Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafür
hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden
Augenblick drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische Stimmung lag über
der Natur.
Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte schon das Feuer. Der Baron
saß in seinem großen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und
rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm
nicht.
»Hast schlecht geschlafen, Hedda -- he?« fragte er.
»Ja, Papa -- der Sturm war arg --«
»War arg, hast recht -- ich konnte auch keine Ruhe finden. Und heute
früh um sechs Uhr ging schon wieder das Hämmern und Pumpen und Schnauben
in der Brauerei los. Auf das Wetter scheint der Halunke, der Möller,
keine Rücksichten zu nehmen.«
»Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach sein. Die Arbeiter haben
einen schweren Stand. Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das
Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült worden.«
Der Baron lachte höhnisch auf.
»Gute Vorbedeutung -- haha! Aber ich habe mir vorgenommen, ich will mich
nicht mehr ärgern. Mögen sie bauen, was sie wollen! -- Erzähle von
gestern, Hedda!«
Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann wandte sie sich, wie unter
der Eingebung eines raschen Entschlusses, an ihren Vater.
»Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen wollen, Papa,«
sagte sie, mit ihren Fingern in nervösem Spiel ein Stück Brot
zerkrümelnd, »weil ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung gönnen
wollte. Aber es muß doch einmal gesagt sein. Axel hat mir bei
Gelegenheit meines Besuches in Döbbernitz einen Antrag gemacht.«
Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand. Aber er ärgerte sich über
sein Erstaunen und tat kaltblütig.
»Also doch,« antwortete er. »Ich sah es eigentlich kommen.« Dann schaute
er Hedda abwartend an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig mit
der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller klirrten. »Na und?! Herr
des Himmels, so sprich doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du --
hast du ja gesagt?«
»Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin über Nacht zu dem
Entschluß gekommen, ihm keinen Korb zu geben.«
Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. Hellstern hatte sich erheben
wollen, doch fiel er wieder schwer in seinen Sessel zurück.
»Komm her,« rief er, »ich alter Elefant kann mich kaum noch rühren! Aber
ich muß dich umarmen! Meine Hedda -- mein Liebling!«
Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf Stirn und Haar und
streichelte ihre Wangen. Die Tränen rannen ihm in den struppigen Bart.
Auch sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm seine Hand und
führte sie an ihre Lippen.
»O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt hätte!« stammelte er.
Und dann wurde er ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, wie
sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er fragte Hedda nach allen
Einzelheiten. Sie erzählte in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob
sie einen Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er war an ihre
»ruhige Vernunft« gewöhnt. Er war glückselig. Über sein altes Gesicht
blitzte und leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam noch
einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! Konnte er sich für seine
Einzige ein besseres Los wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein
Ehrenmann und ein Prachtmensch -- im übrigen schien er ja auch wieder
gesund geworden zu sein. Und dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche
Sitz, die unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten auf den Tisch.
»Wir müssen Axel Nachricht geben,« sagte er. »Ich selbst werde ihm
schreiben -- das scheint mir das richtigste zu sein. Ich schreibe in
deinem Namen und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn zum
Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?«
»Karbonade und Rotkraut,« antwortete Hedda. Unwillkürlich mußte sie
lächeln. »Das wird Axel ziemlich gleichgültig sein.«
»Glaub' ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem -- zur Feier des Tages
müssen wir das Menü ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den Tisch
bringst. August soll anspannen und meinen Brief nach Döbbernitz
bringen.« Er rührte gewaltig die Klingel.
August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen der Lampen und wischte sich
die öligen Finger an der Schürze ab.
Der Baron schmunzelte.
»August,« sagte er, »ich wünsche, daß du heute nicht dein gewöhnliches
dummes Gesicht machst. Und weißt du, warum ich dies wünsche?«
»Nein, Herr Baron,« antwortete August und schüttelte heftig den Kopf.
»Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil heute ein Fest- und Ehrentag
für den Baronshof ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen
Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein hat sich mit dem Herrn
Baron Axel von Hellstjern auf Döbbernitz verlobt.«
»Mit unserm Vetter aus Schweden!?« jubelte August auf. Und dann
rubbelte er sich wirklich mit dem Handrücken den Mund ab und näherte
sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich und wollte ihr in
wohlgefügten Worten gratulieren, denn es schien ihm passend, sich bei
dieser Gelegenheit als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda kam ihm
zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die Hand.
