Miß Ophelia begann mit Topsy damit, daß sie sie am ersten Mo

Onkel Tom's Hütte

oder die

Geschichte eines christlichen Sklaven.

Von

Harriet Beecher Stowe.

Aus dem Englischen übertragen

von

L. Du Bois.

Dritter Band.

_S. Zickel._

_Nro. 19. Dey-Street._

_NEW-YORK._

Inhalt.

_I._

Seite

I. Worin der Leser die Bekanntschaft eines

menschenfreundlichen Mannes macht 1

II. Die Mutter 16

III. Der Gatte und Vater 21

IV. Ein Abend in Onkel Tom's Hütte 28

V. Die Empfindungen lebenden Eigenthums unter

wechselnden Herren 44

VI. Die Entdeckung 57

VII. Der Kampf der Mutter 71

VIII. Ein würdiges Trio 91

IX. Worin sich zeigt, daß ein Senator nur ein

Mensch ist 115

X. Das Eigenthum wird fortgeschafft 139

XI. Worin das Eigenthum in einen unpassenden

Geisteszustand geräth 155

_II._

XII. Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel 1

XIII. Die Quäker-Niederlassung 26

XIV. Evangeline 39

XV. Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen

andern Gegenständen 54

XVI. Tom's Mistreß und ihre Ansichten 77

XVII. Die Vertheidigung des freien Mannes 106

XVIII. Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten 131

XIX. Miß Opheliens Erfahrungen und Ansichten

(Fortsetzung) 155

_III._

XX. Topsy 1

XXI. Kentucky 22

XXII. »Das Gras verwelkt -- die Blume verblüht« 29

XXIII. Henrique 39

XXIV. Vorboten 51

XXV. Der kleine Evangelist 60

XXVI. Der Tod 67

XXVII. »Dies ist das Letzte der Erde« 87

XXVIII. Wiedervereinigung 97

XXIX. Die Schutzlosen 119

XXX. Das Sklavenhaus 130

XXXI. Die Fahrt 145

XXXII. Finstere Orte 154

XXXIII. Cassy 166

XXXIV. Die Geschichte der Quatroon 178

XXXV. Die Zeichen 194

XXXVI. Emmeline und Cassy 203

XXXVII. Freiheit 213

XXXVIII. Der Sieg 223

XXXIX. Der Kunstgriff 237

XL. Der Märtyrer 252

XLI. Der junge Master 262

XLII. Eine wirkliche Geistergeschichte 271

XLIII. Ergebnisse 280

XLIV. Der Befreier 292

XLV. Schlußbemerkungen 298

Vorrede zur europäischen Ausgabe.

Indem die Verfasserin die Herausgabe dieses Werkes für das Festland

Europa's authorisirt, hat sie nur die Bemerkung beizufügen, daß die

Menschenliebe höher steht als die Vaterlandsliebe.

Das große, allen christlichen Nationen gemeinsame Mysterium, das Bündniß

Gottes mit den Menschen durch die Menschwerdung Christi, verleiht der

menschlichen Existenz eine Ehrfurcht erweckende Heiligkeit, und in den

Augen eines jeden wahrhaft Gläubigen muß Derjenige, welcher die Rechte

seines niedrigsten Mitmenschen mit Füßen tritt, nicht nur als Unmensch,

sondern auch als Gotteslästerer erscheinen, -- und die schrecklichste

Art dieser Gotteslästerung ist das Institut der Sklaverei.

Man hat gesagt, daß die Schilderungen dieses Buches Uebertreibungen

enthielten! Ich wünschte, es wäre wahr! ich wünschte, dieses Buch wäre

wirklich nur eine Schöpfung der Einbildungskraft, und nicht eine Mosaik

wirklicher Thatsachen! Aber daß es keine Erfindung ist, dafür sind die

Beweise in Tausenden blutender Herzen zu finden, -- sie sind von

Tausenden von Zeugen in den Sklavenstaaten bekräftigt, und selbst von

Sklavenhaltern, mit ausdrücklicher Bezugnahme auf dieses Buch, bestätigt

worden. -- Wenn noch andere Beweise erforderlich wären, so dürften wir

die ganze civilisierte Welt nur auf das allgemein publicierte Gesetzbuch

der Sklavenstaaten verweisen, welches eine vollständige, klare und

gesetzliche Billigung jeder Grausamkeit und Abscheulichkeit enthält, die

der Mensch überhaupt der Seele und dem Körper seines Mitmenschen zufügen

kann; und wenn das Gesetz so beschaffen ist, -- wie müssen dann die

Folgen sein? Seitdem ist jedoch, Gott sei gedankt, jener gewaltige,

unaussprechliche Angstschrei endlich gehört worden!

Es ist gesagt worden, daß die Sklavenbevölkerung ganz ungeeignet für die

Freiheit, und deren unfähig sei, und daß die in diesem Buche

geschilderte Charaktere eingebildete Uebertreibungen und Unmöglichkeiten

seien. Allein, was man auch über die afrikanische Race selbst sagen

möge, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß die

Sklavenbevölkerung Amerika's jetzt eine in hohem Grade gemischte Race

ist, in deren Adern das beste angelsächsische Blut fließt, -- und daß

Charaktere, wie Georg Harrys und Elise, keineswegs ungewöhnlich unter

den Sklaven sind. Damit auch die Charakteristik des »Onkel Tom« selbst

nicht für eine, in der Wirklichkeit nicht zu findende Erdichtung

gehalten werde, wollen wir aus dem publizirten Testamente des Richters

Upshur, früheren Staatssecretairs unter Präsident Tyler, des Tributes

erwähnen, welcher darin den Verdiensten eines Lieblingssclaven gezollt

worden ist.

»Ich emancipire hierdurch meinen Sklaven David Rice, und weise

meine Testamentsvollstrecker an, ihm hundert Dollar auszuzahlen.

Ich empfehle ihn der Achtung und dem Vertrauen einer jeden

Gemeinde, in der er sich niederlassen sollte. Er ist vierundzwanzig

Jahre lang mein Sklave gewesen, während welcher Zeit ihm von mir

unbedingtes und unbegränztes Vertrauen geschenkt worden ist. Sein

Verhältniß zu mir und meiner Familie ist stets von der Art gewesen,

daß sich ihm täglich Gelegenheit darbot, uns zu hintergehen oder zu

bevortheilen, und dennoch hat ihm nie ein erhebliches Vergehen,

selbst nicht ein Verstoß gegen die Gesetze des Anstandes in seiner

Stellung zur Last gelegt werden können. Seine Intelligenz ist

höherer Art, seine Rechtlichkeit über jedem Verdachte, und sein

Gefühl für Recht und Schicklichkeit richtig und sogar geläutert.

Ich bin der Meinung, daß er einen gerechten Anspruch darauf hat,

dieses Zeugniß von mir mit in die neuen Verhältnisse zu nehmen,

welche er einzugehen genöthigt ist; es gebührt seinen langen und

treuen Diensten von der aufrichtigen Freundschaft, die ich für ihn

hege. Während des ununterbrochenen, vertrauten Verkehrs durch

vierundzwanzig Jahre habe ich ihm nie ein unfreundliches Wort

gesagt, und nie dazu Veranlassung gehabt. Ich habe nie einen

Menschen gekannt, der weniger Fehler und mehr gute Eigenschaften

hatte, als er.«

Es soll nicht behauptet werden, daß ein Charakter, wie der Onkel Tom's

gewöhnlich zu finden sei, aber er hat mehr als einmal existirt; und es

ist so eine Schmach, Verachtung und erzwungene Lasterhaftigkeit auf das

Haupt des unglücklichen Afrikaners gehäuft worden, daß er wohl mit Recht

einen Anspruch auf eine so günstige Schilderung hat, als sie mit

Wahrheit und Wahrscheinlichkeit übereinstimmt.

