Rheingold des Elsaß ist nur das Sinnbild eines schwereren Verlustes.
Unermeßlich ist, was diese Nation in vergangenen Jahrhunderten Europa
geschenkt hat. Sie trug die Zivilisation und einen Teil der Kultur des
Kontinents vom Westfälischen Frieden bis zur Revolution und brachte die
bürgerliche Freiheit. Sie konnte aber, nach der Art ihrer Gaben, nur
schenken, so lange sie mächtig war. Die Macht war verloren, sie gab uns
die Schuld und spaltete in ihrer Leidenschaft Europa derart, daß jede
politische Orientierung von den Vogesen ausgehen mußte, und nur die Wahl
blieb: für den einen oder den anderen. Damit war die Freiheit der
europäischen Politik vernichtet.
Englands Schuld ist fast eine persönliche, ein seltsamer Zug in diesem
so unpersönlichen Lande. Auch England hatte viel gegeben, noch mehr
erworben, und manches verloren. Die #Pax Britannica# stand hinter der
#Pax Romana# nicht zurück. Man mag streiten, ob es recht ist, daß ein
Volk den dritten Teil der Erde besitzt; dieses Volk hat ihn besessen und
mit wenigen Ausnahmen seiner großen Verantwortung entsprechend
verwaltet. In seinen Kolonien und Herrschaften war jeder Fremde
unbehelligt, häufig gut aufgenommen, ja gern gesehen, alle Häfen und
Kohlenplätze standen offen. Das Land begnügte sich mit Freihandel, aus
wohlverstandenem, aber von Kleinlichkeit freiem Interesse. Seine Politik
war eigensüchtig, gewalttätig, aber klar erkennbar, weit mehr auf
eigenen Nutzen als auf fremden Schaden gerichtet. Das änderte
Eduard VII. Er war zu lange Kronprinz gewesen und hatte sich in den
Jahren erzwungener Muße und verhohlener Kritik die alten intriganten
Bündnismethoden der europäischen Höfe angeeignet; er trieb sie zum
Gipfel, indem er die Vogesenspaltung ausnutzte und Deutschland
isolierte. Wie weit die Sorge um die sinkende Wirtschaftskraft seines
Landes, wieweit verwandtschaftliche Verfeindung ihn bestimmte, ist
schwer zu sagen; er war kein dämonischer Charakter und wurde dennoch zum
Dämon Europas.
Rußland litt an den Schwächen orientalischer Reiche. Über sich selbst
hinausgewachsen hatte es seinem tief angelegten, kindlich verträumten
Volk zwar einige europäische Formen, doch keinen Wohlstand, keinen
Mittelstand, keine Bildung, keine eigene Industrialwirtschaft und keinen
Verkehr erworben. Die Regierung wagte nicht, der unerfahrenen Nation die
Verwaltung anzuvertrauen, daher blieb ihr nichts anderes übrig, als die
dünne, verfeinerte und theoretisierende Intelligenz zu verfolgen, das
Volk zu verblöden und sich selbst durch das verbrauchte Mittel der
Expansion zu stärken. Der Balkanstreit mit Österreich, die
Schuldhörigkeit zu Frankreich bestimmte seinen Weg. Es ist kein Zufall,
daß nach Ausbruch des Brandes russische Staatsintrige die Pulverkammer
aufschloß und die letzte Explosion auslöste.
Daß Deutschland bei seinem gegenwärtigen inneren und äußeren Aufbau
nicht imstande ist, eine folgerichtige und langatmige auswärtige Politik
zu führen, habe ich in vielen Schriften, zum Teil lange vor Beginn des
Krieges dargelegt. Es fehlen uns die Menschen und Einrichtungen, vor
allem die Einheitlichkeit des Willens, der Initiative und Verantwortung,
die organisch eingestellte Stetigkeit und Überlieferung. Diese Mängel
sind nicht durch Personen und Ämter verschuldet, sondern durch uns
selbst, die wir nicht unser Geschick selbst in die Hand nehmen, Männer
unseres Vertrauens zur Ernennung vorschlagen, ihnen dann aber auch die
Macht und volle Verantwortung gewähren; die wir vielmehr uns von einer
kleinen, nicht übermäßig geschäftstüchtigen Kaste und deren Assimilanten
verwalten lassen, die sich hilflos im bureaukratisch-parlamentarischen
Dickicht, im neunzigfachen Veto verstrickt und obendrein von unserem
Mißtrauen verfolgt wird.
