Elftes Kapitel

Der Sommer ging zur Rüste. Die Nächte wurden kalt, es herbstelte stark.

Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison zufrieden sein. Die

Reklame hatte gewirkt. Allerdings waren in ärztlichen Kreisen auch

einige Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des Professors Statius

und seiner Leute widersprachen, die die Analyse für inkorrekt und die

unter Posaunenschall der Welt verkündete Heilkraft der Bismarckquelle

für ziemlich unbedeutend erklärten. Man habe in unglaublichster Weise

übertrieben, so äußerten sich jene Stimmen; man habe aus einer Mücke

einen Elefanten gemacht. Das Wässerchen habe seine Vorzüge -- gewiß,

aber es sei mit den Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in

einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der unparlamentarische

Ausdruck »Mumpitz«.

Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur gewartet zu haben. Sofort

wurde der Schlachtplan für den Reklamefeldzug während des Winters

entworfen. Wieder flatterten viele Tausende von Broschüren über die

Lande. Flugblätter verkündeten auch der Laienwelt die Entgegnung des

Professors Statius. Die großen Zeitungen wurden mit Inseraten

überschüttet und lobten dafür im redaktionellen Teil das märkische Bad;

Postkarten mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den Handel;

Schellheim ließ eine »Bismarckquellen-Polka« komponieren und auf den

Musikmarkt bringen, und eine Novelle: »Die Großbäuerin von

Oberlemmingen«, wurde sämtlichen Kreisblättern zum freien Abdruck zur

Verfügung gestellt. Das war eine rührsame Dorfgeschichte, die den

Verfasser der ersten Broschüre zum Autor hatte, und in der natürlich

auch die Quelle eine Rolle spielte. So sollte den ganzen Winter

hindurch das Tamtam gerührt werden.

Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte Tätigkeit. Anfänglich

hatte er die Sache mit dem neuen Bade gewissermaßen nur als

Unterhaltung, als Abwechslung in die Hand genommen. Aber sein Interesse

wuchs, je mehr Kapitalien er dem Unternehmen opferte. Albert Möller und

er betrachteten sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen. Jeder von

ihnen hatte das Empfinden, als warte der andre nur auf den geeigneten

Augenblick, ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand in Hand und waren

doch Todfeinde. Und dabei wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht

auskommen konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet oder wie die

zänkischen Weiber, die man im Mittelalter mit Hals und Händen in die

»Geige« spannte.

Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser Zeit mehr als je nach

zerstreuender Arbeit. Hagen machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle

Junge hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der Leitung der

Firma zurückzutreten und sich auf sein Pflichtteil setzen zu lassen,

aber von seiner Liebe zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn

nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. Der Rat fuhr nach

Berlin, Hagen selbst ins Gebet zu nehmen. Doch der blieb fest; alle

Gründe, die sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht führte,

fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß sich Schellheim zu

brutaleren Mitteln. Er suchte die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war

Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen, Anna war das

fünfte von sieben Kindern. Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche

Familie sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War es denn denkbar!?

Dieser Hagen, sein ganzer Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann,

sondern auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe für

Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine Soupers -- gerade der

wollte ihm die Schande bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten!

Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz vernünftige Leute

seien. Sie wußten auf der Stelle, wohinaus er wollte, aber sie hatten

ihrer Anna nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig und

selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem Elternhause wie aus der

Fabrik genommen und in einer Pension in der Potsdamerstraße

untergebracht. Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne kleine

Persönchen war gut instruiert worden. Sie stürzte Schellheim sofort zu

Füßen, küßte seine Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in

Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim wieder ab.

Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er hatte soeben seine Manöverübung

beendet und kehrte sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu den

Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits im Druck; im Oktober

sollte sie erscheinen.

Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen gewesen war, so

interessierten ihn die Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr

entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende Gleichgültigkeit,

mit der Gunther die Heiratspläne seines Bruders aufnahm.

