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An Deutschlands Jugend
von
Walther Rathenau
1918
S. Fischer * Verlag
Berlin
1.-20. _Tausend_
Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
Inhalt
Zueignung und Aufruf 5
Zweifel 18
Glaube 42
Krieg 74
Charakter 97
Zueignung und Aufruf
In dieser feierlichen Zeit des Abschiedes wende zu euch ich mich,
Menschen der deutschen Jugend. Nie hat eine Menschheit so bewußt und
verantwortungspflichtig an einer Scheide der Zeitalter gestanden. Die
Stunde hält ihren Atem an, zu lang für das bangende Herz, zu kurz für
das flatternde Gewissen, der Klöppel holt aus. Ist der Schlag
verklungen, nach Menschenjahren, Sekunden des Äon, so stehen wir in
fremder Welt und Zeit, beladen oder entsühnt, und blicken durch den
Tränenschleier des Krieges nach dem entsinkenden Reiche der Gewesenheit.
Unbewußter, zweifelfreier waren die, die vor weniger als hundert Jahren
durch den Nebel der Weltkriege das rosenfarbene Jahrhundert verschwimmen
sahen. Die Revolution hatte ihnen eine brauntuchene bürgerliche
Sicherheit gegeben, der Krieg hatte mehr geschlichtet als genommen, sie
fühlten beschäftigt das Nahen von Wissenschaft, Technik und Kapital und
konnten sich dem überlassen, was sie Restauration nannten, und was der
häßlichste Nutzbau der übervölkerten, mechanisierungsdurstigen Welt war.
Der Bau wuchs; in den höchsten, luftigsten und frechsten Geschossen des
Himmelskratzers sind wir geboren und haben wir gelebt; jetzt bricht er
nieder, aus Mangel an Gerechtigkeit und organischer Kunst, die man
verschmäht hatte, hineinzubauen. Er hatte kein Fundament, stand auf dem
Schuttplatz der französischen Revolution, die Raum geschaffen hatte,
aber keinen Baugrund. Bis in seine höchsten Zinnen, die Nationalismus
und Imperialismus hießen, trug er keine Idee in sich, nur ein
empirisches Gleichgewicht der Kräfte; alles was Idee hieß, rankte sich
äußerlich empor und zermürbte seine Wände.
Keine neue Revolution kann uns die Arbeit erleichtern, denn die
Zerstörung ist da, wir brauchen sie nicht zu rufen. Was gefordert wird,
ist Arbeit, langsamer, heiliger Neubau, Dombau. Aus tiefen, geheiligten
Herzen und neuem Geist. Nicht aus der Frechheit, die sagt: Laßt mich
nur, ich bin schlau und vernünftig, ich will einmal versuchen. Nicht aus
satter Interessiertheit, die sagt: Wir werden alles reparieren. Nicht
aus Stumpfheit und bürgerlicher Blöde, die sagt: Kommt Zeit, kommt Rat.
Die Schicksalsstunde webt nicht über Schlachten und Konferenzen, Brand
und Löschung, sondern über der Bauhütte, über ihren Meistern und
Gesellen, dem Geheimnis ihres Grund- und Aufrisses und dem Geist ihrer
Gemeinschaft. Der entscheidet die Jahrhunderte, deshalb haben wir vom
Geist zu reden.
Mit euch, Deutschlands Jugend, will ich reden. Den Genossen meines
Alters habe ich nicht mehr viel zu sagen. Mein Herz habe ich vor ihnen
ausgeschüttet, mein Glauben und Schauen, Vertrauen und Sorgen ihnen vor
die Seele gehalten. Viele haben meine Schriften gelesen, die Gelehrten,
um sie zu belächeln, die Praktiker, um sie zu verspotten, die
Interessenten, um sich zu entrüsten und sich ihrer eigenen Güte und
Tugend zu erfreuen. Wenn warme Stimmen zu mir drangen, so kamen sie von
Einsamen, von Jungen, und von denen, die nicht altern und nicht sterben.
Von den Alten habe ich nichts gewollt als Mitdenken und Mitsorgen,
Prüfung, Besinnung. Nichts anderes will ich von euch. Prüft meine Worte
an euren Gedanken, in euren Herzen; seid auf eurer Hut, verwerft, was
euch nicht innerlich ergreift, die verbohrte Meinung, den bestechenden
Einfall. Nicht ein Führer unter euch vermesse ich mich zu sein, nicht
ein Berater, ich will mit euch erörtern und erwägen. Auch huldige ich
euch nicht; ihr seid ein neues Geschlecht, kein anderes Volk als eure
Väter, ihr seid ihnen ähnlicher, als ihr meint. Ihr seid eine Hoffnung;
auch wir sind eine Hoffnung gewesen und keine Erfüllung geworden,
obgleich es manche unter uns gab, die den Weg sahen und wiesen. Ich
huldige auch dafür euch nicht, daß ihr in den Krieg geboren und
gewachsen seid. Den Krieg haben unsere Väter verschuldet, also haben wir
ihn verschuldet; den Krieg haben wir verschuldet, also habt ihr ihn
verschuldet. Derer, die getötet worden sind und getötet werden sollen,
gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte, und am heißesten umfaßt es
die, denen es schwer wird, und die sich fürchten. Jeder, der mit seiner
Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und
zittert, und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz
verbrennen. Auch dafür nicht, daß ihr ungebrochen und stark, voll
Anspruch und ohne Zweifel seid, huldige ich euch. In zwanzig Jahren sind
eure Verwegensten alt, enttäuscht und philisterhaft, nicht um des
Großen, sondern um des Kleinen willen, und es wird viel sein, wenn
abermals dereinst einige aufstehen, weil sie ihr Herz warm erhalten
haben, um zaghaft und überwältigt zu euren Kindern zu reden. Um des
Glaubens willen an unsere deutsche Erde rede ich zu euch, um der Liebe
willen zu euren Vätern, euren Kindern und am meisten zu euch, um der
Hoffnung willen, die ihr seid und alle, die nach euch kommen. Denn ihr
werdet das Reich betreten, das uns verwehrt ist, auf euch liegt die
Verantwortung und die erste Entscheidung.
Werdet ihr mich hören? Manche von euch, die ursprünglichsten, sind
sorglos, dem Denken abgewendet, mit billigem zufrieden und eng
autoritär; manche, die klügsten, sitzen in ihren Schreibstuben und
Preßzentralen, pochen auf ihre Vernunft und Abstraktion und warten, daß
ihrer geschulten Dialektik zuliebe die Welt sich wie Sankt Hieronymus'
Löwentier aufblickend zu ihren Füßen schmiege.