Die Fehler kurzatmiger und unsteter Politik treten darin zutage, daß man
sich in alles einmischt, für die Galerie arbeitet, alle anderen stört
und nichts für sich erreicht. Es ist nicht gesagt, daß man niemand
stören und sich mit niemand verfeinden darf, aber eines ist sicherlich
falsch: wenn man alle stört und sich mit allen verfeindet. Wir haben
Frankreich gestört in Marokko, England in Transvaal, Rußland in
Konstantinopel, Japan in Shimonoseki. Wir haben Gelegenheiten zu
Verständigungen versäumt mit England, Rußland, Japan, und, innerhalb
gewisser Grenzen, mit Frankreich.
Nicht um unsere Fehler stärker zu betonen als die anderer, sondern
deshalb, weil sie unsere Fehler sind und uns näher angehen als die
anderer, müssen wir uns bereit finden, ein Unwägbares zu beobachten, das
unsere Politik durch eine gleichsam atmosphärische Einwirkung geschädigt
hat.
Es ist kaum einzuschätzen, wie stark die letzte Generation vom Einfluß
Richard Wagners gebannt war, und zwar nicht so entscheidend von seiner
Musik wie von der Gebärde seiner Figuren, ja seiner Vorstellungen.
Vielleicht ist dies nicht ganz richtig: Vielleicht war umgekehrt die
Wagnersche Gebärde der erfaßte Widerhall -- er war ein ebenso großer
Hörer wie Töner -- des Zeitgefallens. Es ist leicht, eine Gebärde
aufzurufen, schwer, sie zu benennen: sie war der Ausdruck einer Art von
theatralisch-barbarischem Tugendpomp. Sie wirkt fort in Berliner
Denkmälern und Bauten, in den Verkehrsformen und Kulten einzelner
Kreise, und wird von vielen als eigentlich deutsch angesehen. Es ist
immer jemand da, Lohengrin, Walther, Siegfried, Wotan, der alles kann
und alles schlägt, die leidende Tugend erlöst, das Laster züchtigt und
allgemeines Heil bringt, und zwar in einer weitausholenden Pose, mit
Fanfarenklängen, Beleuchtungseffekt und Tableau. Ein Widerschein dieses
Opernwesens zeigte sich in der Politik, selbst in Wortbildungen, wie
Nibelungentreue. Man wünschte, daß jedesmal von uns das erlösende Wort
mit großer Geste gesprochen werde, man wünschte, historische Momente
gestellt zu sehen, man wollte das Schwert klingen und die Standarten
rauschen hören. Die ernste Zeit hat diesen Geschmack der älteren
Generation gemäßigt. Unser ältlich-nüchterner Kanzler möge durch die
Aussicht auf fünf Krönungszüge im Osten sich nicht bewegen lassen, ihn
zu beleben.
Innerhalb einer ärmlichen, im Ziele nicht erkennbaren Außenpolitik
wirkte diese Gebärde zuerst verblüffend, dann aufreizend und Mißtrauen
erregend. Es kam so weit, daß man uns, die gutgläubigste aller Nationen,
für Schaumschläger und Intriganten hielt. Unser gewaltiger Machtaufstieg
hätte uns verpflichten sollen, soviel wie möglich zu schweigen, so wenig
wie möglich uns einzumischen.
In dieser zweiten Reihe von Erscheinungen, den politischen, die den
vulkanischen Grund lockerten, sind abermals Fehler von allen Seiten
einbegriffen, auch von der unseren. Doch eines können wir mit gutem
Gewissen sagen: Eine subjektive Schuld liegt bei unserem Volke nicht. Es
war unser Fehler, daß wir nicht wußten, was wir wollten; eines wollten
wir sicher nicht: den Krieg.
