anderer Frieden über die Erde kommen, als der Frieden der Gerechtigkeit
und der guten Gesinnung. Wäre ein anderer Frieden erreichbar, ihr
dürftet ihn nicht nehmen, denn er wäre kein Frieden, sondern ein
heimlicher, vergifteter Krieg. Der gerechte Frieden, der Frieden Gottes
kommt, wir mögen ihn wollen oder nicht. Wollen wir ihn, so wird er uns
geschenkt, wollen wir ihn nicht, so wird er uns auferlegt. Sind wir
seiner würdig, so werden wir ihn erleben, sind wir seiner unwürdig, so
werden ihn auch unsere Kinder nicht erleben.
Was der gerechte Frieden ist, wissen wir. Wissen wir es, und handeln
nicht danach, so sind alle unsere Sittensprüche Heuchelei und unser
Gewissen wird am Tage der Entscheidung auf uns lasten. Wir tragen die
Verantwortung für eine Zivilisation und Kultur, für das Glück und das
Leben der Millionen. Diese Verantwortung ist die kleinere. Wir tragen
die Verantwortung um der Gerechtigkeit und um unserer Seelen willen,
diese Verantwortung ist vor Gott und ist die größere. Die Seelen der
Erschlagenen stehen auf und fordern von uns Rechenschaft. Sie fordern
von uns nicht Rache, sondern Versöhnung zur Ehre Gottes. Brüder, wir
wollen einander vergeben, damit uns miteinander vergeben werde. Nicht
der ist schwach, der Vergebung empfängt, nicht der ist stark, der sie
zurückweist.
Vier Jahre lang haben unsere Heere zu Lande, zu Wasser und in der Luft
einander standgehalten und sind nicht ermüdet. Ihre Taten sind größer
als alles Heldentum der Sage und Geschichte. Das edelste und stolzeste
aber wird es sein von allem, was dieser alte Planet erlebt hat und
erleben wird, und ein Leuchten wird von ihm ausgehen über das Weltall,
wenn der Tag anbricht des großen Opfers, der freien, menschlichen und
göttlichen Versöhnung. Der Tag, an dem wir uns vergeben allen Haß und
allen Kummer, alle Tränen und alle Wunden, allen Tod und alle Rache. Der
Tag, an dem wir uns die Hände reichen, um gemeinsam die Wunden zu
heilen, die Witwen und Waisen zu trösten, die Erde neuaufzubauen. An
diesem Tage sind unsere gefallenen Brüder wahrhaft verherrlicht, an
diesem Tage ist die Erde entsühnt, und das Gottesreich um einen Schritt
der Welt genähert.
Charakter
Wir wollen ein großes, starkes, freies Land, doch eine andere Größe,
Stärke und Freiheit, als die wir kannten.
Wir wissen, daß Einrichtungen nicht Gesinnungen schaffen, sondern von
ihnen geschaffen werden. Die Kruste ist starr, der Kern ist bildsam, wer
das Sichtbare umschaffen will, der muß den Mittelpunkt bewegen.
Von Gesinnungen und Einrichtungen, die kommen werden, habe ich oft
gesprochen. Zu euch, Freunde, aber will ich von dem reden, was in der
Wirkungsreihe noch tiefer liegt.
Wie entstehen und ändern sich Gesinnungen? Erlebnis wirkt auf Geist und
wandelt ihn. Verschieden aber wird von gleichem Erlebnis verschiedener
Geist bestimmt, und diese Verschiedenheit heißt Charakter.
Wir überschätzen maßlos die bequeme Gründlichkeitsmethode des
Historizismus, weil jeder fleißige Mensch, deren es, ach, so viele gibt,
sie sich aneignen kann. Im Pragmatischen versagt sie fast immer. Wir
überschätzen die wirtschaftliche Methode, weil sie den Mut der
Folgerichtigkeit hat, doch wird sie dem Geist nicht gerecht, weil sie
ihre Voraussetzung zum Ziele macht, indem sie von der Wirtschaft kommt
und zur Wirtschaft führt. Wir unterschätzen die reine Beobachtung des
Geistes und Charakters, weil sie Einfühlung an Stelle von Gelehrsamkeit
verlangt; hier fühlen wir uns nicht sicher und fürchten uns unbewußt vor
den Ergebnissen.
