»Na -- mit seiner Wiese.«
»Ah -- was hat das mit deiner Heirat zu tun? Wir haben ihm die Wiese
bezahlt.«
»Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe nicht so zugeredet hätte,
und wenn --«
»Still jetzt!« brüllte der Alte und wies auf die Tür. Krachend warf
Fritz sie ins Schloß.
Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während er die Etiketten mit der
wechselnden Aufschrift »Trabener«, »Graacher« und »Moselblümchen« auf
die schon gefüllten -- übrigens aus ein und demselben Fasse gefüllten --
Flaschen klebte, wanderten seine Gedanken ruhelos umher. Er sah
immerwährend die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich das Hirn,
wie er ihr wohl am besten beibringen könne, daß alles aus sei. Denn daß
es nun kein Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn zu Boden
schlagen, wenn er noch einmal nein sagen wollte. Und vor dem Vater
zitterte er. Der Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen
hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am Hosengurt zu packen und
hoch emporzuheben, schlug vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein
gestrafter Schuljunge zu Boden.
Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer sich hebender und senkender
Brust. Und plötzlich hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören,
zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, die er in der Hand
hielt, gegen die Wand zu schleudern. Aber er besann sich. Nein, das war
Unsinn! Der »Trabener« stand mit einer Mark fünfzig Pfennig auf der
neuen Weinkarte.
* * * * *
Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin zur Subhastation von
Döbbernitz festgesetzt worden. Der Kommerzienrat hatte sich genau
informiert. Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem Termin
gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete man wenig Reflektanten. Man
glaubte überall, Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch diesmal
wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle gefunden haben. Übrigens
gab es in der Umgegend auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit
dem eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit für die
Landwirtschaft.
Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer mit seinen kahlen, weiß
getünchten Wänden und den grün schillernden Fensterscheiben ziemlich
voll. Eine ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, unter ihnen
auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat einen Nebenbuhler witterte.
Man wußte nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte häufig
einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. Ferner sah man die meisten
Fouragehändler aus der Gegend, einige Berliner Agenten und
Hypothekengläubiger und ein paar Fremde, die von den Kreiseingesessenen
mit einem gewissen Mißtrauen gemustert wurden.
Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt. Man kannte das
alles: den Grundsteuerreinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge
und Servitute -- das war eine langweilige Sache.... Der Kommerzienrat
stand am Fenster und sah einer Spinne zu, die sich von der Decke aus an
einem langen Faden niedergelassen hatte und gerade über dem kahlen Kopfe
des amtierenden Richters schwebte.
Schellheim begann damit, dreihunderttausend Mark zu bieten. Es erfolgte
sofort ein Aufschlag von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner
Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers retten wollte. Der
Kommerzienrat setzte zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf
vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man ihm dann den Besitz zu, so
hatte er ein gutes Geschäft gemacht, denn das war allein der Waldbestand
trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende Vertreter der
Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde und feilte an seinen Nägeln. Er
war gedeckt; die Geschichte interessierte ihn nicht mehr.
Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf Isingen vorgestellt hatte
und ein Verwandter Zernins war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend
Mark. Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. Schellheim
bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark mehr. Plötzlich rief eine Stimme
aus der Mitte der Anwesenden:
»Vierhunderttausend Mark!«
Alles schaute sich um. Schellheim reckte den Hals und wurde unruhig.
Exzellenz Usen erhob sich und trat an die Wand.
»Den Namen bitte,« sagte der amtierende Richter.
»Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des Herrn Baron von Hellstjern.«
Der Richter wiederholte dem Protokollführer den Namen. Ein Gemurmel
wurde hörbar. »Schockschwerenot -- Hellstjern?!« rief Usen halblaut.
Auch der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls an den
knurrigen Alten auf dem Baronshof. Aber das war doch nicht denkbar. Und
auf einmal tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja -- der mußte es sein!
Er wurde wütend. Die beiden Hellstjerns, der reiche und der arme,
steckten zweifellos unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz nicht
gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste zurechtgelegt.
Zweihunderttausend Mark waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz
wieder in Gang zu bringen. Aber das genügte auch; und dann ... Die
laute Stimme des Richters unterbrach seinen Gedankengang.
»Vierhundertzehntausend!« rief der Kommerzienrat.
