Was wir erleiden ist die furchtbare Konsequenz der Sinnlosigkeit, die

selbstgeschaffene Hölle. Nicht Eine verantwortungsvoll lebendige Seele

will das Leiden, und jede ist verflucht, wissentlich und willentlich, in

Duldung und Haß, in Widerstreben und Furcht das Leid des anderen und das

Leid der Welt zu mehren. Jeder, der lebt, und wenn er nur sein tägliches

Brot verzehrt, ist mitschuldig, schädigt und tötet, keiner kann sich dem

Geißeltanz entziehen, je heißer er blutet, desto wilder muß er schlagen.

Keiner weiß den Sinn, keiner den Grund, keiner den Zweck, es bleibt ihm

als Trost nur der selbstentfachte Haß und die zitternde Empörung über

die Schlechtigkeit des anderen. Niemand sieht den Ausweg, denn wem es

schlecht geht, der kann nicht beenden, und wem es gut geht, der wird

gezwungen, seine Forderung zu steigern. Ein jeder aber, dessen Herz

nicht stumpf ist, fühlt, daß die Schlechtigkeit des anderen es nicht

allein sein kann, daß hinter allen Schlechtigkeiten ein böses Schicksal

steht, und daß dieses Schicksal die Ungerechtigkeit aller ist. Und

deshalb wiederum fühlt man die Unabwendbarkeit der selbstgeschaffenen

Not, fühlt man, daß sie nicht zu Ende gehen kann wie die Entscheidung

eines Zweikampfes, die Recht und Unrecht durch Buße und Erstattung löst.

Noch immer zwar, weit tiefer als man weiß und zugibt, ist die Welt

durchsättigt von der Vorstellung des Gottesurteils, von der Verwerfung

des Besiegten, von der Rechtfertigung des Siegers, daß der Sieg an sich

nach Gottes Wohlgefallen neues Recht und neue Sittlichkeit schafft, daß

der Unterworfene von der Gottheit selbst dem Unterwerfer unter die Füße

gelegt wird zur Schonung oder Vernichtung nach freiem Ermessen, wie der

Ausdruck lautet: auf Gnade und Ungnade. Daher bei jedem Mißerfolg ein

tieferes Gefühl als Enttäuschung und Kummer, nämlich die sittliche Angst

vor der Verwerfung, bei jedem Erfolg ein höheres als Freude, nämlich die

Sicherheit, auf der Seite des kämpfenden Gottes zu stehen; daher die

wachsende Hemmung gegen Verständigung: Denn wie sollte der jeweils vom

Gott Beschirmte, der Träger des Schicksals, mit dem Gezeichneten, dem

vor aller Welt Widerlegten und Entrechteten paktieren? Und die

urzeitliche Vorstellung wird bekräftigt durch den öffentlichen

Wettbewerb der Beteiligten um die Gunst des Schlachtengottes, von dem

man annimmt, daß sein Entschluß durch Gebet, Danksagung, Ehrenbezeigung

und Buße wo nicht geändert, so doch gestärkt werden könne.

Der neuzeitliche Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, das Entsetzen

auf den Kometen und den Zorn der Dämonen abzuwälzen, der in seinem

Inneren alle Schuld und Verantwortung für das widerwillig

selbstgeschaffene Leid sucht und findet, kann von Verzweiflung so

überwältigt werden, daß er aus seiner Not ins Chaos flüchtet. Es kann

ihm geschehen, daß er getrieben wird, alle Werte anzutasten, daß er die

Frage wagt, ob jene Güter, die Christus nicht als Güter kannte,

Vaterland, Nation, Wohlstand, Macht, Kultur wahrhaft so hoch erhaben, so

tief gegründet sind, daß in ihrem Namen die Welt friedlich und

kriegerisch sich in die ewige Sünde der Feindschaft, des Hasses und

Neides, der Ungerechtigkeit und Unterdrückung, der staatsmännischen

Ränke, der Gewalt und des Mordes verstricken dürfe. Der Zweifel kann

sich versteifen, wenn berufene Ausleger des Wortes, zwischen Schrift und

Wirklichkeit gestellt, die Gebote der Liebe außer Kraft setzen oder

durch gewagte Deutung den kämpfenden Mächten unterwerfen. Ist denn nicht

den Armen und Ohnmächtigen das Himmelreich verheißen? Ist nicht die

Verkündung allen Völkern gepredigt? Ist es nicht göttlich, Unrecht

erleiden? Ist es das Wissen, das selig macht? Ist nicht ein Vater im

Himmel und ein Land die Erde?