»Ich muß dir gestehen, Vater,« sagte er zu Schellheim, als die Rede auf

Hagen und seine blonde Liebe kam, »daß ich das Hagen eigentlich gar

nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen freut es mich, daß er sein

Herz sprechen läßt -- ah, rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im

Grunde genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur aus Neigung

heiraten; allerdings muß ich hinzufügen, daß sich _meine_

Heiratsneigungen sicher nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin

bewegen als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich eine Folge

angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt auszudrücken, das Produkt einer

gewissen soziologischen Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen, mich

in eine Anna Zell zu verlieben, und daher auch nie auf den Gedanken

verfallen, besagte Anna heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht

als Person, sondern nur als Typus aufstelle.«

»Schön,« meinte der Rat, »das bist _du_ -- aber was mache ich nun mit

dem Hagen? Muß er denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? Kann es

nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so sachte versandet und

verblutet ist? Man braucht nicht gleich an chinesischen Kastengeist und

an die Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der Ansicht sein, daß

man im Leben über bestimmte gesellschaftliche Unterschiede nicht recht

fortkommt!«

Gunther nickte. »Richtig, Papa,« antwortete er, »so hat leider auch der

Baron von Hellstern gedacht --«

Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort:

»Ach was -- das waren ganz andere Verhältnisse! Ich bitte dich, wie

kannst du das nur vergleichen?«

»Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber streiten wir nicht darüber.

Wenn Hagen fest bleibt, wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht

an, daß du wegen der Mesalliance -- man hört dies Wort übrigens gar

nicht mehr, was ich als Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch

langsam einer freieren und edleren Beurteilung des Wesens der Liebe

entgegenschreiten --, also, ich nehme nicht an, daß du Hagen wegen

seiner Herzensaffäre verstoßen und enterben wirst. Abgesehen davon, daß

er dies wahrhaftig nicht verdienen würde -- wer soll das Geschäft

weiterführen?«

»Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir unentbehrlich. Er ist eine

kaufmännische Kraft ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine -- und dann

seine glückliche Hand! Aber trotzdem -- Straßenbahnschaffner -- es ist

gräßlich!«

Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um Gunthers Lippen: »Denke

mal: wenn Hellstern sich damals ähnlich ausgedrückt hätte! --

'Hemdenfritze -- es ist gräßlich!' Pardon, Papa, -- wer viel über

Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige Gedanken. Aber bleiben

wir beim Thema! Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht

schädigen?«

»Gott bewahre -- das Geschäft hat gar nichts damit zu tun.«

»Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die Geschichte nicht allzu

sorgenvoll durch den Kopf gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen

doch noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu heftig; du

stärkst nur den Widerstand.«

Schellheim stand auf. »Ich verstehe nur nicht, daß dich die ganze Sache

so gleichgültig läßt,« sagte er. »Es handelt sich doch um deinen

Bruder!«

Auch Gunther erhob sich. »Gleichgültig ist zu viel gesagt, Papa. Meinem

innersten Empfinden nach hätte ich mir _auch_ eine andre Partie für

Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen, seinem Glück in den

Weg zu treten -- selbst wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um

ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor besuchen ...«

Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man ihm, daß der Pastor »auf

dem Bauplatze« sei. Das war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das

Kinderasyl im Entstehen war.

Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein kräftiger Wind wehte von

den Bergen herab, so daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub

abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte es zu Wirbeln zusammen,

quirlte es in langen Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es

hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger Regen herabfiel,

um dann wiederum zum Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige

Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen vom Tag vorher

aufgesogen und die Nässe des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut

trotz des rauhen Atmens der Natur.

Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften Augen umherspähend.

Die letzten Sommergäste waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen

begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl, den ein Diener vor sich

her schob, ein junges Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der

»Badekommissar«. Er war von Schellheim provisorisch angestellt worden,

ein Major a. D. mit schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem

Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther, obwohl er ihn nicht kannte, er

hielt sich für verpflichtet, jeden Fremden zu grüßen, den er traf. Im

Hause Braumüllers hatte Bertold Möller schon Einzug gehalten; aber vor

den glänzenden Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die Rouleaux.