Verschließt ihr euch aber vor mir, so rede ich zu mir selbst und meinem
Schöpfer, denn reden muß ich und darf nichts verschweigen, obwohl ich
weiß, daß jedes Wort mir neuen Unfrieden schafft bei denen, die mich
hassen und verfolgen. Dann werden andere kommen, helleren Geistes,
reineren Herzens, edlerer Art, die Glauben erzwingen für das, was sie
verkünden und was ich nur stammle. Denn das ist freilich wahr: Nichts
ist in mir, das den Willen rechtfertigt, gehört zu werden, außer dem
Glauben an die Seele und ihre Verwirklichung.
In mir aber ist nichts verwirklicht, und will ich zu euch reden von
unseren gemeinsamen Schwächen, Trübheiten und Klärungen, so muß ich frei
vor euch mich zu der Problematik bekennen, die man mir vorwirft, damit
ihr ungetäuscht so hart und milde wie ihr wollt urteilt, und muß euch
sagen, wer ich bin.
Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche
Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche
Glaube, der über den Bekenntnissen steht. Doch hat die Natur, in
lächelndem Eigensinn und herrischer Güte die beiden Quellen meines alten
Blutes zu schäumendem Widerstreit gemischt: den Drang zum Wirklichen,
den Hang zum Geistigen. Die Jugend verging in Zweifel und Kampf, denn
ich war mir des Widersinns der Gaben bewußt. Das Handeln war fruchtlos
und das Denken irrig, und oftmals wünschte ich, der Wagen möchte
zerschellen, wenn die feindlichen Gäule auseinanderstürmend sich ins
Gebiß legten und die Arme erlahmten. Das Alter sänftigt. Noch immer ist
der überschüssige Wille nicht ganz gebrochen, noch immer stehe ich im
praktischen Handeln, doch nicht um eigener Ziele willen. Und manchmal
scheint es mir, als sei aus diesem Handeln auch etwas in meinem Denken
befruchtet worden, als habe die Natur mit mir den Versuch vorgehabt, wie
weit betrachtendes und wollendes Leben sich durchdringen können. Ein
Zeichen des Friedens wurde mir gegeben. Als ich zum ersten- und zum
letztenmal, nicht freiwillig, sondern von Not gezwungen, mich den
Getrieben des Staates näherte, da wurde durch das geringe Werkzeug
meines Kopfes und meiner Hände vom deutschen Willen aus einem Gusse
eines vollbracht, das sonst nicht im Schaffen eines Einzelnen
beschlossen ist: die bewußte Schöpfung einer neuen Wirtschaftsordnung,
die nicht vergehen kann und alle künftigen Wirtschaftsformen in ihrem
Schoße trägt. Das war wohl die sichtbare Frucht, die der alternde Stamm
nach auferlegtem Willen tragen durfte; nun schüttet er die verspäteten
Knospen und Blätter in euren Schoß.
Grund meines Redens ist nicht der Krieg, sondern der geistige
Niederbruch, den er offenbart, nicht die Furchtbarkeit dessen, was ist,
sondern dessen, was war und was bevorsteht. Die Stumpfesten glauben ein
Gewitter zu sehen, kurz und heftig meinten sie zuerst, heftig und
absehbar meinen sie jetzt, und denken bald wieder da anzufangen, wo sie
aufgehört haben, am liebsten möchten sie ihn als Mittel betrachten, um
einige ihrer alten Zwecke zu erreichen.
Andere trösten sich mit einer Theorie wirtschaftlicher Evolutionen:
immer haben Kriege die Übergänge der Wirtschaftsformen begleitet, dieser
ist größer, doch nichts anderes; wir werden den Endzustand erwarten und
versuchen, ihn nach unserem Willen zu lenken. Sie haben nur zur Hälfte
Unrecht, denn dieser ist wahrhaft der Weltbrand des europäischen
Sozialgebäudes, das nie wieder erstehen wird. Doch ist nicht jede
Brandstätte ein Baugrund, manche ist wüst geblieben und manche zur
Spukstätte für Gespenster und Gesindel geworden.
Die wenigen, die das Ereignis kommen sahen, so wie es ist, nicht als
mannhaften Zweikampf, nicht als frisch-fröhlichen Reiterkrieg, sondern
als Weltgericht: diese wenigen haben es verkündet, nicht als
politisch-wirtschaftliche, sondern als sittliche Notwendigkeit, als
Blutgericht, um zum letztenmal die Seele und das Gewissen, die Würde und
Gerechtigkeit der westlichen Welt zu wecken und zu retten.
Wir gingen zugrunde mit aller Üppigkeit der Technik und mit dem
verruchten Stolze unseres banalen Wissens; und wir gehen weiter und
unaufhaltsam zugrunde, mit und trotz und wegen aller Opfer, so wir nicht
begreifen und uns ermannen.
Noch jetzt, im fünften Jahr, sind die Nationen nicht fertig, ihre
Kriegsgründe, Kriegsursachen und Kriegsziele zu erklügeln -- freilich,
sie wissen sie nicht und werden sie nicht wissen! -- Weltanschauungen zu
erdichten und zu ertüfteln, die sie nicht haben, Charaktere einander
vorzuwerfen, die sie aus Zeitungen oder von mißvergnügten Reisenden
erlernt haben. Noch heute beschimpfen sich Staatsleute und strafen sich
Lügen, und deuteln an ihren Forderungen. Nüchterne Polizeiideale werden
angepriesen, kapitaldurstige Kreuzzüge werden gepredigt, unüberzeugte
Gerechtigkeiten werden gefordert. Und im Innern der Völker blüht
Kriegswucher, Geschwätz und Roheit, während treuherzige Jugend an den
Fronten verblutet.
Was sind alle Zerstörungen und leiblichen Opfer verglichen mit den
Zuckungen und Verzerrungen des europäischen Geistes? Dies Leiden ist
nicht dem Kriege entsprungen, es lag in uns, und was wir schaudernd
sehen und fühlen, ist nur der Paroxysmus des Ausbruchs. Und diese
Krankheit geht nicht mit dem Kriege, nicht durch den Krieg zu Ende; in
erneuten Schreckensformen, mit inneren Giften und Zersetzungen zehrt
sie weiter bis zur tödlichen Erschöpfung. Die Geisteskrankheit, der
sittliche Wahnsinn Europas ist heilbar nur durch die Macht des
Gewissens, die Gewalt der Umkehr und Einkehr. Die nüchterne
Wirtschaftsrechnung verschlägt nichts, sie mag den Apotheker bezahlen.