Warum sollen nicht die Völker in der Menschheit lösen, die Staaten im

guten Willen, die Mächte in göttlicher Fügung, das Handeln im Dulden?

Der Mensch ist ein Geschöpf des Gleichgewichts, und niemandem steht es

mehr an als dem Deutschen, der über Zeiten und Räume blickt, die höhere

Menschheitsstufe zu begreifen. Nicht das Gleichgewicht des Tieres, das

den Ansprüchen der eigenen und der umgebenden Natur genügt, wenn es

widerspruchlos sich den einfachen Trieben und Wallungen seines Wesens

überläßt; sondern das wiedergewonnene schwebende Gleichgewicht, dessen

die Kunst das schönste Bild ist, das Gleichgewicht der Wiedergeburt aus

den Wirrnissen unauflöslicher Widersprüche. Es ist der Stolz unseres

Daseins und der Beweis, daß wir hart an der Grenze des göttlichen und

des animalischen Reiches stehen: daß die widerspruchsvollen Bedingungen,

denen die Schöpfung uns unterworfen hat, schlechthin unlösbar sind, und

daß dennoch die Dichterkraft einer Lebensharmonie uns zugemutet wird.

Die Gewalt der Sinnlichkeit und die Inbrunst der Erdenflucht, die

Standkraft der Selbstbehauptung und die Entsagung der Nächstenliebe, die

Sorglosigkeit der Vernichtung und die Marterschaft des Opfers, die

Klugheit der Naturbezwingung und die Kindlichkeit des Aufblicks, der

Eigensinn der Arbeit und die Selbstvergessenheit der Träumerei, die

Herrenkraft der Verantwortung und die Demut des Dienstes, die

Vermessenheit des Zweifels und die Einfalt des Glaubens, die Härte der

Gerechtigkeit und die Zartheit des Mitleids, der Wille zum Glück und die

Sehnsucht zum Leiden, die Dämonie der Leidenschaft und die Stille der

Verklärung: Diese Gegengewalten hat eine Gottheit gewoben, so

unentwirrbar und so unentrinnbar, daß die Unerfüllbarkeit des

Gleichgewichts uns schlechthin als das Sinnbild unerfüllbarer

Vollkommenheit erscheint. Die Problematik der menschlichen Kontraste

aber wirkt sich aus in der Unvereinbarkeit der objektiven Ideale; kann

man im Inneren das Wollen und Dulden nicht vereinen, so lassen sich im

Äußeren die Forderungen der Macht und Gerechtigkeit nicht vermählen.