Verlangt man von jemand die Charakterbeschreibung eines Menschen oder
Volkes, so wird er mit dem geistigen und seelischen Besitzstand
beginnen. Mit Recht. Denn dieser Besitz an Werten und Fähigkeiten
entscheidet über das geistige Sein, über den Wert der geistigen
Substanz. Unserer Frage jedoch ist es nicht um die Substanz, sondern um
ihre Bewegung und Wandlung, um das Schaffen und Handeln zu tun, hier
entscheidet nicht der intellektuale, sondern der voluntarische
Charakter.
Denn auf welcher geistigen und sittlichen Stufe wir stehen, wissen wir.
Wollen wir wissen, ob und wie wir die nächste Stufe erreichen, so müssen
wir die bewegenden Kräfte prüfen.
Alle Form ist sichtbarer Geist. Wo immer wir Lebensäußerungen und
Einrichtungen beobachten, treffen wir, sofern wir tief genug schürfen,
auf die Wurzeln des intellektualen und voluntarischen Charakters, Geist
und Willen. Und wenn bei einem so hochstehenden Volke wie dem unseren,
Trübungen sich zeigen und nicht weichen wollen, so müssen wir die
Ursachen in den Willenskräften aufdecken können. Nicht in der
energetischen Größe der Willensstärke, denn die ist überschüssig,
sondern in Einseitigkeiten der Richtung, in unausgeglichener Aktivität.
Die sichtbaren Mängel unserer Formen, Einrichtungen und Gesinnungen habe
ich in einem Buch, das vielen von euch bekannt ist, geschildert. Bei
ihnen wollen wir nur so lange verweilen, bis uns über die
Einheitlichkeit ihrer Artung eine Vorstellung erwacht, die wir in der
Beobachtung unseres Charakters wiederfinden.
Die Schwächen und Ungerechtigkeiten unseres wirtschaftlichen und
sozialen Aufbaus sind die gleichen wie in aller übrigen Welt, sie
fordern keine gesonderte Betrachtung. Mit einer Ausnahme: der Aufstieg
ist bei uns viel schwerer als anderswo, denn mit der plutokratischen
Hemmung verbindet sich die der feudal-bureaukratisch-militärischen
Atmosphäre. Auf die kommen wir zurück.
Ganz eigenartig, teilweise nur mit denen Österreichs vergleichbar, sind
unsere politischen Schwächen, die wir diesmal nur flüchtig streifen
wollen.
Die Regierung: ein Aufbau unglaublicher innerer Komplikation, Reibung
und Hemmung. Vollkommene Unmöglichkeit einer Fernpolitik, eines
Verfügens auf lange Sicht, das im Wettbewerb der Völker entscheidet;
denn der Staatsmann ist eingespannt in ein neunzigfaches Veto, dem kein
Jubeo entgegensteht. Er muß paktieren mit Höfen, Kirchen, Bundesstaaten,
verbündeten Mächten, drei Kabinetten, zwei Reihen von unbekannten
Kollegen, einem entrückten Kanzler, seinen eigenen Räten, mehreren
Parlamenten und zahlreichen Kommissionen, Parteien, Einzelabgeordneten,
Gewerbevertretungen, Interessenvertretungen, Einzelinteressenten. Jeder
kann ihn stürzen, keiner hält ihn. Er kann froh sein, wenn er ein paar
Jahre laviert, paktiert und verwaltet hat. An Weitsichtiges kann er sich
zur Not auf technischen Gebieten wagen, die niemand interessieren, oder
die niemand versteht. Man wendet ein, daß Bismarck mit diesem System
ein Menschenalter regiert hat: er besaß neben seiner Genialität einen
Talisman, den er erst am Tage seiner Absetzung verlor: die
Unabsetzbarkeit.
