Wieder war es Frühling geworden -- der erste warme Tag im Jahre, ein
Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ.
Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht
mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen
letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein
Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand
des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten
bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein
Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den
Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der
Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre
Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die
Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk
schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und
Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen
Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier
umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der
Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den
Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.
Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet;
ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren
beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube
gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen,
deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt
worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle
gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen.
»Uff,« meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat;
»August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du
seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein
minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so
warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine
Mittagspfeife im Freien rauchen kann?«
»Das konnt' ich mir denken,« erwiderte August, die schwachen Gehversuche
des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; »kaum fühlen sich der Herr
Baron mal wieder so 'n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein.
Aber ich glaube, ich werd's diesmal verantworten können. 's ist wirklich
wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können
sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die
Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die
Pelzdecke runterbringen soll.«
Hellstern nickte. »Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er
soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem
Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein,
wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort --«
»Na na, Herr Baron!«
»Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du
jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter
losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was
willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch
bewegen -- soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren -- he?«
»Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe
der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und
wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt,
dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so 'n schönes
Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen
Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die
Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch
steht. Und nun will ich den Franz rufen.«
Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest.
»Du,« sagte er, »weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe
heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit
gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus,
daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.«
»Na ja -- das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die
Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung
strengstens verboten. Am besten wär's, der Herr Baron träumten überhaupt
nicht.«
»Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das
Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!«
Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ
sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.
Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen
Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von
Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm,
ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die
Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über
die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park
schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber
zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die
abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und
Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.
Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein
paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August
begann seinen Herrn einzupacken.
»So,« sagte er schließlich, »nun bleiben der Herr Baron hübsch stille
sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die
Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch
nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.«
»Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn
ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!«
August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit
hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen -- damals, als
die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten
hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen
Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein
zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf
geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron
nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm -- davon war
August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er
sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus.
»Herr Baron,« sagte er, »ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder
an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor
gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch
schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da
kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit
wieder vor. So 'n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen
nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser
behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male
Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.«
Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf,
ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit
ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August
nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er
doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.
Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte
Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt -- das hatte ihn still werden
lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn
Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er
konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch
der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden,
und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften
einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte
Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an
verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur
Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere
schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche
Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda
berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse
Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der
Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn
der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf
die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit
lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen
Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm
zu plaudern.
Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe
Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar
die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher
geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung
starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause
zurückkehre -- und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.
An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren
Schloßhof führte, wurden Stimmen laut.
Hellstern erhob den Kopf.
»Ist es denn möglich!« rief er. »Eycken -- Pastor -- sind Sie es
wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch
nicht gänzlich vergessen?!«
»Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern -- ich habe sie redlich
verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen -- und nun mal
zuvörderst die Hand -- beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken
kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben:
Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!«
Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er
war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den
klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit.
Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und
einander viel zu erzählen.
»Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum
noch Mensch bin,« sagte Eycken. »Meine Anstalt ist fertig und vorgestern
eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine
ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine
Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir
lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus -- was mir vom
Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen
gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es
erhofft habe.«
»Kann ich mir denken,« warf Hellstern ein.
»Nein -- es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,« fuhr
Eycken fort, »und der Selbstmord der kleinen Klempt -- eurer Dörthe --
der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt's nicht
mehr aus in der Gemeinde. Was sag' ich, Gemeinde -- die alte Gemeinde
existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine
Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich
mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund -- auch
heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen
industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die
Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat,
ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt
mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher
Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und
deshalb zog ich mich zurück.«
Der Baron nickte. »Ich verstehe es,« entgegnete er; »ich sah das alles
vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so
kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab's seinerzeit
auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild
einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring
bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten
würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich
ja auch nicht, Pastor -- wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich --,
aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem
Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das
Ganze in geordnete Wege zu leiten -- aber als er im Winter einmal hier
war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach
zurückziehen.«
»So ist es,« bestätigte Eycken, »er ist der ewigen Zänkereien mit den
Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse.
Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der
Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen
nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik
angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um
Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt
frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther
mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda
und Axel denn dahin?«
Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels
Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen,
den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen
Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung
mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige,
etwas schüchterne junge Mensch von früher ...
Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend
darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen
die Herren herzlichen Abschied voneinander.
»Kommen Sie bald wieder, Pastor,« sagte Hellstern. »Ich höre gern etwas
Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich
der August wirklich einmal heraus -- nach Oberlemmingen zu setze ich
keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen -- nie wieder, -- ich
glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven
Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof
wird wohl auch bald abgetragen werden -- nein, Eycken, ich hänge doch
noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr
um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!«
Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die
Decken abnehmen.