Nicht in äußerster Verzweiflung, sondern in feierlicher Hoffnung und

Zuversicht dürfen wir dem Kampfe zuschauen, der jetzt Amerika

durchwühlt. Es ist der Angstschrei des Teufels der Sklaverei, der von

fern die Stimme eines nahenden Jesus gehört hat, und die edle Gestalt

durch Zuckungen verzerrt, aus der er ihn endlich vertreiben wird.

Es ist unmöglich, daß eine so ungeheure Verirrung lange im Busen einer

Nation bestehen könne, die in jeder anderen Beziehung das beste Beispiel

der großen Principien einer allgemeinen Brüderschaft giebt. In Amerika

genießen der Franzose, der Deutsche, der Italiener, der Ungar, der

Schwede und der Lette, alle gleiche Rechte; -- alle Nationen entfalten

hier die ihnen eigenthümlichen Vorzüge, und werden durch die liberalen

Gesetze des Landes gleicher Privilegien theilhaftig; Alles wirkt darauf

hin, zu befreien, zu humanisiren, zu erheben, und grade aus diesem

Grunde wird der Kampf mit der Sklaverei jedes Jahr furchtbarer. Der

Strom menschlichen Fortschritt's, der durch die zusammenfließenden

Kräfte aller Nationen immer breiter, tiefer und kräftiger wird, stößt

auf diese Schranke, hinter welcher sich alle Unwissenheit, Grausamkeit

und Bedrückung finstrer Jahrhunderte gesammelt hat; -- jetzt schäumt und

drängt er nur gegen den Fuß, aber er steigt mit jedem Jahre, und endlich

wird er mit einem Sturze, gleich dem des Niagara, das Hemmniß mit sich

fortreißen. Dichtkunst, Redekunst und Litteratur sind dagegen, denn es

gibt keine einzige Fähigkeit göttlichen Ursprungs im Menschen, die nicht

für Freiheit spräche! Anfangs verbreitete sich die Sklaverei über alle

Staaten der Union. Jetzt hat der Fortschritt der gesellschaftlichen

Verhältnisse die Mehrzahl derselben emancipirt. In Kentucky, Tennessee,

Virginien und Maryland haben zu verschiedenen Zeiten starke Bewegungen

zu Gunsten der Emancipation statt gefunden, -- Bewegungen, welche

fortwährend durch eine Vergleichung des progressiven Fortschritts der

freien Staaten mit der Armuth und Unfruchtbarkeit als Folge eines

Systems erweckt wurden, welches in wenigen Jahren den Boden erschöpft,

ohne im Stande zu sein, ihm wieder frische Kräfte zu geben. Der

Zeitpunkt kann nicht mehr fern sein, wo alle diese Staaten ihrer eignen

Selbsterhaltung wegen emancipiren werden, und wenn kein Sklavengebiet

hinzukommt, so wird ein Zunehmen der Sklavenbevölkerung Maßregeln für

die Emancipation der übrigen nothwendig machen. Dies ist der Punkt, um

den gestritten wird. Sofern kein neues Sklavengebiet gewonnen wird, muß

die Sklaverei untergehen, -- wenn es gewonnen wird, besteht sie fort. --

Um diesen Punkt manöveriren und kämpfen die politischen Parteien, und

jedes Jahr wird der Kampf heißer, der bald zur großen Nationalfrage

werden wird. In dem Gesetze von 1850, die flüchtigen Sklaven betreffend,

gewann die Sklavenmacht allerdings einen Sieg, aber es war nur ein Sieg

des Pyrrhus, -- noch ein solcher würde ihr Untergang sein! Grade dieses

Gesetz hat mehr als alle früher wirkenden Mittel dazu beigetragen, die

moralische Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu erwecken und zu

concentriren.

Keine inneren Kämpfe irgend einer andern Nation der Welt können für den

Europäer von so großem Interesse sein wie die Amerika's, denn Amerika

bevölkert sich immer mehr aus Europa, und jeder Europäer, der an seinen

Ufern landet, erlangt fast unmittelbar seine Stimme in den Berathungen.

Wenn deßhalb die Unterdrückten andrer Nationen in Amerika ein Asyl

dauernder Freiheit zu finden wünschen, so mögen sie bereit sein, mit

Herz, Hand und Stimme gegen das Institut der Sklaverei zu kämpfen; denn

diejenigen, die Andere zu Sklaven machen wollen, können selbst nicht

lange frei bleiben.

Wahr sind die großen, lebendigen Worte: »Keine Nation kann frei bleiben,

bei der die Freiheit nur ein Vorrecht und nicht ein Princip ist.«

^Andover^, den 21. September 1852.

=Harriet Beecher Stowe.=

Zwanzigstes Kapitel.

Topsy.

Eines Morgens, als Miß Ophelia in ihren häuslichen Sorgen geschäftig

war, wurde St. Clare's Stimme am Fuße der Treppe gehört, der nach ihr

rief.

»Komm herunter, Cousine, ich habe Dir etwas zu zeigen!«

»Was ist es denn?« fragte Ophelia, mit ihrem Nähzeuge in der Hand

herabkommend.

»Ich habe hier etwas für Dein Departement angekauft, -- sieh' hier!«

sagte St. Clare, indem er ein kleines Negermädchen von acht bis neun

Jahren hervorzog.

Sie war eine der Schwärzesten ihrer Race, und ihre runden, wie

Glasperlen glänzenden Augen flogen mit unstäten, ruhelosen Blicken über

alle im Zimmer befindlichen Gegenstände. Ihr Mund, der vor Erstaunen

über die Wunder im Wohnzimmer ihres Herrn halb geöffnet war, ließ zwei

Reihen glänzend weißer Zähne sehen. Ihr wolliges Haar war in

verschiedene Zöpfe geflochten, die nach allen Richtungen hin starrten.

Der Ausdruck ihres Gesichts enthielt eine sonderbare Mischung von

Muthwillen und Schlauheit, über die, wie ein Schleier, die Miene eines

schmerzlichen Ernstes hing. Sie trug ein einziges, schmutziges,

zerlumptes Kleid aus Sackleinwand, und stand mit ernsthaft gefalteten

Händen vor Ophelien. In ihrer ganzen Erscheinung lag etwas so

Sonderbares, Koboldartiges, -- etwas, wie Miß Ophelia später

versicherte, so »Heidnisches,« daß diese gute Dame einen wahren

Schrecken vor ihr empfand. Indem sie sich zu St. Clare umwandte, sagte

sie:

»Augustin, wozu in aller Welt hast Du denn das Ding hierher gebracht?«

»Damit Du es erziehen sollst, kein Zweifel, und es auf den rechten Weg

bringen. Ich dachte, es wäre ein possierliches Exemplar im

Jim-Crow-Geschlechte. Hier, Topsy,« fügte er mit einem Pfiff hinzu, so

wie man die Aufmerksamkeit eines Hundes zu erregen pflegt, -- »laß uns

einen Gesang hören, und zeige uns etwas von Deinen Tanzkünsten.«

Die schwarzen gläsernen Augen begannen von einer Art boshaften

Muthwillens zu glänzen, und das kleine Wesen begann mit einer klaren,

gellenden Stimme eine jener sonderbaren Neger-Melodien, nach der sich

ihre Hände und Füße im Takte bewegten, während sie sich im Kreise herum

drehte, mit den Händen und Knien zusammenschlug, und jene sonderbaren

Kehllaute hören ließ, die der heimathlichen Gesangsweise ihres

Geschlechtes eigentümlich sind; und endlich zwei oder drei Sprünge in

die Luft machend, kam sie mit einem gedehnten Schlußtone, der so

unirdisch klang wie die Pfeife einer Locomotive, auf den Teppich nieder,

und stand dann wieder mit gefalteten Händen da, und dem Ausdrucke

scheinheiliger Sanftmuth und Feierlichkeit im Gesichte, der nur durch

die listigen Blicke unterbrochen wurde, die sie in schräger Richtung aus

ihren Augenwinkeln umherschoß.