Warum das? Weil wir ein halbkonstitutioneller Staat sind. Ein Staat, in
welchem mit Hilfe einer beamteten Gelehrsamkeit alles Historische und
Überlieferte nach Kräften erhalten wird, weil es historisch und
überliefert ist. Ein Staat, in welchem die Worte Volk und Demokratie vor
dem Kriege verpönt waren. Ein Staat, in welchem viele Sonderrechte
bestehen und niemand eines aufzugeben braucht, weil niemand es verlangt.
Ein Staat, in welchem seit Jahrhunderten niemand regiert, der nicht als
Angehöriger oder Assimilant des militärischen Feudalismus, des
feudalisierten Bureaukratismus oder des feudalisierten, militarisierten
und bureaukratisierten Plutokratismus auftritt. Ein Staat, in welchem
mit Hilfe der so bezeichneten Atmosphäre, verschärft durch dauernde
politische, kirchliche und militärische Führungskontrolle, eine Auslese
der Begabungen stattfindet, die man als Gegenauslese bezeichnen kann.
Ein Staat, in welchem das Großbürgertum sich vorwiegend von der Politik
fernhält, es sei denn da, wo Erwerbsinteressen berührt werden, oder wo
Beziehungen zu gewinnen oder zu erhalten sind. Das mittlere Bürgertum
folgt zu einem Drittel der Kirche, zu einem Drittel der kontrollierenden
Autorität, zu einem Drittel ist es in Opposition.
Die beiden großen Parlamente sind tief reformbedürftig. Die Reform
dieser Parlamente, zumal des Reichstages, ist weit notwendiger und
dringender als die der Regierung. Gewählt sind sie auf Grund eines
verwerflichen und eines geometrisch verfälschten Wahlverfahrens. Ihre
geistige Höhenlinie liegt weit tiefer, als ein geistig hochentwickeltes
Volk sie von sich verlangen kann. Überwiegend bestehen sie aus
Ortsgrößen und Vertretern von Interessentenvereinigungen. Schöpferische
Staatsmänner finden sich kaum. Ihre Tätigkeit ist vorwiegend Abänderung,
vielfach Verschlechterung von Regierungsvorlagen, und Kritik. Eigene
Initiative ist selten, geschieht sie, so wird sie meist schnell bereut.
Routinierte Staatsleute werden nach bestimmten Behandlungsregeln leicht
mit den Parlamenten fertig, auch in erregten Sitzungen. Für die
Machtlosigkeit der Parlamente entschädigen sich die Kommissionen und die
gewandteren Abgeordneten durch offizielle Rücksichten, die man ihnen
gewährt. Würden unsere Parlamente heute vor die Aufgabe gestellt,
Koalitionsministerien zu schaffen, so wären sie ratlos; sie wissen
selbst, daß ihre Minister sich nicht mit denen der Bureaukratie würden
messen können. Alles in allem kann man sagen: es würde ohne unsere
Parlamente ebensogut oder besser regiert werden, als mit ihnen. Dereinst
sollen sie die Schule des Staatsmannes, die Quelle der Auslese, die
Träger der Verantwortung werden. Heute sind sie bestenfalls das kleinere
von zwei Übeln.
Woher kommt das? Die Gründe sind die gleichen, wie die, welche die
Regierung lähmen. Halbkonstitutionelles System, daher parlamentarische
Machtlosigkeit, daher parlamentarische Interessenlosigkeit, daher
parlamentarische Unzulänglichkeit, daher Unmöglichkeit, dem Parlament
größere Verantwortung zu gewähren, daher halbkonstitutionelles System.
Den Zirkel könnte nur das Volk zerschneiden, doch es ist unpolitisch,
parlamentsmüde, noch bevor es ein echtes Parlament kennengelernt hat,
indolent, durch gelehrte Theorien, Schlagworte und Beeinflussung
kopfscheu gemacht. Die größte Verwirrung aber stiftet der angebliche
Gegenbegriff Autokratie und Demokratie.
