln geben könnte?«

»O Thorheit! quäle mich nicht, Emilie! -- das kann ich nicht. Ich weiß

recht wohl, wie meine Sachen stehen, und die lassen sich nicht kneten

und drücken und in jede mögliche Form bringen, wie Chloë es mit ihren

Pasteten macht. Du verstehst einmal nichts von Geschäften, wie ich Dir

schon gesagt habe.«

Da Mr. Shelby keine besseren Gründe anzuführen hatte, so erhob er bei

diesen Worten seine Stimme, -- eine Art und Weise, die für einen Mann,

der mit seiner Frau über Geschäftssachen spricht, sehr bequem und sehr

überzeugend ist.

Mrs. Shelby schwieg mit einem Seufzer. Es war außer Zweifel, daß sie,

obgleich ein Weib, dennoch einen klaren, energischen, praktischen

Verstand hatte, und eine Charakterstärke besaß, die der ihres Gatten bei

weitem überlegen war; so daß es keineswegs so sehr abgeschmackt gewesen

sein würde, wie Mr. Shelby dachte, sie Theil an den Geschäften nehmen zu

lassen.

»Glaubst Du nicht, daß wir auf eine oder die andere Weise Geld

aufbringen könnten? Die arme Chloë, sie rechnet so sehr darauf.«

»Das thut mir leid. Ich glaube, ich war etwas zu voreilig mit meinem

Versprechen. Ich weiß nicht, ich denke, es ist am Ende der beste Weg, es

Chloë geradezu zu sagen, damit sie sich darein findet. Tom wird in ein

oder zwei Jahren eine andere Frau haben, und sie thäte am besten, zu

einem andern Mann zu gehen.«

»Mr. Shelby, ich habe meinen Leuten gelehrt, daß ihre ehelichen

Verbindungen so heilig wie die unsrigen seien. Ich würde mich nie dazu

verstehen können, Chloë solchen Rath zu geben.«

»Es ist ein Unglück, Frau, daß Du diese Leute mit der Last einer

Moralität beschwert hast, die weit über ihre Verhältnisse und ihre

Aussichten hinausgeht. Ich habe immer so gedacht.«

»Es ist nur die Lehre der Bibel,« entgegnete Mrs. Shelby.

»Gut, gut, Emilie, ich will mich in Deine religiösen Ansichten nicht

mischen; nur scheinen sie mir für Leute in solchen Verhältnissen

durchaus nicht geeignet zu sein.«

»Leider sind sie es nicht,« sagte Mrs. Shelby, »und das ist der Grund,

weshalb ich das Sklavenwesen hasse. Ich sage Dir, mein Lieber, ich kann

mich von den Versprechungen nicht lossagen, die ich diesen hülflosen

Geschöpfen gemacht habe. Wenn ich das Geld in keiner andern Weise

aufbringen kann, so will ich Musikunterricht geben. Ich weiß, daß ich

Beschäftigung genug bekommen und das Geld bald verdienen würde.«

»Wie, Emilie, Du würdest Dich doch nicht auf diese Weise herabwürdigen

wollen? Ich könnte nie meine Einwilligung dazu geben.«

»Herabwürdigen! würde es mich so herabwürdigen, wie wenn ich das

Versprechen bräche, was ich Hülflosen gegeben habe? Nein, gewiß nicht!«

»Du bist heroisch und überspannt,« sagte Mr. Shelby; »aber ich dächte,

Du thätest wohl, die Sache noch einmal zu überlegen, ehe Du solchen

abenteuerlichen Streich unternimmst.«

Hier wurde die Unterhaltung durch die Erscheinung Chloë's am Ende der

Veranda unterbrochen.

»Wenn's Ihnen gefällig wäre, Missis,« sagte sie.

»Nun, Chloë, was gibt's?« sagte ihre Mistreß aufstehend und nach dem

Ende des Balkones gehend.

»Wenn Missis hier das Geflügel ansehen wollte,« sagte Chloë mit einer

Miene ernster Betrachtung, während sie auf einen Haufen Hühner und Enten

deutete, bei dem sie stand; »ich dachte, ob Missis vielleicht eine

Hühnerpastete haben wollte von diesen da.«

»Das ist mir gleich, Chloë, -- richte sie nur zu, wie Du willst,«

entgegnete Mrs. Shelby.

