Glaubt nicht, es werde das Geringste euch geschenkt. Kein Ereignis von

außen, nicht das Glückbringende, nicht das Bedrückende spricht euch los.

Bei euch, in euch beginnt der Kampf. Nur wenn ihr frei seid, könnt ihr

befreien, nur wenn ihr edel seid, könnt ihr adeln, nur wenn ihr gerecht

seid, könnt ihr richten, wenn ihr gütig seid, begüten, wenn ihr gläubig

seid, erwecken.

Glaubt nicht den Lobpreisern des Bestehenden; sie preisen was sie

besitzen, und festhalten, und dazu erwerben wollen. Oder um der Macht zu

schmeicheln, oder, weil man es sie gelehrt hat.

Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die sagen, es sei

anderwärts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser

Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist

niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen.

Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen Schriftgelehrten, die

verkünden: »Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle

Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine

unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist eine veraltete

Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur

Hörigkeit, von der persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des

Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidarität nicht

Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus

der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und

Irrationalen.

Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir

leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern

sich selbst hören will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen

Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim

von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns sträuben, desto härter

werden wir geführt, und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren

Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon uns lenkt.

Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir

gezwungen schreiten. Denn wozu wären euch die seltenen, köstlichen Dinge

gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der

Verheißung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es

euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee

trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich

selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge haben.

Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung,

die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen.

Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Händen, die

leuchtende und zündende, die verheerende und verklärende.

Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte

und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und

gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den

göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt.

Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem

Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu

Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und

sich euch hingibt.

Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch

alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden

Seele erringt.

Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch

schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und

Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden.

Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes.

_Geschrieben im Juli_ 1918.

_Druck der Roßberg'schen Buchdruckerei in Leipzig._

_Werke von Walther Rathenau:_

_Zur Kritik der Zeit_

Fünfzehnte Auflage

_Zur Mechanik des Geistes_

Neunte Auflage

_Von kommenden Dingen_

Fünfundsechzigste Auflage

_Deutschlands Rohstoffversorgung_

Neununddreißigste Auflage

_Probleme der Friedenswirtschaft_

Fünfundzwanzigste Auflage

_Streitschrift vom Glauben_

Vierzehnte Auflage

_Vom Aktienwesen_

Zwanzigste Auflage

_Die neue Wirtschaft_

Sechsundvierzigste Auflage

_Zeitliches_

Zwanzigste Auflage

_Gesammelte Schriften in fünf Bänden_

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das

Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das

Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende

Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext

vorgenommenen Korrekturen.

S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal

S. 049: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß

S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel

S. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß

S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebärde

S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print

edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been

moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau's

other works has been moved to the back. The table below lists all

corrections applied to the original text.

p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal

p. 049: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß

p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel

p. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß

p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebärde

p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been

replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_

Antiqua: #text in Antiqua font# ]

End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau

An Deutschlands Jugend · 第 8 / 8 段