Ist uns Rettung bestimmt, so dringt sie aus unseren Tiefen. Kein
Staatsmann kann helfen, kein Staatsakt, keine Änderung der
Einrichtungen. Denn wäre selbst alles aufs beste geschaffen und
bestimmt, es zerschellte und zersplitterte am Wust der Interessen, an
der Überzeugungslosigkeit, an der Indolenz, an der geistreichen
Tüftelei, am falschen, eitlen Individualismus, und sänke zurück ins
Chaos. Wurstelei und Gewaltherrschaft sind die einzigen Formen, die den
anarchischen Körper im Scheindasein erhalten können, und beide ertöten
vollends den Geist.
Dies ist die Frage, die dir, deutsche Jugend, gestellt ist: Kannst du
noch einmal den deutschen Geist zur Einheit der Überzeugung, zur Treue
der Weltanschauung aufrufen? Es sei nicht die heilige Einheit des
Mittelalters, die bleibt uns verloren; es sei eine vielfältige Kraft,
doch darin einig, daß sie das Geistige über das Irdische stellt. Dann
mag sie vielspältig, mag sie vom Glauben aller Welt verschieden sein,
denn zwischen echten Anschauungen gibt es zwar keinen Frieden, doch
keinen tötenden Haß und jederzeit die wölbende Synthese.
Kannst du Menschen finden und sammeln? Nicht Heilige, nicht Genien, doch
Geistige, Aufrechte, frei und weit Blickende, Würdevolle, Spendende,
Innerliche, Wirkende; nicht Umhüllte von Interessen, Standesverblendung,
Seichtheit, Streberei, Phrase, Liebedienerei, eitler Geschäftigkeit?
Denn vergiß nicht: Wäre ein deutsches Paradies auf Erden verwirklicht,
wir hätten heute die Menschen nicht, es zu verwalten. Blicke um dich,
auf diese Parlamente, diese Ämter, diese Akademien --, überall der
gleiche Ton, die gleiche Redensart, die gleiche mechanisierte
Sicherheit, bestenfalls hier und da ein wenig weltfremde, spintisierende
Grübelei, und nirgends ein Mensch, der auch nur von ferne den alten
mannhaft Großen gleicht in allen diesen redenden und schaustellenden
Berufen. Die Besten des Landes sind einsam an ihren stillen Werken,
einseitig, aufgezehrt, gealtert, dem Treiben abhold. Wir alle müssen
abtreten, zurück in Finsternis und Vergessenheit; wir haben das Unsere
nicht getan, wir sind nicht die Rechten.
Unter denen, die weitab, hilflos, ihrer Unzulänglichkeit bewußt, der
Wende unwürdig das Geschick sich erfüllen sahen, habe auch ich meine
Stimme erhoben, das Drohende ausgesprochen, das Geschehene gedeutet und
das Kommende dargestellt. Was die Zukunft fordert und dereinst erzwingen
wird, die Änderung von Einrichtungen und Gesinnung, den wirtschaftlichen
und sozialen Ausgleich, die Durchgeistigung und Versittlichung der
Wirtschaft habe ich geschildert und die Vollendung irdischer Ordnung im
Reich der Seele. Unverbrüchlich glaube ich an diese Dinge, denn sie sind
im Anzuge, ja sie sind unsichtbares Schicksal geworden, denn sie sind
erschaut, ausgesprochen, erhört und somit im Geiste verwirklicht.
Doch die Liebe zur Heimat überwiegt alles und verlangt, die kommende
Gerechtigkeit und Adelung möchte als ein Werk deutschen Geistes, als ein
Geschenk deutschen Herzens an die Völker in die Welt treten,
Deutschland möchte nicht zag, spät und verdrossen dem Weltlauf folgen,
Deutschland möchte den Anspruch auf Führung und Verantwortung, also den
Anspruch auf eigenes Leben nicht mürrisch und verbittert jüngeren
Völkern preisgeben, um sich, so lange es geht, feindselig alternd hinter
trockenen Rechten und böser Gewalt zu verschanzen.
Und abermals werde ich mutlos und frage: Wo sind die Menschen? Wo sind
in dieser Zerfahrenheit der Interessen, der Stumpfheit, der
selbstverliebten Geschwätzigkeit, in dieser Unklarheit der Wertungen, in
der prüfungslosen Verbohrtheit der Standesmeinungen, in der Verfilzung
der Staatseinrichtungen -- wo sind noch Ansätze möglich für die
Keimkräfte des neuen, reinen, freien Lebens? Kann es außerhalb einer
politisch beeinflußten Tagesmeinung überhaupt noch eine geistige
deutsche Überzeugung geben? Wenn deutsche Gedanken entständen, wirkliche
Gedanken des Geistes und Herzens, Ideen, nicht Forderungen alltäglicher
Nützlichkeit noch gehässiger Zeitungs- und Versammlungsdunst --, können
solche Gedanken in Deutschland noch Träger und Verwirklicher finden? Ist
unser Volk einer nicht bloß herkömmlichen, nicht bloß interessierten,
nicht bloß agitatorischen Anschauung noch fähig? Was sind überhaupt die
Voraussetzungen für die Möglichkeit einer deutschen Anschauung? Und sind
sie verwirklichbar?
Die erste Prüfung endet freilich schlimm. In keinem Lande der Erde wird
soviel wie bei uns von Anschauung, Weltanschauung, Kultur und Ideal
geredet. Das kommt daher, daß wir in der vormechanistischen Epoche eine
wundervolle Blüte des Geistes erlebt haben. Das war in einem kleinen,
in den Tiefen kaum emanzipierten Volke mit einer Schicht von knapp
fünftausend Gebildeten, einem Volk also, das eigentlich nur aus
sichtbarem Geist bestand, oder in dem nur der engverschwisterte,
uninteressierte Geist das Wort hatte. In den letzten drei Menschenaltern
war die Zahl und Kraft der idealistischen Geister so gering, daß es
zweifelhaft erscheint, ob unsere wissenschaftliche, technische und
organisatorische Zivilisation noch den Namen einer Kultur verdient.
Als wir in den Krieg zogen, fragten uns die Neutralen nach der
Weltanschauung und den Idealen, für die wir kämpften. Wir erklärten
ihnen, unsere Feinde seien Händler, wir aber verträten eine heldenhafte
Weltanschauung, wobei denn freilich der ganze bei uns herrschende
Kapitalismus abgeschaltet werden mußte, der technisch-organisatorische
Teil der Kriegführung im Dunkel blieb, und die Gegenfrage abgelehnt
wurde, wieweit wir Kellner, Barbiere und Handlungsreisende, die in
unserem Namen die Welt versorgten, in das Heldenideal einzubeziehen
wünschten.
Dann haben uns Gelehrte ein Ideal der deutschen Freiheit beschieden, das
weniger eine Freiheit als eine sympathische Unfreiheit war, das
auffällig mit den herrschenden Zuständen übereinstimmte und im Kern auf
einen Lobpreis der Professorenlaufbahn hinauslief.