Einseitigkeit ist der Ausweg, den der einzelne ahnungslos oder

resigniert betritt, und aus der Mannigfaltigkeit der Einseitigkeiten

kann einer individualistischen Nation wie der unseren noch immer die

volle Rundung der Allseitigkeit erwachsen. Wenn sie Heilige und

Leidenschaftliche, Tätige und Betrachtende, Schaffende und Genießende in

rechter Mischung enthält, so kann sie den Schein eines vollendeten

Volkes und einige seiner Richtkräfte noch immer bewahren. Das Ziel, dem

wir zustreben, ist jedoch nicht Vollkommenheit aus der Mannigfalt der

Mängel, sondern Vollkommenheit des Ganzen aus Vollkommenheit der Teile,

das Ziel der Hellenen muß das Ziel der Deutschen sein. Ganz und gar muß

es aber unserem deutschen Denken widersprechen, aus Furcht vor dem Kampf

um Vollendung die Einseitigkeit der Nation zu wollen. Uns hat man früher

nachgesagt, daß uns vor anderen der ungetrübte Blick für alles

Vorzügliche geschenkt war, uns steht es auch in Zukunft nicht an, den

Verzicht der Beschränktheit zu wählen. Uns steht nicht an, was dem

Orientalen gewährt ist; selbst um der Heiligkeit willen dürfen wir nicht

auf Tätigkeit, um der Betrachtung willen nicht auf Naturbeherrschung

verzichten. Unser abendländisches und deutsches Los verlangt zum

Innerlichen das Gestalten, zum Empfangen das Geben, zum Leiden das

Schaffen, zum Fernsten das Nahe. Auf dem Wege zur Menschheit dürfen wir

nicht die Familie und nicht die Nation übergehen, auf dem Wege zur

Sittlichkeit nicht die Ordnung, auf dem Wege zum Geistigen nicht das

Greifbare: Boden, Wohlstand und Macht. Dieses sage ich euch, den

Zweifelnden; den Selbstgewissen aber, die nicht denken und prüfen,

sondern bekräftigen, werden wir immer wieder zu sagen haben, daß von den

greifbaren Dingen auch die höchsten nicht Selbstzweck sind.

Doch der chaotische Zweifel ist nicht besänftigt: Auch wenn wir die

Ganzheit der nationalen Güter wollen, so könnte es sein, daß aus der

Wirrnis unserer Tage nicht mehr das Türmen der Mittel uns rettet,

sondern der Abbau, daß Raum und Luft vor allem zu schaffen sei, und sei

es durch Sprengung. Auch ein Waldbrand schafft fruchtbares Land, und was

bedeuten für die Geschichte der Zeiten die Jahrzehnte der Wüstenei, aus

der sich zuletzt doch wieder der wiedergeborene Wald erhebt.

Wir haben den Waldbrand im Osten erlebt. Es war das weltgeschichtlich

Größte von dem, was bisher im Kriege geschah und vielleicht geschehen

wird, als das gequälteste von allen Völkern seine Vergangenheit

auslöschte, den Krieg auslöschte mitsamt dem Willen zur Macht und

äußeren Größe, sich und die Welt zur Menschheit aufrief und den

Feuerbrand in das erstorbene Dickicht seines Gewaltstaats schwang. Ein

Hauch der Andacht zog über die Erde. Man empfand: Hier geschieht etwas,

das mehr ist als dummschlau verlogene Anerbietungen, als prahlerische

Drohungen, als Nahrungs- und Moralersatz, als Diplomatenpfiff, als

Erfindung neuer Todesarten. Man empfand: Eine Tat der Entäußerung und

Befreiung ist wie ein Bekenntnis, durch sie kann gesühnt werden, durch

Taten der Verschlagenheit und Erbitterung wird nicht gesühnt.

Doch alsbald ahnte man: So leicht wird es einem Volke nicht gemacht.

Nicht in einer Welt der Starrheit, des Schweißes und der Tränen, wo der

eine ein Lebenlang, das Volk durch Jahrhunderte büßt. Ein Volk springt

nicht mit beiden Füßen in den Himmel, wenn es sich durch unvordenkliche

Knechtschaft und durch mitschuldige Duldung besudelt hat, auch wenn es

ein kindliches und beseeltes Volk ist.

Das russische Volk wird alles nachholen müssen, was Völker begangen und

erduldet haben, den Sündenfall der Bewußtheit, den Zweifel, die

Selbstvernichtung, die Binnenkämpfe, das innere und äußere Schicksal.

Zunächst steht ihm einmal der Dreißigjährige Krieg, die Zerstampfung

durch alle Nachbarvölker und die Selbstzerfleischung der Gebiete und

Parteien bevor. Wie ihr französisches Vorbild wird die russische

Revolution alle Marterstufen der Schuld und Erniedrigung, der Schmach

und Verleugnung, des Terror und der Reaktion durchlaufen, ihr Weg wird

in Blut und Morast versinken, und dennoch wird sie wie die französische

Revolution in hundert Jahren die Erde umschreiten und restlos

verwirklicht sein. Freilich nicht so, wie sie meint. Die französische

Revolution wollte das Naturreich Rousseaus und die Republik der Römer,

sie schuf, was ihrem inneren Wollen entsprang, das Reich des Bürgers,

das eigensüchtige Nützlichkeitsstreben des bourgeoisen Liberalismus und

die konstitutionelle Plutokratie. Die russische Bewegung will Tolstois

Reich der Gerechtigkeit und den Kommunistenstaat der Marxisten; was sie

erreichen wird, ist das Reich des wirtschaftlichen Ausgleichs und die

organisch durchstaatlichte Wirtschaft.