Miß Ophelia stand stumm und wie vom Schlage getroffen vor Erstaunen.

St. Clare, muthwillig wie er war, schien sich an diesem Staunen zu

ergötzen, und wandte sich von Neuem an das Kind.

»Topsy,« sagte er, »dies ist Deine neue Mistreß, ich übergebe Dich ihr;

also betrage Dich jetzt gut.«

»Ja, Master,« entgegnete Topsy mit scheinheiligem Ernste, während ihre

gottlosen Augen blinzelten.

»Du mußt Dich gut betragen, Topsy, verstehst Du,« sagte St. Clare.

»O ja, Master,« entgegnete Topsy, von Neuem blinzelnd, während ihre

Hände andächtig gefaltet blieben.

»Nun, Augustin, in aller Welt, sage mir nur, wozu ist das?« sagte Miß

Ophelia. »Dein Haus ist so voll von dieser Plage, daß man kaum seinen

Fuß niedersetzen kann, ohne auf eins dieser Wesen zu treten. Wenn ich

des Morgens aufstehe, so finde ich eins hinter der Thür liegen und

schlafen, einen andern schwarzen Kopf unter dem Tische, und wieder einen

andern auf der Fußdecke vor der Thür; und an allen Gittern hängen sie,

und grinsen und schneiden Gesichter, und in der Küche wälzen sie sich

fortwährend auf dem Boden umher! Wozu hast Du denn dieses Wesen noch

nöthig gehabt?«

»Ich sagte Dir ja, -- damit Du es erziehen sollst, weil Du immer von

Erziehung sprichst. Ich dachte, ich wollte Dir ein frisch eingefangenes

Exemplar bringen, um Deine Hand daran zu versuchen, und es auf den

rechten Weg zu bringen.«

»Ich will dieses Wesen nicht haben, gewiß nicht. Ich habe schon mehr mit

dieser Gattung zu thun, als mir lieb ist.«

»So seid Ihr Christen alle! -- Gesellschaften könnt Ihr stiften, und ein

paar arme Missionäre anwerben, um ihr ganzes Leben unter solchen Heiden

zuzubringen; aber zeige mir Einen von Euch, der so ein Wesen zu sich in

das Haus nehmen, und die Mühe der Bekehrung selbst übernehmen würde!

Nein; wenn es dahin kommt, dann sind sie schmutzig und widerlich, und

machen zu viel Umstände, und so weiter!«

»Augustin, ich habe die Sache nicht in diesem Lichte betrachtet,« sagte

Miß Ophelia, augenscheinlich sanfter werdend. »Wohl, es kann vielleicht

ein ächtes Bekehrungswerk sein,« fügte sie hinzu, das Kind mit etwas

günstigeren Blicken betrachtend.

St. Clare hatte die rechte Feder berührt, denn Miß Opheliens

Gewissenhaftigkeit war immer wach. »Aber,« bemerkte sie noch, »ich sah

wirklich die Nothwendigkeit nicht ein, dieses noch zu kaufen, da bereits

genug im Hause vorhanden sind, um alle meine Zeit und Gewandtheit in

Anspruch zu nehmen.«

»Wohlan, Cousine,« sagte St. Clare, indem er sie bei Seite zog, »ich

habe Dich wegen meiner albernen Reden um Verzeihung zu bitten. Du bist

so gut, daß sie keine Bedeutung haben können. Sieh, die Sache ist diese.

Das kleine Wesen gehörte einem Paar trunkener Geschöpfe, die ein

niedriges Wirthshaus halten, an dem ich alle Tage vorüber komme; und ich

konnte das Schreien und Prügeln dieses Kindes nicht mehr anhören. Das

Mädchen sah aufgeweckt und possierlich aus, als wenn sich was aus ihr

machen lasse, und so kaufte ich sie, und will sie Dir geben. Versuche Du

nun, ihr eine orthodoxe, neu-englische Erziehung zu geben, und sieh zu,

was sich mit ihr machen läßt. Du weißt, ich selbst besitze keine

Fähigkeiten in dieser Richtung, aber ich möchte, daß Du es versuchtest.«

»Wohl, ich will thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und näherte sich

ihrer neuen Untergebenen ungefähr so, wie sich eine Person einer

schwarzen Spinne nähern würde, für die sie wohlwollende Absichten hegt.

»Sie ist schrecklich schmutzig, und halbnackt,« sagte sie.

»So nimm sie hinunter, und laß sie sich waschen und reinlich anziehen.«

Miß Ophelia führte sie hinunter in die Regionen der Küche.

»Sehe gar nicht, wozu Master St. Clare noch 'ne Niggerin braucht!« sagte

Dinah, während sie den neuen Ankömmling mit keinen sehr freundlichen

Blicken betrachtete. »Mag sie nicht unter meinen Füßen haben!«

»Pah!« sagte Rosa und Jane mit vornehmem Abscheu, »sie mag uns aus dem

Wege gehen! Wozu Master noch eine von diesen niedrigen Negerinnen nöthig

hat, kann ich nicht begreifen!«

»Du geh'! Nicht mehr Niggerin als Du bist, Miß Rosa,« sagte Dinah,

welche die letztere Bemerkung auf sich bezog. »Bild'st Dir wohl ein, Du

wärst 'ne Weiße? Bist gar nichts, nicht schwarz, nicht weiß. Will doch

lieber 'was sein.«

Miß Ophelia sah, daß hier Niemand zu finden sei, der die Beaufsichtigung

des Waschens und Ankleidens übernehmen würde, und fand sich deßhalb

genöthigt, es mit einer sehr unfreundlichen und unwilligen Hülfe von

Seiten Jane's selbst zu thun.

Es ist nicht für zarte Ohren geeignet, die Einzelheiten der ersten

Toilette eines vernachlässigten, mißbrauchten Kindes zu hören. Zahllose

menschliche Wesen müssen in dieser Welt in einem Zustande leben und

sterben, dessen Schilderung zu stark für die Ohren ihrer Mitmenschen

sein würde. Miß Ophelia hatte einen guten, festen, praktischen Willen,

und ging deßhalb durch alle ekelhaften Einzelheiten mit heroischer

Gründlichkeit, obgleich nicht mit sonderlichem Gefallen daran, -- denn

Beharrlichkeit war das Einzige, wozu ihre Grundsätze sie bringen

konnten. Als sie auf dem Rücken und den Schultern des Kindes die tiefen

Narben und Schwielen sah, unverlöschliche Zeichen des Systemes, unter

dem es bisher aufgewachsen war, fühlte sie Mitleid für dasselbe.