»Pack an, mein Alter -- unter den rechten Arm -- so -- hupp! ... Hör
mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte --«
»Reden der Herr Baron doch nicht _so_ etwas!«
»Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben
sollte, da möcht' ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es
mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk' ich, gleicht aus und
versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern
Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den
hab' ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht 'ran. Also verstehst
du: unter der Linde will ich begraben sein!«
»Ich versteh' schon,« entgegnete August; »aber der Herr Baron werden's
am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch 'n bißchen warten tun. Es
eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der
Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben,
dann dauert's mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So 'n
altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine
gleiche Behandlung. Ins Neue leb' ich mich auch nicht mehr 'rein -- da
geht's mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der
liebe Gott wird ja wissen, wenn's Zeit ist.«
»Das wird er,« erwiderte Hellstern ernsthaft. »Vielleicht läßt er uns am
gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August,
denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht' ich, nur noch ein schweres
Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf
keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich.
Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer,
alter Esel bist.«
Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August
klinkte die Tür auf.
»Gott sei Dank!« sagte er, »ich hör's am Ton: es wird schon noch ein
ganzes Weilchen Jahre gehn.«
* * * * *
An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine
heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.
Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine
Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten
nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der
Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das
sie führte.
Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine
letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn
auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den
alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein
kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im
Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im
Pavillonstil kommen ...
Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete,
er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß
Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er
verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah
etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und
fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging
freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die
Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und
trank, bis er sinnlos war.... »Er macht's nicht mehr lange,« sagte
Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; »gestern früh hat ihn der
Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.« Ach ja, so war
es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im
brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem
gemordeten Kinde an.
Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die
Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die
Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der
geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine
Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus
halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich
den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr
im Traume geraten.
Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich
selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch
seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.
Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der
ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe
Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er
richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen
gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts
erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß
die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die
kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind
ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel;
der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den
Wiesen.
In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten.
Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und
vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die
Dörthe geblieben -- und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst
die Gerechtigkeit der Welt -- aber seines Kindes Mörder stiegen an
Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt
entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens
eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das
schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war
es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen
feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um
die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im
Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren
Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte
Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des
weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... »Verfluchte
Quelle! ...«
Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit
Trost und Heilung bringen sollte -- _ihn_ hatte sie zum unglücklichen
Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing
-- sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...
Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und
setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der
ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und
wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten
Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die
nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen
Augenblick. Schlief Tante Pauline? -- Mit raschem Entschlusse trat er in
ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein
Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen,
den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand
auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich
durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte
mit schnellen Schritten hinaus -- das Gesicht weiß, doch mit unheimlich
flimmerndem Blick.
Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden
Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die
Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon
durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen,
nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter.
Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das
Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen
wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.
Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf
dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und
Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die
Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab.
Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute
sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der
Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ...
Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den
Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich
auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an
und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten
plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die
Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer
Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste
und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter
bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die
Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung
verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht.
Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte
von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu
vernehmen. Die Quelle war still geworden.
Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper
flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz
hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um
ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der
Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...
Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein
purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der
große Pan reckte und streckte sich -- die Natur erwachte.
Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise
wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und
sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern
zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie
vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte
töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen -- sie wurde wieder
lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den
Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem
der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie
wiederum fangen und ihren Segen entehren würden.
Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu
füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf
dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken
bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot
seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage
entgegen ...
Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken
Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte,
Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl
empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war
wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in
freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.
_Ende._
Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt
auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9
und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine
Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#
Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the printed
edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of
publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below
lists all corrections applied to the original text.
The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua: #text in Antiqua font#
S. 15: [extra quotes] frage gar nichts!« Her mit dem Rock!
S. 17: ein gemachter Mann war uud -> und
S. 46: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts -> Ölporträts
S. 52: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.
S. 54: verrriet sich sogar -> verriet
S. 79: Vietz mit se nem Geiger -> seinem
S. 79: stob unter erneutem Geheul auseiander -> auseinander
S. 89: Das war ein herrlicher Neujahrtstag -> Neujahrstag
S. 109: hat es stark geschneit -> hatte
S. 128ff: [normalized] Woydczynska -> Woydczinska
S. 137: Notwendigkeit einer Aussöhnnng -> Aussöhnung
S. 148: noch ein par Jahre warten -> paar
S. 177: Auguste nickte -> August
S. 259: den Sonnenstahlen wehrte -> Sonnenstrahlen
S. 274: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater
S. 304: [normalized] und dann die Abschiedstunde -> Abschiedsstunde
S. 309: Uber die Wiesenlichtung -> Über
S. 246ff: [normalized] Grödicke -> Grödecke