Ordnung, nach seiner Idee hat jedes Glied zu tragen und zu lasten, zu
leisten und zu leiten. Die Zucht huldigt der Idee, nicht ihrem Organ,
der Gewalt; als Freie sollen wir nicht Machthabern gehören und
gehorchen, sondern uns geordneter, gewollter Führung anvertrauen und
hingeben. Von trauen kommt Treue, sie ist das freiwillige, überzeugte,
unverbrüchliche Geschenk des Vertrauens. Erzwungene Treue ist ein
begrifflicher Widerspruch; erzwungen werden kann Unterwerfung; Treue,
die höchste irdische Pflicht, ruht auf Freiheit und Wahrhaftigkeit.
Das bedeutet nun freilich nicht, daß ein jeder sich nach Willkür die
Bindungen auserwählen kann, welche er auf sich nehmen will, und welche
nicht. Ein bestehender Staat, eine geordnete Gesellschaft, vor allem
eine wirkende Heeresmacht, legt Bindungen auf, die nach der Ordnung der
Gesetze so unverbrüchlich sind, wie höchste irdische Pflicht es nur sein
kann. Somit ist jede Frage der Unterwerfung unter rechtskräftiges Gesetz
und seine Ausübung der Erörterung entzogen.
Etwas anderes aber ist es, welche Bindung und Bindungsform man will und
welche man nicht will, ob man dazu neigt, sich in auferlegte Bindung zu
stürzen oder sich zu selbstgewollter Bindung zu fügen, ob man neigt,
sich an Macht, Gewalt und ihre Besitzer hinzugeben, oder der Idee, ihrer
Verkörperung und ihren Trägern zu folgen, ob man der Person oder der
Sache gehört, ob man pariert oder dient, ob man ein Diener oder ein
Dienender ist. Vor allem, ob man unter vorsorglicher Hütung und Hegung
zu leben wünscht, oder ob man gewillt ist, Verantwortung zu tragen und
zu fordern.
Sicherlich hat unser schönes Erbe der Sachlichkeit dazu beigetragen, daß
wir uns niemals lange fragten, ob, mit welchem Recht, in welcher Form,
und zu welchem Zweck eine Sache uns auferlegt wurde, wenn sie nur
ordentlich erfüllt wurde; daß wir jedes ererbte Abhängigkeitsverhältnis
mit alleiniger Ausnahme allzu ausgesprochener Fremdherrschaft willig
hinnahmen. Doch täuschen wir uns nicht: der Zug zur Abhängigkeit ist ein
Erbteil nicht des alten Germanentums, das bei höchster Treue von
höchstem Unabhängigkeitsdrang, Trotz und Eigenwillen war, sondern der
unfreien, dienstgewohnten und verängsteten Unterschichten, die
allzulange, vor allem im mittleren und östlichen Teile des Landes, die
Masse der Bevölkerung bildete. Noch im 18. Jahrhundert galten hier die
Sinnbilder der Untertänigkeit: Saumkuß und Peitsche, und der Adel nannte
seine Hintersassen die Kanaille. Der Vergleich des deutschen Halbslawen
mit dem stammesreineren Friesen, Westfalen, Franken und Schwaben weist
die Abstufung des Abhängigkeitssinnes in Charakter und Lebensform. Nicht
nur der einzelne, auch ein Volk bedarf der Kinderstube. Die heroische
und geistige Vergangenheit einer Oberschicht hat nicht immer die Wirkung
eines Vorbildes; sie kann bei hinreichender Entfremdung umgekehrt,
nämlich distanzierend wirken, indem die Herren alle Ehren für sich
verlangen.