»Sehen Sie, da!« sagte Jane, auf diese Marken deutend, »zeigt das nicht,

daß sie ein Taugenichts ist? Wir werden schöne Arbeit mit ihr haben,

glaube ich. Ich hasse alle diese Niggerkinder! sind so ekelhaft! Ich

wundere mich, daß Master sie gekauft hat!«

Das »Niggerkind« hörte alle diese Bemerkungen mit unterwürfiger,

kläglicher Miene an, die ihm gewohnheitsgemäß zu sein schien, aber

unterließ dabei nicht, scharfe, verstohlene Blicke auf den Schmuck zu

werfen, den Jane in ihren Ohren trug. Als Topsy endlich reinlich und

ordentlich angezogen, und ihr Haar kurz abgeschnitten worden war, sagte

Miß Ophelia mit einiger Zufriedenheit, daß sie christlicher aussehe als

zuvor, und begann bereits im Geiste Pläne für ihren Unterricht zu

entwerfen.

Indem sie sich vor sie setzte, begann sie Fragen an sie zu richten.

»Wie alt bist Du, Topsy?«

»Weiß nicht, Missis,« sagte das Bild mit einem Grinsen, das alle seine

Zähne zeigte.

»Du weißt nicht, wie alt Du bist? Hat Dir's denn niemals Jemand gesagt?

Wer war Deine Mutter?«

»Hatte nie eine!« sagte das Kind, von Neuem grinsend.

»Du hattest nie eine Mutter? Was meinst Du damit, wo bist Du denn

geboren worden?«

»Bin nie geboren worden!« fuhr Topsy mit einem neuen Grinsen fort,

welches so koboldartig aussah, daß, wenn Miß Ophelia überhaupt

nervenreizbar gewesen wäre, sie sich leicht hätte einbilden können,

irgend ein schwarzes Gnomenkind aus dem diabolischen Reiche vor sich zu

haben; allein Ophelia war nicht nervenschwach, sondern derb und

praktisch, und sagte deßhalb mit einiger Schärfe:

»Du mußt mir darauf antworten, Kind; ich spasse nicht mit Dir. Sage mir,

wo Du geboren worden bist, und wer Dein Vater und Deine Mutter waren.«

»Bin nie geboren worden,« wiederhole der Kobold nachdrücklicher; »--

habe nie Vater und Mutter gehabt, nichts. Bin von 'nen Händler

aufgezogen worden, mit einer ganzen Menge Anderer. Tante Sue zog uns

auf und fütterte uns.«

Das Kind war augenscheinlich aufrichtig, und Jane, in ein kurzes Lachen

ausbrechend, sagte:

»O Missis, es giebt eine Menge von der Art. Die Händler kaufen sie

billig auf, wenn sie klein sind, und ziehen sie auf für den Markt.«

»Wie lange bist Du bei Deinem Master und Deiner Mistreß gewesen?« fragte

Miß Ophelia weiter.

»Weiß nicht, Missis.«

»Ist es ein Jahr, oder mehr, oder weniger?«

»Weiß nicht, Missis?«

»O, Missis,« unterbrach hier Jane wieder, -- »diese niedrigen Neger

wissen so etwas nicht; die wissen nichts von der Zeit; wissen nicht, was

ein Jahr ist, und wissen nicht, wie alt sie sind.«

»Hast Du jemals etwas von Gott gehört, Topsy?«

Das Kind sah bei dieser Frage verwirrt aus, aber grinste wieder wie

gewöhnlich.

»Weißt Du, wer Dich geschaffen hat?«

»Niemand, was ich weiß,« sagte das Kind mit einem kurzen Lachen. Die

Idee schien es besonders zu amüsiren, denn seine Augen blinzelten, und

es fügte hinzu: »Ich denke, ich bin gewachsen; 's hat mich Niemand

geschaffen.«

»Kannst Du nähen?« fragte Miß Ophelia weiter, indem sie es für

zweckmäßig hielt, die Unterhaltung auf etwas Anderes zu lenken.

»Nein, Missis.«

»Was kannst Du denn? -- was hast Du für Deinen Herrn und Deine Mistreß

gethan?«

»Wasser geholt, und Teller gewaschen, und Messer geputzt, und weißen

Leuten aufgewartet.«

»Waren sie gut gegen Dich?«

»Glaube, ja,« sagte das Kind, Miß Ophelia listig von der Seite

betrachtend.

Ophelia stand von diesem ermuthigenden Zwiegespräche auf, während dessen

St. Clare hinter ihrem Stuhle, sich auf die Lehne stützend, gestanden

hatte.

»Du findest hier jungfräulichen Boden, Cousine,« sagte er. »Lege Deine

eignen Ideen hinein, -- wirst nicht viel auszurotten haben.«

Miß Opheliens Ansichten über Erziehung waren wie alle ihre anderen Ideen

bestimmt und geordnet, und aus derjenigen Schule, welche vor ungefähr

hundert Jahren in Neu England herrschend war, und noch jetzt in einigen

abgelegenen, unverderbten Theilen zu finden ist, wohin keine Eisenbahnen

führen. Sie ließen sich ziemlich genau in wenige Worte fassen: »Den

Kindern Aufmerksamkeit zu lehren, wenn mit ihnen gesprochen wird; ihnen

den Katechismus, Nähen und Lesen zu lehren und sie zu züchtigen, wenn

sie Unwahrheiten sagen;« und obgleich in der Fluth von Licht, welches

sich jetzt über Erziehung verbreitet, diese Principien natürlich weit in

den Hintergrund getreten sind, so läßt sich doch nicht in Abrede

stellen, daß unsere Großmütter unter ihrer Herrschaft manche recht brave

Männer und Weiber erzogen haben, wie Viele von uns werden bezeugen

können. Jedenfalls wußte Miß Ophelia nichts Anderes zu thun, und begann

deshalb das Erziehungswerk ihres heidnischen Zöglings mit vollem Eifer.

Das Kind wurde als Miß Ophelia's Mädchen angekündigt und im ganzen Hause

so betrachtet; und da Topsy in der Küche mit keinem sehr gnädigen Auge

betrachtet wurde, so beschloß Miß Ophelia, ihren Wirkungskreis und

Unterricht hauptsächlich auf ihr eigenes Zimmer zu beschränken. Mit

einer Selbstverleugnung, welche vielleicht nur wenige von unsern Lesern

zu würdigen im Stande sein werden, beschloß sie, statt behaglich ihr

Bett selbst zu machen und ihr Zimmer selbst auszufegen und abzustäuben,

-- was sie bisher stets mit völliger Beiseitesetzung aller Anerbietungen

des Kammermädchens im Haushalte selbst besorgt hatte, -- sich zu dem

Märtyrerthum zu verurtheilen, Topsy diese Verrichtungen zu lehren. Wenn

je eine unserer Leserinnen dasselbe that, so wird sie die Größe dieses

Opfers zu würdigen wissen.

Miß Ophelia begann mit Topsy damit, daß sie sie am ersten Morgen in ihr

Zimmer nahm und einen Lehrcursus in der geheimnißvollen Kunst des

Bettmachens anfing. Topsy stand, rein gewaschen und rein geschoren von

allen den geflochtenen kleinen Zöpfen, an denen ihr Herz gehangen hatte,

in einem saubern Kleide und weißer, gestärkter Schürze, vor Ophelien mit

einer so feierlichen Miene, wie sich für ein Leichenbegängniß gepaßt

haben würde.