Bismarck hat den bourgeoisen Liberalismus vernichtet, das war sein
Recht; er hat ihn überdies derart diskreditiert, daß er fast mit dem
Makel der Unehrlichkeit behaftet wurde, das war sein Unrecht. Machte
Liberalismus den Menschen gewissermaßen gesellschaftsunfähig und
ungeeignet, ein besseres Amt zu bekleiden, so war Demokratismus
offenkundige Auflehnung gegen die gottgewollte Obrigkeit und
Abhängigkeit; und so erscheint er den meisten noch heute. Man denkt an
Pöbelherrschaft und Kommunismus und kommt sich klug vor, wenn man
beobachtet, daß selbst in Republiken eigentlich autokratisch regiert
wird.
Autokratisch soll überall regiert werden, jede andere als die
autokratische Regierung ist machtlos und unfähig. Autokratie und
Demokratie sind nicht Gegensätze, die sich ausschließen; im Gegenteil,
nur durch Vereinigung kommen sie zur Wirkung. Nur auf demokratischer
Grundlage kann und darf autokratisch regiert werden, nur mit
autokratischem Überbau ist Demokratie gerechtfertigt.
In allen Zeiten haben Personen regiert, nicht Körperschaften und Massen.
Regieren aber ist Kunst, sie kann nur geübt werden, wenn der schaffende
Mensch ungestört, unbehelligt, vom Vertrauen getragen bleibt. Regiert er
ohne Vertrauen, durch Macht, so ist er Despot, regiert er ohne
Vertrauen, kontrolliert, behelligt und gehemmt, so ist er Stümper.
Vertrauen macht Autokratie möglich, Demokratie macht Vertrauen möglich.
Vertrauen schenkt man dem, den man kennt und will, nicht dem, der
ernannt wird. Wohl kann auch der Ernannte sich Vertrauen erwerben; bis
er es hat, ist er tot, zum mindesten verbraucht. Das Vertrauen zum
Erwählten muß und soll nicht ewig währen; endet es, so tritt er ab, ein
anderer richtet den Weg wieder gerade, renkt die Fehler ein, und nach
einer Zeit mag der erste wiederkommen. Durch den Begriff des Vertrauens,
womit nicht der plumpe Kredit bürgerlicher Unbescholtenheit, sondern
geistiges Vertrauen gemeint ist, verbindet sich Demokratie und
Autokratie zur einzigen politischen Form, die großer Verantwortung
gewachsen ist.
Dies wissen wir nicht, verhöhnen den demokratischen Autokratismus,
stellen ihm die demokratische Wahlform eines machtlosen Parlaments
gegenüber und machen aus unverhohlenem Mißtrauen durch stets verschärfte
Kontrollen den uns auferlegten Staatsmännern das an sich unmögliche
Leben noch unmöglicher.
Bevor wir nun der Frage antworten, welche unserer Charaktereigenschaften
unser politisches Leben verwirrt und uns den Aufstieg zu neuer Gesinnung
erschwert, sei eine Bemerkung eingeschaltet, die unser neueres
Verhältnis zur Beobachtung eigener und fremder Charakterzüge betrifft.
