des inneren Lebens. Euch, nicht mir, steht es zu, die Fülle zu bekennen,
die euch reicher und wechselvoller und unberührter als mir gespendet
ist. Unter euch sind die, denen das Herz zerschmilzt in Dank und
Hingabe, in hellblickender Gewißheit und klopfender Erwartung. Sie
wollen nichts anderes, als bereit sein, sich verschenken, Werkzeug sein,
dienen. Sie wollen nicht ihre Freuden, nicht ihre Leiden, nicht ihre
Wünsche, nicht ihre Ängste; Strahlen und Schwerter mögen durch sie
hindurchgehen, sie sind nichts als ein Teil der Schöpfung, der sein
Bewußtsein darbringt, ein Ätherhauch, durch den das Seiende sich selbst
verklärt. Sie verwehen in Sonne, Wasser und Wind, sie schmiegen sich als
Staubkorn an den Sternensaum, an die Brust der Allmacht und ihr Wort
ist: dein Wille geschehe und nicht mein Wille.
Unter euch sind die, welche sich erbarmen. Ihre Liebe saugt alles Leid
der Kreatur in das eigene Herz, löst jede Freudenkraft von sich los, um
den Schmerzensbrand der Welt zu lindern; die Unvollkommenheit des
Geschaffenen fühlen sie als eigene Sünde, alle Schuld als eigene
Verantwortung. Sie stürmen zum Thron der Gerechtigkeit, um sich als
Opfer darzubringen, sie ergreifen die Verheißung um sie in tätiger
Liebesglut der Welt einzuschmieden. Sie sind die lebendigen Boten
zwischen Welt und Überwelt, ihr Wort ist: erlöse uns.
Unter euch sind die, welche danken. Überwältigt sind sie von der
Schönheitsgewalt des Seins. In ihnen sprießt das Gras, klingen die
Brunnen, sausen die Gestirne. Im Strom der Schöpfung ist selige
Sicherheit. Das Furchtbare ist göttlich, und das Entsetzliche ist
heilig. Im Anblick des höchsten Gesetzes entsinkt die Überpracht des
Geschaffenen vor dem Wort: ich frage nicht nach Himmel und Erde, ob mir
Leib und Seele verschmachtet, wenn ich dich nur habe.
Unter euch sind die, welche sich versenken. Im unermeßlichen Schweigen,
in der Dunkelglut des Abgrundes beginnen die Ströme zu rauschen,
Bergmassen entweichen, das Eins stürzt ins All, das lichte All ins Eine.
Die Welt ist nicht, nicht Himmel und Hölle, nicht Gut und Böse, nicht
Glück und Leiden. Sein und Nichtsein umschlingt sich, ursprungloses
Licht, wortlose Erfüllung.
Ihr wißt, daß von diesem Leben auch nicht das kleinste erzwungen werden
kann. Drängender Wille, bohrender Verstand, Versprechung und Beschwörung
sind vergebens. Wie wollte jemand mit eigenmächtiger Gewalt in den
innersten Punkt seines Wesens dringen? Und wenn er alle seine
Geistesmächte in Bewegung setzte, mit kluger Einsicht jede nötige
Wandlung zu erbitten suchte, es wäre ein Spiel des Verstandes und darum
eitel. Die Mächte wollen nichts von uns, nicht Weihrauch, Huldigung,
nicht Bemühung; doch sind sie allezeit gewärtig, ihr Strom umrauscht uns
unerfaßt, wenn wir uns verschließen, er durchdringt uns, wenn wir uns
ergeben. Nicht widerstreben ist das einzige, das uns freisteht, Hingabe,
Schweigen, Bona Voluntas. So gewinnt denn das Sinnbild sein Recht, daß
alles Heil aus Gnade kommt, und daß niemand sich selbst erlöst. Jeder
aber vermag jeden zum Heil zu führen, mit schwachen oder mit starken
Kräften, das ist das Geheimnis menschlicher Solidarität. Auch die Sünde
läßt sich begreifen als der Inbegriff der alten Bezirke, die unser
Geschlecht auf langem Wege durchlaufen hat, und das schwere, zur Erde
ziehende, schuldhaft scheinende Bewußtsein ist der Gefühlston der
Geister, die sich schmerzlich vom Vergangenen losreißen, um erwachend
dem kommenden Reich entgegen zu schreiten. Für dieses Reich aber, das
das Reich der Seele ist, läßt sich kein schöneres Bild finden als das
vom Reiche des Himmels, und wenn gesagt ist, daß die Armen am Geiste es
betreten, so verstehen wir das Gleichnis, wenn wir der Armut des
Intellekts den Reichtum der Seelenkräfte gegenüberstellen.