Chloë blieb gedankenvoll stehen, während sie das Geflügel einzeln durch

ihre Hände gehen ließ; allein es war leicht erkennbar, daß die Hühner

nicht der Gegenstand ihrer Gedanken waren. Endlich begann sie mit einem

kurzen Lachen, mit dem ihr Geschlecht häufig etwas zweifelhafte

Vorschläge einzuleiten pflegt:

»Mein Gott, Missis, warum sollen Master und Missis sich quälen um das

Geld und nicht gebrauchen das Recht, was ihnen zukommt?« sagte Chloë von

Neuem lachend.

»Ich verstehe Dich nicht, Chloë,« entgegnete Mrs. Shelby, die Chloë's

Weise kannte, und deßhalb nicht im Geringsten bezweifelte, daß sie jedes

Wort der zwischen ihr und ihrem Ehemanne so eben Statt gehabten

Unterhaltung gehört habe.

»O Missis!« sagte Chloë wieder lachend, »andere Leute miethen ihre

Nigger aus, und lassen sie Geld verdienen: halten nicht solche Bande,

die sie aus Haus und Hof ißt.«

»Wohl, Chloë, wen meinst Du denn, daß ich ausmiethen solle?«

»O, ich meine gar nichts, -- nur Sam sagte mir, daß da einer von den

Conditorn wäre, in Louisville, der 'ne geschickte Hand für Kuchen und

Pasteten brauchte, und der vier Dollars die Woche geben wollte, -- sagte

er.«

»Nun, Chloë?«

»Ja, so dachte ich, Missis, 's wäre Zeit, daß Sally endlich anfinge,

'was zu thun. Sally ist unter mir gewesen diese ganze Zeit, und kann

Alles beinahe eben so gut machen wie ich; und wenn Missis mich wollte

gehen lassen, so könnt' ich helfen das Geld verdienen. Fürchte mich gar

nicht, meine Kuchen und meine Pasteten neben alle die von 'nem Conditor

zu stellen.«

»Aber, Chloë, willst Du denn Deine Kinder verlassen?«

»O, Missis, die Jungens sind groß genug, um zu arbeiten, -- fehlt ihnen

gar nichts; und Sally soll nach der Kleinen sehn, 's ist so ein munteres

Ding, braucht gar nicht viel gewartet zu werden.«

»Louisville ist ziemlich weit von hier.«

»Mein Gott, fürchte mich nicht! -- ist's wohl den Fluß hinunter, nahe

bei meinem alten Mann vielleicht?« sagte Chloë, die letzten Worte in

fragendem Tone sprechend und auf Mrs. Shelby blickend.

»Nein, Chloë, es ist noch viele hundert Meilen davon entfernt,«

entgegnete Mrs. Shelby.

Chloë's Gesicht wurde traurig.

»Das thut nichts, Chloë; Du kommst ihm wenigstens näher, wenn Du dahin

gehst. Ja, Du magst gehen; und jeder Cent Deines Lohnes soll zu der

Wiedereinlösung Deines Mannes zurückgelegt werden.«

Wie wenn ein heller Sonnenstrahl eine dunkle Wolke versilbert, so klärte

sich Chloë's dunkles Gesicht augenblicklich auf, -- es strahlte

förmlich.

»O Herr! wenn Missis nicht zu gut ist! -- dachte gerade an dasselbe;

denn ich brauche keine Kleider und keine Schuhe und nichts, -- könnte

jeden Cent sparen. Wie viele Wochen gibt's denn in 'nem Jahre, Missis?«

»Zweiundfünfzig,« sagte Mrs. Shelby.

»Herr! also so viele? und vier Dollar für jede, -- wie viel mag das

sein?«

»Zweihundert und acht Dollar,« entgegnete Mrs. Shelby.