Ein gewaltiger Gegensatz aber besteht zwischen der westlichen und der

östlichen Bewegung, den die russischen Kommunisten und ihre Anhänger

nicht erkennen: Den Franzosen lag ob, die feudale Ordnung zu brechen, um

das freie Spiel der Kräfte zu entfesseln, und ein Dekret reichte hin, um

das zu vollenden. Die kommende Ordnung jedoch ist keine Auflösung,

sondern ein Aufbau, nicht Aufstände und Dekrete können ihn schaffen,

sondern die rastlose organische Arbeit schaffender Äonen. Vielleicht ist

für den fehlerhaft begonnenen, wenig vorgeschrittenen Bau der russischen

Staatswirtschaft und Staatsverfassung die Abtragung, die wissentliche

Staatssabotage das wirksame Mittel, um Raum für das Bessere zu schaffen,

obwohl schon hier der Blutverlust selbst die gelungene Operation mit

tödlichem Ausgange bedroht. Entwickeltere Länder haben zu viel zu

verlieren; sie haben in der Not des Krieges manches gelernt und werden

in der Not des Friedens so viel dazu lernen, daß ihnen ein Umbau

gelingt, bei dem die Fundamente und ein Teil der Stützen erhalten

bleiben.

Am wenigsten aber ist es den Deutschen bestimmt, Gewalt zu treiben, wo

Kunst und Umsicht helfen kann. Wir waren nicht revolutionär, als es uns

bestimmt war, es zu sein; die mißlungene achtundvierziger Bewegung

diente dazu, den oberen Mächten zu zeigen, wie wenig politischer und

sozialer Wille im Volke verankert war. Wir waren und blieben gewohnt,

Rechte und neue Ordnungen als widerwillige Geschenke ärgerlicher Geber

zu empfangen, und leben daher heute im seltsamsten Gemisch von

Feudalismus, Plutokratie, orthopädischem Sozialismus und

undemokratischem Liberalismus. Den künftigen Aufbau aber werden nicht

ungezogene Massen und beleidigte Autoritäten erhandeln, sondern ein

ernstes, überzeugtes Volk, das Hohe und Niedere umschließt, wird ihn

erarbeiten: das Volk eurer Tage.

Uns ist der Zweifel befruchtend, nicht fruchttragend. Die schaffende

Liebeskraft erwacht nicht ob allem Getöse des hadernden Verstandes.

Nicht die bange Sorge der Not, nicht der Rechengeist der Nützlichkeit,

nicht der Kompromiß der Interessen, nicht das schlaffe So oder anders,

nicht das Achselzucken des kleineren Übels wirkt die Wende des

Zeitalters und die Wiedergeburt der Menschheit, sondern der wortlos

freudige, fraglos waltende Mut der Seele. Den aber schafft der Glaube.

Glaube

Keine freiwillige Handlung, keine kleinste Regung unseres Wollens

geschieht, die nicht von den tiefsten, allem Denken entrückten Quellen

unseres und des kosmischen Daseins getränkt wird. Der Geist kann nur

zwischen Vergleichbarem entscheiden, der Wille aber muß zwischen dem

Unvergleichbaren wählen, und nur eine innere Richtkraft kann ihn leiten.

Aus der Reihe unserer Wahlen und Entschlüsse setzt sich unser Leben

zusammen, wir nennen es Charakter und Schicksal und erklären es zum

Überdruß aus Erblichkeit, Umwelt und Gesetz. In Wahrheit ist es das

Hineinragen des Unergründlichen in unsere Welt, das Walten der

Schöpferkraft, die sich in unserer Begrenztheit zum Farbenspiel der

Willensregungen bricht.

Warum wollen und lieben wir dies? Warum nicht ein anderes? Warum

erschrecken wir vor jenem mehr als vor diesem? Warum halten wir dies

Übel für größer? diese Freude für reiner? dieses Streben für höher?

diese Gestaltung für vollkommener? Warum wählen wir hier den Sinnenreiz

und dort die Mühe? Warum hier das gegenwärtige Übel statt des künftigen,

dort das künftige statt des gegenwärtigen? Warum ziehen wir hier die

Ehre vor und dort den Genuß, und da die Sünde und da die Entsagung?

Warum opfern wir uns einem anderen? Warum opfern wir den Inbegriff

unserer Freuden einer Idee? Warum sorgen wir für kommende Geschlechter?

Warum wollen wir Dinge nach unserem Tode?