Alle reinen Glaubensformen sind Projektionen des Unaussprechlichen auf
die wechselnden Flächen des örtlichen und zeitlichen Vorstellungs- und
Fassungsvermögens. Sollten wir wünschen, oder auch nur denken können,
daß _eine_ Symbolik und Ausdrucksform die herrschende werde und die
übrigen vertilgt oder knechte? Wenn wir begreifen, daß Glauben ein Leben
und nicht einen Vorstellungskomplex bedeutet, so können wir in dem
Schritt der Welt zur Gläubigkeit nicht die Neuordnung und Uniformierung
gegebener Vorstellungsreihen erblicken, sondern die Vergeistigung, die
fortgesetzte, innere Wandlung einer jeden Glaubensform vom Fetischismus,
Eudämonismus und Ritualismus zur Transzendenz.
Und wenn auf diesem Wege die Symbolismen und Mechanisierungsformen sich
weiterhin zersplittern, so soll es uns nicht anfechten. Im Versiegen der
Wundertat und der berufenen Offenbarung liegt nicht zornige Abwendung
des Göttlichen, sondern die Mündigkeitserklärung der Menschheit. Nun ist
sich jeder seiner Glaubenspflicht und innerhalb dieser Pflicht seiner
Glaubensfreiheit bewußt, nun wissen wir, daß nicht lernen, wissen,
fürwahrhalten, denken und handeln uns selig macht, sondern der gute
Wille, Erleuchtung und inneres Leben. Und wie die Mannigfaltigkeit alles
Menschlichen im Guten das tröstlichste Geschenk der Schöpfung an unseren
Glauben ist, so ist die Mannigfaltigkeit des Glaubens die dankbare
Erwiderung der menschlichen Geteiltheit an das Eine.
Freilich, in unserem armen Stande des vorstellungsbedürftigen Geistes
scheint uns eine Erhebung leer, erlahmt allzubald das Herz in seinem
Schwung, wenn nicht ein leichtes Gerüst von Begriffen und Worten die
Inhalte unseres Glaubenslebens stützt. Gestehen wir frei, was Menschen
sonst in begreiflicher Verschämtheit nicht leicht berühren, daß jeder
von uns halb unbewußt eine kleine Dogmatik, Mythologie und Heilslehre
verschwiegen sich im Innern geschaffen hat, bereit, sie im kalten
Tageslicht zu verleugnen, in dunkler Stille geneigt, ihr zu lauschen.
Warum verhüllen wir diese Dinge? Nicht weil sie kindlich,
unsystematisch, unbeweisbar sind, -- denn wieviel von unseren
Tagesmeinungen ist beweisbar? -- sondern weil wir den Spott vor uns
selbst fürchten, weil wir die Überzeugung von der Größe, dem Ernst und
der Pflicht des Glaubens verloren haben. Deshalb zertreten wir die
leichten Blüten auf dem kindlichen Grunde des Gemüts, und schämen uns
der Verwüstung, und bedecken sie mit Heimlichkeit. Laßt uns mutig und
offenherzig sein, laßt uns diese bescheidenen Schöpfungen pflegen und
unbelächelt mitteilen, ein Teil der Aufmerksamkeit, die wir alltäglichen
Erlebnissen und wissenschaftlichen Feststellungen opfern, mag ihnen
gegönnt sein. Denn in ihnen vollzieht sich die stille Bewegung, das
gestaltende Wachstum des Glaubens. Was Wissenschaften nicht vermochten,
Kirchen versäumten, einsame Denker in langen Abständen mühsam
unternahmen, das wird durch Volkskraft organisch sich bilden, sofern wir
die blöde Scheu des Alltags verwinden.