Die dritte und weitaus nebensächliche Reihe, die der örtlich und
zeitlich auslösenden Momente, haben wir nicht zu erörtern, denn uns ist
es nicht um Zeitgeschichte, sondern um Zeitwesen zu tun. Erst in Jahren,
vielleicht niemals, werden diese Wirrnisse sich klären, jedenfalls nicht
früher, als bis die Einzelheiten der französisch-englischen Abmachungen
und die Vorgänge des österreichisch-serbischen Ultimatums offen liegen.
Was uns betrifft, ist dies: Der Krieg, eine soziale Revolution, erzeugt
durch äußere und innere wirtschaftliche Anarchie und soziale Spannung,
beschleunigt durch die Fehler der Kabinette.
Und wenn von einer wahrhaften, tiefen Schuld der Nationen gesprochen
werden soll, so ist es die der Unterlassung. Es fehlte der Welt an
schöpferischen, sittlichen Gedanken. Jeder fühlte, daß die Erde in ein
neues Stadium der Zivilisation getreten war, daß sie anfing, eng und
gefährlich zu werden. Doch man scheute sich, die Gesetze dieser
Umwälzung, der Mechanisierung, zu ergründen und um ihre sittliche
Erlösung zu ringen. Große Nationen traten wiedergeboren und ermächtigt
auf den Schauplatz der Geschichte; allein sie besannen sich nicht, daß
sie gesandt und verantwortlich waren, der Welt Ideen und Ideale zu
schenken. Auch wir haben nichts geschenkt und geopfert, obwohl unsere
Nation sich verjüngt und erneut hatte; unsere Schuld ist schwer, denn
wir Deutschen sind um der Idee willen da.
Nur den einen Gedanken hatten die Völker: wachsen und sich bereichern,
aufsteigen und überflügeln, mächtig werden und erraffen. Und ihre
Staatsmänner dienten diesen Zielen mit den alten Mitteln der List und
Gewalt, mit den kleinen Mitteln der Heimlichkeit und Verständigung, der
Begünstigung, Verlockung und Drohung, des Geldes und der Betriebsamkeit,
mit den großen Mitteln der Rüstung zu Land und Meer. Jeder hoffte, der
Klügere zu sein, unbemerkte Vorteile in merkliche zu verwandeln, den
anderen klein zu kriegen, ohne daß er sich versah. Selbstverständlich
schien: Mein Nutzen ist dein Schaden, mein Leben ist dein Tod. Warum
sollte das, so meinte man, nicht in alle Zeit so weitergehen, da es doch
immer gewesen war? Es konnte nicht weitergehen, denn alle Nationen waren
zum Bewußtsein erwacht und kannten die armseligen Spielregeln, einer so
gut wie der andere.
Daraus aber war gerade die höhere Pflicht zu entnehmen: Endet dies
unergiebige und würdelose Spiel. Wetteifert; schafft sittliche Ideen,
die allen dienen und niemand vernichten, schafft den universalen
Gedanken der Solidarität, nicht durch lahme Schiedsgerichte und
kraftlose Paragraphen, sondern durch lebendiges Zusammenwirken; tut das
soziale Unrecht ab im Innern und das barbarische im Völkerverkehr;
wandelt die Anarchie in Ordnung; schafft dem Gedanken der Menschheit
sein Recht, doch nicht in verblasenem Pazifismus und utopischer Duselei;
beginnt da, wo die Gefahr am dringendsten, die Schwierigkeit am größten,
die Arbeit am härtesten ist, beginnt mit der Wirtschaft. Und dann, wenn
das Gröbste geleistet ist, steigt auf zum Kulturellen, zum Geistigen und
Menschlichen.