»Wie!« sagte Chloë mit einem Ausdruck von Ueberraschung und Wonne; --

»und wie lange würde 's dauern, bis ich Alles herausgearbeitet hätte,

Missis?«

»Vier bis fünf Jahre, Chloë; aber Du sollst nicht Alles allein

verdienen, -- ich will Etwas dazu legen.«

»Mag nichts davon hören, -- Missis Stunden geben. Master hat ganz Recht

darin; -- würde sich nicht passen. Hoffe, keiner von unserer Familie

wird dazu kommen, so lange ich Hände habe.«

»Fürchte nichts, Chloë, -- ich will schon Sorge tragen für die Ehre der

Familie,« sagte Mrs. Shelby lächelnd. »Aber wann gedenkst zu gehen?«

»O, ich denke Nichts, -- nur, Sam, er geht auf den Fluß mit Fohlen, und

sagte mir, ich könnte mit ihm gehn; und so machte ich just meine Sachen

zusammen. Wenn Missis wollte, so könnt' ich mit Sam morgen früh gehen,

-- wenn Missis mir 'nen Paß schreiben wollte, und 'ne 'Commendation.«

»Wohl, Chloë, ich will dafür sorgen, wenn Mr. Shelby Nichts dagegen

einzuwenden hat. Ich muß erst mit ihm reden.«

Mrs. Shelby ging in das obere Stockwerk und Tante Chloë ging entzückt in

ihre Hütte, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen.

»O, Master Georg! Sie wissen nicht, daß ich morgen nach Louisville

gehe!« sagte sie zu Georg, als er sie beim Eintreten beschäftigt fand,

die Kleidungsstücke ihrer Kinder zu ordnen. »Dachte, ich wollte grade

'mal über diese Sachen sehen und sie in Ordnung haben. Aber ich gehe,

Master Georg, -- ich gehe, und bekomme vier Dollar die Woche; und Missis

will es Alles aufheben und meinen alten Mann damit wiederkaufen.«

»Sieh da!« sagte Georg, »das ist ein gutes Geschäft! Wann gehst Du

denn?«

»Morgen, mit Sam. Und nun, Master Georg, -- ich weiß -- sind Sie wohl so

gut und schreiben just an meinen alten Mann, und sagen ihm das Alles, --

nicht wahr?«

»Versteht sich,« sagte Georg. »Onkel Tom wird sich freuen, Nachricht

von uns zu bekommen. Ich will gleich in's Haus gehen, und Feder und

Papier holen; und dann kann ich ihm auch gleich von unsern jungen Fohlen

erzählen und von allen andern Sachen, -- nicht wahr, Tante Chloë?«

»Freilich, freilich, Master Georg; gehen Sie nur, und ich will Ihnen

unterdessen ein hübsches Stückchen Huhn zurecht machen, oder so Etwas;

-- werden nicht oft mehr bei alte Tante Chloë 'was essen.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

»Das Gras verwelkt -- die Blume verblüht.«

Mit jedem Tage fließt ein Theil unseres Lebens dahin, -- und so war es

mit Onkel Tom, bis zwei Jahre verflossen waren. Obgleich getrennt von

Allem, was seinem Herzen theuer war, und obgleich oft die heftigste

Sehnsucht nach seinen Lieben empfindend, fühlte er sich doch eigentlich

nie ganz unglücklich; denn so stark ist die Harfe menschlicher Gefühle

bezogen, daß nur ein Zerreißen aller Saiten ihre Harmonie gänzlich

zerstören kann; und selbst wenn wir auf Zeiten der Trübsal und der

Leiden zurückblicken, so können wir uns erinnern, daß fast jede Stunde

derselben in ihrem Laufe Abwechslung und Erleichterung mit sich brachte,

so daß wir, wenn auch im Ganzen nicht glücklich, doch auch nicht ganz

elend waren.