Es scheint unbegreiflich und ist es nicht, daß wir uns der Eigenart
unseres Abhängigkeitsdranges so gar nicht bewußt sind, und daß wir seine
sichtbarsten Folgen, die Unselbständigkeit unseres staatlichen Lebens,
die militärisch-feudale, die bureaukratische, die plutokratische
Bindung, das Vorgesetzten- und Subordinationswesen des bürgerlichen
Lebens, den schroffen und zurechtweisenden Verkehrston, das umspannende
Netz der Verordnungen und Verbote, die Bevorzugung der Stände, die
zopfigen Ungleichheiten und Unfreundlichkeiten amtlicher Behandlung, die
Ansprüche der Besitzer und Interessenten so gar nicht empfinden. Es
fehlen uns die Vergleiche. Vorhaltungen Fremder, die überdies in
gehässiger Form und falscher Formulierung gemacht zu werden pflegen,
lehnen wir mit Recht ab. Doch unsere Auswanderer der letzten
Menschenalter sind nicht heimgekehrt, sicher nicht aus Mangel an
Heimatsliebe, oder aus Liebe zur Fremde, oder aus Geldgier. Sie konnten
sich in die Atmosphäre nicht mehr finden, nachdem sie ihnen durch
Vergleich bewußt geworden war.
Auf höherer Geistesebene kann der Abhängigkeitsdrang, wie jede
menschliche Schwäche, an gewisse Tugenden grenzen. Man rühmt unsere
Organisation, besser gesagt, unsere Organisierbarkeit, Pünktlichkeit und
Disziplin. Man kann sich bei uns auf alles verlassen. Was befohlen ist,
geschieht. Was eingeübt ist, klappt. Was geordnet ist, stimmt. Das ist
gut und soll so bleiben. Doch es ist nicht gleichgültig, um welchen
Preis das letzte Prozent der Genauigkeit erkauft ist. Eine einzige
schöpferische Idee kann um das tausendfache jede disziplinierte
Gewöhnung übertreffen. Unfreiheit auf allen Lebensgebieten rechtfertigt
kein Höhepunkt der Präzision. Selbst wenn nationale Monopolstellungen,
etwa auf dem Gebiet des Militarismus, durch hundertjährige
Überdisziplinierung eines Volkes erlangt werden könnten, wäre es
bedenklich, sie zu erstreben; doch gerade der Krieg hat gezeigt, daß
solche Sondervorteile nicht bestehen.
Schon auf dieser höheren Ebene beginnen jedoch offenkundige Gefahren.
Abhängigkeitsgefühl, auf Geistiges übertragen, bedeutet
Autoritätsglauben, Autoritätsüberschätzung, Haften an Überlieferung, an
herkömmlichen Denkreihen und Methoden.
In der Wissenschaft hetzen wir den Entwicklungsbegriff und den
Historismus zu Tode. Wir wagen keinem Gegenstand unbefangen ins Auge zu
sehen, ihn zu werten und auszuschöpfen; wir wollen alles hinten herum
über ihn, seine Vergangenheit, Sippschaft, Umstände und Analogien
erfahren, verlieren alle Naivität, und müssen ihn jedesmal, nachdem wir
ihn gutwillig oder mit Gewalt logisch gemacht haben, am Ende
schlechterdings billigen. Wir wissen alles, um alles beim alten zu
lassen. Die amtliche Wissenschaft ist, nächst dem Interessenten, unsere
konservative Kraft. Die Verfolgung jeder Originalität, sofern sie jünger
ist als ein Menschenalter, scheint ihr geboten.
In der Verwaltung haften wir an der Tradition. Eingestanden oder nicht:
Man sehnt das Vorbild des alten Preußen zurück, eines landwirtschaftlichen,
unmechanisierten Mittelstaats, der nach Art einer großen Gutsherrschaft
vom Eigentümer mit Hilfe einiger Kabinette verwaltet werden konnte. Die
Bewegungsfreiheit der Ressorts in jeder Frage weittragender Politik habe
ich geschildert; noch nie hat meines Wissens einer der Beteiligten, mit
Ausnahme Bismarcks, sie offen gerügt; man betrachtet diese Abhängigkeit
als ebenso gottgewollt, wie die der Führung, der Anschauung, der
Atmosphäre.
