Er sprang ihr nach. »Hedda,« keuchte er, »kein Abschiedswort, kein --«

Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja -- jetzt kam wieder Leben in

das tote Auge; es sprühte und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch

und groß stand sie vor ihm.

»Nein,« antwortete sie hart. »Kein Abschiedswort! Daß du den großen

Namen deines Vaters entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du

deine Liebe niedertratst -- alles hätte ich dir verzeihen können. Denn

meine Liebe ist stärker als deine. Aber für den Schuft, der um feiles

Geld sein Vaterland verrät --«

Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und

da sprach sie nicht weiter. Sie ging.

Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, daß sein Blick ihr noch

folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der

See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend

und nur mit Mühe schleppte sie sich vorwärts. Und der Herbststurm

brauste stärker durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.

* * * * *

Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah.

Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der

bittere Zug in ihrem Gesicht.

»Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Pastor,« begann Hedda, dankend

den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte.

»Sie ist schon gewährt, liebes Kind -- wenn nämlich ihre Erfüllung in

meiner Macht steht.«

»Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere Kapitalien liegen, Sie

bedürfen ihrer für Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen?

Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht

erhalte, würde ich auf das Auschloß gehen.«

Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war das einzige, was er nicht

erwartet hatte.

»Allerdings,« erwiderte er, »ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es

Ihnen auch, aber ich muß Ihnen gestehen --«

Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm entgegen und erfaßte seine

Arme. Sie lag fast an seiner Brust.

»Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!« rief sie, während ihr ganzer

Körper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz

hing. »Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen

mein Wort -- ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in drei, vier Monaten

zurückerstatte -- vielleicht schon früher --«

Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit

auf die Stirn.

»Mein liebes Herz -- was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar

tausend Mark!« sagte er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren

Scheitel. »Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, daß Sie es

erbitten -- und sicher doch nicht für sich selbst --«

Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er

schaute Hedda forschend in die Augen.

»Hedda -- ist Klaus wieder zurück?«

Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und trat zurück.

»Dann keinen Pfennig,« sagte er rauh. »Ihm nichts mehr -- nichts!« Und

plötzlich strömte wieder seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in

allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein

Herz. »Hedda,« rief er, »wie konnten Sie vergessen, was Sie mir

versprochen hatten -- schon vor zwei Jahren --, dieser Ihrer unwürdigen

Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, denn Klaus ist schlimmer

gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines

verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten

und habe gewußt, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern

und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die

Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur

Unwichtiges und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so

erstaunt darüber als ich, -- und als dann Klaus auf einmal, mitten im

Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld

wieder heimzukehren, da dämmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden

auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen

sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines

Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!«

Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem

Kopfe.

»Er hat es,« erwiderte sie dumpf. »Er hat es mir selbst anvertraut --

und ich soll ihm über die Grenze helfen.«

Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken.

Der Pastor überflog es. »Er fürchtet, daß man seine Schande entdeckt

habe?«

»Er sagt, man verfolge ihn bereits.«

Eycken pfiff durch die Zähne. »Und wer soll ihm das Geld bringen und

wohin?«

»Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jägerhaus -- unten, in der

Döbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem

Vater früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst

hinausschleichen zum Jägerhaus -- wen sollte ich denn schicken, ohne daß

es aufgefallen wäre?!«

Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. »Gehen Sie nach Hause, Hedda,«

sagte er. »Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen -- nie wieder!

Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in Ihnen lebt --, er ist

fürderhin tot für Sie!«

Hedda sank an des Greises Brust. »Für ewig,« schluchzte sie, »ich weiß

es --, aber beweinen kann man doch seine Toten!«

»Ja, Hedda -- weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden -- Sie

werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit

Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen

überwinden helfen!«

Er drängte sie sanft zur Tür.

»Ich will mich beeilen. Ich geh' selbst zum Jägerhause und werde Klaus

das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes

Wort von mir hören« -- er hob dräuend die Rechte und reckte sich -- »als

Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will

ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!«

Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm

das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von

der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach

länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war.

Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und

eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus

bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn

verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht,

wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die

Frage auf: Wär' es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem

Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den

Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten?

Freilich -- vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur

eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge -- selbst

seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich

aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so

erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der

reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt,

sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige

Wellen ihn höher und höher umschlugen?

Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei

machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben,

als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und

Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der

Erniedrigung, das in ihr aufquoll? -- Die stille Vornehmheit seines

Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins.

Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der

Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann

glücklich zu machen.

Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind

durch den Park und fauchte und heulte -- fauchte und heulte auch um das

verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer Schlucht, in dem sich

zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten

Gesichtern gegenüberstanden.

Aus tiefem Schacht · 第 23 / 27 题