Sein an Chloë gerichteter Brief war, wie dessen bereits im vorigen

Kapitel Erwähnung geschehen, von Master Georg in guter Zeit beantwortet

worden, und zwar in einer runden, deutlichen Schulknabenschrift, die,

wie Onkel sagte, sich beinahe über das ganze Zimmer lesen ließ. Das

Schreiben enthielt verschiedene erquickliche Nachrichten über die

dortigen Verhältnisse, mit denen unsere Leser bereits bekannt sind: zum

Beispiel, daß Tante Chloë an einen Conditor in Louisville ausgedungen

worden, wo sie mit der Fabrikation von Pasteten unglaubliche Summen

Geldes verdiene, die alle zur Wiedereinlösung Toms zurückgelegt werden

sollten; daß Mose und Pete munter aufwüchsen, und daß das Kleine unter

Sally's und der ganzen Familie Aussicht bereits im ganzen Hause

umhertrabe. Toms Hütte war für jetzt geschlossen worden, allein Georg

ließ sich mit großer Wärme über die Verbesserungen und Verzierungen aus,

die darin vorgenommen werden sollten, sobald Tom zurückkehre. Der Rest

des Briefes enthielt ein Verzeichniß von Georgs Schulstudien und von den

Namen der vier jungen Fohlen, welche seit Toms Entfernung gefallen

waren, und erwähnte in inniger Verbindung hiermit, daß sich Vater und

Mutter wohl befänden. Der Styl des Briefes war entschieden ein sehr

bündiger: allein Tom hielt seine Abfassung für eins der vollendetsten

Beispiele in der neueren Zeit. Er konnte nie müde werden, das Schreiben

zu betrachten, und berathschlagte sogar mit Eva darüber, ob es nicht gut

wäre, es unter Glas und Rahmen bringen zu lassen, um es im Zimmer

aufhängen zu können; und nur die Schwierigkeit, es so einzurichten, daß

beide Seiten des Blattes zugleich sichtbar seien, stand der Ausführung

im Wege.

Die Freundschaft zwischen Tom und Eva war in gleichem Schritte mit dem

Kinde selbst gewachsen. Es würde schwer sein zu sagen, welchen Platz sie

in dem sanften, empfänglichen Herzen ihres treuen Dieners einnahm. Er

liebte sie wie etwas Irdisches und Gebrechliches, aber verehrte sie

beinahe als etwas Himmlisches und Göttliches. Wie der italienische

Seemann auf sein Bild des Jesuskindes schaut, so betrachtete er sie mit

einer Mischung von Ehrfurcht und Zärtlichkeit; und sein größtes

Vergnügen bestand darin, den kindlichen Einfällen, den tausend kleinen

Bedürfnissen zu genügen, die das jugendliche Alter wie mit einem

buntfarbigen Regenbogen schmücken. Wenn er Morgens auf den Markt ging,

so waren seine Augen stets auf die Blumenlager gerichtet, um seltene

Bouquette für sie auszusuchen, und die schönste Pfirsich, die er fand,

glitt stets in seine Tasche, um sie ihr zu geben, wenn er nach Hause

kam; und der liebste Anblick für ihn war der, wenn er ihren

goldlockigen, kleinen Kopf zur Pforte hinaus blicken und auf seine

Rückkehr warten sah, und er dann ihre kindliche Frage hörte: »Nun, Onkel

Tom, was hast Du heut' für mich?«

Auch war Eva nicht weniger eifrig in freundlichen Gegenleistungen.

Obgleich noch Kind, konnte sie dennoch vortrefflich lesen. Ein feines,

musikalisches Ohr, eine lebhafte, poetische Phantasie, und ein

instinktmäßiges Gefühl für alles Große und Edle machten sie zu einer

Bibelleserin, wie Tom nie zuvor etwas Aehnliches gehört hatte. Anfangs

las sie nur, um ihrem bescheidenen Freunde gefällig zu sein, aber bald

streckte ihre eigene ernste Natur ihre Fühlfäden aus und schlang sie um

das majestätische Buch. Und Eva liebte es, weil es ein seltsames Sehnen

und mächtige, dunkle Regungen in ihr erweckte, denen sich tieffühlende

und mit lebhafter Phantasie begabte Kinder so gern hingeben.

Diejenigen Theile, welche sie am meisten liebte, waren die Offenbarung

Johannis und die Propheten, -- Theile, deren dunkle, warme und

bilderreiche Sprache sie um so mehr ergriff, als sie vergeblich nach

einer Deutung suchte, -- und sie und ihr schlichter Freund, das junge

und das alte Kind, stimmten in dieser Beziehung vollkommen überein.

Alles, was sie wußten, war, daß jene Bücher von einer zu offenbarenden

Glorie, -- einem wunderbaren Etwas sprachen, was noch kommen solle und

dessen sich ihre Seelen freuten, ohne zu wissen weshalb. Obgleich es in

der Wissenschaft physischer Dinge nicht so ist, so gilt doch für die

Religionslehre der Grundsatz, daß das, was nicht verstanden werden kann,

nicht immer nutzlos ist; denn die Seele erwacht, ein zitternder

Fremdling, zwischen zwei dunklen Ewigkeiten, -- der ewigen Vergangenheit

und der ewigen Zukunft. Das Licht fällt nur aus einen kleinen Raum um

sie her, weshalb sie sich dem Unbekannten zuwenden muß; und die Stimmen

und schattenartigen Regungen, die aus der Nebelsäule der Inspiration zu

ihr kommen, finden Echo und Antwort in ihrer eignen sehnsüchtigen Natur.