In der Politik wird größere Unabhängigkeit von einzelnen Parteien
programmatisch erstrebt. In der Praxis würde man erschrecken, wenn sie
gewährt würde. Ob ein parlamentarisches Ministerium überhaupt von den
bestimmenden Personen zustande gebracht werden könnte, ist fraglich. Man
würde vorziehen, die Verantwortung in gewohnter Weise übernommen zu
sehen, und allenfalls es nicht übel vermerken, den eigenen Namen auf
der Liste zu finden.
Über die Abhängigkeit von zwei Herrenkasten, der militarisch-feudalen
und der bureaukratischen sowie von der emporgedrungenen plutokratischen
Schicht, die sich gegenwärtig durch den Zutritt der Kriegsgewinner
verstärkt, ist nichts weiter zu sagen.
Das seltsamste Abhängigkeitsbedürfnis auf höherer Ebene ist das
gesellschaftliche, das sich im Großbürgertum auswirkt.
Militär und Beamtenschaft unterstehen einer Führungs- und
Herkunftskontrolle. Das gehobene Bürgertum will sie nicht entbehren. Der
innere Grund ist vermutlich der: Da das gesellschaftliche Vorbild einer
Aristokratie für allgemeine Haltung und Lebensform fehlte und der junge
Reichtum zu massenhaft aufschoß, um ein Patriziat zu bilden, verlangte
man nach Legitimation. Diesem Bedürfnis kam der Staat, halb unbewußt,
halb humorvoll berechnend entgegen. Es gibt in Deutschland der Schätzung
nach mehrere tausend Titulaturen, Rangstufen und Auszeichnungen. Viele
wurden dem Bürgertum zugänglich, und man konnte es dem Staat nicht
verübeln, ja man sah vielfach eine erwünschte Verbriefung darin, daß
eine milde Kontrolle der Herkunft und der Führung, eine entschiedenere
der politischen Gesinnung an die Verleihung geknüpft wurde. Der Vorteil
war offenkundig: Hatte ein mittlerer Industrieller dreißigtausend Mark
für Kirchenbauten gestiftet und kurz darauf die Würde eines Königlichen
Kommerzienrates erhalten, so war es ihm und den Seinen eine
Befriedigung, daß eine Prüfung seiner persönlichen und geschäftlichen
Verhältnisse vorausgegangen, und somit auch nach außen der Beweis
erbracht war, daß die nackte materielle Leistung allenfalls den Anlaß,
keinesfalls den Grund seiner bürgerlichen Erhöhung ausmachte.
Es ist fraglich, ob die herrschenden Staatsmächte sich bewußt sind,
welch ungemessenen Gesinnungseinfluß die selbstgewählte
Führungsabhängigkeit des höheren Bürgertums ihnen gewährt. Unter
Hunderttausenden von bürgerlich oder militärisch Begünstigten findet
sich kaum ein Sozialdemokrat; im militärischen Verhältnis wurde vor dem
Kriege ausgesprochener Liberalismus nicht geduldet, im bürgerlichen
Verhältnis war er selten. Zieht man die Wirkung auf Anhang und
Gefolgschaft in Betracht, so ergibt sich, daß die als läßliche und
gutartige Schwäche verspottete Titelsucht der Deutschen eine der
ernstesten politischen Realitäten bedeutet: nämlich den Verzicht eines
bedeutenden Teils der bürgerlichen Intelligenz auf politische
Unabhängigkeit.
Um Unabhängigkeitsdrang zu suchen, wenden wir uns von den bürgerlichen
Schichten zu den Organisationen des Proletariats, und finden die
Abhängigkeitssucht in ihren vier schroffsten Formen: Abhängigkeit vom
wissenschaftlichen Dogma, Abhängigkeit der Massen von den Führern,
Abhängigkeit der Massen von der selbstgeschaffenen Atmosphäre,
Abhängigkeit der Führer von den Massen. Käme Christus wieder und
verstieße wider das Programm der Schriftgelehrten, so wäre er in der
Parteiversammlung nicht sicherer als anderswo.