Auch das altliberale Bürgerideal hat man uns anzupreisen versucht, mit
schüchterner Loslösung von seinem englisch-französischen Ursprung, das
gern auf demokratische Ausgelassenheit verzichtet, sofern es einem jeden
freisteht, ungestört und unbekümmert vom Nächsten und vom Staat, seinem
förderlichen Beruf nachzugehen.
Die sogenannten Machtideale bedürfen keiner Erwähnung. Sie passen auf
jeden, der die Mittel zu haben glaubt oder sucht, um sich auf Kosten
anderer Vorteile zu schaffen.
Nun ist es von Weltanschauungen stiller geworden, und wir beschäftigen
uns wieder vorwiegend mit Interessen und Tagesfragen. Wo sind die
deutschen Ideale, wo sind ihre Träger?
Wir haben sieben Millionen Arbeiter, die zum großen Teil von
Schulagitatoren geführt werden. Wir haben acht Millionen unselbständige
in der Landwirtschaft Beschäftigte, die sich nicht organisieren dürfen
und nicht Träger eigener Gedanken sind. Wir haben zwei bureaukratisch
geordnete Kirchen, die dem Austretenden mit Minderung bürgerlicher
Rechte drohen dürfen. Wir haben die Stände der Interessierten, die mit
der Dialektisierung ihrer Gewerbe befaßt sind. Wir haben eine
Beamtenkaste auf Grund eines Gesinnungsnachweises. Wir haben einen
selbständigen Mittelstand, der nach den Gründen seines Niederganges
sucht. Wir haben ein Großbürgertum, das nach Beziehungen und
Beförderungen lechzt. Wir haben einen staatsbeamteten Gelehrtenstand,
der zur Verteidigung alles Bestehenden erzogen ist. Wir haben
Interessenvertreter und Ortsgrößen, die im politischen Leben stehen und
ihre Wünsche und Kritiken mit denen ihrer Auftraggeber in
Übereinstimmung zu bringen suchen.
Und dennoch! Solange noch Selbstbewußtsein und Willenskraft in uns ist,
lieber in tätigem Glauben und edlem Irrtum vergehen als in kranker
Resignation und galliger Verneinung leben. Abermals rufe ich zu dir,
deutsche Jugend! Noch haben dich die Kleinheiten des Lebens nicht
zermürbt, die wütenden Interessen und giftigen Händel dich nicht
verfeindet, ein großes Schicksal hat dich verschmolzen und geläutert,
hilf die Quellen des schmachtenden Landes erschließen.
Laßt uns diesen einen Gang gemeinsam gehen. Laßt uns durch die Öde des
Zweifels schreiten, laßt uns an das Tor des Glaubens pochen, laßt uns
das Schicksal unserer Prüfung befragen und unserer eigenen Seele tief
ins Antlitz blicken, und glaubt mir, wir kehren nicht entmutigt heim.
Müßten wir auch ein schweres Teil der Völkerschuld auf uns selbst
nehmen, müßten wir tiefe Sühne und Einkehr von uns selbst verlangen:
Laßt uns hart sein aus Liebe und arg aus Treue. Lassen wir anderen das
Behagen der Beschönigung und des Selbstlobes, das seit vier Jahren zur
schamlosen Pest der Völker geworden ist, und suchen wir den Weg zur
alten Wahrhaftigkeit und Furchtlosigkeit, die unser vornehmstes Erbteil
war.
Mag unser Gang beklemmend sein, mag er uns zeigen, wie fern wir dem
Lande unserer Verheißung sind, genug, wenn wir heimkehren mit der
Botschaft, daß unser Schicksal bei uns selbst steht, daß wir inne
geworden sind dessen, was uns von neuer Geistigkeit, von innerer
Wiedergeburt und Weltverantwortung trennt.
Was trennt, kann sinken. Den Kampf, den wir kämpfen, und den härteren,
den wir kämpfen werden, beendet nur ein Sieg: der Sieg der Einkehr. Und
die Nation wird ihn erstreiten, die ihrer eigenen Seele entgegentritt
und sie zum Phönixopfer weiht.
Zweifel
Wir Älteren hatten keinen Grund, die Epoche unserer Jugendjahre zu
preisen. Politisch herrschte der Kampf gegen den Sozialismus in der Form
einer liberal aufgeklärten Reaktion, geistig die sogenannte exakte
Wissenschaft, wirtschaftlich der beginnende Hochkapitalismus,
gesellschaftlich die bürgerliche Streberei. Das Reich und die Großmacht
war begründet, einen Schritt darüber hinaus gab es nicht; das Bestehende
hatte recht, wer Einwände erhob, bekam es mit Bismarck zu tun oder mit
dem Satz von der Erhaltung der Kraft, oder mit den »besseren« Ständen.
Alle Gebiete des Lebens überschattete die Autorität des unbestrittenen
sichtbaren Erfolges, sogar die Kunst fand es selbstverständlich, Urteil
und Rat vom bereicherten und kaufenden Bürger und der gebildeten
Hausfrau zu empfangen. Die Jugend, soweit sie nicht als verderbt galt,
fügte sich den genehmigten Idealen, ja überbot sie; der oberste der
genehmigten Begriffe war die Karriere. Der wachsende Staat verlangte
Beamte, das heißt Juristen, die Laufbahn verlangte gesellschaftliche
Garantien, das heißt studentische und offiziermäßige Korporation. Die
Vorbilder wirtschaftlichen Aufstiegs waren noch vereinzelt und nicht so
machtgesteigert, um zu verlocken, der Wissenschaftsbetrieb hatte eine
gesonderte Aufstiegsordnung, in der ein umfangreiches Assistentenwesen
und Einheirat eine gewisse Rolle spielten.
Jugendlicher Drang, von freier Tat ferngehalten, halb freiwillig, halb
unbewußt in das ungeistige, unfromme, phantasielose Joch der Autorität
und Streberei gezwängt, schuf ein Zerrbild, so unerfreulich wie kaum
eines seit der Zeit des lanzknechtlichen Hosenteufels, des altmodischen
Bramarbas und des bezopften Renommisten: den Patentscheißer.
Aufgeschwemmte Burschen, schnöde und zynisch im Auftreten, mit geklebtem
Scheitel, gestriemten Gesichtern, Reiterstegen an den gestrafften
Beinkleidern, schnarrender Stimme, die den Kommandoton des Offiziers
nachahmte. Den Hochschulbetrieb verachteten sie, die kümmerliche
Prüfungsreife erlangten sie durch sogenannte Pressen, ein feindseliges
und herausforderndes Wesen trugen sie zur Schau, außer wenn es sich um
Konnexionen handelte, ihre Zeit verbrachten sie mit Pauken, Saufen und
Erzählen von Schweinereien. Solche Gestalten wurden geduldet, ja
anerkannt; sie waren bestimmt, zu denen zu gehören, die das Volk
regieren, richten, lehren, heilen und erbauen. Gewiß, es gab auch
zahlreiche andere Vertreter der akademischen Jugend, vor allem die,
deren Mittel zur Erreichung dieser Stufe nicht langten; doch meine
Befürchtung, daß die Generation der achtziger Jahre uns den Ausfall
einer geistigen Ernte im öffentlichen Leben kosten würde, hat sich
erfüllt.
