weit übersteigende Regung sich in diese gläubige Betriebsamkeit mischt;
dennoch ist ihr eigentliches Wesen nicht mehr Sache des Gemütes, sondern
der zweckdienlichen Überlegung und der zielbewußten Nachhaltigkeit. Denn
wer einigermaßen überzeugt ist, daß alle irdischen Segnungen sich auf
dem Bittwege und durch Einhaltung von Formen erlangen lassen, der wird
leicht diesem alles in allem bequemeren Weg den Vorzug geben und alles
daransetzen, durch nützliche Inbrunst alle Mitbewerber aus dem Felde zu
schlagen.
Hier sondern sich die Charaktere. Es sind nicht die Schlechtesten, die
den Weg der geistlichen Betriebsamkeit verschmähen, um die ganze Härte
mannhafter Arbeit auf sich zu nehmen. Erblicken sie nun die zielbewußt
Frommen und unter ihnen bisweilen eine kopfhängerische Gestalt, die mit
Verachtung auf den Gottlosen herabsieht, der es sich so schwer macht und
doch nichts erreichen darf, so erwacht abermals ein Trotz, der sich
nicht gegen die primitive Form des Eudämonismus, sondern gegen den
Inbegriff des Glaubens richtet. Ein Glaubensbetrieb, der sich irdischen
Zielen anpaßt, der als Mittel zum Zweck dienen darf, erscheint ihnen als
Magie, gleichviel ob mit gutem oder schlechtem Willen und Erfolg
gehandhabt.
Religionslehrer und Kirchen mögen sich fragen, ob sie soviel getan haben
als nötig war, um die Menschen über das wahre Verhältnis des
Eudämonismus zum Glauben aufzuklären, ob sie nicht gelegentlich die alte
Nützlichkeitsseite des Glaubens willkommen hießen, gleichviel ob als
Erziehungsmittel oder um die Gläubigen bei der Stange zu halten.
Künftige Gläubigkeit wird nicht verkennen, daß der Glaube auch eine
weltliche Sendung habe, wenn auch nicht die der handgreiflichen
Nützlichkeit: denn er schafft Werte und bewegt somit das ganze Gefüge
des irdischen Willens; er heiligt den Menschen, indem er den innersten,
unbewußten Kern seines Wollens berührt; er bringt Trost, indem er alles
Leiden, das in seiner letzten Wurzel ein inneres ist, in der Tiefe
sänftigt. Das ist die irdische, die geringere Seite des Glaubens. Es mag
Menschen geben, die sie verschmähen, doch ihre Ablehnung wird eine
passive sein, wie die der Unmusikalischen gegen Musik, nicht mehr eine
abstoßende aus verletztem Gefühl und Auflehnung des Charakters.
Die dritte Hemmung entspringt dem Intellekt. Sie ist die offenkundige,
unablässig besprochene, die von uns nur in ihren letzten minder bewußten
Wirkungen aufgehellt werden soll. Da Glauben nie aufgehört hat, als ein
Fürwahrhalten zu gelten, da die Grenzen dessen, was für wahr gehalten
werden soll, von den meisten Religionslehrern dogmatisch gezogen, von
vielen ihrer Anhänger zweifelnd überschritten werden, so entstehen die
Konflikte des Skrupels, die drei Lösungen haben: Entfremdung vom
Glauben, Kompromiß, und Opfer des Intellekts. Solange der Glaube
dogmatisch bleibt, ist die letzte Lösung, die des Opfers, die allein
vollkommene und folgerichtige. Doch gerade sie erweckt von neuem
Bedenken des Charakters. Immer wieder fühlt der Zweifelnde, daß der
Beruhigte es sich bequem macht, daß die Schwere des Opfers geradenwegs
mit der Gewissenhaftigkeit wächst, und in dem Augenblick, wo er es zu
bringen bereit ist, schreckt er zurück, weil er seine Gewissenhaftigkeit
durch die Wucht der Vorteile bestochen fürchtet. Freilich haben die
geistig Armen es gut, sie sitzen beisammen und werfen erstaunte Blicke
auf den Dämonischen, der es, wohl aus eigener Schuld, so schwer hat. Er
aber geht nun in seinem Zweifel so weit, daß er die geistig Armen
schlechthin für Beschränkte, für Unmaßgebliche hält, und in
selbstverwundetem Stolz um so weiter von der Pforte des Glaubens
zurückweicht. Er weiß, daß er, soweit es menschenmöglich ist, seinen
Intellekt zwingen könnte; er könnte es mit symbolischer Ausdeutung
versuchen, er könnte über die Dinge hinweggleiten, sie an eine dunklere
Stelle des Bewußtseins rücken, durch Suggestion des Willens die
Gegenkräfte verdrängen. Doch diese Mechanik scheint ihm nicht würdig; er
vermag nicht zu denen aufzublicken, die sie angewendet haben und nun
ihre Ruhe genießen. Er will nur das eine vermeiden: von den schlechteren
Kräften seines Wesens zum Guten gezogen zu werden.