Diese Scheu empfinde auch ich, obwohl ich in meinen Schriften auf
Gedankenwegen bis an die Grenze des Glaubensbekenntnisses mich leiten
ließ, heute überschreite ich sie, nicht in der Meinung, euch auch nur
ein Wort zu sagen, das weiter trägt als eure eigenen Fühlungen, oder das
in eurem Gedächtnis zu haften verdient, doch in dem Wunsche, von euch
geprüft zu werden, wie ihr einander euch prüfen sollt, und in dem
Pflichtbewußtsein, der eigenen Forderung nicht auszuweichen.
Ich glaube, daß unsere schwache Einsicht und unsere wenigen und
zufälligen Sinne uns von der wahren Welt nicht viel mehr offenbaren als
dem Geschöpf, das zwischen Stamm und Borke eines Baumes lebt. So hat
Spinoza gelehrt, daß von den unendlichen Attributen des Seienden uns
zwei nur erkennbar sind: Räumlichkeit und Bewußtsein.
Ich glaube, daß die sinnliche Welt das Buch ist, aus dem wir Bilder und
Gleichnisse der Betrachtung schöpfen, und der Kampfplatz, auf dem unser
Wille die Laufbahn von der Kindlichkeit der Begierde bis zur reifenden
Einkehr durchmißt.
Ich glaube, daß der Geist unendliche Stufen durchläuft, von undenklicher
Zersplitterung bis zum Geist des Ätheratoms, vom Geist des Minerals, der
organischen Substanz, der Zelle, der Pflanze und des Tieres bis zum
Geist des Menschen, und abermals in undenkbarer Folge aufwärts. Diese
Welt der Geister ist die wahre Welt, von ihren Gesetzen wissen wir
wenig, doch die wunderbare Mannigfalt des Gesetzmäßigen fügt es, daß
unter unseren Augen geistige Gebilde mit eigenem Bewußtsein entstehen,
Zellenstaaten, Ameisenhaufen, Bienenschwärme, Menschenstädte und
Menschennationen.
Jede Geistesstufe bildet sich eine Erscheinungswelt aus dem, was sie zu
fassen vermag; die Welt, die der Granit begreift, ist eine andere als
die der Zelle, die menschliche, von Geist und Sinnen erschaffene Welt
ist eine andere als die des Regenwurmes.
Die Geistesformen, die hinter uns liegen, gipfeln in einem einzigen
Willen: zur Selbsterhaltung und Arterhaltung. Dieser Wille hat sich ein
stets verfeinertes Werkzeug geschaffen, das wir auf menschlicher Stufe
Intellekt nennen; der grobe, unmittelbare Wille zur Erhaltung aber hat
sich zugespitzt zum mittelbaren Willen; dessen Gegenstand nennen wir
Zweck.
Intellekt und Zweck beherrschen die ganze organische Stufenfolge bis zum
Menschentum, vom Geist der Alge bis zum Geist des Staatsmannes sind sie
nur gradweise verschieden.
Der Mensch aber ist ein Geschöpf der Grenze. In ihm endet die
zweckhaft-intellektuelle Geistesform und entsteht eine höhere. Im
Menschen erwachen Gefühlsreihen, die nicht mehr der Erhaltung dienen, ja
ihr entgegenwirken können. Ideen und Ideale, Liebe zum Nächsten, zur
Menschheit, zur Schöpfung, zum Überweltlichen erfüllen das Leben des
Menschen und sind zweckfrei, sie dienen uns nicht, sondern wir dienen
ihnen und sind bereit, für sie uns zu opfern.
Hier beginnt das nächst höhere Geistesreich, das Reich der Seele. Seiner
sind wir nicht stärker teilhaftig, als etwa die Zelle des intellektualen
Reichs teilhaftig ist. In diesem Reich und seiner Anschauungswelt sind
wir unmündige, stammelnde Kinder. Deshalb können wir seine Welt, die
nicht mehr die Welt der raumzeitlichen Vorstellungen und Begriffe ist,
nur ahnen, nicht erfassen.