In den Formen des ländlichen und kleinbürgerlichen Lebens haben wir uns
stets bescheiden, sicher und würdig bewegt. Für gesteigerte bürgerliche
Lebensform ist ein gültiges neuzeitliches Vorbild in Deutschland nicht
geschaffen worden. Der kleinere Adel blieb gutsherrlich,
patriarchalisch, stadtfeindlich, der größere international und
abgesondert. Der Soldatenstand ließ nach außen nur einen kühlen Schliff
erkennen, der zu brutal übertreibender Nachahmung verführte, das
Beamtentum, wirtschaftlich gedrückt und stolz verzichtend, machte in
seinen Formen die Abwehr fühlbar, die ein Leben in unterordnenden und
spaltenden hierarchischen Gepflogenheiten bedingt. Patriziat und alter
Reichtum, in Deutschland selten und versprengt, fand in sich kein
Gleichgewicht und drängte zum Adel und Hof.
So fand sich bei uns niemals ein anerkanntes Vorbild der Lebensform, des
Benehmens und der Gesellschaft; unzusammenhängende Konventionen wurden
unverstanden gelehrt und als Unterscheidungszeichen gewertet, zur
Schaffung eines geschlossenen äußeren Erscheinungsbildes reichten sie
nicht aus. Der erzieherische Nachteil dieses scheinbar äußerlichen
Mangels für jedes heranwachsende Geschlecht wird unterschätzt. Er läßt
den jungen Menschen die Würde und Sicherheit einer anerkannten Schulung
entbehren, verführt zu einem billigen Individualismus, der nur
Formlosigkeit ist, erschwert die Schätzung und Gemeinschaft einer
körperlichen Kalokagathie, bewirkt Rückschläge in eine pomadisierte
Pöbelhaftigkeit und ermöglicht die Entstehung von wechselnden
Zerrbildern, die nirgends in der Welt geduldet werden würden, und von
denen das der achtziger Jahre ein teuer bezahltes Beispiel bildet.
Diese Sorge ist vorüber, denn kommende Zeiten werden die Spaltung der
Kasten nicht kennen, der aristokratischen, militärischen und
bureaukratischen Vorbilder nicht bedürfen, sondern ihre Wertungen aus
menschlichen und volkstümlichen Vorstellungen schöpfen. Für uns bestand
sie, euch blieb sie erspart.
Denn ihr hattet das Glück, im Widerspruch zu erwachen. Eure Kindheit hat
der beginnende Wohlstand des Landes gepflegt, ein erwachendes
Schrifttum, eine nicht volkstümliche Kunst hat euch ein Widerspiel zur
Gegenwart und Wirklichkeit geschaffen, euer Bewußtsein erweckt und durch
Kontrast befruchtet. Die schmerzhafte Lösung von der Autorität, die
einigen von uns glückte, andere brach, war für euch kein Problem, denn
ihr seid frei geboren. Eure Väter konnten euch nicht die
Unwiderleglichkeit großer Schöpfung entgegenhalten, sie hatten nur die
Mechanisierung emporgehoben, der sie fruchtlos dienten, den Staat und
ihr eigenes Machterbe verwahrlost, und euch mit einer gewalttätigen,
rauschenden und schimmernden Zivilisation umgeben, die sich anpreisen
aber nicht verteidigen konnte. Freilich waren auch unter ihnen große
Männer, deren Arbeit Gutes schuf und ohne ihr Wissen Künftiges
bereitete, doch die Welt war entseelt, der Glauben erstorben bis auf
seine Wurzeln des schöpferischen Zweifels, und die äußerlich glänzendste
Epoche, die je der Erde beschieden war, die dicht an das künstliche
Paradies der Schmerz- und Sorglosigkeit, der technischen
Schrankenlosigkeit und des ewigen Wohlstandes rührte, erstarb im Geiste.
Ihr durftet zum Bewußtsein erwachen, und wenn uns Älteren ein Anteil an
der Freude dieses Erwachens zufiel, so war es der, daß einige von uns
versucht hatten, der prachtvoll untergehenden Zeit ins Auge zu blicken,
ihr das Gesetz ihrer Sterblichkeit zu entreißen und mit der Gewißheit
der aufsteigenden Seele heimzukehren. Selbst eure Väter hatten euch
vorgearbeitet; sie waren der alten Strenge und Herrschgewalt nicht
fähig, denn die fordert zweifelfreie Überzeugung und Überlieferung, sie
aber hatten nichts zu bieten als schwankende Relativität, die verstehen
wollte, aber nicht werten. Unschlüssig lockerten sie das Band der
Schule; da floß viel Bildung ab; edle Substanz, die euch fehlen wird,
und schwer entbehrlich dem Deutschen, der ein Ordner, Verwalter und
Richter des geistigen Erdenguts sein soll. Dafür wurdet ihr freier, und
lerntet fühlen, daß Jugend, bloße Jugend, ohne Beziehung auf Dinge des
Wollens und Handelns ein erfüllendes Glück ist. Ihr wandtet euch ab von
gepriesenen Werken und Kämpfen, dahin, wo alle Unbestechlichkeiten vor
euch den Trunk ihres Durstes gesucht hatten, zur Natur, und dahin -- dies
ist euer schönster Gewinn -- wohin nicht viele Geschlechter gedrungen
sind, zur Menschenliebe, Gemeinsamkeit und Freundschaft. Viel fehlte
nicht, so hättet ihr euch von jedem lastenden Erbteil der Vergangenheit
losgesagt und den Weg zur alten Menschenfreiheit gefunden.
Ihr schweiftet durchs Land und lerntet die Freundschaft zu Bäumen,
Tieren und Menschen. Manches Lied und mancher Vogelruf wurde euch
vernehmlich, und ihr achtetet auf Gestirne, Wind und Wolken und lerntet
die Namen der Kräuter und die Spuren der Tiere auf morgendlichen Wegen.
In Nächten saßet ihr beisammen und sprachet von freier, verantwortlicher
Bestimmung des Lebens, von einem Dasein ohne Haß und Gier und vom
Erwachen des Geistes.