Vom Kurpark herüber trieb der Wind das Laub in ungeheuren Massen und

häufte es in den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren dabei, den

Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre errichteten auf der Südseite des

Platzes hinter den Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude,

das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.

Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz wies Gunther den Weg. Das

Kinderhospital war bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, mit

Dachung und Ausbau noch vor Beginn der Frosttage fertig zu werden.

Eycken besuchte täglich den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk,

und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung werden zu wollen.

Selbstverständlich überschritten die Kosten schon jetzt den Anschlag,

aber Eycken machte das wenig Kummer. Er wollte nicht sparen -- für wen

auch? So stieg dieser Palast der armen Kleinen schön und stattlich in

die Höhe, mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen und Zimmern,

gewissermaßen ein Stein gewordener Protest gegen die spekulativen

Zukunftsideen, die weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen

ins Leben gerufen hatten.

Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen Augenblick stockte sein

Fuß; er war im Begriff, umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt

er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er nicht im Gegenteil dem

Zufall dankbar sein, der ihn hier mit ihr zusammenführte?

Der Pastor hatte ihn schon gesehen.

»I, ist das nicht --« und dann zog er seinen breitkrempigen

Demokratenhut und winkte mit beiden Händen grüßend zu Gunther hinüber.

Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit und Verschüchterung, mit

freundlichem Lächeln, und bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst

aber errötete und kam sich sehr linkisch vor. Selbst die Verbeugung, die

er machte, erschien ihm lächerlich.

Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu entdeckten

Faustgeschichten Gunthers ging man zu dem Kinderasyl über, für das Hedda

ein ebenso warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie war wieder

täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete ihn auf den Bauplatz, sobald

sie sich einmal von ihrem Vater frei machen konnte, der immer grämlicher

und mürrischer wurde. Er schimpfte nun auch auf Eycken; der Pastor

wollte für seine Gründung elektrisches Licht haben, und die

Badedirektion schloß sich an. Die Sache war nicht so gefährlich, da man

in unmittelbarer Nähe bei den Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur

Verfügung hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem hellen und grellen

Lichte einen förmlichen Haß entgegen. Er klagte darüber, daß er sein

liebes Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden Dämmerung sehen

würde; selbst bis in seinen Park hinein würden die weißen Lichtstrahlen

fallen. Man »vergraulte« und »verekelte« ihm geflissentlich den

Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein Zimmer überhaupt nicht mehr

verlassen würde, murrte und räsonierte stundenlang, um das arme Mädchen

dann plötzlich wieder an seine Brust zu reißen und durch einen

stürmischen Kuß zu versöhnen.

Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau. Es war wirklich nicht

gespart worden. Die ganze Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und

Gediegenheit; Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem Hauptbau

sollten sich die notwendigen Nebengebäude anschließen, dann die

Ausgestaltung des Gartens mitten in der würzigen und kräftigenden Luft

des Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der Pfarrer erläuterte

Gunther alles das mit seiner lebhaften, von der Begeisterung für das

Gute getragenen Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem schönen

Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem apostolischem Feuer, und

Eycken war auch ein Apostel -- der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.

Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte, lenkte Gunther das

Gespräch auf Döbbernitz. Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der

schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, hatte ihn mit

neuer Unruhe erfüllt. Denn noch hatte er nicht alle seine Hoffnungen

begraben. Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, die er ihr

entgegenbrachte, war die alte geblieben; er fand sie schöner als je und

sah auf ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von Vergeistigung

und träumerischem Sinnen, der ihm früher nicht aufgefallen war und sie

zu verklären schien.

Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste über Döbbernitz. Klaus von

Zernin war verschwunden; irgend jemand wollte ihn in Monte Carlo gesehen

haben. Auf Döbbernitz aber regten sich seit Wochen viele hundert

fleißige Hände. Baron Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise

noch gar nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter

Vollmacht ein Administrator, den Heddas Vater Axel empfohlen hatte. Es

war der ehemalige Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, der die

Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste kannte, voll

Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß, eine erstklassige Kraft. Und eine

solche brauchte man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete Land

wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte sozusagen von vorn anfangen,

denn auch vom Inventar war nichts zurückgeblieben; lebendes und totes,

bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon verrosteten Pflug war

verkauft oder gepfändet und verauktioniert worden.