Noch heute wird es viele geben, die im Glauben an die Heiligkeit der
Interessen und in selbstbewußter Erkenntnis des sogenannten
Durchführbaren -- nämlich des Trivialen -- und des sogenannten Uferlosen --
nämlich der sittlichen Pflicht -- diese Gedanken verlachen. Ich sage euch
aber: Der kommende Friede wird ein kurzer Waffenstillstand sein, und die
Zahl der kommenden Kriege unabsehbar, die besten Nationen werden
hinsinken und die Welt wird verelenden, sofern nicht schon dieser
Friedensschluß den Willen besiegelt zur Verwirklichung dieser Gedanken.
Ein Völkerbund ist recht und gut, Abrüstung und Schiedsgerichte sind
möglich und verständig: doch alles bleibt wirkungslos, sofern nicht als
erstes ein Wirtschaftsbund, eine Gemeinwirtschaft der Erde geschaffen
wird. Darunter verstehe ich weder die Abschaffung der nationalen
Wirtschaft, noch Freihandel, noch Zollbünde: sondern die Aufteilung und
gemeinsame Verwaltung der internationalen Rohstoffe, die Aufteilung des
internationalen Absatzes und der internationalen Finanzierung.
Ohne diese Verständigungen führen Völkerbund und Schiedsgerichte zur
gesetzmäßigen Abschlachtung der Schwächeren auf dem korrekten Wege der
Konkurrenz; ohne diese Verständigungen führt die bestehende Anarchie zum
Gewaltkampf aller gegen alle.
Der Wirtschaftsbund aber ist so zu verstehen:
Über die Rohstoffe des internationalen Handelns verfügt ein
zwischenstaatliches Syndikat. Sie werden allen Nationen zu gleichen
Ursprungsbedingungen zur Verfügung gestellt, und zwar für den Anfang
nach Maßgabe des bisherigen Verbrauchsverhältnisses. Späterhin wird das
wirtschaftliche Wachstum der einzelnen in Rechnung gezogen.
Die gleiche zwischenstaatliche Behörde regelt die Ausfuhr nach
entsprechendem Schlüssel. Jeder Staat kann verlangen, daß die ihm
zustehende Ausfuhrquote ihm abgenommen werde. Sie verringert sich
entsprechend, sofern er die auf ihn entfallende Einfuhr ablehnt. Die
Lieferungen der Staaten geschehen im gewohnten Verhältnis ihrer
Gütergattungen. Freie Verständigungen über Abänderungen können getroffen
werden, Quotenaustausch ist zulässig.
An internationalen Finanzierungen, die zu Lieferungen führen, kann jeder
Staat Beteiligungen im Verhältnis seiner Ausfuhrquote verlangen.
Dies sind die grundsätzlichsten Bestimmungen, die vereinbart werden
müssen, sofern nicht der stille Wirtschaftskrieg in seiner alten Form,
oder aber, allen Abmachungen zum Trotz, der offene Wirtschaftskrieg in
neuen ungeahnten Formen ausbrechen soll, der entweder zur Verarmung der
nicht selbstversorgenden Staatsgruppen, oder zu unaufhörlichen
Kriegsgewittern führt.
Jahrzehnte werden vergehen, bis dieses System der internationalen
Gemeinwirtschaft voll ausgebaut ist; weiterer Jahrzehnte, vielleicht
Jahrhunderte bedarf es, um die zwischenstaatliche Anarchie durch eine
freiwillig anerkannte oberste Behörde zu ersetzen, die nicht ein
Schiedsgericht, sondern eine Wohlfahrtsbehörde sein muß, der als
mächtigste aller Exekutiven die Handhabung der Wirtschaftsordnung zur
Verfügung steht.
Pazifist im üblichen Sinne bin ich nicht, schon deshalb, weil ich es
nicht für möglich halte, irgendein Übel restlos aus der Welt zu
schaffen. Ich halte den Krieg für ein großes Übel, doch nicht für das
größte, und könnte mir denken, daß noch in Jahrhunderten hier und da
zwischen Völkerschaften gekämpft wird. Niemals wieder darf es aber
geschehen, daß die ganze bevölkerte Erde dem Blutrausch verfällt. Kein
Schlagwort ist so elend Lügen gestraft worden wie das von den sittlich
und geistig regenerierenden Kräften des Krieges, wie das von der großen
Zeit. Gewiß geschieht an allen Fronten Großes, und Größeres vielleicht
da, wo in dunkler Stille die Herzen der Mütter bluten. Doch wer hat so
frevelhaft am Wert der Menschheit gezweifelt, daß Mut und Opfer ihm des
Beweises bedurften?