Alle Selbständigkeit und Unabhängigkeit hat sich ins Wirtschaftsleben
geflüchtet. Dort herrscht sie jedoch nicht aus starkem Charakter und
unbeugsamer Überzeugung, sondern im Dienste des Kampfes um mein und
dein. Schlimm genug: Unabhängig und mannstolz können wir sein, wenn es
sich lohnt. Um einer Million willen lohnt es, um lumpiger Ideale willen
lohnt es nicht.
Der Unabhängigkeitsdrang der Gewerbe, der einzige, den wir haben, und
der einzige, der gezügelt sein sollte, verbunden mit einer unerhörten
Schulung im geschäftspolitischen und dialektischen Gebaren entwickelt
sich zu unserer schwersten inneren Gefahr. Wenn der Generalsekretär des
»Allgemeinen Deutschen Verbandes zur Wahrung der Interessen sämtlicher
Zweige der ausgestopften Vogel-Industrie« (Abgekürzt: A. D. V. z. W. d.
I. s. Z. d. a. V. I.), blendende Erscheinung, sonor und formgewandt, von
der Tribüne die Bedeutung der ihm anvertrauten Interessen erläutert und
mit historischen, geographischen, ethnographischen, handelspolitischen,
finanziellen, sozialen, kulturellen, ethischen und allgemein
menschlichen Beweisen bekräftigt, wenn er dann auf unsere Ostpolitik
übergeht und darlegt, daß sie unter Umständen nicht weit entfernt sei,
einen gewissen unendlich wichtigen Zweig seines Gewerbes zu schädigen,
so wird jedes Herz mit Sorge erfüllt. Wenn alsdann Hunderttausende von
Flugschriften, zahlreiche Versammlungsbeschlüsse, Handelskammereingaben
und Abgeordneteneinsprüche die Warnung wiederholen, so werden manche
seiner Freunde dem Staatsmann empfehlen, seine Gesamtpolitik zu ändern.
Da es schließlich keine Politik gibt, die nicht irgendwelche Interessen
verletzt, so muß es am Ende dahin kommen, daß nur noch solche Dinge
unternommen werden können, deren Gegeninteressenten schwach, mißliebig
oder spärlich sind; das bedeutet die letzte Einschränkung unserer
ohnehin so geringen Bewegungsfreiheit. Wir gehen am Interessenten
zugrunde.
Wir steigen von der höheren geistigen Ebene zur mittleren herab und
finden weniger freundliche Züge unseres Dranges zur Abhängigkeit.
Die menschliche Verflechtung von Autorität und Folge erstarrt zu einer
lückenlosen Kette Vorgesetzter und Untergebener, verbunden durch die
eiserne Klammer der Subordination. Der Mensch ist nicht ein Glied
organischer Gemeinschaft, sondern er ist festgelegt, seinem Werte,
seinem Selbstbewußtsein, seinem Ansehen nach, durch die Bestimmung: wen
er kommandiert und wer ihm etwas zu sagen hat. Unbewußt wandelt sich
jede Beziehung in ein Subordinationsverhältnis: Der Vater ist der
Vorgesetzte des Kindes, der Lehrer ist der Vorgesetzte der Schüler, der
Schutzmann ist der Vorgesetzte des Publikums, der Schalterbeamte ist der
Vorgesetzte der Briefmarkenkäufer, das Militär ist der Vorgesetzte des
Zivils, und in den Kolonien fühlt sich, sehr zum Schaden des
zivilisatorischen Gedankens, der Weiße vielfach als Vorgesetzter des
Eingeborenen.
