Die verschiedenfachen »liebe Dörthe« hatte der Schreiber aus eigner
Machtvollkommenheit eingefügt. Gern hätte er am Schlusse gesagt: »Dein
Dich immer noch lieb habender Fritz« --; aber Albert schaute ihm auf die
Finger, auf denen die ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen
hinterließ.
Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man wußte, daß Dörthe
allabendlich ihren Vater besuchte, und wollte auf dem Baronshof keinen
Skandal erregen.
Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief abgegeben wurde. Tante
Pauline nahm ihn in Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann holte
sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte sich damit an das Fenster,
durch das der letzte Schein des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig,
was das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.
Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug beiseite, reinigte
den Hobel, mit dem er hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen.
Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als es an die
Fensterscheiben klopfte und die fröhliche Stimme Dörthes ihm zurief:
»Feierabend machen, Vater!«
Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall ihrer Pantoffeln auf den
Steinen des Hausflurs und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die
Wohnstube.
Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie da nicht jemand?
Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang trennte die Werkstatt von
der Wohnstube, in der Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte.
Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit den Armen umschlungen.
Schweigend deutete Tante Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres
Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen.
»Lies mal,« sagte sie; »vor fünfundvierzig Jahren -- da hat mich der
alte Möller grad' so sitzen lassen.«
Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen und zerschmettert,
trat Klempt unter die Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht
sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.
Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. Golddurchflimmerte
Dämmergewebe umspannen das Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen
in duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine Nebel auf,
streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste
und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im Nebel, in
einem wogenden, milchigen Meer.
»Wegen der Quelle!«
Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen
Mann wütend machte, ballte Klempt die Hände und erhob sie drohend und
schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees, in dem der
Kurpark versank: »Verfluchte Quelle!«