Mag man sich zum Kriege stellen, wie man will; unvergeßlich bleiben jene
Augusttage auch für den, der hinter den Jubelchören Schatten aufsteigen
sah. Bald wurde auch manchem anderen der falsche Ton vernehmlich, der
in der herrlichen Begeisterung der Jungen, in der brüderlichen
Opferfreude der Älteren anfänglich verklungen war. Bald wurde fühlbar,
es gab auch solche, die von dem großen Ereignis eigene Vorteile hofften,
sei es für die alte, sei es für eine neue Laufbahn, sei es für
geschäftliche, sei es für politische Sonderstrebungen; es gab auch
beabsichtigten und interessierten Enthusiasmus. Während draußen die
ersten und herrlichsten Taten geschahen, während die erste, heißeste
Hingabe der Heimat, zumal der Frauen, die Herzen erwärmte, regten sich
die ersten Heimkrieger, Kriegsspekulanten und Raffer. Während das Volk
an den Fronten diszipliniert, daheim organisiert wurde, verebbte der
Geist. Nie hatte es ein derartiges Absinken der geistigen Ebene Europas
in so kurzer Zeit gegeben. Das Denken der Gebildeten verschmolz mit dem
der Massen zu aufgeregter, unduldsamer Suggestion, die jede Prüfung und
Besinnung verpönte, das Ungereimteste, Widersinnigste, Gehässigste wurde
ausgesprengt, geglaubt, geurteilt, vorausgesagt, und jeder verfolgt, der
nicht einzustimmen schien. Ja, eine Tendenz trat auf, die man nicht
anders als die Ranküne des Ungeistes benennen kann, und die sich,
unausgesprochen, folgendermaßen zu äußern schien: »Zu lange haben wir
die verstiegenen Dinge, die sich geistig und künstlerisch nannten, die
niemand von uns verstand, und die uns mißfielen, gegen uns gelten lassen
müssen. Das hat jetzt ein Ende. Wozu seid ihr Geistigen da? Jetzt
herrscht der Arm, und der wird euch zeigen, daß er die Welt bezwingt.
Verkriecht euch, jetzt wollen wir lesen, sehen und hören, was wir
verstehen, und was uns freut.« Und wirklich, bis in die Auslagen der
Läden drang der gut bürgerliche Geschmack, der Tonzwerg- und
Pfeifenkopfhumor, in den Unterhaltungsbeilagen der Blätter las man
Geschichten vom treuen Spitz und klugen Elschen, und im Parlament
stimmte man einem Redner zu, der die fünfhundertste Aufführung einer
rührenden Operette als Wiederkehr der Unschuld und Harmlosigkeit pries.
In dieser Atmosphäre begannen die Massenurteile über fremden und eigenen
Volkscharakter. Einem leidenden und erbitterten Volke ist es nicht zu
verübeln, wenn es von feindlichen Ränken und Greueln hört, die in
Millionenheeren nicht ausbleiben können, daß es sich in
leidenschaftlicher Verallgemeinerung dem entrüsteten Hasse hingibt; und
dieser Haß wütet in der Heimat noch rückhaltloser als im Felde, wo
ritterliche Anerkennung feindlicher Tapferkeit ihm entgegenwirkt. In
solchen Zeiten sollte der Gebildete sich dreierlei vor Augen halten,
wenn er nach allgemeinem Urteil strebt.
Erstens. Ein Volk ist ein kollektiver Geist, der von außen betrachtet,
anders wirkt als die Summe der Einzelgeister. Solange die Völker nahezu
anarchisch, nach Raubtierart leben, muß jedes Volk, das gut geleitet und
zielbewußt seine Interessen vertritt, nach außen raubtierhaft
erscheinen, ohne daß seine Glieder Raubtiere zu sein brauchen. Erscheint
es nach außen gutmütig, freundlich, dankbar, gefühlvoll, so ist das kein
Beweis für derartige Eigenschaften seiner Glieder, sondern ein Beweis
von politischer Schwäche und schlechter Leitung. Der anarchische Zustand
soll und wird aufhören; dann werden die Völker als kollektive Gebilde
das Recht und die Pflicht haben, nach außen menschenähnlich und
sittlich zu erscheinen. Solange man den anarchischen Zustand, die
gerüstete Feindschaft aufrechterhält, somit will, soll man sich nicht
damit brüsten, wenn man nicht den Willen, die Kraft oder den Erfolg der
vereinbarten Brutalität besitzt, und soll nicht den verurteilen, der die
Folgen zieht. Ein guter Schachspieler wird seinem Partner nicht das
Brett um den Kopf schlagen, mit der Begründung, der andere habe ihm in
hinterlistiger Weise seine Dame genommen oder seinen König eingekreist.
