Zwölftes Kapitel

Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel

besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumüller, der sich das Trinken

angewöhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder

einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt

und war in eine Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und

die man am Abend vorher unglücklicherweise vergessen hatte mit Brettern

zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der

Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte

ihn auch schon beim Sturze ein Schlagfluß getroffen.

Für Hellstern war der arme Braumüller ein »neues Opfer der Kulturmission

von Oberlemmingen«. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die

logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den

Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich

herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen;

aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte

sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht

anheimzufallen.

Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit

einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die

bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das

unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger

Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf

seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück

und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter

Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts.

Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als

das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater

übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den

Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden

reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein

kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? -- Thielemann, der

Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war

er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung.

Das war _auch_ ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht

dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit

Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank?

Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der

revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen.

Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum

verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise -- mit dem

gewonnenen Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften

die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als

einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze

Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen.

Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und

wurden »Unternehmer«. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers

ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach

das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats

zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte,

wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von

allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten

sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben.

Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu

übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine

des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein

schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein

Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die

größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend

wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte,

was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner

geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine

prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab,

sondern nur noch »Gäste«, die das Tal überströmten und Gold in Massen

zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den

Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er

spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof

sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der

Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine

Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen

sollten ihn forttreiben.

Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der

Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine

Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei

hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm

zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines

Tages traf Hagen auf dem Auberge ein -- unerbeten und unerwartet -- und

brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.

Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und

das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war

auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon

beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten

Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß

sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein

und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu

den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette

mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich

liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und

wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle

hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor

Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre

Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war

der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien

weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache

Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets

aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.

»Es ist nichts zu machen,« sagte die Rätin sanft; »Hagen bleibt fest.

Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?«

»Trotzdem ist es schrecklich,« antwortete Schellheim grollend.

»Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht

Straßenbahnschaffner!« ...

Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem

Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der

Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen

Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin

fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit

ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester

übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der

Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen

bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...

Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle

aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu

können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden

Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr

bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres

Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes;

der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof

die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?

Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen

worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim

verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen

wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten

gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr

auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn.

Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht

hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht,

dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch

ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen

er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.

An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen.

Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte

auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter

Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda.

Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer

Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und

Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den

Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das

Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei

der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder

ein -- aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach

Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse

gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen

Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen;

Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und »in bester

Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen aus #vieux Saxe#«.

Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er

sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja --

wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle

Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde

anvertraut haben!

So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie

kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie

sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren

Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen.

Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes

Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm

anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die

Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden

Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen

Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der

Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im

glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den

Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches

Dämmerlicht herrschte -- im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und

der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich

zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald

melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn

durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre

Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...

Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück -- da sah man Döbbernitz

liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische

und die schwedische -- »dir zu Ehren, Hedda,« sagte Axel und nahm den

Hut ab.

Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es

beschwerte etwas ihr Herz -- sie wußte selbst nicht so recht, was es

war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an

ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten,

er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für

sie ...

Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. Diener sprangen

herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem

Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder

Ordnung und Reichtum herrschten.

Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der

Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber

Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und

Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen

Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein

gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen.

Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda

unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich

auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und

entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht

war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen

kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm

hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und

Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen

seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die

gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz

geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da

zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden

war.... »Ich habe sonst keinerlei Passionen,« sagte Axel, »wirklich gar

keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel,

Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde

behaupten immer, ich hätte den 'kunstgewerblichen Pips' -- das sei eine

ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf

mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir

eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so

ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken

sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und

Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und

wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda« -- und Axel

blieb stehen --, »fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an

meiner Sprache?«

Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter

herzlichem Lachen.

»Ach ja -- das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat

dich das gelehrt?!«

»Auch mein Sekretär -- das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden

Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr

unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du,

das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der

Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher -- nicht wahr?«

Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen Chorstühle waren

florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in

Venedig abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos paßten sie

mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen

ausgezeichnet in den großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster

hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus

geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An

einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, auf dem

ein paar köstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf

Stühlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt

werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stücke von

Meßgewändern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin

war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen

übereinandergeschichtet worden, daneben häufte sich ein Wirrwarr alter

Seidenfransen, Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den

meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft

worden und sollten Verwendung finden.

Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich

Spaß, Hedda seine Schätze zu zeigen; er wußte auch gut Bescheid,

erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte,

erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgeräumt.

Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern.

»Du sollst dich ausruhen,« sagte Axel, »aber in deinen Zimmern. Ich

schrieb es dir ja; ich habe für dich und den Onkel ein paar Räume

einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin

froh, daß ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.«

Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden Flügel. Dort lagen

die vier Gemächer seiner »Ehrengäste«, wie er sich ausdrückte: ein

Empiresalon mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, und ein Wohn- und

Schlafzimmer für den Onkel.

Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschöne alte

Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war -- die Sessel aus

Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, der

Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen

Alabastersäulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die

Vitrinen und schön gestickten Paravents -- all dies entzückte sie nicht

so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der

Blumenflor, der sich vor ihr auftat. Überall standen in Vasen und

Gläsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese

Blütenfülle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit

gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer

großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen; aus einer Vase von

Meißener Porzellan blühte es flammend rot empor, aus einer andern

burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz

weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft.

Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hände über der

Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte.

»O wie schön -- wie schön!« sagte sie flüsternd.

Er lächelte glücklich.

»Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude bereiten konnte,«

antwortete er. »Das Zimmer kam mir noch so kahl vor -- so unbewohnt --,

und ich weiß, du liebst die Rosen ...«

Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie

weich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.