Kahle Täuschung ist es, zu tun, als ob Front und Heimat zwei
verschiedene Nationen wären, die heldenhafte der Söhne, die anfechtbare
der Väter. Wir alle sind eine Nation, wir haben einen Ruhm und eine
Schuld. Jeder ist allen und jeder für alle verantwortlich. Unser Ruhm
ist das mutige Erdulden und Leisten der Front, das stille Opfern und
Entbehren der Heimat; unser aller Verantwortung ist es, daß das Gesetz
Deutschlands seine Kraft verlor, daß die Sittlichkeit sank, daß der
Geist verflachte. Überblicken wir alle Länder, die unmittelbar oder
mittelbar vom Kriege ergriffen sind, so finden wir überall die gleiche
Entsittlichung in den Formen der gierigen Bereicherung, der Korruption,
des Schwindels, der Denunziation, der Spionage, der Bosheit und Lüge.
Überall die gleiche Entgeistigung in den Formen der Phrase, der
Trivialität, der Urteilslosigkeit, des Selbstlobes, des niederen
Massengeschmacks. Diesen Krieg erträgt die Erde nicht zum zweitenmal,
wenn sie ihn physisch überstände, so ginge sie seelisch zugrunde.
Doch was bedeutet der nächste Krieg, da der gegenwärtige dauert? Da in
jeder Stunde, von Bruderhand erschlagen, Menschen, unsere Menschen,
unsere Brüder ihr Leben verhauchen? Was ist aus uns geworden, daß wir
das ertragen?
Wir wollen einen ehrenvollen Frieden, und wir werden ihn haben. Doch die
Zeit ist gekommen, daß die Menschheit den Frevel nicht mehr ertragen
darf, denn heute weiß sie, eingestanden oder nicht: Dies Schlachten kann
noch Jahre, kann noch Jahrzehnte fortgehen und wird dennoch das
Angesicht der Erde nicht ändern, außer durch Verwüstung.
Es ist Zeit. Die Großen und Mächtigen haben gesprochen und den Krieg
verurteilt. Es ist nicht einer, der ihn verteidigt; doch sie wissen
nicht, wie sie ihn beenden, sie glauben, daß ihre Forderungen zu weit
auseinander gehen.
Es ist Zeit, daß die Niederen und Geringen ihre Stimme erheben und
Zeugnis ablegen, denn was in Jahren geschehen muß, das kann auch heute
sein. So wahr wir fest entschlossen sind, jeder für sein Land zu kämpfen
und zu sterben, solange ein ehrenvoller Friede uns nicht gewährt wird,
so wahr wir uns unverbrüchlich einordnen in die Gesetze unseres Staates
und in die Gefolgschaft unserer Führer, so wahr ist es unsere
menschliche und göttliche Pflicht, an jedem neuen Tage von neuem die
Hand auszustrecken und zu sagen: Brüder, laßt uns in Ehren und in
Menschlichkeit uns finden. Wahrhaftig: Nicht der wird in Krieg und
Frieden der Stärkere sein, der selbstgerecht und gekränkt die Versöhnung
abweist, und nicht der wird, wenn es sein muß, sich schlechter schlagen,
der sein Gewissen entlastet. Für die Unberührbarkeit und Ehre des
Landes, für die Freiheit und den Lebensraum seiner Kinder zu streiten,
ist Gottes Recht; wer um Ruhmsucht und Eroberung den Kampf will, über
den kommt das Blut der Unschuldigen.