Und während das Land von neuem beackert wurde und aus den tiefen

Furchen, die den Boden zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit

aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, trafen im Schloßhofe große

Möbelwagen ein, um zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche

Wohnlichkeit zu geben. Auch diese Einrichtung überließ Hellstjern

fremden Händen; er hatte an den Ohm auf dem Baronshof geschrieben, er

habe zurzeit zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern zu

können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer ernstlichen Kur

entschlossen hatte; der abscheuliche Husten, der seine ganze

Konstitution zu erschüttern drohte, mußte einmal fortgeschafft werden.

Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der Erzählenden zu. Er meinte, er

sei recht froh, daß Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei.

Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben habe, sei er von

fieberhafter Unruhe gepackt, überall wolle er sich beteiligen. Und dann

sprach Gunther ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die dem Vater

so viel Ärger bereiteten. Er tat dies mit Absicht, trotz der

anscheinenden Harmlosigkeit; er wollte Hedda auf diesen neuen

plebejischen Einbruch in seine Familie vorbereiten, war auch begierig,

was sie dazu sagen würde.

Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte nur, daß sie die

Aufregung und die Abwehr des Kommerzienrats begreifen könne, denn

zweifellos sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein »Tiefersteigen«.

Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte wenigstens den gesellschaftlichen

Abfall des grimmen Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der

Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten, oder aber diese

ganze Liebe sei Dummheit. Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach

keineswegs »hinab«, sondern zöge höchstens sein Mädchen »herauf«.

Vor dem Parktore des Baronshofes trennte man sich. Hedda bat um den

Besuch Gunthers und dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.

Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner Familiengeschichte. Er steckte

mitten im achtzehnten Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war

dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem verschnörkelten alten

Französisch fehlten ihm häufig Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und

dann mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen, so ging das

alles viel schneller.

Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. Die Ischias hatte

etwas nachgelassen, aber ein Asthma kündigte sich an. Der Baron

verzichtete jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten Hedda und

August ihn dann und wann auf ein Viertelstündchen in den Park. Er hatte

sich vollständig in seinen Ärger über die modernen Veränderungen in

Oberlemmingen verbissen. Eine Art fixer Idee spielte dabei mit. Er war

überzeugt davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben wolle. Die

Möllers bauten rechts seitwärts vom Parkausgange eine Brauerei und

hatten eine Parzelle des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das wurmte

Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich Qualm, Dampf und Rauch,

Geräusch und Gestank direkt vor der Nase.

»Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,« sagte Hedda beim Eintreten;

»er läßt dich grüßen.«

»Ist mir 'ne hohe Ehre,« erwiderte der Alte giftig. »Hat er vielleicht

seinen Antrag wiederholt?«

»Nein,« sagte Hedda und band ihren Hut ab; »warum bist du so schlechter

Laune?«

»Das würdest du auch sein, wenn du dich so ärgern müßtest wie ich. In

diesen Akten kommen Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der Welt

Erklärungen gibt.«

»Ich werde dir helfen,« entgegnete Hedda geduldig und nahm auf dem aus

den vierzehn Folianten der Merianschen Topographie gebildeten Sitze

Platz.

Aber der Alte wollte noch plaudern. »Wie sieht der Herr Gunther aus?«

fragte er.

»Gut -- männlicher als sonst. Er kommt eben aus dem Manöver. Es ist

merkwürdig, was wir für einseitige Menschen sind! Ich bin überzeugt, in

seiner hübschen Husarenuniform würde er mir sehr gefallen. Schwarz und

silberne Verschnürung, mit dem großen Totenkopf auf der Bärenmütze.«

»Ich weiß,« erwiderte Hellstern nickend; »ein gutes Regiment. Nun,

dieser Gunther ist ja doch auch immerhin ein anständiger Mann ... Da ist

ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren wird.«

Er reichte Hedda das Schriftstück, und sie begann zu lesen:

»Liebster Onkel -- liebste Cousine!

»Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe -- es geht mir immer

noch rascher von der Hand wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine

ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel erseht, bin ich

nicht in Berlin, sondern in Gehringen. Das liegt in der Schweiz, ein

Stündchen von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir ein befreundeter

Arzt empfohlen hat. Ich wollte nämlich einmal meinem Husten zu Leibe

gehen. Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche Weise,

mittels allerhand Mixturen aus Flaschen und Schachteln und Töpfen,

sondern durch Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und heißes

Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was noch -- aber die Tatsache steht

fest: es geht mir bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung

trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen zu können.

»Und das soll bald geschehen. Mein Abschied ist mir in Gnaden bewilligt

-- sogar mit einem Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande mit

drei Farben hängt. Da will ich mich denn nun im Spätherbst in Eurer

Nähe, nämlich in Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den Du,

lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich ausgezeichnet zu machen. Er

schickt mir wöchentlich zwei ausführliche Berichte, die mich über alles

informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das gefällt mir. Ich finde

auch, daß er sparsam wirtschaftet. Die Anschaffung des Inventars und die

Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen natürlich Opfer, aber ich

bringe sie gern. Schon weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme.

Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder von neuem Glück zu

meiner Idee wünsche. Es war der vernünftigste Streich meines Lebens, der

Ankauf von Döbbernitz.

»Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die

Schloßeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich

unterwegs kaufen können, auch hier in der Umgegend, auf alten

Bauerngehöften und in den Kleinstädten noch mancherlei Nettes und

Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und

dann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert

haben. Ich werde wohl alles wieder 'umkrempeln' -- sagt Ihr nicht immer

'umkrempeln'? --, wenn ich erst in Döbbernitz bin. Hedda, dabei mußt Du

mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar

Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr

werdet öfters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die

moosgrün bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer bestimmt, Hedda.

Ich fand die Formen so hübsch, edel und schön in den Proportionen, nicht

so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische

Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das große Himmelbett

stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna.

»Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir

zusammen im Schlosse von Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen

zu können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes Zimmer lasse ich dich

extra vom Baronshofe holen, damit das Vergnügen länger dauert. Und dann

freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im Walde, unten am See, wo

die Eichen stehen und der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja:

bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden,

denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war's, die mir fehlte. Ich bin

ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert.

»Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen und herzlichen Gruß

Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, von

Euerm getreuen

Neffen und Vetter Axel.«

Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert.

»Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,« sagte Hellstern mit

Betonung. »Weißt du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.«

Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag,

und in dem sie mechanisch blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte,

daß sie auffällig blaß war.

* * * * *

An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit der Dörthe endgültig

auszusprechen. Es mußte einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert

und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt hatte eines Tages

seinen Freund Albert Möller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine

Tochter Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes Mädchen mit

energischen Zügen. Fritz sollte sich mit ihr »anvettern«, und das

geschah denn auch. Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender

Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen

ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten

gesprochen, doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie ließ sich das ganze

Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in

Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, die den

Badeort, das Kinderhospiz und die Güter in der Umgegend versorgen

sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein

Gehöft verkauft -- Thielemann, dessen Besitz den Möllers am bequemsten

lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen.

Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Dörthe gebeten, sich

mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu

besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen können und

war pünktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues

dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.

Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf

und ab. Das falbe Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes

Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlöschendes

Licht.

Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil -- ein Zug heiterer

Zufriedenheit lag auf dem hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte

es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie

schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Dörthe das Herz!

Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das

Wasser sprudelte nicht, aber man hörte sein Rauschen unterhalb der

Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den

Bosketts waren abgeblüht, der wilde Wein, der sich um die Eisenträger

der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte der

Herbst seine Farbenflecke gestreut.

Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen

und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, und

schritt mit ihr den Weg hinab. »Komm unter die Buchen,« sagte er, »die

Liese spürt mir wieder mal nach.«

Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. »Gott, Fritz,

was gibt's denn?« fragte sie.

Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die

Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er

nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während er rasch, als

wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach.

»Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist

dagegen -- ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen

wollte; aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch

nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel auf dem Spiel -- gerade jetzt ...