Den Dämonen konnte dies Dasein ein träumerisches Spiel scheinen, zu
leicht und glücklich selbst für die Jugend Erdgebundener. Da geschah die
Berufung, die euch vor anderen Geschlechtern traf und zur Mannheit
schlug und eure Stirn mit dem Lose der Verantwortung für künftige Wende
zeichnete: der Sturm des Krieges ergriff euch und viele durften siegend
sterben. Der Zeiger der Geschichte steht still, solange die Urkräfte und
Titanen ringen; die letzte Antwort, die ihr schuldet, ist nicht Aufbruch
und Kampf, sondern Heimkehr und Einkehr.
Unsere Herzen sind zumeist bei denen von Euch, die ihre Unschuld und ihr
reines Glück, furchtlos, das Seiende segnend, ohne Zweifel und ohne
Frage ins Feld getragen haben. Sie sind der blühende Leib und die
lebendige Kraft des neuen Volkes. Heute noch sind sie mit der Meinung
und Wertung des Tages zufrieden, mit leichten Erklärungen einverstanden,
leiblich und geistig im Dienst, der Gegenwart zugekehrt. So aber werden
sie sich auch der neuen Gegenwart zukehren, und wenn sie reinen Herzens
bleiben, tun, so Gott will, was not ist.
Jene anderen aber, denen im Herzen der Krampf und das Weh der Erde zum
zweiten Male sich abspielt, die in der Angst der Schuld und in der Qual
des schöpferischen Zweifels vergehen, ihnen ist das harte Los bestimmt,
sich loszuringen, in die Tiefe zu fahren und neue Gestaltung
emporzutragen. Ihre Verantwortung ist es, wenn die Dinge des Landes und
des Erdteils so bleiben, wie sie sind, wenn Neid und Habsucht die
treibenden Kräfte von Volk zu Volk bleiben, wenn die Völker als
Fremdlinge, als Objekte in den Häusern ihrer Staaten sitzen, wenn
Ungerechtigkeit, Haß, Gier und Entseelung den entfleischten Erdteil von
Kampf zu Kampf in Brudermord und Vernichtung treiben. Ihre Gefahr ist
Zermürbung der großen Aufgabe und ihrer selbst durch unergriffene
Klügelei, durch selbstverliebte Theoretik, durch flache Originalität.
Erschreckt nicht vor dem einfachen Gedanken! Selten liegt die Wahrheit
in der verschmitzten neuen Formel, meist liegt sie offen zutage, vor
aller Augen, nur durch ihre Offenkundigkeit verborgen; das reine Herz
muß sie finden.
Mit ihnen, den Zweifelnden, muß ich reden. Nicht als einer, der weiß und
sicher ist, sondern als einer von denen, die mit ihnen leiden und
suchen, die fühlen, daß alle Gemeinschaft ein Bekennen ist.
Zuerst steigt der Urzweifel auf. Was ist wirklich? Es gibt nur
täuschende Erscheinung. Was ist erstrebenswert? Es gibt keine absoluten
Werte. Was ist ein Ziel? Ein Zustand, von dem man, sobald er erreicht
ist, zu neuen Zielen hinwegstrebt -- oder eine unerträglich süße, falsche
Seligkeit. Was sind menschliche Triebkräfte? Genuß und Macht. Was ist
Tat und Opfer? Zwang unfreien Willens. Was ist Sittlichkeit? Eine
Konvention des Zeitalters und der Umwelt. Was ist Geschichte? Die
wechselnde Ausdrucksform des Nahrungskampfes. Was ist Dasein? Eine
Verirrung des Absoluten, aus dem es nur den Ausweg gibt in Traum und
Nichts.
Es ist niemand verwehrt, einen, mehrere oder alle dieser Sätze für wahr
zu halten. Nur sollte er dann so ehrlich sein, wie es Skeptiker und
Pessimisten nicht immer gewesen sind, wo nicht auf Handlung, so auf
Gültigkeit der Handlung zu verzichten. Er sollte nicht versuchen, mit
dürftiger und verhohlener Anleihe aus anderen geistigen Breiten eine
Hütte zu zimmern, in der man den ungeselligen, unbequemen,
unmaßgeblichen Hausrat der Weltflucht oder Indifferenz, des Zynismus
oder Epikuräertums stillschweigend und verstohlen gegen wohnlichere
Gerätschaften vertauschen kann.
Drängt uns das Herz, bestimmend zu handeln, so haben wir schon unbewußt
und unbeirrt die Wahl getroffen. Unser Wollen erhält nicht mehr sein
Licht aus der Dämmerwelt des Intellekts, sondern aus dem höheren und
reineren geistigen Bezirk der Seele, die sich nicht vor unteren
Instanzen zu verantworten hat, sondern die selbst die höchste, an der
Grenze des Irdischen waltende Instanz ist. In ihrem Reiche haben wir den
Boden des Glaubens betreten, aus dem von jeher jede Quelle höheren
menschlichen Willens entsprungen ist, gleichviel, ob der geometrische
Verstand sich nachträglich entschließt, aus handfesten Brocken, Symbolen
der Erscheinungswelt, Brunnenränder und Deiche zu erbauen. In diesem
Reiche, das alles Sittliche umschließt und uns mit dem Göttlichen
verbindet, sind wir frei und bedürfen keiner Beweise und Überredungen,
denn was wir aus heiligem Bezirk unberührt herniedertragen, leuchtet und
leuchtet ein, es überzeugt durch sich selbst, aus eigener Kraft. Nur
dann jedoch wird das prometheische Werk armer menschlicher Kraft
gelingen, wenn wir dies Reich der Seele nicht verleugnen, wenn wir
streben, auf seinem Boden Heimat zu gewinnen, wenn wir den Glauben
wollen, ohne den wir nichts wollen können, wenn wir an den Willen
glauben, ohne den wir nichts glauben können. Hier liegt die Synthese des
Transzendenten und des Rationalen. Unberührbar, aus hohem Reich gegeben
ist der Wille und das Ziel, allen Geisteskräften verbündet und
anheimgestellt ist das Wollen und der Plan.
Der nächste Zweifel kommt von der Schulweisheit. Alle Weltverbesserung
ist Utopie. Nie hat sich das innere Wesen des Menschen geändert,
Entwicklung erlebt nur das Wie, nicht das Was, das Glück des Menschen
vermehrt sich nicht. Ja freilich, Technik und Wissenschaft! Sie kommen
vorwärts. Doch wer auf eine Änderung, gar eine Veredelung der
menschlichen Triebkräfte, auf eine Versittlichung der Gesellschaft, der
Wirtschaft hofft, der verkennt das Wesen der unfehlbaren Theorie und mag
Narren trösten.