Subordination! Dies harte Wort spät-lateinischen Ursprungs wird in
anderen Sprachen als der deutschen fast nie gebraucht; wir haben es
jeden Tag nötig. Es durch Gefolgschaft, Unterordnung, Treue zu ersetzen,
fällt niemand ein, denn es bedeutet etwas anderes und soll etwas anderes
bedeuten. Selbst Gehorsam und Folgsamkeit, Worte, die auf erwachsene
Menschen keine Anwendung haben, würden nicht ausreichen. Der Sinn, den
Subordination in uns erweckt, ist schrankenlose Unterwerfung eines
Menschen unter das Gebot eines anderen Menschen, und die Symbolik der
Ehrenbezeigungen, die dieses Verhältnis bekräftigen, verlangt
rückhaltloses Hinstrecken des ganzen Leibes. Es ist folgerichtig, daß in
zwei ganz verschiedenen Sprachen gesprochen wird, je nachdem man von
unten nach oben oder von oben nach unten sich äußert. Hier wird
untertänigst erinnert, gehorsamst anheimgestellt, ganz ergebenst
gebeten, bemerken zu dürfen, man beehrt sich, erstirbt, legt sich zu
Füßen, dort wird geruht, befohlen, verordnet und im besten Falle
ersucht. Hier wird in der dritten Person Pluralis gesprochen, in
Ermangelung einer vierten, dort beliebt man vielfach, auch vom jüngeren
zum älteren, ein väterliches Du. In höheren Erlassen erscheint unter
Umständen das ganze Volk als ein kollektiver Untergebener oder Untertan,
es wird zur Treue, zur Pflichterfüllung und zum Gehorsam ermahnt.
Das fortlaufende Kettenverhältnis: Vorgesetzter -- Untergebener findet
ein gewisses Gleichgewicht in sich selbst: Schärfe gegen den
Untergebenen findet ihre Grenze in der Vorsicht gegenüber dem eigenen
Vorgesetzten; bedenklichere Folgen können entstehen, wenn die Wirkung
nur nach unten stattfindet, weil der eigene Vorgesetzte unerreichbar
oder nicht vorhanden ist. Solche Folgen sind vorzeiten gelegentlich im
Auslande und in Kolonien entstanden.
Es ist begreiflich, daß unsere Herrenkaste den deutschen
Subordinationszustand will und verteidigt, denn er dient ihr dazu, die
bestehende Schichtung zu erhalten. Da sie sich gern patriotischer und
theologischer Argumente bedient, so hat sie den wirksamem Ausdruck der
gottgewollten Abhängigkeit erfunden. Innerhalb der Herrenkaste, die
überhaupt in Deutschland die einzige Klasse bildet, welche die inneren
Verhältnisse klar überblickt und über auswärtige Vergleiche verfügt,
wird denn auch häufig und vorurteilslos über das einheimische
Subordinationswesen gesprochen, der Mangel an Würde und Herrentum
vermerkt, und insbesondere in seiner Wirkung auf das Ausland gewürdigt.
Man hält jedoch das Volk für nicht hinreichend mündig, die feudale
Schichtung für zu unentbehrlich, um eine Änderung zuzulassen.
In unseren mittleren Kreisen fehlen die Vergleiche. Man kann sich keinen
anderen Zustand vorstellen als den, daß jeder, der es sich leisten kann,
kommandiert, und jeder, der es sich gefallen lassen muß, kommandiert
wird. Was man von oben empfängt, gibt man nach unten weiter, und noch
etwas Eigenes dazu. Wie sollte man dazu kommen, diese Dinge als
Sittenfragen zu behandeln? Sie sind nun einmal so und mögen so bleiben.
Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, daß unser Land auf den schroffen
Begriff der Subordination gestellt ist, während Länder weit geringerer
Zivilisationsstufe sich von ihm befreit haben. Führende und Folgende
gibt es freilich überall; doch es genügt, das Abhängigkeitsverhältnis im
Sachlichen sich auswirken zu lassen, auf menschliche Beziehung soll es
nicht übergreifen. Vollends beschämt es mich, wenn ich gestehen muß, daß
ich kein anderes zivilisiertes Land gefunden habe, in dem es Menschen
gab, die andere grob behandelten, und solche, die sich grob behandeln
ließen. Unsere Gutmütigkeit, die für den Begriff des Anschnauzens
mindestens ein Dutzend humorvolle Bezeichnungen erfunden hat,
entschuldigt uns ein wenig, ein wenig auch unsere Formlosigkeit, doch
es bleibt genug übrig, was zu denken gibt.