Leider sind beim anarchischen Zustande der Staaten fast alle Mittel im
Frieden und Kriege erlaubt. Das darüber hinausgehende Unrecht fällt
jedoch meistens einzelnen, selten der Gesamtheit zur Last. Schlimm ist
es freilich, daß die Gemeinschaft sich fast immer bestimmen läßt, das
Einzelunrecht zu entschuldigen; das liegt in der Regel an der
Einseitigkeit der Berichterstattung und der Schwierigkeit der
Nachprüfung.
Zweitens. Die Charaktere der Kulturvölker sind ähnlicher als man glaubt.
In jedem Volke gibt es Heilige und Sünder, Seelenhafte und Seelenlose,
Helden und Feiglinge, Idealisten und Krämer, Märtyrer und Mörder, in
allen fast in der gleichen Mischung. Weit verschiedener als die Völker
untereinander sind die Schichten innerhalb ein und desselben Volkes. Die
meisten Vergleiche populärer Psychologie haben den Fehler, daß man
ungleichartige Schichten verglichen hat; unwillkürlich wählt man bei
sich selbst die höhere, beim anderen die tiefere Schicht zum Vergleich.
So entstehen jene grauenhaft trivialen, grundfalschen Populärurteile,
die mehr als alles andere dazu beigetragen haben, die Völker zu
entzweien.
Drittens. Psychologisches Urteil läßt sich nicht erlernen. Es ist nicht
Sache der Wissenschaft, noch weniger der bürgerlichen Beobachtung,
sondern der Einfühlung. Ein Gelehrter, der Literatur, Kultur oder
Verfassung eines Volkes studiert, kann wertvolle Einzelzüge vereinigen,
dasselbe kann ein gereifter Bürger, der irgendwo gelebt und gute oder
schlechte Geschäfte gemacht hat; das Einfühlen in die Natur eines
einzelnen, das viel schwierigere Einfühlen in die Natur eines Volkes
fordert intuitive, ja dichterische Begabung.
Von solcher Vorsicht des Urteils waren unsere Gebildeten weit entfernt,
und viele der Gebildeten unter unseren Gegnern sind es noch heute. Von
Geschäftsreisenden, Berichterstattern und Stubengelehrten ließen wir uns
mehr erzählen als nötig war, selten wurde ein berufener Beurteiler
gehört, viele wollten oder mußten schweigen.
So war die Stimmung vorbereitet für das beschämendste und undeutscheste,
was in diesem Kriege geschah, die maßlose, schamlose Ausschüttung des
Selbstlobes. Nichts hat so sehr zur Entsittlichung des Landes, zur
Mißachtung des Gesetzes, zur Überempfindlichkeit der Stimmung
beigetragen als die langandauernde tägliche Selbstverherrlichung. Denn
was brauchte ein Volk von sich zu verlangen, was sich zu versagen, dem
Gott allein, vor allen anderen, sämtliche Tugenden und Begabungen
verliehen hatte? Nur wir waren treu und bescheiden, nur wir waren tapfer
und hingebend, nur wir waren tief und genial, sittlich und heldenhaft,
gläubig und seherisch. Alle anderen waren vor Gott und Menschen
verworfen. Warum Gott die übrigen so unzulänglich geschaffen hatte?
Offenbar nur, um uns zu verherrlichen. Wir waren das auserwählte Volk,
gesandt, um allen Völkern das Licht zu bringen, und alle zu beherrschen.
Es hat ein Volk gegeben, das sich das auserwählte genannt hat. Es war
kein schlechtes Volk, es hat der Welt die Offenbarung, viele Propheten
und ein herrliches Buch gebracht. Wegen seines verruchten Stolzes auf
Auserwähltheit aber ist es in die vier Winde zerstreut worden, seine
Kinder haben zweitausend Jahre in Blut und Tränen gebüßt, und ihrer Buße
und Tränen ist noch heute kein Ende.
Gott verhüte, daß auf unser deutsches Volk dieser Frevel falle.
Wir sind kein auserwähltes Volk und wollen es nicht sein. Wir sind ein
junges Volk und haben dennoch eine alte, herrliche Vergangenheit. Auf
unserem Boden sind große Helden erwachsen, die höchsten Dichter und
Philosophen der neuen Zeit haben ihn betreten. Die Musik der Welt ist
auf deutschem Boden erstanden.