Das sagen meist die Privatdozenten und solche, die es werden wollen, in
der forschen Überzeugung ihrer forscherischen Überlegenheit. Dann wenden
sie sich wichtigeren Tagesfragen zu, etwa dem Einfluß der Pappdächer auf
den Geburtenüberschuß, und vergessen, daß wenn die Welt im Großen nicht
gebessert werden kann, es keinen Sinn hat, im Kleinen damit anzufangen.
Nie bin ich müde geworden zu erwidern: Wenn wissenschaftliche
Betrachtung einen Wert hat, so liegt er darin, daß sie uns zeigen kann,
wie sehr von Urzeiten und Urstämmen her das Wesen des Menschen sich
geändert hat. Wäre dies Wesen aber auch in sich selbst unveränderlich,
so erleben wir von Jahrhundert zu Jahrhundert die Änderung der
herrschenden sittlichen Bewertungen und mit ihnen die Umstellung alles
Benehmens. Wenn in einer Beamtenschaft, einer Armee, einer Kaste oder
einem Volke die herrschenden Sittenbewertungen etwa auf die Begriffe der
Unbestechlichkeit, des Mutes, der Wahrhaftigkeit eingestellt werden --
und das sind Vorgänge, für die wir im eigenen Lande Beispiele haben --,
so ist die Erörterung müßig, ob damit über lang oder kurz alle zur
Lasterhaftigkeit Gestempelten aussterben; sicher ist, daß die
Bestechlichen, die Feigen und die Lügner mit ihren Lastern nicht mehr
frei hervortreten, und daß diese Laster aufgehört haben, die
Gemeinschaft zu beherrschen. Immer wieder übersieht man, daß alle
Gemeinschaften eine in ihrer Zusammensetzung sehr ähnliche Mischung
aller sittlichen Qualitäten enthalten, und das sittliche Aussehen und
Wirken weniger von den überwiegenden Qualitäten bestimmt wird, als von
denen, welchen gestattet wird, an die Oberfläche zu treten. Welchen aber
diese freie Bewegung gestattet wird, und welche anderen gezwungen
werden, sich im Untergrunde zu verbergen, das entscheidet die sittliche
Bewertung, also im Gegensatz zu überkommenen Eigenschaften, der freie
sittliche Gemeinschaftswille, der hierdurch zur eigentlichen
herrschenden Kraft wird.
Ist somit der sittliche Wille der Bindung aus Herkunft und Vergangenheit
dadurch enthoben, daß er nicht auf der Ebene physischer Umgestaltung,
sondern auf der Ebene bewußter Wertung tätig wird, ist somit die Frage
nach der Veränderlichkeit des Gemeinschaftscharakters eine falsch
gestellte Frage, so wird auch die Prüfung des Problems vom wachsenden
Glück ergeben, daß dieser Zweifel die Grundfragen des menschlichen
Wollens leichtfertig verkennt.
Wir sind nicht da um des Glückes willen. Unser Wille ist nicht da, noch
weniger ist Entwicklung da, um unser Glück zu vergrößern. Wir schreiten
nicht den Weg der Beglückung, sondern den Weg der Vervollkommnung, den
Weg zur Seele, gleichviel, ob unser Glück darüber zugrunde geht. Und wir
schreiten diesen Weg nicht bloß, weil wir müssen, sondern weil wir
wollen, weil es noch andere treibende Kräfte gibt, die in uns selbst
liegen.
Es gibt viele, die an ihre Kindheit mit Wehmut zurückdenken und sagen,
damals seien sie glücklich gewesen, jetzt seien sie es nicht mehr.
Trotzdem wollen sie nicht zur Kindheit zurück, denn die Art kindlichen
Glücks wägt die Art erwachsener Schmerzen nicht auf. Würde uns
nachgewiesen, eine niedere Schöpfungsgattung sei mit einem absoluten Maß
an Glücksgefühlen begabt, das alles Maß unserer seligsten Empfindungen
weit übertrifft: wir wollten mit diesem Stand nicht tauschen. Denn es
entscheidet das Gefühl der Vervollkommnung, die Glücksstufe ist mehr als
die Glücksmenge. Wir sind geneigt, in romantisierender Anwandlung das
Geschick alter Zeiten und Völker, etwa der Griechen höherzustellen als
das unsere. Könnten wir uns entschließen, alles zu vergessen, was wir
sind und haben, erleiden und ersehnen, um Griechen der Vergangenheit zu
sein? Wir, die wir den Blick über den Erdball, die Zeiten und die
Naturkräfte richten, die wir von der Kunst aller großen Epochen, von der
deutschen Musik, vom nördlichen Frühling, vom Glauben des Ostens und
Westens, von zehntausendjähriger Geschichte, von der Philosophie der
Völker und der vergleichenden Naturbetrachtung eines Weltsystems leben:
Könnten wir uns in engen Landstädten, in gerätelosen Kammern, in
gleichförmigen Marktversammlungen, mit einer auserwählten aber
vergleichlosen Lebensform und Kunst begnügen? Die Polyphonie unseres
Lebens, die an sich kein Glück, wohl aber eine Stufe ist, duldet keine
Rückkehr zur einstimmigen Melodie.
Dies sind nur Bilder und Vergleiche. Des Beweises bedürfen wir nicht;
denn in uns eingepflanzt ist der Drang nach oben, in Sehnsucht, Wollen
und Handeln. Ein Denken, das diesen Drang zu vernichten strebt, macht
uns zu Verzagten des Gewissens, zu Stümpern des Tuns. Ein Denken, über
das man sich, bewußt oder unbewußt, stets hinweggesetzt hat und
hinwegsetzen wird, um recht zu leben, lohnt nicht gedacht zu werden.
Eine niedere Instanz, der intellektuelle Geist versucht, uns ihr Urteil
aufzudrängen, und wir antworten ihr: du bist unzuständig, überdies ist
dein Urteil falsch und unvollstreckbar.