Von dieser Grenze aus scheidet sich alles Seiende. Die durchlaufenden
Welten erscheinen als die Weltseite der Schöpfung, was ihnen angehört,
wird im Sinne der Einsicht zum Unwesentlichen, im Sinne der Ethik zur
Sünde. Der Gottseite der Schöpfung, dem Kommenden, das uns als
Vollendung erscheint, und das der Beginn neuer unendlicher Stufenfolge
ist, streben wir entgegen, und es steht bei uns, wie weit wir in uns
und um uns das kommende Reich schon im irdischen Dasein verwirklichen.
Dies ist die Sendung des Menschengeschlechts: die mittlere Reihe der
Schöpfung zu vollenden und die höhere Reihe der Welten zu beginnen, und
dies ist seine Verantwortung: aus niederem Geist göttlichen Geist zu
verklären. Erlösung aber bedeutet, daß diese Verklärung aus eigener
Kraft nicht möglich ist, daß dem guten Willen die rettende Kraft zu
Hilfe kommt.
Guter Wille, Vertrauen und Liebe öffnen unsere Herzen den göttlichen
Strahlen, die uns allerwärts umfließen, und helfen die Herzen unserer
Brüder öffnen. Hierin ist alle Glaubens- und Sittenlehre beschlossen; es
gibt kein Tun und Vollbringen, das selig macht, selig macht nur die
Gesinnung. Es gibt kein sittliches Handeln, sondern einen sittlichen
Zustand, der unrechtes Handeln ausschließt. Es gibt keine absoluten
Werte außer jenen dreien, die uns dem Reich der Seele entgegenführen,
alle anderen irdischen Güter sind bestenfalls Mittel.
Ich glaube, daß im vollendeten Reich der Seele alle Erscheinungen und
Kategorien der intellektualen Welt beendet sind, mit ihnen die kämpfende
Individualität, die Vergänglichkeit und die intellektuale Einsicht. Hier
liegt die Grenze unserer Sprache und Vorstellungskraft. Es versagen alle
Symbole.
Nur ein geringes und unvollkommenes Bild möchte ich andeuten, um eine
Abstufung zu versinnlichen, die vom raum-zeitlichen Erkennen hinweg die
Richtung zu einer unmittelbaren, adäquaten Einsicht ahnen läßt. Man
lehrt uns die Geschichte eines Landes, und wir gewinnen ein zeitliches
Bild. Es geschieht, daß wir später dieses Land durchstreifen, es reiht
sich Erlebnis an Erlebnis, Ort an Ort, auf den Linien unserer Fahrt
durchdringen wir das Gleichzeitige. In der Erinnerung aber verschmilzt
alles, es entsteht in uns ein Bild, in dem das Räumlich-Zeitliche in
eine untrennbare Einheit verwachsen ist, das wir mit allen inneren und
äußeren Sinnen besitzen. Wir wissen mehr als wir gesehen und erfahren
haben. Unser Geist hält uns eine eigene Schöpfung vor Augen, und wohin
wir ihn konzentrieren, glauben wir wahrzunehmen, was ist und was war,
was sein kann und was nicht sein kann, fast möchten wir sagen, was
werden wird. Und dennoch dies alles nicht an der doppelten Schnur von
Raum und Zeit, sondern innerlich, gefühlt, organisch.
Ich glaube, daß mein einfaches Bekenntnis nichts enthält, was nicht in
höchster Vollkommenheit in den heiligen Schriften aller Zeiten verkündet
ist. Was wir in uns zu schaffen glauben, wird stets die einseitige,
dunkle Spiegelung der nie zu erfassenden Wahrheit sein. Doch die
Mannigfalt der Spiegelungen in der Vielzahl der Seelen gibt uns die
Vielseitigkeit des Erlebnisses, deren wir bedürfen, und die Wiederkehr
der großen Züge gibt uns die Gewißheit einer abgebildeten Wahrheit.
Unser Glaubensleben aber wird neu und lebendig, wenn nicht tote
Schriften und verbriefte Ordnungen das Wort verwalten, sondern wenn es
von neuem beginnt, in allen Herzen zu zeugen und zu keimen.