Die Großen haben gesprochen. Es ist Zeit, daß die Kleinen und Geringen
reden, bevor die Steine und die Gräber ihren Mund auftun. Und da ich
unter den Geringen ein Geringster bin, so will auch ich meine Stimme
erheben, so schwach sie ist.
So schwach meine Stimme ist, es gibt Pforten, vor denen ein fallender
Tropfen wie Erzklang dröhnt. Auch wenn keines dieser Blätter in das
fremde Land gerät, so wird mein schwaches Menschenwort sich seinen Weg
bahnen, denn die Sprache, die aus heißem Herzen kommt, bedarf keiner
Laute, und wenn ihr Ruf auch nur _einem_ Herzen begegnet, so wird er ein
Hagelkorn des Hasses schmelzen. Dereinst aber wird sich die eisige Saat
in Tau verwandeln.
Feinde, Menschen, Brüder, höret! Es ist genug.
Ihr und wir, wir alle sind mit Blindheit und Wahnsinn geschlagen. Im
blinden Wahnsinn haben wir eine Welt zertrümmert.
Ihr und wir, wir haben nur einen Gedanken: leiden machen. Ihr und wir,
wir jubeln, wenn Menschen brennend aus den Lüften stürzen, wenn Menschen
in der See ersticken, wenn Menschen zerrissen und vergiftet sterben,
wenn man sie in Gefangenschaft treibt. Wir lesen bei Mahlzeiten Dinge,
von denen der tausendste Teil uns erstarren machen müßte. Sind wir noch
Menschen?
Die vier göttlichen Elemente, Feuer und Luft, Wasser und Erde haben wir
zu Werkzeugen des Todes gemacht, und das genügte nicht, Gift und Hunger
holte man zu Hilfe. Aller menschliche Geist zählt und rechnet und
grübelt: noch eine neue Streitmacht, noch eine neue Gewalt, noch eine
neue Todesart.
Sieben Millionen sind tot. Sieben Millionen mal in fünfzehnhundert Tagen
hat der rasend gemachte, gehetzte Tod ein blühendes, hilfloses
Menschenherz zerschnitten, und mit jedem Schnitt hat er ein zweites
liebendes Herz getroffen. Ungezählt sind die Krüppel, die Blinden, die
Wahnsinnigen und Gebrochenen; sie ziehen über die Erde und zeugen wider
uns und euch. Die Kreuze auf den Feldern strecken ihre Arme aus, die
gemordeten Wälder recken ihre verstümmelten Äste, die aussätzige Kruste
der Erde, die zertrommelten Städte, sie blicken auf aus erloschenen
Augen und zeugen wider uns und euch.
In Erdlöchern, in Schlamm und Wasser hocken seit vier Jahren unsere
Brüder, schützen ihre armen Leiber gegen giftige Dünste, Eisensplitter
und Bajonette und trachten nach dem Leben der anderen. Dem Leib der Erde
und der Völker ist die Fruchtbarkeit unterbunden. Bleiche Kinder wachsen
auf, bleiche Mütter arbeiten in Fabriken.
Der Wohlstand ist gebrochen, die friedlichen Gewerbe sind tot, die See
ist verödet. Was noch geschaffen und geschleppt wird, sind Waffen. In
den Städten aber rast der Tanz um das Kalb. Inmitten der Entbehrung
prassen Bereicherte. Die Versuchung wächst, das Gewissen betäubt sich,
die Sitte wankt.
Um die Erde kreist eine Gewalt des Hasses, wie der Planet sie niemals
trug. Noch immer wächst sie, angefacht durch Rache, Verleumdung, Angst
und Verblendung.
Und doch ist die Welt nicht böse und nicht schlecht; sie ist wahnsinnig
und blind. Jeder glaubt, der andere wolle ihn vernichten, und solange
jeder das vom anderen glaubt, bleibt allen nichts übrig, als zu kämpfen.
Wollte aber jemand auch nur einen Tag länger den Kampf fortsetzen, als
Unabhängigkeit, Unberührbarkeit und Lebensraum seines Landes fordern, so
wäre er für sich allein, vor Gott und Menschen schuldig am Jammer der
Millionen, und es wäre ihm besser, daß er nie geboren wäre.