Wir wägen gegeneinander Besitz und Sünde, Ehre und Schmerz, eigenes Leid

und fremde Freude, lebendiges Ungemach und totes Glück, Tagessorge und

künftigen Kummer, Gerechtigkeit und Entbehrung, göttliche Liebe und

irdische Freude, wir wägen das Unabwägbare, vergleichen das

Unvergleichbare und entscheiden bald so und bald so.

Verschmäht man die Begründung: wir handeln aus Angst und Gier, aus

Furcht vor Entbehrung, Langeweile, Verachtung, göttlicher Strafe,

Schmerz und Tod, aus Begehren nach Sinnenlust, Macht, Schein, Besitz,

Belohnung und Wechsel; verschmäht man dies menschenunwürdige Bekenntnis,

so ist anerkannt: Richtkräfte unseres Lebens sind absolute Werte. Diese

Werte können benannt, aber nicht begründet werden.

So wenig der Fahrplan uns sagen kann, nach welchem Lande uns die

Sehnsucht zieht, noch welches uns bestimmt ist, so wenig kann die

Gedankenkunst der Philosophie uns Werte beweisen. Sie kann sagen: tust

du das, so geschieht das. Mir scheint dies das größere, jenes das

kleinere Übel, dies das höhere, jenes das geringere Gut. Sie schließt:

du sollst, oder: du mußt. Darauf steht es jedem frei, zu antworten: ich

soll? aber ich will nicht. Ich muß? nein, ich kann auch anders.

Dann schweigt die Philosophie beleidigt, oder sie ballt die Faust und

droht, oder sie wendet sich ab und schmäht.

Das Denken schafft keine Werte. Sie sind gegeben, oder sie sind nicht.

Wer ehrlich ist, weiß, daß er manchmal Folgen mit dem Verstande

abgewogen hat, niemals Ziele. Er handelt wie er handeln muß, nach

innerem Gesetz, und dies Gesetz ist tierisch oder es ist göttlich. Wer

Werte ergrübelt, ist hilflosen oder kranken Geistes und nicht berufen.

Die Gründe, die jemand nachträglich für sein Handeln gibt, sind falsch.

Niemand weiß, was in irgendeinem Augenblick in ihm vorgeht; ein

tausendfältiges Ich kreuzt seine widerspruchsvollen Fühlungen und

Wollungen, und ein Innerstes entscheidet.

Werte werden nicht erdacht und erstritten, sondern geschenkt. Geschenkt

dem, der reinen Herzens ist, und dessen Geist schweigen kann. Sie sind

das Geschenk überintellektueller Kräfte, deshalb bedürfen sie keiner

Begründung und keines Beweises, sie bestehen aus eigener Kraft, denn sie

entstammen dem Reich der Seele. Den Eingang zu diesem Reich erzwingt man

nicht, und doch steht es himmelweit offen. Der höchsten Menschenmacht

ist es erschlossen, der Liebeskraft des Glaubens.

Glauben! Zögernd gestehe ich euch, Freunde: ich liebe das Wort nicht. In

der griechischen und römischen Schrift stehen die Wörter [Greek: pistis]

und #fides#, die heißen Treue und Trauen. Als man sie mit Glauben

übersetzte, da stand dies schöne Wort seinem Ursinn näher, jetzt ist es

verwelkt und sagt nicht viel mehr als »für wahr halten«. Nur wenn wir

bekennen »ich glaube an Gott«, so erklingt der alte Glockenton. Nichts

steht dem Glauben ferner als das Meinen. Und so wie wir das

schwachgewordene Wort zum reinen Sinn beleben müssen, ist uns das

Gleichnis gegeben, wie wir die alte Worteskraft erwecken sollen.

Kränker ist das Wort Religion. Bei den Römern war es stark, es hieß

Bindung, eine rechte Knebelung mit Stricken, wie die Liktoren sie

pflogen. Wir denken leicht an Kirchenglauben, an etwas, das in Schulen

gelehrt und geprüft wird, an ein bürgerliches Unterscheidungsmerkmal.

Man hat Religion das »Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit« genannt, das

betont die Bindung und entbehrt der göttlichen Freiheit; der Begriff der

Transzendenz ist erfüllt vom Denken; zuweilen möchte ich Gottesbund,

zuweilen Gottesfreiheit und am liebsten Gottesfriede sagen.