Mag falscher Stolz die eine Hälfte der Schuld tragen, die andere Hälfte
ruht auf den Mechanisierungsformen des Glaubens, die seine Inhalte seit
unvordenklichen Zeiten nicht fortentwickelt und einer veränderten
Menschheit angepaßt haben, indem sie nämlich die Inhalte des Glaubens,
entgegen seinen Stiftern, als sein Wesen ansahen.
Völkerschaften, die der Mythenbildung fähig sind, gibt es noch heute; es
sind solche, bei denen das Glauben (im Sinne des Fürwahrhaltens) und das
Wissen (im Sinne des beweiskräftig Ermittelten) nicht gesondert sind.
Da, wo man kein Interesse am Beweise hat, weil für die einfachen
Verkehrs- und Lebensformen die Mitteilung ausreicht und Lüge keinen
Nutzen bringt, geschehen noch täglich Wunder, und Wundertäter schaffen
Religionen. Die Loslösung des bewiesenen vom unbewiesenen Glauben, die
Trennung von Glauben und Wissen hat den Geist des Abendlandes
geschaffen, und von dieser Schöpfung haben die Glaubensträger keine
Notiz genommen.
Es ist nun nicht gemeint, daß sie Mythen und Sagen hätten
rationalisieren oder in verstandesbürgerlicher Weise ins Symbolische
hätten umbiegen sollen: das wäre klein gewesen und hätte der Lehre der
Jahrhunderte nicht entsprochen. Die Lehre, die den gewaltigen Tatsachen
einer gewandelten Menschheit und eines zeitlosen Glaubens entsprang, war
die, daß es beim Glauben nicht auf das Was, sondern auf das Wie ankommt,
daß der Glaube nicht von seinen Gegenständen, sondern von seinem Geiste
lebt, daß er nicht ein Verwalten, sondern ein Verhalten ist.
Die vierte Hemmung ist die des sozialen Gefühls. Alle abendländischen
Religionen haben sich, dem europäischen Drang zu Ordnung und Aufbau
folgend, an die Mechanisierungsform der Kirche gebunden. Diese uralte
Bindung ist so tief ins Bewußtsein der Völker gedrungen, daß selbst die
Gebildeten, und unter ihnen selbst die, welche gläubig aber nicht
kirchlich sind, Religion und religiöse Organisation kaum zu trennen
vermögen.
Gleichviel in welchem Geiste Kirchen entstanden: ihre vornehmste
gegenwärtige Aufgabe ist der zeitliche und räumliche Schutz ihrer
Konfessionsgehalte, der Schutz gegen zeitliche Wandlung und räumliche
Zersplitterung. Beide Aufgaben sind innerlich paradox, beide fordern
entschiedenen Konservatismus und starken hierarchischen Aufbau. Da
überdies alle Kirchen mit gutem Recht auf Scheidung zwischen
esoterischer und exoterischer Lehre verzichten, haben sie Einstellungen
zu suchen und festzuhalten, die das Fassungsvermögen der religiös und
geistig Minderbegabten, ja Zurückgebliebene nicht ausschließen, und
diese Einstellungen werden um so einseitiger, je mehr von den geistig
Höchststehenden der Kirche verlorengehen.
