Fünfzehntes Kapitel

Wieder war es Frühling geworden -- der erste warme Tag im Jahre, ein

Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ.

Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht

mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen

letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein

Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand

des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten

bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein

Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den

Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der

Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre

Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die

Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk

schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und

Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen

Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier

umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der

Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den

Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.

Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet;

ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren

beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube

gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen,

deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt

worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle

gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen.

»Uff,« meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat;

»August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du

seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein

minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so

warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine

Mittagspfeife im Freien rauchen kann?«

»Das konnt' ich mir denken,« erwiderte August, die schwachen Gehversuche

des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; »kaum fühlen sich der Herr

Baron mal wieder so 'n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein.

Aber ich glaube, ich werd's diesmal verantworten können. 's ist wirklich

wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können

sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die

Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die

Pelzdecke runterbringen soll.«

Hellstern nickte. »Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er

soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem

Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein,

wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort --«

»Na na, Herr Baron!«

»Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du

jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter

losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was

willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch

bewegen -- soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren -- he?«

»Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe

der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und

wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt,

dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so 'n schönes

Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen

Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die

Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch

steht. Und nun will ich den Franz rufen.«

Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest.

»Du,« sagte er, »weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe

heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit

gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus,

daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.«

»Na ja -- das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die

Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung

strengstens verboten. Am besten wär's, der Herr Baron träumten überhaupt

nicht.«

»Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das

Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!«

Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ

sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.

Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen

Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von

Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm,

ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die

Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über

die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park

schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber

zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die

abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und

Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.

Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein

paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August

begann seinen Herrn einzupacken.

»So,« sagte er schließlich, »nun bleiben der Herr Baron hübsch stille

sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die

Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch

nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.«

»Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn

ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!«

August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit

hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen -- damals, als

die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten

hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen

Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein

zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf

geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron

nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm -- davon war

August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er

sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus.

»Herr Baron,« sagte er, »ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder

an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor

gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch

schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da

kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit

wieder vor. So 'n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen

nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser

behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male

Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.«

Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf,

ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit

ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August

nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er

doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.

Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte

Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt -- das hatte ihn still werden

lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn

Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er

konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch

der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden,

und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften

einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte

Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an

verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur

Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere

schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche

Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda

berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse

Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der

Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn

der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf

die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit

lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen

Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm

zu plaudern.

Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe

Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar

die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher

geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung

starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause

zurückkehre -- und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.

An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren

Schloßhof führte, wurden Stimmen laut.

Hellstern erhob den Kopf.

»Ist es denn möglich!« rief er. »Eycken -- Pastor -- sind Sie es

wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch

nicht gänzlich vergessen?!«

»Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern -- ich habe sie redlich

verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen -- und nun mal

zuvörderst die Hand -- beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken

kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben:

Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!«

Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er

war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den

klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit.

Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und

einander viel zu erzählen.

»Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum

noch Mensch bin,« sagte Eycken. »Meine Anstalt ist fertig und vorgestern

eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine

ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine

Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir

lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus -- was mir vom

Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen

gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es

erhofft habe.«

»Kann ich mir denken,« warf Hellstern ein.

»Nein -- es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,« fuhr

Eycken fort, »und der Selbstmord der kleinen Klempt -- eurer Dörthe --

der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt's nicht

mehr aus in der Gemeinde. Was sag' ich, Gemeinde -- die alte Gemeinde

existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine

Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich

mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund -- auch

heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen

industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die

Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat,

ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt

mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher

Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und

deshalb zog ich mich zurück.«

Der Baron nickte. »Ich verstehe es,« entgegnete er; »ich sah das alles

vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so

kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab's seinerzeit

auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild

einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring

bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten

würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich

ja auch nicht, Pastor -- wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich --,

aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem

Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das

Ganze in geordnete Wege zu leiten -- aber als er im Winter einmal hier

war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach

zurückziehen.«

»So ist es,« bestätigte Eycken, »er ist der ewigen Zänkereien mit den

Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse.

Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der

Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen

nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik

angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um

Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt

frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther

mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda

und Axel denn dahin?«

Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels

Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen,

den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen

Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung

mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige,

etwas schüchterne junge Mensch von früher ...

Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend

darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen

die Herren herzlichen Abschied voneinander.

»Kommen Sie bald wieder, Pastor,« sagte Hellstern. »Ich höre gern etwas

Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich

der August wirklich einmal heraus -- nach Oberlemmingen zu setze ich

keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen -- nie wieder, -- ich

glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven

Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof

wird wohl auch bald abgetragen werden -- nein, Eycken, ich hänge doch

noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr

um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!«

Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die

Decken abnehmen.