Die mystischen Bilder derselben sind ebenso viele Talismane und Gemmen

mit unbekannten Hieroglyphen, die sie in ihren Busen schließt und hofft

entziffern zu können, wenn sie jenseits des Schleiers tritt.

Um die jetzige Zeit unserer Erzählung befand sich die ganze Familie St.

Clare's auf seiner am See Pontchartrain belegenen Villa. Die Sommerhitze

hatte Alle, denen es möglich war, die ungesunde Stadt mit ihrer schwülen

Atmosphäre zu verlassen, an die Ufer des See's getrieben, um seine

kühlen Lüfte zu genießen.

St. Clare's Villa war ein im ostindischen Geschmacke erbautes Landhaus,

umgeben von einer hellen Veranda, und öffnete sich nach allen Seiten in

Gärten und Luftplätze. Das gemeinschaftliche Wohnzimmer hatte einen

Ausgang in einen großen Garten, welcher erfüllt von den Wohlgerüchen

tropischer Pflanzen und Blumen jeder Art, seine schlängelnden Pfade bis

dicht an die Ufer des See's erstreckte, dessen silberheller

Wasserspiegel sich unter den Strahlen der Sonne hob und senkte, -- ein

Bild, das jede Stunde wechselte, und mit jeder Stunde schöner wurde.

Jetzt grade geht die Sonne in goldener Glorie unter und wirft ihren

Schein über den ganzen Horizont, der sich im Wasser abspiegelt. Weiß

beflügelte Schiffe fahren auf dem in rosigen oder goldenen Streifen

ruhig liegenden See hin und her, und kleine goldene Sterne beginnen

allmählig aus dem Abendhimmel auf ihre zitternden Spiegelbilder im

Wasser herabzublicken.

Tom und Eva saßen auf einer niedrigen Moosbank in einer Laube am Ende

des Gartens. Es war Sonntag Abend, und Eva's Bibel lag aufgeschlagen auf

ihrem Knie. Sie las: -- »Und ich sah ein gläsernes Meer mit Feuer

gemenget.«

»Tom,« sagte Eva, plötzlich inne haltend und auf den See deutend, »da

ist es.«

»Was, Miß Eva?«

»Siehst Du denn nicht, -- dort?« sagte das Kind, auf das Wasser deutend,

welches, fallend und steigend, die Gluth des Himmels abspiegelte. »Da

ist ein gläsernes Meer mit Feuer gemenget.«

»Wahr! Miß Eva,« sagte Tom und sang:

»Hätt' ich die Flügel der Morgenröthe,

Ich würde nach Canaan fliegen,

Und Engel würden mich heimwärts tragen

Nach dem neuen Jerusalem.«

»Wo glaubst Du, daß das neue Jerusalem ist, Onkel Tom?« sagte Eva.

»Ueber den Wolken, Miß Eva.«

»Dann glaube ich, daß ich es sehe,« bemerkte Eva. »Blicke in jene

Wolken! -- sie sehen wie große Thore von Perlen aus; und Du kannst durch

sie weiter hinaus sehen -- weit, weit -- und da ist Alles Gold. Bitte,

Tom, singe das Lied von den weißen Engeln.«

Tom sang hierauf die Worte einer wohlbekannten Methodisten-Hymne:

»Ich sehe ein Chor von Engeln stehn,

Des Himmels Freuden schmecken.

Sie tragen alle ein weißes Gewand

Und siegende Palmen in der Hand.«

»Sie kommen zuweilen zu mir im Schlafe, diese Engel,« sagte Eva, während

ihre Augen träumerisch wurden, und summte dann mit leiser Stimme:

»Sie alle tragen ein weißes Gewand

Und siegende Palmen in der Hand.«

»Onkel Tom,« sagte sie darauf, »ich gehe dahin.«

»Wohin, Miß Eva?«

Das Kind stand auf, und deutete mit seiner kleinen Hand gen Himmel. Das

Abendroth beleuchtete ihr goldnes Haar, und lieh ihren Wangen eine Art

überirdischen Glanzes, und ihre Augen blickten mit tiefem, seligem

Gefühle hinauf.