Für unser weltliches Leben entnehmen wir dem Glauben und dem Wort die
Werte und die Maße. Nennen wir es das Reich des Himmels, das Reich
Gottes oder das Reich der Seele: was uns ihm nähert ist gut, was uns
entfernt, ist schlecht. Glück, Leben, Wohlstand, Macht, Kultur, Heimat,
Nation, Menschheit, sind die höchsten irdischen Werte. Wohl dem, der
keinen von ihnen zu opfern braucht, für den sie Mittel zum Göttlichen
bleiben. Wir aber werden sie messen an den Maßen der Seele, des Glaubens
und der Gerechtigkeit, und wo sie das Maß nicht erfüllen, da müssen sie
sich fügen oder weichen.
Krieg
In dieser Betrachtung, die der Einstellung unserer Geister auf
Gegenwärtiges und Künftiges gewidmet ist, hat der Krieg nicht bloß die
Bedeutung des bewegenden Ereignisses, das die Zeiten scheidet, sondern
auch des kritischen Ereignisses, das den Zustand, in dem das Abendland
bisher gelebt hat, offenbart.
Es ist seltsam, wie wenig unsere Zeitgenossen begreifen, daß ein
Zeitalter versunken ist und daß von dem Glanze jener Tage nichts
wiederkehrt. So wie sie noch immer von Vierteljahr zu Vierteljahr das
Ende des Kampfes voraussehen, so glauben sie und werden sie glauben, bis
das neue Geschlecht sie ablöst, daß nach dem Frieden und einer kurzen
Übergangszeit das wieder eintritt, was sie normale Verhältnisse nennen.
Freilich werden die Schulden ein Kopfzerbrechen machen; so mag man eine
Zeitlang sparsamer leben, und alles wird sich finden.
Nichts wird sich finden, alles muß neu geschaffen werden in eiserner
Arbeit. Neu wird unsere Lebensweise, unsere Wirtschaft, unser
Gesellschaftsbau und unsere Staatsform. Neu wird das Verhältnis der
Staaten, der Weltverkehr und die Politik. Neu wird unsere Wissenschaft,
ja selbst unsere Sprache.
Wem von euch ist es nicht in den Sinn gekommen, wenn er einen der
frühen Schriftsteller der verflossenen Epoche las, etwa Stendhal oder
Balzac, daß er sich fragte: Wie, ist das möglich? Dreißig Jahre vor
dieser Zeit blühte das spielende Jahrhundert in seinem Perlmutterglanz,
und diese Menschen in dunklen Kleidern reden in ihrer neuen Aktensprache
der Wissenschaft von Industrie und Börse, von Dampfschiffen und Kammern,
von bürgerlicher Gesellschaft und Militarismus, und wundern sich nicht
über die Neuheit ihrer Welt, und wissen kaum, was vor ihnen war? Ist
dann wirklich einmal die Rede von einem alten Edelmann, der in jener
Tändelzeit jung war, so erscheint er wie ein Fossil, ein Abgestorbener,
ein zopfiges Gespenst.
So fremd werdet ihr an uns vorüberschreiten. Wir, die wir uns auf
Sachlichkeit manches zugute taten, und wissenschaftlich, ernst, wo nicht
gar tief zu sein wähnten: Wir werden euch trotz aller unserer Technik
leichtfertig, flach, vorurteilsvoll, vielleicht auch roh vorkommen, und
der negerhafte und pathetische Luxus, mit dem wir uns umgaben, wird euch
nicht wie der des 18. Jahrhunderts eine Grazie, sondern ein Abscheu
sein. Denn euer Leben wird abermals ernster und härter, doch so Gott
will geistiger und reiner, und in seinen Freuden anmutiger sein.