»Nun, Topsy, will ich Dir zeigen, wie mein Bett gemacht werden muß. Ich

bin sehr eigen darin; Du mußt lernen, es grade ebenso zu machen.«

»Ja, Madame,« sagte Topsy mit einem tiefen Seufzer und einem schmerzlich

ernsthaften Gesichte.

»Nun, Topsy, sieh hier; -- dies ist der Saum des Betttuches, -- dies ist

die rechte Seite und dies die linke: -- wirst Du das behalten?« sagte

Miß Ophelia weiter.

»Ja, Madame,« wiederholte Topsy mit einem neuen Seufzer.

»Gut, das untere Betttuch mußt Du über das Pfühl ziehen, -- so, -- und

es glatt unter die Matratze einschlagen, -- so, siehst Du?«

»Ja, Madame,« sagte Topsy mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Aber das obere Betttuch,« fuhr Miß Ophelia fort, »muß auf diese Weise

herabgelegt und am Fußende glatt und fest eingeschlagen werden, -- so,

-- mit dem schmalen Saum unten.«

»Ja, Madame,« sagte Topsy wie zuvor, -- allein wir wollen hinzufügen,

was Miß Ophelia nicht bemerkt hatte, daß nämlich während der Zeit, wo

die gute Dame im Eifer ihrer Verrichtungen ihrer Schülerin den Rücken

zugedreht, diese ein Paar Handschuhe und ein Band zu erhaschen gewußt

und diese geschickt in ihren Aermel geschoben hatte, worauf sie mit

gefalteten Händen wieder so ehrerbietig wie zuvor dastand.

»Nun, Topsy, laß mich sehen, wie Du dies machst,« sagte Miß Ophelia, die

Betttücher wieder herabreißend und sich setzend.

Topsy ging hierauf mit großem Ernste und großer Geschicklichkeit durch

den ganzen Prozeß zu Miß Opheliens großer Zufriedenheit; sie legte die

Betttücher glatt, beseitigte jede Falte, und zeigte während der ganzen

Verrichtung einen Ernst, an dem ihre Lehrerin nicht geringes Gefallen

fand. Allein aus einer unglücklichen Schlitze ihrer Aermel kam ein

Stückchen des Bandes zum Vorschein, grade in dem Augenblicke, als sie

ihr Geschäft beendigte und fiel Miß Ophelien in's Auge. Augenblicklich

sprang diese darauf zu. »Was ist dies? Du ungezogenes, böses Kind, -- Du

hast dies gestohlen!«

Das Band wurde aus Topsy's Aermel hervorgezogen, aber Topsy wurde

dadurch durchaus nicht außer Fassung gebracht, sondern blickte darauf

nur mit einer Miene überraschter Unschuld.

»O, ah, das ist Miß Feely's Band! Wie sich das nur in meinem Aermel hat

fangen können?«

»Topsy, Du unartiges Kind, sage mir keine Lügen, -- Du hast das Band

gestohlen!«

»Missis, ich versichere, ich hab's nicht gethan, -- hab's nie gesehen,

als jetzt grade in dieser Minute.«

»Topsy,« sagte Miß Ophelia, »weißt Du nicht, daß es sündlich ist, zu

lügen?«

»Ich sage nie Lügen, Miß Feely,« sagte Topsy mit tugendhaftem Ernste;

»'s ist nur die Wahrheit, was ich jetzt gesagt habe, -- nichts Anderes!«

»Topsy, ich werde Dich peitschen müssen, wenn Du lügst.«

»O, Missis, wenn Sie mich peitschen den ganzen Tag, -- kann nichts

Anderes sagen, gar nicht!« rief Topsy, indem sie zu weinen anfing.

»Hab's nie gesehen, -- muß sich in meinem Aermel gefangen haben. Miß

Feely muß es auf dem Bette gelassen haben und da muß es an meinen Aermel

gekommen sein.«

Miß Ophelia war über diese dreiste Lüge so empört, daß sie das Kind

ergriff und es heftig schüttelte.

»Sage mir das nicht noch einmal!«

Das Schütteln ließ auch die Handschuhe aus dem andern Aermel auf die

Erde fallen.

»Da, Du!« rief Miß Ophelia. »Willst Du mir nun noch sagen, Du habest das

Band nicht gestohlen?«

Topsy bekannte jetzt in Bezug auf die Handschuhe, aber fuhr beharrlich

fort, das Stehlen des Bandes in Abrede zu stellen.

»Höre, Topsy,« sagte Miß Ophelia, »wenn Du Alles gestehen willst, so

will ich Dich für dieses Mal nicht peitschen.«

Auf diese Weise gedrängt, gestand Topsy endlich, mit schmerzlichen

Versicherungen der Reue, das Band und die Handschuhe genommen zu haben.

»Nun, sage mir, -- ich weiß, Du mußt noch andre Dinge im Hause genommen

haben, denn ich habe Dich gestern den ganzen Tag umher laufen lassen, --

nun sage mir, was Du sonst noch genommen hast, und ich will Dich nicht

peitschen.«

»O Missis! ich habe Miß Eva's rothes Ding genommen, was sie um den Hals

trägt.«

»Das hast Du gethan, Du böses Kind! -- Wohl, was weiter?«

»Und Rosa's Ohrringe, -- die rothen.«

»Geh, und hole beide Stücke gleich hierher.«

»O, Missis, ich kann nicht, -- sind verbrannt.«

»Verbrannt? was ist das wieder für eine Lüge! Gehe gleich, oder ich

peitsche Dich!«

Topsy blieb mit lauten Versicherungen, und Thränen und Stöhnen dabei,

daß sie nicht ^könne^, -- daß sie verbrannt seien.

»Weshalb hast Du sie denn verbrannt?« sagte Ophelia.

»Weil ich unartig bin, -- bin mächtig unartig; -- weiß nicht, kann nicht

anders.«

Grade in diesem Augenblicke kam Eva unschuldig und ahnungslos mit dem in

Rede stehenden Korallenhalsbande in das Zimmer.

»Wie, Eva, wo hast Du Dein Halsband gefunden?« fragte Miß Ophelia.

»Gefunden? Wie, ich habe es den ganzen Tag getragen,« entgegnete Eva.

»Hast Du es denn gestern gehabt?«

»Gewiß! Und was sonderbar ist, Tante, ich habe es die ganze Nacht um

gehabt; ich vergaß gestern, als ich zu Bett ging, es abzulegen.«

Miß Ophelia war vollständig irre, und zwar um so mehr, als grade in

diesem Momente auch Rosa, mit einem Korbe frisch geplätteter Wäsche auf

dem Kopfe, in das Zimmer trat, und die bewußten Ohrringe in ihren Ohren

trug.

»Ich weiß nicht, was ich mit dem Kinde anfangen soll!« sagte sie. »Was

in der Welt brachte Dich dazu, Topsy, mir zu sagen, daß Du die Dinge

genommen habest?«

»Missis sagte, ich mußte gestehen, und es fiel mir nichts Anderes ein,

zu gestehen,« entgegnen Topsy, ihre Augen reibend.

»Aber natürlich habe ich nicht gewollt, daß Du Dinge gestehst, die Du

nicht gethan hast,« sagte Miß Ophelia; »es ist eins so gut eine Lüge,

wie das andere.«

»So? -- ist es?« sagte Topsy, mit der Miene unschuldiger Verwunderung.