Freunde, nehmt diese Dinge nicht leicht! Unsere Abhängigkeit schädigt
den Menschenwert. Wir brauchen Herrentum und Würde. Hat es nicht manchen
unter euch gegeben, den selbst die Äußerungen des Patriotismus vor dem
Kriege einen unlieben Beiklang vernehmen ließen? In den frohesten Ruf
mischte sich ein aggressiver Schnarrton von Subordination. Bismarck
sagte in theoretischer Einkleidung: wir hätten Untertänigkeit an Stelle
des Nationalgefühls im Leibe. Wissen wir heute, daß das Vaterland unser
Land, der Staat unser Staat, und unsere Treue zum König die freie
Zustimmung und Gefolgschaft freier Männer ist?
Sollen wir zu den tiefsten Geistesformen des Abhängigkeitsgefühls
niedersteigen? Wenige allgemeine Andeutungen mögen genügen. Wenn das
männliche Selbstgefühl erlischt, so entsteht nicht Empörung und
Auflehnung, sondern Passivität. Man muß sich manches gefallen lassen und
tröstet sich damit, daß es dem Nächsten nicht besser geht, und daß man
sich vor ihm nicht zu schämen braucht. Die Oberen haben auch ihre
Schwächen, man klatscht darüber, und ist man nicht größer, so sind sie
kleiner geworden. Wo geklatscht und denunziert wird, ist man nicht
aufsässig. Nur soll der Nächste nicht aufsteigen, da wäre das Spiel
verdorben. Beim Unglück des Nächsten ist man nicht ohne Mitleid, beim
ersten Strahl des Glücks bricht Neid aus. Sitzen Klatsch und Neid am
Tisch, so steht die Pöbelhaftigkeit vor der Tür. Ist jedoch ein
plötzlicher Aufstieg geglückt, so zeigen sich alle Untugenden des
Emanzipierten, denn der innerlich Unfreie wird durch Befreiung nicht zum
Herren.
Genug. Von diesen niederen Formen haben wir nicht viel zu befürchten.
Nur eines: Laßt uns den Neid bekämpfen, er ist nicht weit davon, ein
nationales Laster zu sein.
Überblicken wir die Erscheinungsformen des unentwickelten
Unabhängigkeitsgefühls und des ausgesprochenen Abhängigkeitsdranges, so
dürfen wir sagen: Eine Todsünde belastet uns nicht. Wir sind nicht
Sklaven, wie einst Friedrich im Zorn uns genannt hat, wir sind nicht
Domestiken, wie jener verbitterte Philosoph behauptete. Es ist nicht
unsere Sache, von unseren Tugenden zu reden; dies wissen wir, und das
mag genug sein: Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, was unser
Volk im Kriege pflichtgetreu geleistet und heldenhaft geduldet hat.
Doch eines verschweigen wir uns nicht: Das Abhängigkeitsbedürfnis ist
eines der schwersten Hemmnisse des inneren und äußeren Aufstieges, es
ist der politische Kardinalfehler eines Volkes.
Denn aller Aufstieg setzt die Würde des innerlichsten Entschlusses, den
Adel rückhaltloser Entäußerung und das Herrentum des Wollens zur eigenen
Verantwortung voraus. Würde, Adel und Herrentum aber können in gewollter
und geduldeter Abhängigkeit nicht erstehen.
Gewiß wird Gesinnung den vom Geiste vorgeschriebenen Weg schreiten, und
Einrichtungen werden ihr folgen. Doch beiden voran muß der Aufschwung
des Willens geschehen, und der, leider, ist gehemmt durch eine einzige
Schwäche unseres voluntarischen Charakters.
Würden uns noch heute, als ein himmlisches Geschenk die vollkommensten
Einrichtungen des staatlichen und kulturellen Lebens beschieden, es wäre
umsonst. Sie würden niedersinken auf den Stand unserer Gesinnung und
unkenntlich werden. Denn ein Volk kann seine Güter und Institutionen nur
auf derjenigen Höhe halten, auf der es sie aus eigener Kraft zu schaffen
fähig ist.