»Schon gut, mein alter August,« sagte sie, »ich weiß, wie du es meinst,
und danke dir von Herzen. Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in
das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, einen Brief nach
Döbbernitz zu bringen.«
Aber August war das Herz viel zu voll, um sich schweigend verhalten zu
können. Während er Hellstern unter dem Arm packte und nach der
Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.
»Das hab' ich gewußt, Herr Baron,« sagte er, »so gewiß vier mal vier
sechzehn ist -- das hab' ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich
damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier war, da hat er das
gnäd'ge Fräulein immer so angesehen, und da hab' ich schon mit Gusten
drüber gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr Baron.«
»Auch noch,« brummte Hellstern; »ich werd' in die Küche gehen.... Knuff
mich nicht so in den Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen
umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!«
»Fährst? Soll ich denn fahren?«
»Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr. Und in Döbbernitz
wartest du auf Antwort. Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt
zu werden, das mit der Verlobung.«
»Gott bewahre! Ich weiß schon -- erst wenn das Offiziellum da ist.«
Aber noch vor dem »Offiziellum« wußte man im Souterrain bereits von der
Verlobung. Zuerst gratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei in
einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse Gesicht Dörthes und ihr
verändertes Wesen waren Hedda bereits aufgefallen.
»Aber Kind,« rief sie, »was hast du denn eigentlich?! Ich kenne dich gar
nicht wieder. Wo sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen
Augen?!«
Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und weinte noch immer; sie war
in eine Ecke der Küche getreten und machte sich am Wasserzuber zu
schaffen. An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:
»Ach Gott, gnäd'ges Fräulein, das arme Ding! Ihr Fritze hat sie sitzen
lassen. Die Verlobung ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten
Möllers dran schuld -- und der Albert, das ist ein Kerl!«
Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme. Das
arme Mädchen tat ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und sagte
ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine war nicht zu beruhigen.
»Ich überleb's nicht, gnädiges Fräulein,« jammerte sie; »er will eine
andre heiraten -- eine Reiche aus Frankfurt --, und das überleb' ich
nicht.«
Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete Hedda auf ihren Verlobten.
Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er war auf seinem Bau gewesen
und hatte August vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte August
den Mund nicht halten können. Dem Pastor konnte man es doch immerhin
sagen -- so einem alten Freunde des Hauses.
Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses Heddas zu verstehen.
Seelische Gründe sprachen dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder
Erinnerung an die Vergangenheit brechen.
Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächst allein traf. In ruhigem und
liebevollem Tone sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach ihrem
Dankwort ihren unruhig fragenden Blick bemerkte, zog er sie neben sich
auf das Sofa.
»Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt, Hedda,« begann er von
neuem, »und da mir daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich noch
einmal den Namen dessen nennen, der auch für mich tot sein sollte. Es
kam zu einer schlimmen Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht
mit starken Worten gespart, und -- nun, er gab sie mir zurück. Aber er
nahm das Geld; heut ist er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat
ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze geholfen. Er will
nach Amerika.«
Hedda atmete auf.
»Gottlob, er ist in Sicherheit,« sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an
die Brust des alten Freundes.
Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich über ihr Haar.
»Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,« antwortete er. »Sie haben
sich frei gemacht und alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte
Liebe band. Aber -- Sie haben eine neue Verantwortung übernommen. Werden
Sie ihr gerecht!«
»Herr Pastor,« entgegnete Hedda fest, »was ich tat, geschah nach
reiflicher Überlegung. Ich habe lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte
nicht an der Erinnerung zu Grunde gehen -- und ich wollte auch etwas
Gutes tun. Ich lechzte nach einer Guttat, denn ich fühlte mich
erniedrigt und von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie das
möglich gewesen -- es war so! Ich empfand jenes Schande wie eine eigne.
Und so kam ich zu meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen
glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen Axel noch nicht. Er ist
vornehm und edel. Sie selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichen
haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich ihm geben.«
Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas Haupt.
»Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,« sagte er.
* * * * *
Axel kam mit seinem neuen Viererzug von Döbbernitz, Kutscher und Diener
in großer Livree, er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe es
auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem Wesen, der Feierlichkeit des
Tages auch nach außen hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an der
Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort seine schöne
Korrektheit, und er wurde bewegt und gerührt. Das Wasser schoß ihm in
die Augen, als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte kaum zu
sprechen, drückte sie an sein Herz und fühlte wohl, wie sie zitterte.
Und dann fiel der Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit der
ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit, so daß es dem
schmächtigen Axel Mühe kostete, unter diesen bärenhaften Liebkosungen
nicht zusammenzubrechen.
Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung war bald überwunden. Man
ging zu Tisch, und ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde
auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich der Geburtstag
Axels. Hedda meinte, da müsse sie sich mit der Herstellung der
Ausstattung beeilen; es war dies noch ein schwieriger Punkt, da
Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach Berlin zu
begleiten. Schließlich wurde verabredet, Tante Jutta zu benachrichtigen.
Dort sollte sich Hedda für ein paar Tage einquartieren und die
Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. Wenigstens das
Nötigste; das übrige sollte während der Hochzeitsreise in Paris besorgt
werden, denn Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der weiblichen
Ausstattung, die man nur in Paris kaufen könne. Er war sehr aufgeräumt
und trank sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von dem
vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er wurde nicht müde, Pläne zu
schmieden. Die Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem deutschen
Winter zu entgehen; man wollte über Paris nach der Riviera und
Süditalien, vielleicht bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht,
und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, ihr die tausend
Schönheiten Italiens zeigen zu können. Und dann, im nächsten Sommer,
mache man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem Norden -- nach
Jarlsberg, dem alten Stammschloß der Familie, das auch seine Reize habe
-- die Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze wildromantische
Umgebung. Aber vor allen Dingen: wie behaglich wollte man es sich auf
Döbbernitz einzurichten suchen und mit welcher Lust an die Arbeit gehen,
diesen hübschen Besitz wieder in die Höhe zu bringen! Bei diesem
Gedanken wurde auch Hedda lebhaft. Ach ja -- nach Arbeit, die ihres
Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade eine große Wirtschaft
lockte sie doppelt ...
Während des Kaffees hörte man einen Wagen vor die Rampe rollen. Landrat
von Wessels ließ sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern auf
ein paar Minuten sprechen zu dürfen.
Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte denn der Landrat bei
ihm, der längst alle Beziehungen zu der Umgebung abgebrochen hatte?
Wessels wurde in den sogenannten Salon geführt, indes Hedda und Axel
noch im Eßzimmer verblieben.
Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, seinen Stuhl dicht neben
den ihren zu rücken, liebkosend ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen
zu führen.
»Meine Hedda,« sagte er weich, »wie glücklich machst du mich. Ich habe
einen bösen Tag und eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch
und zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch keine so schnelle
Antwort erwartet. Und als nun heute vormittag euer August mit dem Briefe
des Onkels kam -- Hedda, da ist für fünf Minuten meine ganze
Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen, denn da bin ich meinem
Kammerdiener -- auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter Mensch,
der mich von Kindesbeinen an kennt --, denke dir, dem bin ich vor
unbändiger Freude um den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht
vorgekommen und deshalb wußte er auch gleich Bescheid. Wer sich so
närrisch gebärdet, der muß unglaublich verliebt sein. Na -- und -- das
bin ich allerdings -- und paß auf, Hedda, du wirst mich auch noch
liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!« Und abermals küßte er ihre Hand.
Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß er keine stürmische
Leidenschaft von ihr forderte, sondern in heiterem Ton und trotz aller
Verliebtheit mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins der
Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen zu ihr sprach,
beruhigte sie sichtlich.
Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in ihrer Hand.
»Lieber Axel,« entgegnete sie, »wüßte ich nicht, daß ich dir von Herzen
gut bin, dann würde sich jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die
Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen treten ahnungslos in die
Ehe, sie kennen den, dem sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich
nur aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in ihnen beruht auf
Vertrauen und seliger Hoffnung, und wie oft werden sie getäuscht! Sie
glauben zu lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: an
treuer und inniger Freundschaft. Und sieh -- gerade weil ich so viel
Freundschaft für dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine gute
Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden und Sorgen -- ein Stück
deiner selbst.«
Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört.
»Was will ich mehr!« sagte er in leisem Jubel. »Ich danke dir, Hedda,
ich danke dir! Was bot mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur
für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. Das ist kein Lob für
mich, weil ich im Egoismus nichts als die schalste Langweiligkeit
gefunden habe. Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst denken
und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht man nicht tausendmal
freudiger an sein Tagewerk, wenn man weiß, für wen man schafft und tätig
ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! Tagewerk -- das klingt
mir wie übertrieben. Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. Man
hat mich immer auf recht bequeme Posten gestellt, -- ein bißchen
Repräsentieren war alles. Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die
Arbeit. Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob ich jährlich
ein paar tausend Taler mehr oder weniger ausgebe, ich habe ja auch für
dich zu sorgen und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit
unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht eigentlich erst
Lebenskraft -- ich möchte sagen, es macht mich erst zum Manne.«
Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches Sprechen. Der Alte
sah erregt aus und hatte einen roten Kopf.