Am besten hat es noch die katholische Kirche, die von der
philosophischen Arbeit der Jahrhunderte so durchdrungen, von der
lebendigen Wirkung der Orden so genährt ist, daß ihr unendlicher Gehalt
an Überlieferung ohne eigentliche esoterische Disziplin eine
Mannigfaltigkeit der Symbolik und Ausdeutung schafft, die den
anspruchsvolleren Geist beschäftigt, während eine tiefe Mystik der Lehre
und eine unerhörte Abnegation der Regeln die Gemüter bändigt.
Bestände eine Unabhängigkeit des Glaubens von der Kirche, oder ein
freier Parallelismus der Bewegung, wobei die Kirche einer selbständigen
Entwicklung des Glaubens folgte, so wäre es jedem Bekenner freigestellt,
wie weit er zum Geistigen, wie weit er zum Organistischen neigte. In
Wahrheit aber greifen diese Verhältnisse ins Staatsleben über; die
Kirche ist Staatskirche und ihre Bekennerschaft ein milder Zwang.
Kirche und Politik, das unfaßbarste Paradox, und dennoch in den
Begriffen der Kirchenpolitik und der Staatskirche zur scheinbaren
Einheit verflochten. Die Gemeinschaft der Heiligen, deren Reich nicht
von dieser Welt ist, streitet; organisiert sich als Körperschaft und
streitet um Macht, Ausdehnung, Geld und Staatsgewalt. Die mechanisierte
Glaubensform erscheint im Bilde einer Bureaukratie, der geweihte Mensch
wird Beamter.
Die antiken Priesterreligionen, die nicht Kirchen waren, konnten
Staatsreligionen sein, ohne Selbstwiderspruch. Denn es bestand nicht der
Begriff der religiösen Konkurrenz, zumal der geduldeten: man war
gläubiger Grieche, oder man war verbrecherisch gottlos, oder man war
Barbar. Ihr Widerspruch lag im Priestertum; um so milder, je
urzeitlicher der Priesterstand; um so gefährlicher, je bewußter er sich
zur Beamtenschaft oder zur Erwerbsklasse organisierte.
In einer Zeit des individuellen Gewissens und der konkurrierenden
Bekenntnisse greifen die kirchlichen Bureaukratien und Staatsreligionen
weit über den geistigen Bezirk des Glaubens hinaus; sie erwachsen zu
politischen und sozialen Mächten. Sie bemächtigen sich des Staates: und
er gewährt ihnen, daß jeder Abtrünnige zum Bürger minderen Rechts werde,
überantwortet ihnen die Erziehung und die bürgerliche Ehrenweihe der
großen Lebensabschnitte: Geburt und Tod, Mannbarkeit und Ehe. Sie
unterwerfen sich dem Staate und gewähren ihm: Erziehung zum politisch
Bestehenden, Stützung der Obrigkeit, des Klassenaufbaus, der staatlich
anerkannten Denkweise.
Diese politisch-kirchliche Verbindung ist nicht nur von Mittelpunkt zu
Mittelpunkt, von Staatsregierung zu Kirchenregiment verankert, sie
kuppelt sich selbst in den entlegensten Gliedern, und die Beziehung von
Gutsherrschaft und Pfarre, von Militärkommando und Seelsorge, von Schule
und geistlicher Aufsicht, von städtischem Wohlstand und Kirchengemeinde
versinnlicht die ins Große und Kleine gehende Wirkung einer
feudalistisch, militaristisch, ständisch und offiziös gerichteten
Kirchenmacht.
Eine gewaltige und ehrwürdige Institution, die sich auf die
Exekutivgewalt des Staates stützt, die über die gesamte Jugend aus
politischem Recht, über die Landbevölkerung aus praktischer Autorität,
über die Frauen aus Gewissenseinfluß, über die Zugehörigkeit zur
bürgerlichen Vollwertigkeit schlechthin verfügt, bildet eine Macht, die
jede mögliche soziale Polizei an richtunggebender Kraft übertrifft, und
der sich niemand entziehen kann, sofern er nicht die Stellung des
bürgerlichen Subjekts mit der des Objekts zu vertauschen geneigt ist.