»Ich gehe dahin,« sagte sie, »zu den weißen Engeln, Tom; ich gehe dahin

-- bald.«

Das treue, alte Herz empfand einen plötzlichen Stoß, und Tom dachte

daran, wie oft er während der letzten sechs Monate bemerkt habe, daß

Eva's kleine Hände dünner, und ihre Haut durchsichtiger und ihr Athem

kürzer geworden seien, und wie sie, wenn sie im Garten rannte und

spielte, was sie sonst stundenlang gekonnt, jetzt immer so bald müde

werde. Er hatte Miß Ophelien oft von einem Husten sprechen hören, den

alle ihre Arzneimittel nicht heilen könnten; und selbst in diesem

Augenblicke brannten ihre Wange und ihre kleine Hand von hektischem

Fieber; und dennoch war ihm nie zuvor der Gedanke gekommen, den Eva's

Worte andeuteten.

Gab es je ein Kind, wie Eva? -- O ja, es gab deren; aber ihre Namen sind

nur auf Grabsteinen zu lesen, und ihr süßes Lächeln, ihre himmlischen

Blicke, ihre seltsamen Reden und Weisen gehören zu den tief begrabenen

Schätzen trauernder Herzen. In wie vielen Familien hörst Du die Sage,

daß alle Güte und Anmuth der Lebenden nichts sei gegen die

Liebenswürdigkeit eines Wesens, -- das nicht mehr sei! Es ist gerade,

als wenn der Himmel ein besonderes Chor von Engeln habe, deren

Bestimmung es sei, eine kurze Zeit hier zu weilen und das verkehrte

menschliche Herz für sich zu gewinnen, um es dann bei ihrer Rückkehr zum

Himmel mit sich hinaufzutragen. Wenn Du jenes tiefe geistige Licht in

dem Auge siehst, -- wenn die kleine Seele sich in Worten offenbart, die

süßer und weicher sind, als die gewöhnlichen Worte von Kindern, -- so

hoffe nicht, das Kind zu behalten, denn das Siegel seines himmlischen

Ursprungs ist ihm aufgedrückt, und das Licht der Unsterblichkeit glänzt

aus seinen Augen.

So auch Du, geliebte Eva! schöner Stern Deiner irdischen Heimath! Du

gehst, -- aber die, so Dich am meisten lieben, ahnen es nicht!

Das Gespräch zwischen Tom und Eva wurde hier plötzlich durch einen Ruf

von Miß Ophelia unterbrochen.

»Eva! -- Eva! -- Kind, der Thau fällt ja, Du darfst nicht mehr draußen

sein!«

Eva und Tom eilten hinein.

Miß Ophelia war alt und wohlerfahren im Geschäfte des Wartens und

Pflegens, und kannte genau die ersten Symptome jener schleichenden,

hinterlistigen Krankheit, die so viele der Schönsten und

Liebenswürdigsten dahin rafft, und sie, ehe noch eine einzige

Lebensfaser zerstört zu sein scheint, unwiderruflich dem Tode weiht. Sie

hatte den leichten kurzen Husten und die täglich zunehmende Röthe der

Wange bemerkt; und selbst der Glanz des Auges und die lustige

Lebhaftigkeit des Kindes, nur vom Fieber bedingt, vermochten sie nicht

zu täuschen.

Sie versuchte, St. Clare ihre Besorgnisse mitzutheilen; allein er wies

derartige Andeutungen mit einem unruhigen, erkünstelten Muthwillen

zurück, der sehr verschieden von seiner gewöhnlich so sorglosen guten

Laune war.