Der Krieg ist es, der euch von uns scheidet. Wir werden ihn begreifen,
wenn wir ihn als das kritische Ereignis fassen, das er ist, als den
Ausbruch aller tiefen Übel und Schwächen der abgelaufenen Epoche. Denn
jede Deutung als eines Mißgeschickes, Mißverständnisses, schuldhaft
gewollten Frevels versagt. Schuld ist freilich in die örtlich-zeitliche
Bestimmung des Geschehenen verstrickt, Schuld von allen Seiten. Doch
wenn ein Erdteil sich jahrelang zerfleischt und so wenig wie am ersten
Tage seine Gründe und Ziele kennt, so ist die geistige, sittliche und
physische Erkrankung in den Tiefen seines organischen Aufbaus
verwurzelt.
Die Krise, die wir erleben, ist die soziale Revolution. Der Grund,
weshalb sie sich nicht im Innern der Nationen, sondern an ihren Grenzen
entzündet hat, liegt in der Eigenart unserer Wirtschaft, die zur
Weltwirtschaft erwachsen ist, und die in ihren Auswirkungen,
Imperialismus und Nationalismus, die explosivsten ihrer Konflikte an den
Rändern der Staatseinheiten gehäuft hat. Die schwerer entzündlichen
Sprengstoffe im Innern der fester gefügten Staaten bleiben einstweilen
unberührt, durch den Druck von den Grenzen her gebändigt.
Als unbändige Volksvermehrung vereint mit der Mechanisierung den
individuellen Produktionsprozeß vernichtete, wurde die Erde eine einzige
gewaltige Produktionsstätte. Doch ihre nationale Spaltung blieb, und
innerhalb der Nationen vertiefte sich die Spaltung der Stände.
Wirtschaftlich betrachtet: eine große Fabrik, doch nicht einheitlich
gebaut, sondern in den Wohnhäusern und Kammern eines Straßenvierecks
untergebracht und unter den Hausparteien aufgeteilt. Die politische und
die soziale Entwicklung hielt mit der wirtschaftlichen nicht Schritt.
Das ging so lange, als sich die Erzeugung in mäßigen Grenzen hielt und
der Nationalismus sich langsam entwickelte.
Als aber die Staaten, nationalistisch erstarkt, sich gezwungen sahen,
eine energische Wohlstandspolitik zu treiben, um ihren wachsenden
Aufwand für Zivilisation, Rüstung und Machtentfaltung zu bestreiten, als
die Mechanisierung den Staatskörper ergriffen und ihn zum bewußten
Wirtschaftssubjekt und Konkurrenten gemacht hatte, gab es Zwiespalt
zwischen den Parteien.
Jeder wollte so viel Arbeit wie möglich, denn Arbeit bringt Nutzen. Um
zu arbeiten wollte er so viel Rohstoffe wie möglich, und um sie zu
bezahlen, wollte er so viel Absatz wie möglich. Er wollte sogar noch
mehr Absatz, als zur Bezahlung der Rohstoffe nötig war, denn die
heimische Produktion sollte alle anderen überflügeln, und der Absatz im
eigenen Lande ließ sich nicht beliebig steigern. Was er nicht wollte,
waren fremde Fabrikate im eigenen Lande, denn die beeinträchtigen den
Absatz, die Preise und den Nutzen.
Der Kampf ging also um Rohstoff und Absatz, politisch ausgedrückt um
Kolonien und Einflußgebiete. Die Welt war aber klein geworden, die
unbesetzten Gebiete knapp und von allen umworben.
In sein letztes Stadium trat der Kampf, als die äußerste Schlußfolgerung
gezogen wurde: Schutzzoll. Der hatte bei den meisten überdies politische
Gründe: Man wollte die Intensivwirtschaft des Bodens erhalten, um im
Kriege Selbstversorger zu sein, und um den herrschenden Stand der
Grundbesitzer gegen Bodenentwertung zu schützen. Gleichzeitig begann der
Kunstgriff, den man drüben dämpfen #(dumping)# nennt: Man warf dem
Gegner die eigene Überschußware unter Selbstkosten über die Zollmauer
und schädigte sein Schutzsystem.
Allmählich war auch der Nationalismus zum Gipfel gestiegen, denn die
europäischen Unterschichten waren in die Historie getreten. Bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts waren sie anational gewesen, Geschichte war
nur von den herrschenden Kasten gemacht worden; jetzt waren sie
verbürgerlicht, zivilisiert und interessiert, und gaben dem
Wirtschaftskampf die nationale Färbung. Durch Staatenbildung,
Staatenerstrebung und Irredentismus mehrten die neuen Nationalgefühle,
insbesondere die östlichen, den politischen Sprengstoff.