»O, da ist keine Spur von Wahrheit in solchen Kreaturen,« sagte Rosa,

verächtlich auf Topsy blickend. »Wenn ich Master St. Clare wäre, so

wollt' ich sie peitschen lassen, bis das Blut strömte, -- sicherlich,

sie sollt' es kriegen!«

»Nein, nein, Rosa,« sagte Eva mit einer befehlenden Miene, die das Kind

zuweilen annehmen konnte; »Du mußt nicht so sprechen, Rosa! ich kann es

nicht hören.«

»O, Miß Eva! Sie sind so gut, Sie wissen nichts davon, wie man mit

Niggern umgehen muß. 's gibt kein andres Mittel, als sie derb zu

peitschen, -- glauben Sie nur!«

»Rosa!« rief Eva, während ihr Auge flammte, und ihre Wangen sich

purpurroth färbten, -- »still! sprich kein Wort mehr davon!«

Rosa verstummte augenblicklich.

»Miß Eva hat St. Clare'sches Blut, -- das ist klar; sie kann grade so

sprechen, wie ihr Vater,« murmelte sie, während sie zum Zimmer

hinausging.

Eva stand vor Topsy, und betrachtete sie.

Da standen die beiden Kinder als würdige Repräsentanten der Extreme der

bürgerlichen Gesellschaft. Das schöne, hoch erzogene Kind mit dem

goldenen Lockenkopfe, den tiefen Augen, den geistreichen, edlen Zügen,

und den feinen Bewegungen; und daneben sein schwarzer, schlauer,

kriechender und doch scharfsinniger Nachbar. Sie waren die

Repräsentanten ihrer Geschlechter: des sächsischen, das durch

Jahrhunderte von Bildung, Herrschaft, Erziehung, physischer und

geistiger Entwickelung gegangen war, und des afrikanischen, das

Jahrhunderte in Druck, Unterwürfigkeit, Unwissenheit, Mühe und Laster

durchlebt hatte!

Etwas Aehnliches mochte vielleicht in diesem Augenblicke Eva's Gedanken

beschäftigen; allein die Gedanken eines Kindes sind nur dunkle und

unbestimmte Ahnungen, und in Eva's edler Natur mochten viele solche

geistige Regungen thätig sein, für die ihr die Kraft des Ausdrucks

fehlte. Als sich Miß Ophelia über Topsy's Ungezogenheit und schlechtes

Betragen ausließ, sah das Kind bestürzt und traurig aus, aber sagte

sanft:

»Arme Topsy, warum mußt Du stehlen? Du wirst nun unter strenge Aufsicht

kommen. Ich wollte Dir lieber Etwas von meinen Sachen schenken, als daß

Du es stiehlst.«

Es waren die ersten freundlichen Worte, die das Kind in seinem Leben

gehört hatte. Der sanfte, liebevolle Ton machte einen sonderbaren

Eindruck auf das wilde, rohe Herz, und der Glanz einer Thräne zeigte

sich einen Augenblick lang in dem scharfen, runden Auge; aber gleich

darauf folgte wieder das kurze Lachen und Grinsen. Nein! das Ohr, das

nie etwas Anderes als Scheltworte gehört hat, glaubt nicht an etwas so

Himmlisches wie Güte; und Topsy hielt deshalb Eva's Rede nur für etwas

Spaßhaftes, etwas Unerklärliches, -- sie glaubte ihr nicht.

Aber was war mit Topsy zu machen? Miß Ophelia wußte es nicht. Ihre

Regeln für Erziehung schienen auf das Kind nicht zu passen. Sie dachte,

sie wolle sich Zeit nehmen, um den Fall zu überlegen, und schloß

deshalb, im Vertrauen auf gewisse, unbestimmte, wirksame Kräfte, die

dunkelen Gemächern zugeschrieben werden, Topsy in ein solches ein, bis

daß sie zu einem bestimmteren Entschlusse gekommen sein werde.

»Ich sehe nicht ein,« sagte Miß Ophelia zu St. Clare, »wie ich das Kind

in Ordnung halten soll, ohne es zu peitschen.«

»Gut, so peitsche es, so viel Du willst. Ich will Dir volle

Machtvollkommenheit geben.«

»Kinder müssen immer körperlich gezüchtigt werden,« sagte Miß Ophelia,

»ich weiß nicht, wie man sie ohne das erziehen kann.«

»O, natürlich,« sagte St. Clare, »mache es ganz so, wie Du es für am

Besten hältst. Nur eine Bemerkung wollte ich mir erlauben. Ich habe das

Kind mit der Feuerzange, mit Schüreisen und Schüssel, was grade am

nächsten zur Hand war, prügeln und niederschlagen sehen; und da es also

an diese Art von Operation gewohnt ist, so müssen Deine Züchtigungen

ziemlich energisch eingerichtet werden, wenn sie großen Eindruck machen

sollen.«

»Was ist denn aber nun mit ihr zu thun?« fragte Ophelia.

»Du hast eine sehr wichtige Frage aufgeworfen,« sagte St. Clare, »und

ich wollte, Du könntest sie beantworten. Was ist mit einem menschlichen

Wesen zu thun, das nur durch die Peitsche regiert werden kann, -- wenn

selbst diese wirkungslos wird? Es ist ein sehr häufiger Fall hier bei

uns im Süden.«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie ein solches Kind gesehen.«

»Solche Kinder sind bei uns sehr gewöhnlich, und sogar solche Männer und

Weiber. Wie sollen ^die^ regiert werden?« sagte St. Clare.

»Es ist jedenfalls mehr, als ich zu beantworten vermag,« entgegnete Miß

Ophelia.

»Und ich gleichfalls,« sagte St. Clare. »Jene schrecklichen

Grausamkeiten, die von Zeit zu Zeit durch die Zeitungen bekannt werden,

-- solche Fälle, wie zum Beispiel Prue's, -- woher kommen sie? In vielen

Fällen ist es ein allmähliger Abhärtungsprozeß auf beiden Seiten, --

indem der Besitzer immer grausamer, und der Sklave immer unempfindlicher

dagegen wird. Peitschen und Mißhandlung sind wie Laudanum; die Dosis muß

in demselben Grade erhöht werden, in welchem die Nerven sich abstumpfen.

Ich erkannte das sehr bald, als ich Besitzer wurde, und beschloß

deßhalb, nie damit anzufangen, weil ich nicht wußte, wann ich aufhören

würde. Die Folge davon ist, daß meine Sklaven sich wie verzogene Kinder

betragen; aber ich halte es für besser, als wenn wir beiderseits

entmenscht wären. Du hast viel über unsere Verantwortlichkeit in Bezug

auf Erziehung gesprochen, und deshalb wollte ich, daß Du es mit einem

Kinde versuchen möchtest, welches als Beispiel von Tausenden gelten

kann.«

»Aber es ist Euer System, welches solche Kinder erzeugt,« sagte Miß

Ophelia.

»Ganz richtig, ich weiß das; aber sie sind einmal so, -- sie sind da, --

und was ist mit ihnen zu machen?«

»Wohl, ich kann nicht sagen, daß ich Dir für diesen Versuch besonders

dankbar wäre: allein, da es einmal eine Pflicht zu sein scheint, so will

ich darin fortfahren, und thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und

hielt ihr Wort, denn sie fuhr fort, mir einem Grade von Eifer und

Energie an der Bildung ihres Zöglings zu arbeiten, der Achtung

verdiente. Sie bestimmte regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für das

Kind, und versuchte es, sie lesen und nähen zu lehren.