»Ärger gehabt, Papa?« fragte Hedda.
»Ja -- allerdings,« und der Baron nickte und winkte zugleich August, an
dessen Arm er eingetreten war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ er
sich in seinen großen Stuhl fallen. »Es wird euch auch interessieren --
es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin
würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch geschehen. Und nun das
Schlimmste dazu: die Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat
Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und nach Berlin schaffen
zu lassen.«
»Aber mein Gott -- weshalb?« warf Axel ein.
Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte ihm nicht von der Zunge.
»Eines -- eines infamen Bubenstreichs wegen,« sagte er endlich. »O --
auch in unsern Reihen gibt es räudige Schafe, gibt es --«
Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß geworden, und ihr
brennendes Auge hing an den Lippen des Vaters.
»Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, Hedda!« schrie Hellstern,
die Verfärbung des Mädchens falsch deutend. »Immer noch leiteten dich
verwandtschaftliche Gefühle -- aber man zerreißt die Bande des Bluts,
wenn man es mit einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß er uns nun
für immer fern bleiben möge.«
Eine kurze Pause entstand, und dann fragte Hedda tonlos: »Also er ist --
wieder -- fort?«
»Ja -- mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon
immer in Seelen herum, und man munkelte längst allerlei. Nun ist er mit
der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte es mir. Vergangene Nacht
haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts
mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hübsche
Hypothek auf Seelen --«
Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl
geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich
bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre Schwäche ankämpfend.
Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne
aufeinander, um nicht aufschreien zu müssen.
An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch
Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf
Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.
»Hedda,« rief er, »du hast diesen Menschen -- diesen Menschen
geliebt?!« Er achtete nicht auf die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm
durchtobte seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut von Anklagen traf
Hedda. »Ich sehe jetzt klar -- ganz klar,« fuhr er mit heiserem
Auflachen fort; »ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so warm
verteidigtest, -- war ich denn blind, daß ich nicht in der Seele meines
eignen Kindes lesen konnte?! Axel -- tritt neben mich -- laß sie los! Es
geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter nennst, ehe sie uns
Erklärungen gegeben hat.«
Hedda selbst machte sich frei aus den Armen Axels. Sie hatte ihre Ruhe
und die Klarheit des Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser
Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck ihres Gesichts auch war
-- es lag zugleich etwas wie das frohe Glück endlicher Erlösung auf
ihren Zügen.
»Ich leugne nicht, Vater,« sagte sie. »Ja, ich habe Klaus geliebt, und
aus Furcht vor deiner Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den
Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich gelitten habe unter dieser
Liebe, und wie ich zu kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung
durchzuringen vermochte -- das erlaß mir, zu schildern -- du würdest
mich doch nicht verstehen. Daß ich mich nie an einen Ehrlosen hängen
würde, wußtest auch du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als ich
ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du sowohl wie der Pastor, ihr
ahntet schon längst, was ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in
dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit zu sagen. Und
vielleicht hätte ich euch auch dann noch nicht geglaubt; erst sein
eigner Mund mußte mir beichten.«
Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und gleichmäßiger sprechend, an
Axel.
»Das ist gestern geschehen,« fuhr sie fort. »Als ich von Döbbernitz
heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei
schon in weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu dieser
letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig war. Ich weiß auch jetzt
noch nicht, ob es unrecht war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung
von dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, Axel. Aber das
weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher Kraft dazu trieb, dir mein
Jawort zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke ein eignes zu
schaffen und vergessen zu lernen. Ich sehnte mich nach einem treuen und
guten Herzen und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen und
voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen und fühle mich wie --
beschmutzt. Habe ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir -- und
laß mich frei.«
Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er wieder an ihre Seite und
nahm ihre Hände.
»Nein, Hedda,« sagte er, »du bist mein, und ich gebe dich nicht mehr
frei. Weniger jetzt denn je, da ich dein armes Herz zu heilen habe und
du eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht nur dein Bräutigam,
Hedda -- ich gebe dir auch deine Freundschaft vieltausendfach zurück.
Glaube an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!«
Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an sich. Da ertönte ein dumpfer
Fall, und entsetzt schrie Hedda auf.
Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater zu Boden geschmettert. Er
stürzte um wie ein Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und blieb
regungslos liegen.