»O krächze nur nicht, Cousine, -- ich kann's nicht hören!« pflegte er

zu sagen. »Siehst Du denn nicht, daß das Kind nur im Wachsthum begriffen

ist? Kinder verlieren immer Kräfte, wenn sie stark wachsen.«

»Aber sie hat den Husten.«

»O Unsinn mit dem Husten! -- 's ist nichts; hat sich vielleicht ein

wenig erkältet.«

»Ja, ganz auf dieselbe Weise fingen Elisa, Jane, und Ellen und Maria

Sanders an.«

»O! ich bitte Dich! höre mir mit den Ammenmärchen auf. Ihr alten Leute

werdet so weise, daß ein Kind nicht mehr husten oder niesen kann, ohne

daß Ihr Verzweiflung oder Tod darin erkennt. Nimm das Kind nur in Acht;

laß es nicht in die Nachtluft gehen und nicht zu angestrengt spielen,

und sie wird bald wieder munter werden.«

So sagte St. Clare; aber er wurde ängstlich und unruhig. Er bewachte Eva

täglich mit fieberhafter Angst, wie sich deutlich aus der öfteren

Wiederholung derartiger Aeußerungen entnehmen ließ, wie: »das Kind sei

ganz wohl, -- der Husten habe gar nichts zu bedeuten, -- er rühre von

nichts als etwas verdorbenem Magen her.« Aber er hielt sich von nun an

mehr bei ihr auf, als er sonst zu thun pflegte, fuhr öfter mit ihr aus

und brachte von Zeit zu Zeit ein neues Recept oder eine stärkende Mixtur

für sie mit nach Haus: -- nicht, wie er sagte, weil das Kind sie nöthig

habe, sondern sie werde ihr keinen Schaden thun.

Was seinem Herzen größere Angst und Unruhe verursachte, als alles

Andere, war die beim Kinde täglich zunehmende Reife des Geistes und der

Gefühle. Während sie noch das rein kindliche Wesen bewahrte, ließ sie

oft unbewußt Worte von einer solchen Tiefe der Gedanken und einer so

überirdischen Weisheit fallen, daß man sie für Inspirationen hätte

halten können. In solchen Momenten empfand St. Clare ein plötzliches

Beben im Herzen; er preßte sie dann in seine Arme, als ob dieser

zärtliche Druck sie retten könne.

Des Kindes ganzes Herz und ganze Seele schien an Werken der Liebe zu

hängen. Sie war immer sanft und weich von Natur gewesen; allein jetzt

zeigte sich bei ihr eine rührende, ächt weibliche Empfindungsweise, die

Jedem auffiel. Sie fand noch immer Gefallen daran, mit Topsy und andern

farbigen Kindern zu spielen, aber schien jetzt mehr eine bloße

Zuschauerin zu sein, als wirklich Theil an den Spielen zu nehmen; sie

saß zuweilen halbe Stunden lang und lachte herzlich über Topsy's

wunderliche Streiche, -- und dann senkte sich ein Schatten über ihr

Gesicht, ihre Augen wurden trübe und ihre Gedanken waren weit, weit

fort.

»Mamma,« sagte sie eines Tages plötzlich zu ihrer Mutter, »weßhalb

lassen wir unsere Dienstboten nicht lesen lernen?«

»Was für eine Frage, Kind! Man thut das nie.«

»Warum thut man denn das nicht?« fragte Eva.

»Weil es für die Leute von keinem Nutzen ist, lesen zu können. Es hilft

ihnen nicht, besser zu arbeiten, und zu etwas Anderem sind sie nicht

da.«

»Aber sie sollten die Bibel lesen, Mamma, um Gottes Willen kennen zu

lernen.«

»O! so viel die davon zu wissen brauchen, können sie sich vorlesen

lassen.«

»Es dünkt mich, Mamma, die Bibel sollten alle Menschen selbst lesen; sie

brauchen sie sehr oft, wenn Niemand da ist, der sie ihnen vorlesen

kann.«

»Eva, Du bist ein altes Kind,« sagte ihre Mutter.

»Miß Ophelia lehrt Topsy auch lesen,« fuhr Eva fort.

»Ja, und Du siehst, welchen Nutzen es ihr bringt. Topsy ist das

ungezogenste Geschöpf, das ich je gesehen habe!«

»Da ist die arme Mammy!« sagte Eva. »Sie hat die Bibel so lieb und

wünscht so sehr, daß sie lesen könnte! Und was wird sie machen, wenn ich

sie ihr nicht mehr vorlesen kann?«

Marie war beschäftigt, den Inhalt einer Kommode umzuwenden, als sie

antwortete:

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 2 / 22 段