In der erstern Kunst machte Topsy schnelle Fortschritte. Sie lernte die

Buchstaben wie durch Zauberei, und war sehr bald im Stande, einfache

Schrift zu lesen; aber das Nähen war eine schwierigere Aufgabe. Das

Wesen war geschmeidig wie eine Katze, und behende wie ein Affe; und da

ihr das Stillsitzen beim Nähen zuwider war, so zerbrach sie ihre Nadeln,

und warf sie verstohlen zum Fenster hinaus, oder in Spalten der Wände;

sie verwickelte, zerriß und beschmutzte ihren Zwirn, oder warf ein

ganzes Knäul verstohlen in einen versteckten Winkel. Ihre Bewegungen

waren beinahe so schnell, wie die eines geübten Taschenspielers, und die

Herrschaft über ihre Gesichtszüge war eben so groß; und obgleich Miß

Ophelia sich nicht denken konnte, daß so viele Zufälle sich nach

einander ereignen könnten, so war sie ja dennoch außer Stande, sie ohne

eine besondre Wachsamkeit zu ertappen, die ihr keine Zeit zu andern

Geschäften übrig gelassen haben würde.

Topsy war sehr bald im ganzen Hause bekannt. Ihr Talent für jede Art von

Possen, Grimassen und Nachäffung, -- für tanzen, klettern, singen,

pfeifen und Nachahmung jedes Tones, der ihr gefiel, schien

unerschöpflich. Während ihrer Spielstunden hatte sie regelmäßig

sämmtliche Kinder des ganzen Hauses hinter sich, die sie offenen Mundes

vor Staunen und Verwunderung anstarrten, -- selbst Eva nicht

ausgenommen, welche sich von ihren wilden Teufeleien in derselben Weise

angezogen fühlte, wie eine Taube zuweilen an dem Glanz und Schimmer

einer Schlange Gefallen findet. Miß Ophelia wurde darüber unruhig, daß

Eva so vielen Gefallen an Topsy's Gesellschaft fand, und bat St. Clare,

es zu verbieten.

»Pah, laß das Kind gehen,« sagte St. Clare, »Topsy wird ihr keinen

Schaden thun.«

»Aber ein so verderbtes Kind, -- mußt Du denn nicht fürchten, daß sie

ihr eine Unart lehre?«

»Sie kann ihr keine Unart lehren; andern Kindern wohl, aber von Eva's

Gemüthe rollt das Böse ab wie Thau von einem Kohlblatte, nicht ein

Tropfen fällt hinein.«

»Sei dessen nicht zu gewiß,« sagte Ophelia. »Ich würde mein eignes Kind

nie mit Topsy spielen lassen.«

»Wohl, Deine Kinder haben's nicht nöthig,« sagte St. Clare, »aber meine

mögen es thun. Wenn Eva hätte verdorben werden können, so hätte es schon

vor Jahren geschehen müssen.«

Topsy wurde anfangs von den oberen Dienstboten verachtet; allein sie

fanden bald Grund genug, ihre Meinung zu ändern. Es zeigte sich, daß,

wer sie irgendwie beschimpft hatte, mit Sicherheit darauf rechnen

konnte, bald darauf irgend einem unangenehmen Zufalle zu begegnen.

Entweder wurden plötzlich ein Paar Ohrringe, oder andrer

Lieblingsschmuck vermißt, oder ein Kleidungsstück wurde vollständig

ruinirt gefunden, oder die betreffende Person mußte über einen Eimer

heißen Wassers stolpern, oder es kam plötzlich, unerwartet und

unerklärlich, eine Fluth Spülicht von oben auf sie herab, wenn sie sich

grade in vollem Staate befand; -- und in allen diesen Fällen fand sich,

wenn eine Untersuchung veranlaßt wurde, Niemand, der zu dem Schimpfe

Gevatter stehen wollte. Topsy wurde citirt und mußte wiederholt vor

allen den häuslichen Richtern erscheinen, aber bestand alle Verhöre mit

der erbaulichsten Unschuld. Niemand in der Welt war zweifelhaft über die

Thäterschaft; aber auch nicht der entfernteste Beweis ließ sich zur

Rechtfertigung des Verdachtes führen, und Miß Ophelia hatte zu viel

Gerechtigkeitsgefühl, um ohne einen solchen weiter in der Sache gehen zu

wollen. Mit einem Worte, Topsy machte dem ganzen Haushalte begreiflich,

daß es am Rathsamsten sei, sie in Ruhe zu lassen, und man ließ sie in

Ruhe.

Topsy war in allen Handverrichtungen gewandt, und lernte mit

überraschender Schnelligkeit Alles, was ihr gezeigt wurde. In wenigen

Unterrichtsstunden hatte sie gelernt, alle Geschäfte für Miß Opheliens

Zimmer in einer solchen Weise zu verrichten, daß selbst diese eigne Dame

keine Fehler daran finden konnte. Menschliche Hände konnten kein Bettuch

glätter, kein Kissen richtiger legen, als Topsy, wenn sie es wollte, --

aber sie wollte es sehr oft nicht. Wenn in Miß Ophelien, nach drei oder

vier Stunden sorgsamer und geduldiger Ueberwachung, die sanguinische

Hoffnung aufstieg, daß Topsy endlich auf den rechten Weg gekommen sei,

und sie von ihrer Beaufsichtigung abgehen könne, um sich andern

Geschäften zu widmen, so pflegte Topsy einige Stunden lang einen wahren

Carneval von Confusion zu halten. Eines Tages fand sie Miß Ophelia mit

ihrem besten indianischen Florshawl als Turban um den Kopf gebunden,

deklamatorische Vorstellungen vor dem Spiegel geben.

»Topsy!« pflegte sie dann zu ihr zu sagen, wenn alle Geduld am Ende war,

»weshalb machst Du solche Streiche?«

»Weiß nicht, Missis, -- glaube, weil ich so unartig bin!«

»Ich weiß nicht mehr, was ich mit Dir machen soll, Topsy.«

»Müssen mich peitschen, Missis; meine alte Missis peitschte mich immer;

-- kann nichts thun, wenn ich nicht gepeitscht werde.«

»Topsy, ich mag Dich nicht peitschen. Du kannst gut und artig sein, wenn

Du willst; -- warum willst Du nicht?«

»Bin an's Peitschen gewöhnt, Missis; -- glaube 's thut mir gut,«

entgegnete Topsy.

Miß Ophelia versuchte das Recept, und Topsy verursachte dann regelmäßig

einen entsetzlichen Lärm, schrie, heulte und flehte, und saß eine halbe

Stunde später auf irgend einem Vorsprunge des Balkons, umgeben von der

Heerde ihrer jungen Bewunderer, und drückte die äußerste Verachtung über

die ganze Sache aus.

»Pah, Miß Feely peitschen! -- bringt keine Fliege um, ihr Peitschen.

Hättet sehen sollen, wie mein alter Master 's Fleisch fliegen ließ; --

alte Master verstand 's!«

Sonntags pflegte sich Miß Ophelia angelegentlichst damit zu

beschäftigen, Topsy den Katechismus zu lehren. Topsy hatte ein

ungewöhnliches Wortgedächtniß und lernte mit einer Leichtigkeit und

Sicherheit, die für ihre Lehrerin sehr ermuthigend waren.

»Welchen Nutzen erwartest Du davon für sie?« fragte St. Clare.