Indem aber die Kirche ihrem Bekenner als selbstherrlich gestaltende
Macht aus eigenem Recht entgegentritt, nicht mehr als gestaltete
Verwirklichung seines eigenen religiösen Willens, setzt sie ihm ein
unantastbares Bekenntnis entgegen, das sie ihrer konservativen Pflicht
gemäß gegen Zweifel und Deutung verteidigt, und dessen laute oder
stillschweigende Anerkennung sie erzwingt. Aus politischen und
traditionellen Gründen, sei es um den Eintritt in die Kirchengemeinschaft
zu erschweren, sei es um die Disziplin zu schärfen, sei es um die Lehre
für die unteren Schichten bindender zu machen oder auch nur um
Erschlaffung und Spaltung zu verhüten, wird das Bekenntnis so gestaltet,
daß es freieren Geistern vielfach nur in der Vermittlung gewaltsamer
Deutung oder gewagter Symbolik annehmbar erscheint.
Je restloser daher sich die Geister der bürgerlichen, gesellschaftlichen
und politischen Nötigung der Kirche und ihres Dogmas unterwerfen, desto
mehr gewöhnen sie sich an innere Entfremdung und bemühen sich, in
Einrichtungen und Inhalten Konventionen zu sehen, die man aus Gründen
der Erziehung und Ordnung nicht entbehren kann.
Es ist viel, wenn hinter diesen Konventionen die großen religiösen
Wahrheiten erblickt und geehrt werden, denen sie dereinst entsprangen;
zu häufig geschieht es, daß die Entfremdung sich auf den Glauben selbst
erstreckt. Man klagt über das Schwinden der kirchlichen Beziehung bei
gebildeten Männern jugendlichen Alters: nicht die Beziehung schwindet,
denn abgesehen vom Gottesdienst werden die Pflichten erfüllt, sind
Austritte selten -- doch je strenger die Kirche auf ihren Rechten und
Beziehungen besteht, desto unaufhaltsamer entgleiten ihr die Seelen, und
nicht nur ihr, sondern dem Glauben.
Daß alle diese einfachen Zusammenhänge sich dem öffentlichen Denken
entziehen, liegt daran, daß wir in Deutschland nur noch historisch und
wissenschaftlich, nicht mehr sachlich und pragmatisch denken. Es fehlen
uns die Vergleiche und die Anschauungen. Man frage, wie vielen der
Gebildeten die Verschiedenheit der Begriffe Religion und Kirche
innerlich geläufig ist, wie viele über die ursprünglichsten Fragen sich
eigene Gedanken machen. Unser Denken liegt in den Händen der beamteten
Lehrer der Wissenschaft, die mit dem Rüstzeug ihrer Gelehrsamkeit und
immer erneuten Theorien das Bestehende stützen, der Journalisten, die
das Tägliche bearbeiten, und der Agitatoren, die mit Schlagworten das
Bestehende bekämpfen. Hier heißt es: dem Volke muß der Glaube erhalten
werden, dort: Trennung von Staat und Kirche, und das Problem liegt ganz
wo anders.