Im Innern der Staaten aber bestand die schroffe Scheidung der Stände.
Das Proletariat, an der Tatsache des Produktionsprozesses interessiert,
an seinem Verlauf nahezu unbeteiligt, war etwa in der Lage des Matrosen,
dem das Schiff wichtig, die Ladung gleichgültig ist; es führte seinen
Wirtschaftskampf, und zwang den Unternehmer, für jede Lohnerhöhung sich
durch Zollerhöhung und gesteigerten Absatzdrang schadlos zu halten.
So verlief der imperial-nationalistische Wirtschaftskampf nach außen und
innen vollkommen anarchisch. Wenigen war er in seinem logischen
Zusammenhang bewußt; am wenigsten den Staatsmännern, die ihn führten.
Klar war nur der Drang, den eigen-nationalen Einfluß zu heben, den
fremden zu schädigen, den eigenen Absatz zu fördern, den fremden
zurückzudrängen; so lückenhaft aber war der Zusammenhang, daß viele,
unter ihnen Bismarck, am Werte des wichtigsten Kettengliedes, der
Rohstoff-Kolonien zweifelten. Bekannt waren auch die Kampfmittel; es
waren Bündnisse, Zollverträge, Rüstungen zu Land und See, Einsprüche
gegen fremden Erwerb, Einmengung in Konflikte. Was als Endzustand
vorschwebte, ist schwer zu sagen: allenfalls eine etwas bessere
Erdeinteilung, als man sie gerade hatte; meist war man auf den
gelegentlichen Vorteil aus.
Niemand war sich auch recht darüber klar, wo ihn der Schuh drückte.
England schob sein Mißbehagen auf Mängel seiner technischen Erziehung
und die Konkurrenz der Deutschen; Deutschland litt an seiner
geographischen Lage und fand sich von Erwerbungen ausgeschlossen;
Frankreich merkte, daß seine Industrie zurückging, und fand, daß das
elsässische Textilgebiet ihm fehle; Amerika klagte über hohe Löhne und
Finanzkrisen und griff zu Schutzzöllen. Nie wurde auch nur ein Versuch
gemacht, die Anarchie in Ordnung zu verwandeln.
Die innere Anarchie: wenn die Außenwirtschaft ihre Grenzen hat, so muß
die Innenwirtschaft ergiebiger, vor allem solidarischer gestaltet
werden. Kräfte und Stoffe im Innern sinnlos vergeuden, um sie von außen
unter Opfern wiederzugewinnen, ist keine gesunde Wirtschaft.
Die äußere Anarchie: wenn alle sich um die kargen Tröge des Absatzes und
Rohstoffes streiten, so muß geteilt werden. Durch den Kampf wird das
Futter nicht mehr, sondern weniger, denn es wird verdorben und
zertreten.
Doch es fehlte nach außen die Einsicht, nach innen der Ansporn; trotz
aller Reibungskämpfe schöpfte die Welt aus dem Vollen wie niemals zuvor
und niemals wieder, und die leichte Bereicherung äußerte sich in
Indolenz.
Anarchie der Wirtschaft und Gesellschaft ist die Grunderscheinung und
Schuld des Vulkanismus, der unter der politischen Oberfläche des
Abendlandes bebte, und seine kritischen Zonen unter die Staatengrenzen
breitete. Eine zweite Reihe von Erscheinungen, die politische Taktik
der Großstaaten während der letzten vierzig Jahre, lockerte die Kruste,
und eine dritte, fast nebensächliche und zufällige Reihe, die Ereignisse
um 1914, bestimmten Zeit und Ort des Ausbruchs.
Auch an der zweiten Reihe der Schuld und Irrung sind alle Staaten
beteiligt. Sind sie entschuldbar bei der ersten, so sind sie es auch bei
der zweiten, denn die mangelnde Einsicht in die Grunderscheinung äußert
sich in der Hilflosigkeit des politischen Handelns.