Wollen wir vom Glauben reden und gar von kommendem Glauben, so laßt es

uns in großer Freiheit und ohne Schämen beginnen. Wir, die wir nicht in

Gemeinden knien können, wir wagen vor beschämter Ehrfurcht nicht, die

höchsten Worte auszusprechen und fürchten uns, unsere Seelen zu

entblößen. Wird es uns schwerer als den berufenen Glaubensverkündern,

diese Scham zu überwinden, um zu bekennen, wie es in unseren Herzen um

den Glauben steht, so soll es um so rückhaltloser geschehen, ja wir

wollen vor allem den Versuch wagen, in harter Selbsterforschung das zu

offenbaren, was jenen nicht obliegt: den unbewußten Widerwillen

gewissenhafter Menschen unserer Zeit gegen den Glauben.

Die erste Hemmung ist die der sittlichen Haltung. Abendländische

Sittlichkeit und Erziehung beruht auf der alten Verherrlichung des

Mutes, der Verdammung der Furcht. Mut mit seiner Gefolgschaft der

Wahrhaftigkeit, Treue, Herrenhaftigkeit, des vornehmen Verzichts; Furcht

mit ihrer Sippe der Heimlichkeit, Lüge, Zweckhaftigkeit,

Unterwürfigkeit, Begehrlichkeit und Zudringlichkeit. Der Begriff der

Sünde besteht nicht. Verwerflich ist nicht das Menschliche an sich, am

wenigsten Ungehorsam und Selbstherrlichkeit; verwerflich ist nur das

Unehrenhafte, die Feigheit und was sie verrät. Keiner Erlösung bedarf

es, der anständige Mensch getraut sich, mit Welt und Überwelt aus

eigener Kraft fertig zu werden, allenfalls mit Hilfe mutfreudiger

Mächte, die den Tapferen, als einen ihres Gleichen, nicht im Stiche

lassen.

Nie wäre es der mittelalterlichen Kirche gelungen, das Mutideal zu

brechen und das Zeichen der Unterwerfung zu erhöhen, wäre ihr nicht die

aufquellende europäische Unterschicht gefügig gewesen. Die Kirche mußte

die Greuel der Hölle ins Unaussprechliche häufen, um den Funken von

Furcht in mutigen Herzen zu entfachen, sie bedurfte der fügsamen

Kinderseele und der Frauenwelt. Dennoch hat sie im abendländischen

Geistesleben nicht mehr als ein Gleichgewicht erreicht, das seltsamste

in aller Geistesgeschichte der Erde. Abgesehen von religiös begabten

Naturen und von Beschränkten ist der europäische Mann in der Blüte

seiner Jahre nicht Christ. Bestenfalls kreuzt sich in ihm eine

Wochentagsanschauung mit einem Sonntagsglauben, der auf das Fühlen,

geschweige das Handeln, nicht wirkt. Wenn Mutvorschriften, wie etwa

Zweikampf, in Frage stehen, muß die Glaubenskonvention schweigen; das

Gebot des Backenstreichs ist schlechthin Ärgernis.