Ein anderer Zweifel kommt von der deutschen Wissenschaft. Ein Engländer
hat es gelehrt, wir haben die Lehre aufgenommen und mit unserer
Gründlichkeit hundert Jahre lang zu Tode gehetzt: Alles Geschehen
sprießt aus den Wurzeln der Zeiten, des Bodens, der Stämme, der
Überlieferung. Durchdringt man mit rastloser Liebe und emsiger Forschung
die Gegebenheiten der Geschichte und der Erdfläche, die Gepflogenheiten
der Sitten und Einrichtungen, so verwandelt sich alle Willkür des
Geschehens in sanften Fluß des Wachstums, alles Überraschende ordnet
sich ein, alles unheimatlich Fremde wird abgeschieden. Diese
Betrachtungsweise hat für den Gelehrten den Vorteil, daß sie alles
Denken durch gefühlvolles Wissen ersetzt. Unerschöpfliche Anknüpfungen
lassen sich finden, alles Bestehende rechtfertigt sich durch immer neu
vertiefte Forschung, alle Taten großer Männer, ja alle Naturereignisse
und Wirrnisse erscheinen als Erfüllungen einer Urverheißung, die in der
jeweiligen Gegenwart gipfelt. Denn leider reicht die Kette immer nur bis
zur jeweiligen Gegenwart; Wissenschaft ist nun einmal nicht prospektiv,
sie kann niemand sagen, wie er es machen soll, und was, und ihre
Prophezeiungen sind meistens falsch. Neue Kräfte, welche die geradlinige
Verlängerung des Systems bedrohen, erscheinen als Störungen, als
feindliche Mächte -- freilich werden sie, wenn sie Erfolg haben,
nachträglich in die Ordnung eingegliedert und mit den erforderlichen
Vergangenheitswurzeln bedacht --; im Vorblick wirkt die historische
Methode konservativ und ist daher im offiziellen Deutschland willkommen,
ja unentbehrlich.
Für die Geschichtschreibung wird sie es bleiben, und auf diese sollte
sie sich beschränken. Die Gestaltung der Zukunft wurde uns durch die
gemütvolle Verführung der wissenschaftlichen Romantik lange genug
gehemmt; eine Zeitlang muß wieder einmal, wie bei jeder großen Wende,
die Idee herrschen. Romantisch betrachtet erscheint freilich die Idee
fremd, abstrakt, rational, der lokalen Färbung und des gewohnten
heraldischen Zierats ermangelnd. So fremd erschien vielleicht dem
ländlichen Steinmetzen der Aufriß einer Kathedrale. Ist die Idee
verwirklicht, der Turm gebaut, so erkennt man ihre Bodenständigkeit, die
eben durch die Verwirklichung gewonnen wurde.
Nur aus der Vermählung des abstrakt Idealen mit dem greifbar Bestehenden
stammt Entwicklung; der Baum, der nicht in den Himmel wachsen will und
nur seinen Standort bedenkt, wächst nicht und wird von anderen
überschattet; daß er nicht in den Himmel wachse, dafür ist gesorgt,
seine eigenen Wurzeln werden ihn zurückhalten. Alexander hätte nicht den
Osten hellenisiert, Karl nicht die Sachsen bekehrt, Napoleon nicht die
neue Zeit emporgeführt, wenn sie sich von Professoren über
Bodenständigkeit hätten beraten lassen; nachträglich hätten sie
vielleicht einige aufklärende Zustimmung erlangt. Der Vorblick ist vom
Rückblick verschieden; leicht weist man auf, wie die Frucht am Stengel,
der Stengel am Zweig, der Zweig am Ast, der Ast am Baum sitzt. Ein
anderes ist es zu sagen, welche Knospe sich zum fruchttragenden Ast
entwickeln und welche verdorren wird. Die Wissenschaft unterschätzt die
Fliehkraft des schöpferischen Willens, der um so erdenmächtiger wird, je
weniger er sich um die irdische Bindung kümmert.
Ein ganz tatsächliches Moment sollten die Verehrer des ruhigen Flusses
und der Überlieferungskräfte nicht vergessen: Die Völker, mit denen die
nationale Erinnerung sich in feierlichen Augenblicken identifiziert,
leben nicht mehr. Die Italiener sind keine Römer, die Franzosen keine
Franken und die Deutschen keine Germanen. Die Verschmelzung mit
Unterworfenen und mit den eigenen unbekannten Unterschichten hat die
Völker nicht nur von Grund auf gewandelt, sondern auch weit mehr, als
man zuzugeben geneigt ist, untereinander angeähnlicht. Die geistigen und
körperlichen Verschiedenheiten der Proletariate Europas, die heute schon
die überwiegenden Massen der Völker ausmachen und daher auch die
eigentlich Kriegführenden sind, erweisen sich als sehr gering. Der
Umschichtungsbewegung, die in Deutschland die letzten fünf Jahrhunderte
erfüllt, entstammt die ganze sichtbare Änderung unseres Völkerlebens;
die Einrichtungen sind den Änderungen der Substanz nicht vorausgeeilt,
sondern zeitweise um große Strecken zurückgeblieben; man erinnere sich
der kleinen Einzelzüge: daß vor dem Kriege das Wort Volk in der
offiziellen Sprache verpönt war und nicht an den Reichstagsgiebel
geschrieben werden durfte, und daß jede Verteidigung des Begriffes der
Demokratie an Staatsverbrechen rührte. Zweierlei sollten die
kryptokonservativen Denker im Auge behalten: einmal, daß die Wasser der
Weltgeschichte unaufhaltsam zum Tale laufen, das Freiheit heißt, und
sich niemals haben umkehren lassen, sodann, daß überlange Stauung die
Dämme bricht.
Der ernsteste Zweifel ist der chaotische.
Es kann geschehen, daß das Entsetzen der Zeit in einem Menschen so
mächtig wird, daß er Heilung nur noch in der Vernichtung sieht, in der
Feuerverzehrung selbst, im restlosen Niederbrennen des Brandes. Das
Entsetzen der Zeit -- ist denn dieses Entsetzen größer als das Entsetzen
früherer Kriege? Ist denn die Zahl und Masse das Mächtige, ist denn der
Mord der Millionen schwärzer als der Mord eines Einen? Sind denn
geschlachtete Städte und Landstriche der Großkönige und Pharaonen, Khane
und Cäsaren mildere Opfer gewesen als die der Handgranaten und Gase?
Freilich nicht; menschliches Elend wächst nicht über sich selbst hinaus
durch angehängte Nullen, die Million ist an sich nichts anderes als die
Myriade. Dennoch ist diese wissenschaftlich geregelte Feuerflut das
vorbildlose Grauen der Jahrtausende, und es ist begreiflicher, daß
manche, die es erleben, an allem verzweifeln, als viele, die es erleben,
an nichts verzweifeln.
Alles frühere Elend war ein Geißelschlag, der auf den Rücken der
gesunden Erde sauste. Getroffen wurden von der Furie zwei Heere und was
ihnen in den Weg kam, das andere blieb gesund. Der Dreißigjährige Krieg
war das Vorbild der fressenden Kriegsseuche, doch sie blieb im Raume
beschränkt. Den wahren Vergleich dessen, was wir erleben, nein zu
erleben beginnen, bietet der fünfhundertjährige Brand, in dem ein
Weltzeitalter sich löste. In der Schmelzglut versank die südliche Antike
und die mönch-ritterliche Strenge des Nordens stieg empor. Doch auch
diese Krisis war innerlich milder, denn sie betraf unbewußte
Geschlechter in der Gestalt eines objektiven Schicksals.