»Lieber Axel« -- und nochmals wiederholte sie: »Lieber Axel!«

Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche

Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen

und bedeckte ihre Hände mit Küssen.

»Hedda,« stammelte er, »sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich

erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um -- alles sei dein! Es sind nur

irdische Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte

meine Heimat werden, doch ich fühle es, ich habe keine ohne dich. Woran

lag es, daß ich so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz liebeleer

war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und -- o Gott, wie war es öde

und frostig! Ja, Hedda -- jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden

und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine

Liebe wird mir die Heimat schaffen!«

Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf,

umschlang sie und führte sie an den nächsten Sessel.

»Ich war stürmisch,« fuhr er fort, »vergib mir! Ich wollte noch warten

und langsam um dich werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu

gewinnen suchen, aber -- es kam so plötzlich über mich, als du mich

'lieber Axel' nanntest! Und es ist auch ganz gut -- ich hatte Furcht vor

dieser Stunde --, ja, ich gestehe es -- nun hab' ich es hinter mir.« ...

Er setzte sich zu ihren Füßen.... »Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst

prüfen und überlegen --, ich will keine Antwort von heute zu morgen....

Ich kann ja auch nicht verlangen, daß du mich so liebst wie ich dich --

aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du

mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander,

Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht

auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und

Blüte zu bringen?«

Er sprach noch weiter. Es mußte alles von seinem Herzen, was er an

Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah,

wie dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten,

seine guten und treuen Augen erstrahlen ließ, wie es gleich

Frühlingssonnenschein über sein hübsches und vornehmes, schmales Gesicht

flutete. Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete schwer.

»Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit gibst,« antwortete sie. »Ich

bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und -- und -- die Rosen

duften so stark ...«

Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und riß dann ein Fenster auf.

Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes --

eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grüne

Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darüber hinweg

sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung war in

vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herüber erscholl der Lärm der Arbeit.

O ja -- das alles lockte!

* * * * *

Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie

nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich

vor dieser Fahrt durch den Wald -- zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um

zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können.

Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon

bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen,

als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst

Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte --

ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie

Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig

in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er

hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine

Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr

geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er

verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische

Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren?

Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der »Fron« für

ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte?

Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den

Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an

der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von

seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne

des Worts. Und ganz zweifellos -- auch sein Reichtum sprach mit ...

Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht

täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine

ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen

-- warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?

Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller

Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage

stand: »An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen«, so

glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in

die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.

Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie

erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose

Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert

auseinander.

»Ich muß dich sprechen,« schrieb Klaus, »es handelt sich um meine

Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten

Stelle am See. K.«

Um fünf Uhr -- da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen

Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt

sei; sein Leben stand auf dem Spiel -- was gab es da noch zu überlegen!

In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf

Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich

sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf

ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort

kommen konnte, war sie schon fort.

Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es

fehlten nur noch zehn Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts --

gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und

rauschte im Gezweige. Große Massen falber Blätter rieselten auf sie

herab. Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über den Weg.

Gottlob -- da war der See! Blaugrau, mit Gischt übergossen und stark

bewegt, tauchte er zwischen den Stämmen auf. Und da war auch Klaus!

Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es

Hedda auf, daß sich sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande

befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwüstet; tiefe

Schattenringe umgaben die Augen.

Er stürzte ihr entgegen.

»O Hedda -- Gott sei gelobt!«

Er haschte nach ihren Händen und wollte sie küssen, doch sie entzog sie

ihm. Es stürmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe

heucheln.

»Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?«

»Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrücktheit. Ich

hätte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte

dich noch einmal sehen --, noch einmal -- das letzte Mal -- ich verging

fast vor Sehnsucht!«

»Klaus -- warum lügst du?«

Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. Alle Nerven in

ihm schienen bis zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in

seinem Gesicht, seine Hände flogen.

»Lügen -- nein, ich lüge nicht,« stieß er hervor. »Ich -- ich muß auch

wahr sein! Also ich kehrte zurück --, die Torheit ist einmal geschehen.

Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß -- daß ich verfolgt

werde -- daß man mich sucht --«

Hedda starrte ihn mit großen Augen an.

»Verfolgt -- aber von wem?«

»Von den Behörden ...« Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt

sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit

unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... »Hedda, ich habe mich zu

einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe

mich -- aber rette mich -- hilf mir!« ... Und stöhnend brachte er die

furchtbare Selbstanklage heraus: »Ich habe die hinterlassenen Papiere

meines Vaters nach dem Auslande verkauft.«

Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das

Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten

Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß

sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie

nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die

wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine

ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den

Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden

zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten

ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...

O Schmach -- Schmach!

Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann.

Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner

Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu

vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich

zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl

heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf,

und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig

bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer

Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und

zerpflückte sie.

Und dann brachte sie mühselig hervor: »Ich will nicht rechten mit dir.

Wie kann ich dir helfen?«

Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer

Atemzug seine Brust.

»Ich muß morgen über die Grenze sein,« sagte er schnell und halblaut,

als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. »Aber ich habe kein Geld.

Ich habe verdammtes Pech gehabt -- da unten. Geh zu Schellheim und laß

dir ein paar tausend Mark für mich geben -- fünf, sechs genügen --, er

wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem

alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis

Mitternacht.«

Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem

Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.

»Gut,« sagte sie tonlos, »du erhältst das Geld.« Und ohne Lebewohl

wandte sie sich um und ging.

Aus tiefem Schacht · 第 22 / 27 题