Wir, Freunde, haben es in dieser unserer Betrachtung nicht mit Politik
und Einrichtungen zu tun, sondern mit unserer inneren Einstellung zum
Gegenwärtigen und Künftigen. So muß der letzte Glaubenszweifel, der aus
dem Wirklichen erwächst, uns abermals den Glauben an den Glauben als an
ein Unberührbares bekräftigen. Mag der Glaube in Zukunft sich Formen
schaffen, welche er will: politische und soziale, militärische und
erzieherische werden es nicht sein. Der Glaube wird unsere Seelen
läutern und die Seelen unserer Kinder bilden, aber Mittel zum Zweck,
weder zum edlen, noch zum geringen, wird er nicht werden. Kann ein
Glaube sich nicht halten, sofern er nicht vom Staat verordnet wird, kann
ein Staat sich nicht halten, sofern er nicht von einer Kirche verteidigt
wird, so werden beide dahinsinken. Denn beide sind Mächte, die in einer
befreiten Menschheit nur aus eigenem Recht bestehen können. Sind
Glaubensformen durch die Jahrhunderte nicht starr zu erhalten: um so
besser, so mögen sie sich wandeln, wie alle irdischen Formen sich
gewandelt haben, wenn nur ihr Urgrund bestehen bleibt. Läßt sich die
Einheit des Bekenntnisses für die Vielfalt der Herkunft, der
Landesstriche, der Freiheitsstufen nicht bewahren: so mag es
zersplittern, wenn nur die menschliche Gemeinschaft des gläubigen Lebens
erwacht, die heute nicht besteht. Mögen hier Ablässe erteilt und Dämonen
beschworen, mögen dort die reinsten Sakramente empfangen und die
verklärtesten Botschaften verkündet werden: es ist alles vollkommen, was
aus reinem Herzen geschieht, und es ist alles unvollkommen, weil es
irdisches Gleichnis ist. Mögen Gläubige sich zusammenfinden, um den
Drang ihres Herzens gemeinsam zu bekennen, oder mögen sie in Straßenlärm
und Wälder flüchten, um mit ihrer Seele allein zu sein, mögen sie auf
Märkten predigen oder Priester walten lassen, mögen sie geistliche
Truppen oder Beamtenschaften bilden oder sich in mystische Betrachtung
versenken: die göttlichen Mächte hören jedes Wort des Herzens und jeden
fallenden Tropfen. Ein Glaube aber, der nicht wunschbegieriger
Aberglaube, nicht böse Magie, nicht schlauer Wettbewerb, nicht
Heilsgymnastik und zweckdienliche Übung ist, ein Glaube, der nicht
Irdisches vom Göttlichen, sondern Göttliches vom Irdischen will, der
umschließt die Menschheit zu einer einzigen Gemeinde, so daß ein jeder
einen jeden begreift, welche Sprache auch immer des Mundes und Herzens
er redet, und alle die Eine Verantwortung fühlen und ertragen, die
unsagbare Not, Seligkeit und Verantwortung, Mensch zu sein.
Es sind manche, die keinen neuen Glauben wollen, weil sie seine
Ausartung erblicken. Ja es ist wahr: neben jedem Halm des Glaubens wird
ein Büschel abergläubischen und muckerischen Unkrauts wuchern. Es ist
wahr: sein Gift ist widerlicher als des Unglaubens; wie ehrenhaft und
mutig ist der nüchterne, handfeste Atheist, verglichen mit dem süßlich
feigen Mucker, dem lüsternen Geisterbeschwörer, dem schamlosen
Sündenknecht und dem fleißigen Gottesbetrüger. Sollen wir aus Furcht vor
dem Sekundären verzagen? Wer einen Flußlauf reinigt, darf sich nicht
wundern, wenn der Bagger Schlamm emporgeholt; liegen die Gifte der
Muckerei in der Menschheit, so sollen sie zu Tage, mag Sonne und Wind
zerstören, was in den Tiefen gärte.
Es sind andere, die schaffen Glaubensersatz. Sie vertiefen sich in alte
Götterlehren und Sagen und Gebräuche und meinen, auch wenn man nicht
daran glaubt, so ist es schön und dient zur Erhebung, über ein Feuer zu
springen oder die Sonne anzurufen. Es ist schön, aber nicht echt; es
dient zur Erhebung, aber zur künstlichen, äußerlichen, flüchtigen und
gespielten. Es schafft keine Weihung, sondern den Nachgeschmack eines
heiteren Bildes und einer harmlosen Täuschung, die an die Grenze des
Seichten und Kindischen rührt. Romantischer Hang zum Vergangenen ist
Bekenntnis zur Unfruchtbarkeit im Künftigen. Die alten Sagen und
Gebräuche waren schön, wie die alten Trachten und Geräte, weil sie aus
der Natur kamen. Gepflogen aber wurden sie, nicht weil sie schön,
sondern weil sie heilbringend waren. In der Bestimmung über Fluch und
Segen wurde Erhebung, halb unbewußt vielleicht auch Schönheit empfunden.