Früher habe ich die Gesinnungen und Ziele beschrieben, denen wir
entgegenstreben, heute weise ich euch den friedlichen Kampf, dessen
Beginn vielleicht, dessen Ende ich nicht erleben werde. Es ist der Kampf
um die Seele unseres Volkes, sein erstes Ziel ist Würde, Adel und
Herrentum. Es gibt eine deutsche Sendung auf Erden. Sie ist nicht die
Sendung des Militarismus, sie ist auch nicht die Sendung der
Mechanisierung und der Technik, obwohl sie diese Nützlichkeiten nicht
verschmäht, sie ist am wenigsten die Sendung der Weltherrschaft. Sie ist
die Sendung, die sie immer war und immer sein wird: die Sendung des
reinen, unbestechlichen, unbeirrbaren und unerbittlichen Geistes. Diese
Sendung fordert nicht Emanzipierte und Untergebene, sondern adlige
Männer. Es ist nicht unsere Sache, die Kellner, Barbiere und Schneider
für London und Newyork zu liefern, sondern als freie Männer auf freiem
Boden brüderlich mit den Völkern zu reden und zu wirken, nicht um des
billigen Nutzens, sondern um des Geistes und der Menschheit willen;
ihnen zu bieten, was wir haben und von ihnen zu empfangen, was wir
brauchen.
In eurem Kampfe zählen die Jahre nicht. Es wird euch bekämpfen die
Herrenkaste, und das ist schade, denn es sind tüchtige Menschen, klug,
mutig und eigenwillig. Doch sie sind kurz von Gesicht und arm an
Phantasie; sie wissen nicht, daß im Sturm das fahrende Schiff sicherer
ist als das verankerte, sie wagen nicht zu glauben, daß in einem freien
Volke ihre Eigenart mehr wert ist als in einem, mit dem sie kämpfen. An
ihnen haften zwei Sünden: Sie haben das Volk unmündig gehalten, um es
leichter zu beherrschen, und sie haben mit ihrer Herrschaft die
Verantwortung zu tragen für jenes Menschenalter schlechter Führung, das
die Gewitteratmosphäre schuf. Diese doppelte Schuld wird schwer auf
ihnen lasten.
Bekämpfen werden euch die Interessenten, und das ist gut, für euch wie
für sie. Sie wissen nicht, daß mit der geistigen und wirtschaftlichen
Anarchie, die sie im Lande erregen, sie den Ast absägen, auf dem sie
sitzen. Sie müssen lernen, daß mit den Geschäften von heute auf morgen,
die sie erstreben und um die sie sich würgen, das Korn vor der Ernte
zertreten wird. Das Futter wird nicht mehr, sondern besudelt und
verstreut, wenn man aus Gier mit beiden Füßen in den Napf springt; die
Welt ist eng geworden, sie ernährt uns nur dann, wenn die Arbeit sorgsam
geordnet und geteilt wird.
Bekämpfen werden euch die Indolenten und mehr noch die
Originalsüchtigen. Ihnen ist es nicht um die Sache zu tun, sondern um
ein apartes, literarisch verwertbares Gerede von der Sache. Sie glauben
die Welt zu ändern, wenn sie Artikel weglassen, Satzglieder umstellen
und im Kaffeehaus neue Zeitwörter ausdenken. Mit beiden werdet ihr
fertig, denn sie haben einen kurzen Atem.
Beginnt ihr zu zweifeln und fühlt ihr euch im Kampf ermatten, so erfüllt
euch mit dem Bilde des ragenden inneren Deutschlands, das wir im Herzen
tragen, des Landes der Wahrheit, der Treue, der Geistigkeit, der
Innigkeit, des reinen Glaubens; tränkt und sättigt euch mit diesem
Bilde, und blickt um euch. Seht ihr dann noch das kreischende, gierige
Werben, die vergifteten Genüsse, die zynischen Gestalten der frechen
List und der brutalen Schaustellung, die unwürdigen Gebäude und
barbarischen Schaustücke: dann hat das neue Reich das alte noch nicht
überwunden und der Kampf geht weiter.