»Pack an, mein Alter -- unter den rechten Arm -- so -- hupp! ... Hör

mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte --«

»Reden der Herr Baron doch nicht _so_ etwas!«

»Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben

sollte, da möcht' ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es

mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk' ich, gleicht aus und

versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern

Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den

hab' ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht 'ran. Also verstehst

du: unter der Linde will ich begraben sein!«

»Ich versteh' schon,« entgegnete August; »aber der Herr Baron werden's

am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch 'n bißchen warten tun. Es

eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der

Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben,

dann dauert's mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So 'n

altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine

gleiche Behandlung. Ins Neue leb' ich mich auch nicht mehr 'rein -- da

geht's mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der

liebe Gott wird ja wissen, wenn's Zeit ist.«

»Das wird er,« erwiderte Hellstern ernsthaft. »Vielleicht läßt er uns am

gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August,

denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht' ich, nur noch ein schweres

Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf

keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich.

Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer,

alter Esel bist.«

Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August

klinkte die Tür auf.

»Gott sei Dank!« sagte er, »ich hör's am Ton: es wird schon noch ein

ganzes Weilchen Jahre gehn.«

* * * * *

An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine

heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.

Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine

Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten

nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der

Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das

sie führte.

Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine

letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn

auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den

alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein

kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im

Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im

Pavillonstil kommen ...

Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete,

er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß

Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er

verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah

etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und

fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging

freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die

Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und

trank, bis er sinnlos war.... »Er macht's nicht mehr lange,« sagte

Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; »gestern früh hat ihn der

Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.« Ach ja, so war

es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im

brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem

gemordeten Kinde an.

Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die

Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die

Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der

geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine

Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus

halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich

den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr

im Traume geraten.

Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich

selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch

seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.

Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der

ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe

Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er

richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen

gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts

erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß

die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die

kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind

ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel;

der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den

Wiesen.

In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten.

Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und

vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die

Dörthe geblieben -- und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst

die Gerechtigkeit der Welt -- aber seines Kindes Mörder stiegen an

Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt

entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens

eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das

schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war

es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen

feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um

die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im

Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren

Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte

Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des

weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... »Verfluchte

Quelle! ...«

Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit

Trost und Heilung bringen sollte -- _ihn_ hatte sie zum unglücklichen

Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing

-- sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...

Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und

setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der

ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und

wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten

Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die

nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen

Augenblick. Schlief Tante Pauline? -- Mit raschem Entschlusse trat er in

ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein

Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen,

den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand

auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich

durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte

mit schnellen Schritten hinaus -- das Gesicht weiß, doch mit unheimlich

flimmerndem Blick.

Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden

Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die

Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon

durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen,

nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter.

Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das

Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen

wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.

Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf

dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und

Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die

Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab.

Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute

sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der

Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ...

Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den

Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich

auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an

und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten

plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die

Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer

Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste

und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter

bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die

Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung

verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht.

Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte

von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu

vernehmen. Die Quelle war still geworden.

Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper

flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz

hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um

ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der

Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...

Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein

purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der

große Pan reckte und streckte sich -- die Natur erwachte.

Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise

wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und

sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern

zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie

vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte

töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen -- sie wurde wieder

lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den

Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem

der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie

wiederum fangen und ihren Segen entehren würden.

Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu

füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf

dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken

bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot

seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage

entgegen ...

Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken

Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte,

Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl

empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war

wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in

freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.

_Ende._

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt

auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9

und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine

Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller

gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext#

Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the printed

edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of

publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below

lists all corrections applied to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been

replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_

Antiqua: #text in Antiqua font#

S. 15: [extra quotes] frage gar nichts!« Her mit dem Rock!

S. 17: ein gemachter Mann war uud -> und

S. 46: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts -> Ölporträts

S. 52: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.

S. 54: verrriet sich sogar -> verriet

S. 79: Vietz mit se nem Geiger -> seinem

S. 79: stob unter erneutem Geheul auseiander -> auseinander

S. 89: Das war ein herrlicher Neujahrtstag -> Neujahrstag

S. 109: hat es stark geschneit -> hatte

S. 128ff: [normalized] Woydczynska -> Woydczinska

S. 137: Notwendigkeit einer Aussöhnnng -> Aussöhnung

S. 148: noch ein par Jahre warten -> paar

S. 177: Auguste nickte -> August

S. 259: den Sonnenstahlen wehrte -> Sonnenstrahlen

S. 274: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater

S. 304: [normalized] und dann die Abschiedstunde -> Abschiedsstunde

S. 309: Uber die Wiesenlichtung -> Über

S. 246ff: [normalized] Grödicke -> Grödecke

Aus tiefem Schacht · 第 26 / 27 题