Antiquarische Belustigung auf ästhetischem Grunde schafft keine
künstliche Naivität, sondern zerstört die Reste der natürlichen.
Manche träumen von neuen Propheten und Erweckern. Wie zur Zeit der
Kathedralen soll ein einiger Glauben über die bewohnte Erde herrschen.
Ästheten sehen den neuen Heilsbringer schon unter uns wandeln, halb eine
Dostojewskische, halb eine Franziskanische Figur, Paulus, Augustinus und
Luther haben an der literarischen Gestalt keinen Anteil. Vor allem muß
er arm sein und der untersten Schicht des Volkes entstammen. Freilich,
setzt der winselnde Ästhet hinzu, er selbst würde ihm schwerlich folgen
können.
Freilich wird er ihm nicht folgen. Niemand wird ihm folgen, und deshalb
wird der Prophet nicht kommen. Goethe ließ Christus zur Erde
zurückkehren und geleitete ihn bis an die Tür des Pfarrhauses, dann
brach er das Gedicht ab, denn es widerstrebte ihm der Konflikt.
Hauptmann ließ seinen Narren in Christo mit staatlichen und kirchlichen
Behörden zusammenstoßen und in Einsamkeit enden.
Propheten werden uns nicht gegeben, weil unsere Zeit die Ehrfurcht vor
dem Gedanken verloren hat. Das Wort und der Gedanke ist uns nicht mehr
eine Flamme, die aus dem Herzen bricht, sondern die gewerbliche Leistung
eines Berufes oder die vergnügliche eines Müßiggangs. Worte sind nicht
Bekenntnisse, die man glaubt, sondern Geistesproben, die man kostet und
mäkelt. Die Meinungen müssen sich ablösen wie die Tagesblätter und die
Moden, damit neuer Umsatz Platz findet. Wie sollte auch das Massenhafte
wahr sein? Es wird mehr geredet um des Widerspruchs als um des Glaubens
willen. Käme heute einer und redete aus dem Herzen der Welt, so hätte er
die Presse gegen sich, oder die Literatur, oder die Interessenten, oder
die Polizei, oder die Professoren, oder die Pfarrer, oder das Publikum,
oder alle miteinander. Und wer folgte ihm? Ein paar Geistlinge, die ihn
aus Gegennachahmung ästhetisch werten, ein paar Unzufriedene, und ein
paar Bürger aus Mißverständnis.
Das Gute, das noch heute in die Welt kommt, kann den Stromsturz der
Prophetie nicht erleben, es rieselt unterirdisch zu Tal und darf nur
mittelbar wirken. Es wirkt, weil es weiter rinnt und sich mit tausend
anderen Rinnsalen mengt, während die Platzregen verdunsten. Die Reihe
der Empfangenden ist keine räumliche, sondern eine zeitliche. Das Volk
der Gleichzeitigen irrt, das Volk der Geschlechter ist unfehlbar.
Warum ich euch das sage, da ich doch von euch gehört sein will? Weil
ich kein Prophet und kein Weiser bin, weil ich euch nichts zu lehren und
nichts zu verkünden habe. Ich will, daß wir unsere Sorge und Zuversicht
gemeinsam erörtern, mein Geschlecht mit dem euren, wie eures dereinst
mit dem nächsten. Wir wollen gemeinsam zweifeln und glauben, uns
zurechtweisen und bestärken. Denn wenn wir aus der Offenbarungslosigkeit
unserer Zeit eine Lehre entnehmen sollen, so ist es die: wenn die höhere
Stimme schweigt, so ist die Entscheidung in uns selbst gelegt. Unsere
Verantwortung wächst, in uns selbst sollen wir Richtkräfte entwickeln,
und können es nur, wenn wir den Lärm in unseren Herzen schweigen machen
und nicht mehr aufhören, in die Tiefe und zu den Sternen zu lauschen.