Feinde, Brüder, es ist Zeit! Es ist sehr spät, und jede Minute tötet,
und doch ist noch Zeit. Denn noch tötet jeder von uns in gutem Glauben,
im Glauben an den Vernichtungswillen des anderen. Es mag auch wirklich
in jedem Lande einige Menschen geben, die vernichten wollen,
Verblendete, die glauben, man müsse vom Tode leben, vom Schmerz
Gebrochene, die nach Rache schreien, und, furchtbar zu sagen, vielleicht
auch Gewinnsüchtige und Machtgierige, die nach göttlichem Recht nicht
fragen. Es gibt auch solche, die meinen, das ewige Gesetz vertrage einen
Aufschub, wie schlechte Wechsel, und solche, die wähnen, der Krieg sei
ein Gottesurteil, der Gott des Geistes und der Wahrheit sitze in Wolken
wie Zeus auf dem Berge Ida und warte, bis er seine Feinde in die Hände
seiner Lieblinge geben könne, damit sie mit ihnen verfahren nach ihrer
und seiner Willkür, und neues Gesetz und Recht schaffen. Vielleicht
glauben das in abgeschwächter Form auch einige Staatsmänner, und denken,
der Krieg werde mit der Zeit die Lage so ändern, daß sie doch noch in
aller Stille einige Erwerbungen machen können; deshalb scheuen sie sich,
rund heraus zu reden und zu sagen, was sie verlangen.
Aber ich schwöre euch, es gibt nicht ein einziges Volk auf der Erde, das
die Vernichtung eines anderen Volkes will und wollen kann. Jedes Volk
weiß in seinem inneren Bewußtsein, daß es nur _einen_ Frieden geben kann
und geben wird: der Friede, der in drei oder in zehn oder in zwanzig
Jahren geschlossen werden wird, ist genau der gleiche Friede, der heute
geschlossen werden kann und geschlossen werden soll. Nur versöhnt er
nicht mehr lebendige Völker und gesunde Länder, sondern arme, verrohte
Krüppel und Stätten der Verwüstung.
Prüft das, und wenn es wahr ist, so sprecht es aus. An dem Tage aber,
an dem ihr, Völker der Erde, das Wort aussprecht, das einfache, klare,
selbstverständliche Wort: Keinem Volke soll seine Unabhängigkeit und
sein angestammter Boden geraubt, keinem sollen seine Lebensbedingungen
verkürzt werden, an dem gleichen Tage ist der Krieg gebrochen und der
Frieden in eurer Hand. Denn die Angst der Völker vor einander ist
erloschen, es können weder Gruppen noch Staatsmänner sie neu entfachen,
sie können auch nicht mehr durch vieldeutige, geschäftskluge Forderungen
den Zweifel offen lassen, ob nicht doch, unter der Verhüllung von
Sittensprüchen der Angriff auf das Leben des anderen lauert.
Welchen Weg dann die Staatsmänner wählen, um die leichte Aufgabe zu
lösen, wie man zu Verhandlungen kommt, ist ganz gleichgültig. Der
einfachste Weg scheint mir der beste. Es sollte zunächst jeder Staat
fünf Forderungen nennen, die er für die wichtigsten hält, dann kann
jeder rückfragen nach dem, was ihm unklar scheint oder was er nicht
verstanden hat, dann soll er antworten.
Es ist keine Gefahr, daß die Antworten unbefriedigend ausfallen. Denn
wem eine offenkundig ungerechte Forderung abgelehnt wird, kann
ebensowenig um deswillen den Krieg fortsetzen, wie der, der eine
offenkundig gerechte Forderung ablehnt; es würde ein neuer Krieg mit
neuen Kriegsgründen sein, den niemand will. Sind aber die Antworten
erteilt, so mag man entscheiden, ob eine neue Reihe schriftlicher Fragen
gestellt oder die mündliche Verhandlung begonnen werden soll.