Wir sind ein junges Volk. Vielleicht keiner von uns stammt unvermischt
von taciteischen Germanen, wenige entstammen der Oberschicht, die den
deutschen Geist und die deutsche Geschichte geschaffen hat; die meisten
sind Kinder der namenlosen, unhistorischen unfreien Unterschicht, von
der die Wissenschaft nichts weiß; viele sind zugewandert. Wir sind jung
und wissen wenig von uns. Wir wissen, daß sich unsere Jungen gut
schlagen. Wir wissen, daß wir organisierbar und disziplinierbar sind,
daß wir uns in die mechanisierte Welt vollkommen eingefügt und sie
vorwärts gebracht haben. Wir haben eine gewaltige Wissenschaft und eine
bedeutende Technik. Seit dem Ende jener großen Umschichtung, seit
hundert Jahren, sind uns höchste Geister nur spärlich erstanden. Doch
fühlen wir uns als die Erben und geistigen Nachkommen jener Großen, weil
wir sie begreifen, in uns tragen und verehren. Wir dürfen hoffen, daß
etwas Verwandtes in uns lebt und sich immer wieder verkörpern wird. Wir
ringen um die Form unseres Lebens, unseres Geistes und unseres Staates.
Vor allem: wir blicken uns in die Augen und fühlen das herzliche
Vertrauen vom einen zum anderen, zum guten Willen und zur reinen Kraft;
wir blicken in die lieben Augen unserer Frauen und fühlen die blühende
Wärme des Lebens und die gesegnete Verheißung der Zukunft.
Eines freilich haben wir vor allen anderen Völkern voraus, eines, das
keine Ruhmredigkeit gestattet und keinen Neid herausfordert: die Härte
und Schwere der metaphysischen Pflicht.
Deshalb ist uns der Blick nach innen und nach oben gegeben, das Streben
zur Sache, zu den Dingen und zur Wahrheit: damit wir das Nahe und das
Ferne erfassen und begreifen, damit wir die Dinge in ihrer Beziehung zum
Kosmos erfühlen, damit wir höchste Gerechtigkeit üben, uns selbst härter
prüfen als alle anderen, und das schwerste von uns verlangen. Und
deshalb ist uns harter Boden, harter Himmel und hartes Leben gesetzt,
damit wir nie erlahmen, im schwersten Dienst den göttlichen Geist zu
verherrlichen.
Leichtes Leben, leichte Freude und leichtes Urteil, das anderen
freisteht, ziemt uns nicht. Wenn wir die Gnade der bitteren
Verantwortung, die auf uns gelegt ist, voll erfassen, so werden wir die
dankbarsten aller Menschen und im Stolze des höchsten Dienstes die
demütigsten sein.
So sind wir zur Selbstprüfung unseres Charakters zurückgekehrt und haben
die Härte der Unerbittlichkeit gewonnen. Mit ihr die äußere
Furchtlosigkeit des Bekenntnisses. Wehe dem, der die innerlichen Momente
des leiblichen oder geistigen Lebens eines Menschen belauert und
belauscht, um seiner zu spotten oder gegen ihn zu zeugen. Er hat das
Recht des Zeugens und des Zeugnisses verwirkt, sein eigener Hohn
schleudert ihn und die seinen herab von der Stufe, auf der nach hohem
Maße sittlich gewertet wird.
Was wir zu bekennen haben, ist nichts Neues und nichts übermäßig
Schweres. Unsere Besten haben es uns oft gesagt, bald spottend, bald
schmähend; was sie uns nicht gesagt haben, und was wir selbst uns sagen
müssen, das sind die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer einzigen
wesentlichen Schwäche unseres voluntarischen Charakters.
Uns Deutschen fehlt das persönliche Unabhängigkeitsgefühl, wir neigen
zur gewollten Abhängigkeit.
Verwechseln wir nicht Unabhängigkeit mit Zuchtlosigkeit, vermengen wir
nicht Abhängigkeit und Treue.