Vierzehntes Kapitel

In dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr still geworden, seitdem in

den Abendstunden nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der

Dörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten zum Vater, denn sie wollte

nicht ausgefragt sein, und sie hatte auch für den mystischen Trost und

die Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch Verständnis. Es war

gut, daß es auf dem Baronshofe so viel Arbeit gab. Das ließ sie

wenigstens tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken kommen.

Aber wenn sie zu Bett gegangen war, dann kamen Erinnerung und Schmerz

mit arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Mangel

an Beherrschung weinte sie sich allabendlich in den Schlaf. Sie härmte

sich so, daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen Wangen und den

tiefliegenden Augen war die frische Dirne von früher gar nicht

wiederzuerkennen.

Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu spenden. Es führte zu

nichts; Dörthe brach dann immer von neuem in Tränen aus und wiederholte

unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch noch das Leben

nehmen. In dieser Zeit hatte Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten

überreichlich zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater getroffen hatte,

bewies, daß er kränker war, als man bisher geglaubt hatte.

Glücklicherweise hatte der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm

und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. Aber der Koloß war

nunmehr völlig bewegungslos geworden. Ein Krankenwärter wurde beschafft,

der August unterstützen sollte; aus dem Bette wurde der Alte in den

Fahrstuhl gepackt; er war nur noch eine Maschine, die von fremder Hand

geleitet werden mußte. Seine Laune war schrecklich geworden; Hedda hatte

viel unter seinen Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern und

Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; August war der einzige, der ihm

mit seinem unversiegbaren Phlegma und seinem derben Humor standzuhalten

vermochte. Seit man mit der Anlage der elektrischen Leitungen in

Oberlemmingen begonnen hatte, trug sich Hellstern mit dem festen

Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war eine neue fixe Idee.

Die Möllers wollten ihn langsam morden -- das ließ er sich nicht

gefallen. Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht in ihre

Hände bekommen; eher mochte das Haus einstürzen, und Eulen und

Fledermäuse mochten in den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers nie --

und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch eine Million auf den Tisch legen

wollten, er würde sie mitsamt der Million aus der Tür werfen.

Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was mit dem Vater zu machen

sei. Der Arzt war der Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe von

Jahren leben, wenn man durch geeignete Mittel der Wiederholung des

Anfalls vorbeuge. Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen

gehöre dazu vor allen Dingen absolute Ruhe, Fernhaltung jedweder

Aufregung, jedes Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht leicht bei

dem alten Brummbär. Axel schlug vor, ihn mit dem Wärter und August und

dem gesamten Material zu der geliebten Familiengeschichte nach

Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige Ruhe, hatte nicht beständig

Oberlemmingen vor Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle fallen

ließ und sich aus einer Raupe in einen schillernden Schmetterling

verwandelte. Während der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin

dann auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz kommen, und wie

sich im übrigen der geplante Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das

werde man ja sehen, das könne man abwarten.

Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen Vorschlägen sehr

einverstanden. Besonders auf die Tante Jutta freute er sich und war

neugierig, ob sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun und

das übrige Haar schwarz färbe und die kleine, rote Stupsnase weiß

pudere. So siedelte er denn nach Döbbernitz über. Axel hatte einen

großen geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt durch das Dorf

zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen zu, damit er gar nichts von

Oberlemmingen zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. Dieses

Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem Vater, Großvater und Urahn

sich glücklich gefühlt hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja

das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz moderner Badeort.

Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber täglich holte ein

Döbbernitzer Wagen sie ab. Das gemeinsame Mittagsmahl nahm man

gewöhnlich bei Axel ein, und das waren glückliche Stunden für Hedda. Sie

gewann ihren Bräutigam täglich lieber, und auch auf den grimmigen Alten

übte die stille, vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich

beruhigenden Einfluß aus.

Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden der Verlobung Heddas ihren

Besuch auf dem Baronshofe gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch dem

erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete sich Gunther. Er

hatte plötzlich einen neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien

verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen Drucker auf der

iberischen Halbinsel zu machen; schon lange beschäftigte er sich mit

Forschungen zur Druckergeschichte, für die er sich lebhaft

interessierte.

Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits wieder in den Wagen

gestiegen war, stand Gunther mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte

ihm die Hand gereicht.

»Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören, verehrtester Herr

Doktor,« sagte Hedda mit freundlichem Lächeln; »es braucht ja nicht

gerade eine Ansichtspostkarte zu sein. Und wie würde ich mich freuen,

wenn eines Tages die frohe Nachricht bei uns eintreffen wollte, daß

Doktor Gunther Schellheim -- ich brauche nicht auszusprechen -- in

Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen entzünden. Lieber

Doktor, wirklich, von Herzen würd' ich mich freuen!«

Er preßte warm und fest ihre Hand.