Was nennen wir Einheit des Glaubens? Einheit der Glaubensinhalte, der
Einrichtungen und Formeln. Glauben ist aber nicht, wie das Wissen, etwas
das sich auf Gegenstände bezieht, ein leerer Spiegel, in dem das
wechselnde Bild den Inhalt ausmacht, er ist nicht, wie das Können,
etwas, das sich in Formen verwirklicht, er ist ein Verhalten, ein
Zustand, ein Leben. Einheit des Glaubens ist daher nicht, wie die
Jahrhunderte meinen, Einheit der gläubigen Vorstellung, sondern Einheit
gläubigen Daseins. Alle wahrhafte Verschiedenheit des Glaubens liegt nur
in der Mannigfalt der Stufenfolge vom furchterfüllten Zauberwesen zur
segenkaufenden Dämonie, von rechnender Ritenpolitik zu zweckhafter
Bitte, von wohlgefälliger Buße zu freiem transzendenten Erleben. Diese
Abstufungen aber bestehen innerhalb aller vorhandenen Glaubensformen;
jede Religion läßt soviel Aberglauben und soviel Freiheit zu, als jeder
ihrer Bekenner verlangt und erträgt. Eine hochstehende und gläubige
Epoche unterscheidet sich von der rückläufigen und ungläubigen nicht so
sehr durch die Form der herrschenden Bekenntnisse als durch den Geist,
den sie ihnen einhaucht.
Daß die Daseinsform des Glaubens über jede andere menschliche
Daseinsform erhoben ist, bedarf keiner Begründung, sie ist es aus
eigenem Recht. Es gibt ein inneres Gefühl der Einschätzung unserer
Erlebnisse, um das sich die Psychologie nicht kümmert, einer
Einschätzung, die nicht vom Meßbaren abhängt, sondern das Wesen
ergreift. So gut wir wissen, daß eine Liebesregung uns mehr bedeutet als
der seltenste Duft einer Blüte, so wissen wir aus innerer Gewißheit, daß
jedes seelische Erlebnis auf höherer Ebene herrscht als jedes geistige
und sinnliche Erlebnis. Das vollkommenste Erlebnis unserer Seele aber
ist der Glaube.
Nicht jeder hat daran Teil. Nicht jedes Ohr vernimmt Musik, nicht jedes
Herz erlebt Gläubigkeit. Dessen soll sich niemand kränken, denn es geht
keine Seele verloren. Wem der Glaube versagt ist, der mag mutig und
resolut als überzeugter Materialist ein anständig-intellektualistisches
Leben wählen; tausendmal besser als wenn er aus erquälter Pflicht oder
der Nützlichkeitsspekulation: Nützt es nicht, so schadet es nicht, sein
inneres Leben vergewaltigt oder Götzendienst treibt. Es wird der
Augenblick kommen, wo er lernt, dem aufgeregten Verstande Schweigen zu
gebieten und sich hinzugeben, dann ist er gewandelt, bis dahin wird er
in der Welt der unsichtbaren Güter ein Helfender, nicht ein Schaffender
sein.
Das Wort, Glaube sei das Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit, trifft
zu, aber umfaßt nicht. Denn Glaube ist auch das Gefühl schaffender
Liebe, auch das Gefühl der Teilhaberschaft und Mitverantwortung. Er ist
zugleich vollkommene Gebundenheit und vollkommene Freiheit,
selbstvergessene Demut und stolze Sicherheit, reines Schenken und
stilles Empfangen, unablässiges Werben und Schaffen und klarste Ruhe. Er
ist ein Leben: ein Leben der Bezogenheit auf den Urgrund, gleichviel
nach welcher Anschauungsform man ihn zu benennen versucht, als
Unendlichkeit, Absolutes, Gesetz, Macht, Liebe.
Dieses Leben ist so unendlich mannigfach, wie das Tagesleben, das es
begleitet und erleuchtet, wenn auch die Augenblicke voller Bewußtheit so
kurz sind wie die Augenblicke bewußten Lebens.