»Nun, es ist immer für Kinder von Nutzen gewesen. Kinder haben das immer

lernen müssen,« entgegnete Ophelia.

»Ob sie es verstehen oder nicht -- gleichviel!« sagte St. Clare.

»O, Kinder verstehen es in der Zeit nie; aber wenn sie aufwachsen, kommt

die Zeit, wo sie es verstehen lernen.«

»Nun, meine ist noch nicht gekommen, obgleich ich bezeugen kann, daß Du

es mir gründlich genug beigebracht hast, als ich ein Knabe war,«

entgegnete St. Clare.

»Du warst immer ein guter Lerner, Augustin. Ich hegte damals große

Hoffnungen von Dir,« sagte Ophelia.

»So, hast Du denn jetzt keine?« fragte St. Clare.

»Ich wollte, Du wärest so gut, wie Du als Knabe warst, Augustin!«

»Das wünschte ich auch, Cousine,« sagte St. Clare. »Wohl, fahre fort,

und katechisire Topsy: vielleicht machst Du doch noch etwas aus ihr.«

Topsy, die während dieser Unterhaltung gleich einer schwarzen Statue,

mit demüthig gefalteten Händen da gestanden hatte, fuhr jetzt auf einen

Wink von Miß Ophelia fort:

»Unsere ersten Eltern, da sie der Freiheit ihres eignen Willens

überlassen blieben, fielen aus dem Stande, in dem sie erschaffen worden

waren.«

Topsy's Augen blinzelten, und sie blickte fragend auf Ophelien.

»Was willst Du, Topsy?« fragte Miß Ophelia.

»Bitte, Missis, war es der Stand Kentucky?«

»Was für ein Stand?«

»Der Stand, aus dem sie fielen. Ich hörte Master sagen, daß wir von

Kentucky gekommen wären.«

St. Clare lachte.

»Du wirst ihr eine Erklärung geben müssen, oder sie macht sich eine,«

sagte er. »Es scheint hier die Theorie der Auswanderung darunter

verstanden zu werden.«

»O, still, Augustin!« sagte Miß Ophelia, »wie kann ich etwas thun, wenn

Du dabei lachst?«

»Gut, ich will Dich nicht wieder stören, auf mein Wort,« sagte St.

Clare, nahm seine Zeitung, und setzte sich nieder, bis Topsy ihre

Recitationen beendigt hatte. Diese waren ganz gut, nur daß sie dann und

wann, in den wichtigsten Stellen, die Worte auf eine sonderbare Weise

versetzte, und bei dem Irrthume aller Gegenvorstellungen ungeachtet

beharrte; und St. Clare, trotz aller seiner Versprechungen, fand ein

muthwilliges Vergnügen darin, sich diese anstößigen Stellen wiederholen

zu lassen, ohne Miß Opheliens Gegenvorstellungen zu beachten.

»Aber wie kannst Du glauben, daß ich mit dem Kinde etwas erreichen kann,

wenn Du so fortfährst,« pflegte sie zu sagen.

»Gut, es ist unrecht, -- ich will es nicht wieder thun; aber es ist gar

zu drollig, das kleine Bild über diese Worte stolpern zu hören.«

»Ja, aber Du bestärkst sie ja in ihrem schlechten Wege.«

»Was macht 's denn aus? Ein Wort ist für sie so gut wie ein anderes.«

»Du willst, daß ich sie gut erziehen soll, und solltest also mit dem

Einfluß, den Du ausübst, vorsichtig sein.«

»O Elend! freilich sollte ich das! aber wie Topsy selbst sagt: »ich bin

so unartig!««

In dieser Weise schritt Topsy's Erziehung ein oder zwei Jahre fort,

während deren Miß Ophelia sich täglich mit ihr plagte, wie mit einem

chronischen Leiden, an dessen Beschwerden sie sich endlich so gewöhnte,

wie andre Personen an ein Nerven- oder Kopfleiden.

St. Clare fand an dem Kinde dasselbe Vergnügen, wie an den Spässen

eines Papagei's oder Hühnerhundes. Topsy dagegen pflegte, wenn sie in

irgend einem andern Departement in Ungnade gefallen war, hinter seinem

Stuhle Schutz zu suchen, und St. Clare wirkte dann stets auf eine

oder die andre Weise Vergebung für sie aus. Von ihm erhielt sie auch

so manche kleine Münze, die sie zu Nüssen und Zuckerkant verwendete,

um sie mit sorgloser Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauses zu

vertheilen; denn Topsy war, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,

von Natur gutmüthig und freigebig, und nur bösartig in ihrer eignen

Selbstvertheidigung.

Sie ist jetzt in unser _corps de ballet_ genügend eingeführt worden,

und wird darin von Zeit zu Zeit, neben den andern handelnden Personen,

ihre Rolle spielen.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Kentucky.

Unsere Leser sind vielleicht nicht abgeneigt, einen kurzen Rückblick auf

Onkel Toms Hütte zu thun, um zu sehen, was unter denen, die er

zurückgelassen hat, vorgeht.

Es war spät an einem Sommer-Nachmittage, und die Thüren und Fenster des

großen Wohnzimmers in Mr. Shelby's Haus waren alle geöffnet, um jedes

frische Lüftchen, das dazu geneigt war, hereinzulassen. Mr. Shelby saß

in einer großen Halle, welche mit diesem Zimmer in Verbindung stand, und

durch das ganze Haus zu einem am andern Ende befindlichen Balkon lief.

Nachlässig in seinen Stuhl zurückgelegt, und seine Füße auf einem

andern wiegend, rauchte er seine Nachmittags-Cigarre. Mrs. Shelby saß in

der Thür, mit feiner Näherei beschäftigt, und schien etwas auf dem

Herzen zu haben, zu dessen Vorbringen sie eine Gelegenheit suchte.

»Hast Du gehört,« sagte sie, »daß Chloë einen Brief von Tom erhalten

hat?«

»Wirklich? Tom scheint dort einen Freund zu haben. Was macht der alte

Junge?«

»Er muß von einer sehr anständigen Familie gekauft worden sein, sollte

ich denken,« sagte Mrs. Shelby, -- »er hat sehr gute Behandlung, und

nicht viel zu thun.«

»So! nun das freut mich, -- wahrlich,« sagte Mr. Shelby mit

Herzlichkeit. »Ich hoffe, Tom wird sich an eine südliche Residenz

gewöhnen, -- und kaum wünschen, hieher zurückzukehren.«

»Im Gegentheil, er fragt mit großer Aengstlichkeit danach, wann das Geld

für seine Wiedereinlösung werde aufgebracht werden können.«

»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Shelby. »Wenn die Geschäfte einmal

angefangen, schief zu gehen, so hörts nicht wieder auf. Es ist gerade

wie durch einen Sumpf von einer trockenen Stelle auf die andere

springen; hier borgen und dort bezahlen, und dann wieder borgen, um den

Letzten zu bezahlen; -- und diese verdammten Wechsel laufen immer ab,

ehe ein Mensch Zeit hat, eine Cigarre zu rauchen und sich umzudrehen, --

nichts als Mahnbriefe und Drängen und Treiben.«

»Ich sollte denken, mein Lieber, es könnte so Manches geschehen, um

unsere Angelegenheiten zu ordnen. Wenn wir zum Beispiel alle unsere

Pferde und eine Farm verkauften, um Alles abzuzahlen?«

Onkel Tom's Hütte(#69977) · 第 1 / 22 段