So mischt sich für den normalen männlich erwachsenen Europäer in die

Dinge des Glaubens ein Beigeschmack von Unwahrhaftigkeit,

Unterwürfigkeit. Widerliche Sünden bekennen, sich selbst hinstellen als

einen, mit dem man nicht verkehren würde, wenn man ihn träfe, Verzeihung

erbitten in unwürdiger Haltung und schlechtem Gewissen, erlöst zu werden

durch Gnade, von einer Gottheit, die das Gröbste an Schmeichelei

hinnimmt, ja vielleicht verlangt, die von ihren Anhängern eine geläufige

Konvention der Salbung in Rede und Gebärde fordert: das sind

Empfindungen, die mit Schrecken zurückgedrängt und verleugnet, sich ins

Unterbewußte flüchten und den Widerglauben nähren. Wer in seiner Jugend

eine Periode atheistischer Ungläubigkeit erlebt hat, der erinnert sich

unter allen Nöten und Leerheiten eines Gefühls resoluter Ehrlichkeit,

das lieber auf Trost und Heil verzichten als dauernd das Opfer der

Einsicht und der ritterlichen Gesinnung bringen will. Ein schwacher

Widerschein dieses alten Gefühls dämmert auf, wenn wir einem handfesten,

naturwissenschaftlichen Atheisten begegnen; wir betrachten

kopfschüttelnd die selbstbewußte Gewißheit, mit der in den höchsten

Dingen der Vorrang des Verstandes gefordert wird, doch wir empfinden,

dieser Mann macht es sich nicht leicht, er hat es schwerer als wir, und

nicht aus unedlen Gründen. Vergangene Jahrhunderte hatten die Kraft und

Pflicht, den Gottesleugner als Störer irdischer und göttlicher Ordnung

mit Feuer und Schwert zu verfolgen; doch nur ein Gefühl verärgerten

Selbstbewußtseins und unfreiwilliger Achtung erklärt die

selbstbetäubende Wut und schaustellende Verachtung jener eifernden

Gerechten.

Vorblickend nehmen wir wahr, daß künftiger Glauben manches Erbteil von

Babylon und Zion, von Byzanz und Rom, ja einiges auch von Wittenberg

abstreifen wird; er wird ein freier und männlicher Glauben sein, ohne

Sündenlümmelei und Salbadarei, ohne Selbstentehrung, Schmeichelei,

Bettelei und Winselei, für uns Deutsche aber so, wie er aus deutschen

Herzen kommt, und von deutschen Lippen klingt. Unsere ererbte sittliche

Haltung der Mutverehrung wird er nicht vernichten, noch weniger aber

sich ihr beugen. Denn menschliche Sitte ist im Lichte der Weltensonne

nichts; der Glaube steht auf höherem Recht; wenn er Sünde zeiht, so

werden wir uns schuldig fühlen, wenn er Demut fordert, so werden wir uns

beugen, wenn er Erlösung verheißt, so werden wir sie begehren. Alle

diese Dinge aber gehen nicht vor im Bereiche der Wünsche und Ängste, des

hastenden Willens, des geistlichen Betriebs- und Verkehrswesens, sondern

in der Stille des Herzens und nicht um Güterwerben, sondern um höchste

Werte.

Die zweite Hemmung ist die des sittlichen Handelns. Der Glauben steht

nicht für sich, mit der gläubigen Haltung ist es nicht getan, es

entsteht gläubiges Leben, Verkehr mit den göttlichen Mächten und sein

Abbild im täglichen Handeln.

Die Lehrer der Religionen sind geneigt, den Eudämonismus, das Streben

nach irdischem Glück und Gut im göttlichen Verkehr, mit Milde

hinzunehmen, historisch gesonnen, wie nun einmal alles in unserer

formeldenkenden Zeit, erkennen sie im Eudämonismus eine der religiösen

Urformen, einen nötigen und erwünschten Durchgang zum reineren Glauben

und gehen leicht darüber hinweg, daß nur ein verschwindender Teil aller

Glaubensübung über eudämonistische Beschwörung hinausreicht. Wir jedoch

haben dieser Tatsache ins Auge zu blicken, wenn wir wissen wollen,

welche unterbewußte Strömung viele Gemüter vom Glauben fernhält.

Es soll dem ursprünglichen Menschen nicht verdacht und zu seinem Troste

gern gegönnt sein, wenn er die göttlichen Personen und ihre Gefolgschaft

für Wesen hält, die nach Menschenart bestimmbar sind. Nicht bloß Glaube

und rechte Gesinnung, sondern gute Werke, Sündenbekenntnis und Buße,

Danksagung und Lobpreisung, inständiges Gebet, ja selbst Gelübde und

Opfer bewegen die Mächte, von ihrem Vorhaben abzugehen und das zu

bewilligen, was man erbittet. Man bittet um Seelenheil und Segen im

allgemeinen, aber auch um Gesundheit und langes Leben für sich und

andere, um gutes Wetter, Ernte, Wohlstand, Vernichtung der Feinde, Sieg.

Vom Kriege waltet die Vorstellung des Gottesurteils, das durch

Parteinahme der Gottheit für einen der Kämpfenden entschieden wird. Da

nun jeder einzelne Dinge erbittet, die alle wünschen, die aber nicht

allen durchweg gewährt werden können, so entsteht ein Wettbewerb der

Frömmigkeit um die göttliche Gunst.

An Deutschlands Jugend · 第 2 / 8 段