»Ach, gnädiges Fräulein --« antwortete er, aber er kam nicht weiter. Er

würgte an den Worten; sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann

sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den Wagen.

Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, zunächst nach Berlin. Es

herrschte eine ziemlich trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. Die

Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war still und in sich gekehrt,

und auch der Kommerzienrat vermochte eine leichte sentimentale Regung

nicht zu unterdrücken.

»Hol's der Geier,« sagte er plötzlich, als der servierende Diener das

Zimmer verlassen hatte, und warf Messer und Gabel neben den Teller, »ich

habe mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte Frieden und Ruhe für

das letzte Dutzend Jahre meines Lebens haben, -- deshalb zog ich mich

vom Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen Kohl bauen und

mich an der Natur erfreuen, keinen Ärger mehr haben und nur das Nötigste

vom Geschäfte hören -- ja wahrhaftig, das war eigentlich meine Absicht!

Und nun? Prostmahlzeit -- nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf

wärmer, als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen konnten!«

»Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch selbst daran schuld,«

warf Gunther mit leichtem Lächeln ein. »Warum hast du nicht schlankweg

jede Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?«

»Das habe ich ja anfänglich getan, aber -- siehst du, mein Junge, das

verstehst du nicht! Das verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist.

Als ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen der Möllers hätte

verhunzt werden können, da kribbelte es mir in den Fingerspitzen, da

schäumten die kaufmännischen Blutpartikelchen in meinen Adern -- da

konnt' ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein glänzendes Geschäft --

das ist es noch heute --, trotzdem reut's mich, daß ich mich auf die

Sache eingelassen habe! Nun ja -- kurz heraus: es reut mich.«

»Und weshalb, wenn ich fragen darf?«

»Weil -- ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich hielt ich die Möllers

für dickköpfige, beschränkte Bauersleute. Dann merkte ich, daß der

Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat, daß er ein gerissener

Patron ist. Und heute _weiß_ ich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von

A bis Z nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr interessant,

wie sich so ein schlichter Bauersmann im Laufe der Zeiten verändern

kann, wenn ihn der Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles bei

den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben sie keine Ahnung, von

irgendwelchen idealeren Motiven ist keine Spur bei ihnen -- keine Spur!«

Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte und schüttelte dabei den

Kopf. Er schien sehr mißgestimmt zu sein. Albert Möller hatte mit

offenen Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu kleinen

Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über sein Land führten, und erlaubte

sich im Hinblick auf verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit

Schellheim alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte den Rat um

so mehr, als er empfand, daß er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser

brave Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte geglaubt,

leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu haben, und war in seinen

Verträgen daher minder vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu

sein pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch über die

erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall mußte der Mann mit dabei sein. Wo

nahm er nur alle die nötigen Gelder her?!

»Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,« schloß Schellheim,

seine Serviette zusammenfaltend. »Ich sehe, daß sich das Unternehmen

nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen Basis weiter

entwickeln kann, wenn diese Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden

hat. Paßt mir's nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und gucke mir

von hier oben aus den Rummel in aller Beschaulichkeit an. Mag's gehen,

wie es will! Unerhört -- ich -- _ich_ soll mich mit Bauernpack

herumschlagen! Soll mich von solchem Gesindel betrügen lassen!«

Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, der

Großindustrielle, stand im Begriffe, die Waffen vor einem raffinierten

Bauernjungen zu strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er es am

allerwenigsten geahnt hätte.

Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden und beschönigenden Worten,

aber er regte den Vater nur noch mehr auf.

»Lassen wir die Sache ruhn,« sagte Schellheim. »Der Teufel soll nicht

schlechter Laune sein, bei all dem Mißgeschick, das einem widerfährt!

Was hab' ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet ein Fabrikmädel,

-- riesengroß wird die Kluft zwischen ihm und uns, und wenn man sich

auch hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge zu schaffen, die

Entfremdung ist doch nicht wieder gut zu machen! Du gehst nach Spanien,

Gunther, reißest uns von neuem aus -- und auf Döbbernitz, das ich

bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir ein hübsches und trauliches

Nest schaffen wollte, hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn's

wenigstens ein _Wild_fremder gewesen wäre -- aber nein, ausgesucht

gerade _der_ Mann, der dir die Braut vor der Nase fortgeschnappt hat!«

Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, daß die Rätin die Tafel

aufhob. Es war kein allzu herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte

still in sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich -- was hatte

man von seinen Kindern!

Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die Reise. Er hatte seine letzten

Hoffnungen über Bord werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und er

nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf seine Studien zu werfen.

Die Arbeit war das einzige Heilmittel.

* * * * *

Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers mit Frida Grödecke statt.

Vorher hatte auf Bitten Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu

erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu sich; er wußte ganz

genau, daß der Alte allein das Machtwort sprechen konnte; er kannte

seine Leute.

Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt vor dem Pastor, war auch ein

eifriger Kirchengänger.

Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend, daß der Fritz ein so

braves und liebes Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen

wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen einmal ein

Verlöbnis rückgängig mache; wenn man beiderseitig fühle, daß man sich

getäuscht habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als eine

Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle. »Aber in unserm Falle

liegt die Sache doch wesentlich anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit

Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern an _Ihnen_ liege

die Schuld. Ich habe neulich auch einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als

ich ihn zufällig traf, und er antwortete mir einfach: 'Ich kann nichts

dafür -- der Alte will's so.' Also die Tatsache steht fest: die beiden

Menschen wollen sich angehören, und _Sie_ treiben sie auseinander! Ist

das nicht unrecht, Möller?«

Und ruhig erwiderte der alte Mann:

»Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein -- es ist _nicht_ unrecht.

Ich gehöre noch zu der alten Schule, und da haben die Kinder den Eltern

zu gehorchen, wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, denn sie

bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen Eltern auch parieren müssen,

als es zur Hochzeit ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet.

Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann Ihnen davon erzählen. Aber

ich würde trotzdem nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn's nicht

von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt nicht mehr so wie

früher. Aus dem Kruge ist ein Hotel geworden; schon letzten Sommer hat

ein Postdirektor und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns gewohnt. Es wird

noch anders kommen. Da muß die Wirtin von besserem Herkommen sein als

die Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und auftreten können.

Und sie muß auch ihr Eingebrachtes haben. Denn Sie mögen mir sagen, was

Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, wenn kein Geld

dahinter steckt! Was heißt denn das mit der Liebe? Es find't sich

alles.«

Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, wie er über die

eigenartige Auseinandersetzung Möllers dachte, aber es half ihm nichts.

Die Entgegnungen des Alten bewegten sich immer in demselben

Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht wäre, da hätte man vielleicht

ein Auge zugedrückt und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere

gesehen. Aber nun _mußte_ man es. Man brauchte viel Geld; es ging nicht

anders.

Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob er es auf seine Seele

nehmen wolle, wenn Dörthe sich ein Leids antun würde -- ob er es

verantworten könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer ins Unglück käme.

Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein Gesicht blieb hart wie

Stein, brutal und grausam von Ausdruck, wie immer.

»Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie unsern Fritze, Herr Pastor,«

antwortete er. »Und will sie keinen andern, so läßt sie's bleiben. Ihre

Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. Wenn sich alle

Mädel hier bei uns hätten ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt

haben, den sie gerne hätten haben wollen -- Herr Pastor, dann hätten wir

überhaupt keine Weiber mehr im Dorfe!«

Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr hören von ihm; er sah auch

ein, daß jede Bemühung, den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen

wäre. Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar Tage nach jener

Unterredung die Verlobung Fritzens mit der Schlächterstochter aus

Frankfurt bekannt wurde und bald darauf auch der standesamtliche

Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach pflegte jeder Hochzeit

ein dreimaliges sogenanntes Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen,

und Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche Ankündigung

gebeten wurde; er liebte es, wenn man den hübschen alten Sitten, die

noch aus der Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung

entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich kein Aufgebot

bestellt, und sein Vater war damit einverstanden gewesen. Albert riet

sogar von einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin auf

einige herbe Worte des Pastors gefaßt machen konnte. Doch davon wollte

der Alte nichts wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um

nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein Sohn ohne kirchlichen

Segen in die Ehe treten sollte.

Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken, diese Hochzeitspredigt. Daß

er die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen durfte, ohne seinem

Empfinden über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels Ausdruck zu

geben, war klar. Es hätte seinem ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit

linden Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der andern Seite scheute

er sich aber vor Zank und Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem

Konsistorium geben; die hätte er gern vermieden. Er dachte sowieso

zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, um sich gänzlich seinem

Kinderhospiz widmen zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen

sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich immer noch das

Vorschützen einer Erkrankung geblieben; dann hätte der Geistliche der

Nachbarparochie die Trauung vollziehen müssen, aber solch eine Komödie

dünkte Eycken unwürdig.

Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage statt. Es war früh Winter

geworden, unerwartet schnell, ohne langsamen Übergang. Als man eines

Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und an den Bäumen, an denen zum

Teil noch das bunte Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten

Eiskristalle. Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem Blau,

und das ganze Kirchenschiff war mit heller Sonne erfüllt.

Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier bei. Auch Dörthe hatte sich

heimlich in die Kirche schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu

verhindern gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende Mädchen mit

raschem Entschlusse in ihre Kammer eingeschlossen.

Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick über die Gemeinde

schweifen ließ, fiel es ihm auf, wie stark sie sich im letzten Jahr

gelichtet hatte. Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller,

Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, der gleichfalls nicht

hatte der Versuchung widerstehen können und der goldenen Lockung Alberts

zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits in Döbbernitz; wie

Eycken gehört hatte, unterhandelte ein Berliner Arzt mit ihm wegen

Ankaufs des Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller die Hände

im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, denn Hellstern wollte nichts

mit ihm zu tun haben. Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in

seiner Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach.

Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger um die Vorgänge in seiner

Gemeinde bekümmert; sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens

verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er draußen auf der Heide

der Barmherzigkeit errichtete, nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber,

als er die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er zum ersten Male

die klaffenden Lücken, die das Fieber der Spekulation und die Sucht nach

raschem Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam färbte sein

schönes Patriarchenantlitz sich dunkler. Sein Blick flog nach rechts, wo

die Möllers saßen: das war die Bank der Sünder, das waren die

Zertrümmerer seiner Gemeinde. In ihrer Hand war die goldene Axt der

Industrie zu einem Mordwerkzeug geworden, zum Henkerbeil. Er entsann

sich ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz hatte jüngst die

Aufdeckung großer Kohlenlager eine ganze Gemeinde gewissermaßen

verschlungen; man hatte die Felder verkauft und die Häuser

niedergerissen, um der Erde ihre Schätze zu rauben, und da kam plötzlich

der Rückschlag, und der Absatz begann zu stocken; Großindustrielle

erwarben das ganze Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann

sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, der viel besprochen

worden war, eines großen und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der

Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen ließ, um sich

die Säckel füllen zu können. Aber dieser gemordete Wald rächte sich;

Trunksucht und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien

verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. Überall, wo man den

Bauern mit Gewalt seiner ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf

den Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse eintrat,

zeigte sich das gleiche Resultat ...

Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in

dem er wie eine große und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen

Zylinderhut besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu

fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, während seine Braut, ganz in

Weiß, was die schwarze Person nicht übel kleidete, die Augen frank und

frei im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie den, der etwas

wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die

Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und

Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewöhnlich, und in der Tat

wanderten seine Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und bauten

Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhöhe des Baronshofs und

ringsherum einen Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen

aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht

mehr; er wußte nun, daß die Zukunft von Oberlemmingen den Möllers

gehörte.

Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewählt, das er

öfters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: »Es ist nicht gut,

daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn

sei ...« Er sprach länger als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein.

Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich

und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, während Frida

kerzengerade dasaß und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt

anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß in der Gemeinde

zu erwähnen, ließ Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare

vor, daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der

Heilquelle ein großes äußeres Glück beschieden worden sei, doch sollten

sie sich nicht von diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch

andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: »Gleichwie aus der Erde

tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden

aufsteigen können, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn

man seine Kraft nicht zügelt, mit brausender Gewalt den Boden zu

unterhöhlen vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in die

brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte -- so sprudelt auch

oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen

auf, das stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und

niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen und seiner Herr

zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb

der Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt Mißgunst und

Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung

aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem

Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen

eines jeden von uns entspringt der Quell des Wünschens rein und

kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, wenn sich Böses und

Übles in ihn mischt, und wie braust er auf und übertönt das Gewissen,

wenn man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, bis er, gleich

einem wilden Strome, alles Gute in uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr

euer Wünschen zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer

Hoffnungen -- wie jenen, den Gottes Hand draußen im Felsgestein zum

Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln ließ!«

Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief.

Stumm und gleichgültig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch

immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des

Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt.

Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite des Altars, saß die Familie

Grödecke, Vater und Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten

mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grödecke hatte seine

rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so daß man den

dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte.

Dieser Ring glänzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das

goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Götzen

errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte Herr Grödecke

beständig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des

Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er wie die

Möllers verstanden schon den Geistlichen; sie wußten, was er meinte.

Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu

Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der

eine Gedanke: 'Wenn es doch erst aus wäre!'

Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der

Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor,

ein Geräusch, das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. Es

schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der großen Säulen, die

den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline

zurückzudrängen versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und die

Posaunen bliesen ...

Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel Möller statt. Man

hatte sich genötigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen

abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von

den Bauern war keiner gebeten worden.

Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten über die

Traupredigt aus. Die Männer standen alle zusammen in einer Ecke des

großen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grödecke

mit vorgeschobenen Leibern, von weißen Westen umspannt, auf denen

goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Möller, schon wieder die

Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht -- der kleine

Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und

Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefühl zur

Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen

Tonarten; Albert allein meinte skeptisch:

»Was schert's _uns_?! Laßt ihn doch reden!«

Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man

hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals häuften sich die leeren

Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke glühte wie von Flammen

bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben

und sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während ringsumher

der Lärm der Tafelnden immer lauter anschwoll.

Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte sich über das Dorf

gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond

aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine

Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier,

auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch See war, seine

Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sässige

Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem

Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen Mauern und

Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme überfluteten das Land und brannten die

Häuser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus Schutt und

Trümmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des

alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder

lebendig. Dort faßte zuerst die siegende Industrie festen Fuß, ehe sie

zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner

und die Bauernhütten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide

Veränderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre über

Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war

es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von

Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann

sind auch die letzten Bauernhäuser verschwunden, die heute noch stehen,

und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen

Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von

blühenden Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das Dunkel des

Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen

Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt

der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich

durch das Grün der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten,

hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten und Institute, die

neuen Bäder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen

hohe Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der

kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchströmt, sind

elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und

Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden

herbeigeströmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen

und überfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den

Feldern. Wagen rollen hin und her. Überall Fremde ...

Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine

Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen

wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur

gleicht dem Götzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Räder so

strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem

Wege zermalmen.

* * * * *

Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Bräutigams wurde Dörthe im

väterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher

Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters

blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhören zu müssen, die

der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen und Traum- und

Punktierbüchern heraus den fürchterlichsten Untergang prophezeite.

Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer Kammer ununterbrochen

geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt

und tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Dörthe

ruhiger geworden, hatte Heddas Hand geküßt, ihr für ihren gütigen

Zuspruch gedankt und war schließlich wieder still und emsig an ihre

Arbeit gegangen.

Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstraße

hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das

Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren

Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der

Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt,

ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu

beweisen, wie lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht gegen

sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen war zu beschränkt und die

Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den

starren Trotz hätte klar werden können, der das leitende Motiv zu ihrem

Entschlusse war. Sie wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der

Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; nun wollte sie

ihnen zeigen, daß es anders sei. Sie bedauerte nur, daß sie den

Schrecken der Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen könne,

wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.

Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Spätnachmittag

noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie

als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr wieder in die Augen

gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin:

»O Vater der Barmherzigkeit,

Ich falle dir zu Fuße,

Verstoß mich nicht, der zu dir schreit

Und tut noch endlich Buße.

Was ich begangen wider dich,

Verzeih nur alles gnädiglich

Durch deine große Güte ...«

Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe.

Aber je näher Dörthe dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher

hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des

Hotels glänzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen.

Dörthe trat in den Schatten des Hauses und drückte sich dicht an die

Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte

sie angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz

gehört. Aber es war unmöglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige

Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da.

Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest zurückdenken, auf dem man

ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an

ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille faßte

-- sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumüller und die ganzen

jungen Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich losbrechenden

Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied »Hans mit

de Krusekragen« singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain.

Es strömte brennend heiß durch Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen

Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch alles gut

werden würde ...

Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre Wangen. Plötzlich fiel ihr

noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz

adressiert, nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund in den

See springen würde, weil sie nicht länger leben wolle -- den sollten die

Hochzeitsgäste vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals kehrt,

schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf

und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.

Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst

wieder langsamer aus, als sie in den Döbbernitzer Weg einbog.

Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande,

und von allen Seiten erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und

Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der Ferne scheu über den

Weg.

Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner

Schatten hatte sie erschreckt. Sie stürzte von neuem weiter,

rechtsseitig hinein in den Wald -- da mußte der See liegen! Ihr Herz

klopfte zum Springen; sie war in Schweiß gebadet. Ganz plötzlich

umflutete sie heller Mondschein -- sie stand auf einer schneeüberwehten

Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.

Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch

verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie

stierte mit großen, glühenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es

tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten

schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte sie -- eine

furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte

wieder zurück ...

Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem --

ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf.

Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig zu werden ... Mit

gellem Schrei stürzte Dörthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann

sie stammelnd ihr Lied zu beten: »O Vater der Barmherzigkeit ...« Dann

ein letzter Schrei -- ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern

und Wogenrollen ...

Im See bildeten sich längliche Kurven, die den glatten Spiegel trübten,

sich weiter und weiter wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus

dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des

Himmels hervor, der sternendurchglänzten Ewigkeit.

Aus tiefem Schacht · 第 25 / 27 题