Du mußt mir nicht böse sein, Dörthe -- ich habe es immer gut gemeint und

dich lieb gehabt -- und wir hätten ja auch so gut zusammengepaßt -- aber

-- du hättest bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein,

ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die Hochzeit versprochen.

Mit beiden Fäusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie

Teller so groß -- Dörthe, an mir liegt es ja nicht -- es liegt nicht an

mir ...«

Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses

Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben,

sich gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der

Gegnerschaft der Eltern und den wütenden Augen des Vaters und dem ewigen

Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhängig von dem

Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das große Wort in der

Familie führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts genützt. Und

dann kamen wieder die wütenden Augen des Vaters an die Reihe -- »wie

Teller so groß«.

Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus

ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an

seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr

Glück gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres

dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie

man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten

suchte. Anfänglich fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des auf

sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, daß ihre Augen trocken

blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und

die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, weiter und weiter

sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da

schäumte ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug und über

die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten in ihr auf; sie riß sich

von ihm los und schrie:

»Nu sei doch man still! Ich hör' ja schon! Ich weiß ja schon alles!

Pfui, bist du gemein! Du hast's gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß

drauf gewartet, daß --«

Und dann brachen die Tränen hervor, in Strömen und unaufhaltsam. Sie

warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und

wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit

einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach

ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, er sei

ein elender Lump, er möge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern

für ihn aussuchten -- er ließe sich ja doch nur am Gängelbande führen

wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete sich wie unsinnig und blieb auf

der feuchten Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch zuckte.

Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am liebsten wäre er

davongelaufen -- nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die hätten

vielleicht Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf das rechte Ohr

geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher.

Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne

auf. Ein Käuzchen schrie in der Nähe.

»Dörthe,« sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, »Dörthchen -- hör

doch man zu -- ich bin ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn's bloß

auf mich ankäme --«

Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich

verändert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das

niedliche Oval; die Augen blitzten.

»Ist's wahr, Fritz -- bist du mir immer noch gut?«

»O Gott!« erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen.

Aber sie entglitt ihm.

»So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen,« fuhr

sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder

Angst. »Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht mehr zurückkönntest, daß

du kein Lump sein wolltest, daß du darauf beständest, dein Wort zu

halten, und wenn's auch zu wer weiß was käme! Wirst du das tun? Fritz,

bist du denn nicht ein Mann?!«

Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie stieß mit ihren beiden

Händen nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Stärke

pochen, drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine

Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.

»Bist du nicht ein Mann?!« schrie sie abermals. »Und fürchtest dich vor

Vatern und vor seinen großen Augen! Und vor Albert, den du mit einer

Hand aufheben kannst! -- Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst?

Bist du nicht ausgewachsen und mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn

Vater nur spricht -- du Feigling, du Bangebüchse!«

Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre

Energie war verraucht. Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn

behandelte, entzündete doch seinen Stolz. O -- eine »Bangebüchse« war er

nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war

nicht aller Tage Abend. Schön also -- er würde nochmals mit dem Alten

sprechen, »ganz verflucht« würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten

sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mündig?

Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen Gliedern zitterte, nahm

er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den

Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, wie ein kleines

Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge

unter die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu nehmen. Und

wirklich -- ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und

sie hörte sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und

frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das war die letzte Stunde Glücks

der Dörthe, da er sie heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis

immer tiefer hinabsank.

Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Möllers.

Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Möllern

die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib

gedrückt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen.

Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab. Er saß mit blassem Gesicht,

das Haar in die Stirn hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den

Albert ihm diktierte:

»Liebe Dörthe!

Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir hiermit zum letztenmal, und

damit Du auch weißt, warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen

der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen an mich, liebe

Dörthe, denen ich nachkommen muß. Willst Du noch mehr darüber wissen, so

wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles

auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen wir uns beide

geduldig unserm Schicksal fügen und uns möglichst wenig zu sehen

kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht

mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher einen andern guten

und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wünscht

Aus tiefem Schacht · 第 20 / 27 题