»Zwanzig,« ertönte die Stimme des Rechtsanwalts Stroschein.
»Fünfundzwanzig!«
»Dreißig!«
Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten hindurch.
»Kommerzienrat Schellheim,« sagte er, sich vorstellend; »Sie bieten für
den Baron Axel Hellstjern, den Schweden, wenn ich fragen darf?«
»Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.«
»Und wollen Sie noch höher gehen?«
»So hoch es nötig sein wird.«
»Vierhundertdreißigtausend Mark -- zum ersten!« rief der Vorsitzende.
»Vierhundertvierzigtausend!« erscholl die Stimme des alten Usen.
Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er sah Usen hilflos an, der mit
grinsendem Gesicht, die Augen mit den schweren, immer geröteten
Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der Wand lehnte. Die Sonne
beleuchtete ihn hell. Die Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks
strotzten vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.
Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal einer jener tollen Streiche
des alten Paschas, mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte,
und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Was wollte er denn
mit Döbbernitz?!
»Fünfundvierzig!« schrie Schellheim und biß die Zähne zusammen.
»Fünfzigtausend!« rief Rechtsanwalt Stroschein.
In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat den Rechtsanwalt an der
Schulter.
»Geh'n Sie noch weiter?« stieß er hervor.
»O ja,« versetzte dieser gemächlich.
»Wie hoch?«
»Sechzig -- siebzig -- ich werde abwarten.«
»Vierhundertfünfzigtausend Mark -- zum ersten!« erscholl wieder des
Vorsitzenden Stimme.
Schellheim trat achselzuckend neben Usen.
»Ich höre auf,« flüsterte er diesem zu. »Das ist eine Verrücktheit.«
»Schad't ja nichts,« gab Usen zurück, »ein bißchen Verrücktheit versüßt
das Leben -- fünfundfünfzig!«
»Sechzigtausend!«
»Hol' euch alle der Teufel,« brummte Schellheim, nahm seinen Hut und
verließ das Zimmer. Er war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem
Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er wollte wenigstens
wissen, wie die Sache endgültig verlaufen würde.
Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, da der Kommerzienrat nicht
mehr mitbot, hörte auch Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, mit
grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen Äuglein, und der weiße Kalk
des Mauerputzes blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen.
Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend Mark zu.
Es verblieben somit für Zernin immer noch einige tausend Mark
Reingewinn. Das hatte niemand erwartet.
Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg
eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus
ihm werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui
Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen!
Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte
zwanzigmal auf und wälzte sich von einer Seite zur andern. Alte
Erinnerungen stürmten mächtig auf ihn ein -- an Vergangenes, an seine
Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte grau durch die Ritzen der
Fensterläden, als er wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.
Er zündete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er
fand keine. »Lotterwirtschaft,« brummte er vor sich hin und stieg im
Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller
zu durchstöbern.
Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebäude lag in tiefem
Schlafe. Die Zimmer standen gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen
Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die
Gerichtsvollzieher geholt, während er in Magdeburg saß. Durch die öden
Fenster glomm der trübe Morgen. Graue Schatten überall und noch
nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem großen Saale des
Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden
waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an
der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen
schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben
waren ausgehoben und durch moderne Fensterflügel ersetzt worden ...
Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewölbten Keller
mit zahllosen Flaschenregalen an den Wänden, denn der alte
Ministerpräsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah
es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben
bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke
waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus
diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen
vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich
bereits erschöpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er,
die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.
Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der
einzige Laut, der sich hören ließ. An den Wänden des Treppenhauses
zeigten sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern herrührend,
die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Gläubigern
abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die
Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Döbbernitz
gestürzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen
Ministerpräsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten
Königs, des Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. Die
Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und
kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten,
die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich geschenkt, als dieser
Gesandter in Paris gewesen, waren für wenige Groschen verschleudert
worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.
Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte die Flasche, warf
sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase,
das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an,
aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose
Stube.
Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. Übermorgen schon konnte ihn der
neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! --
Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende;
diesmal gab es keine Hilfe mehr -- es war aus. Und zum ersten Male legte
er sich die Frage vor: hätte es nicht anders kommen können?
Gewiß -- aber dann hätte er arbeiten müssen. Sein Vater hatte ihm kein
Barvermögen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in
Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. Freilich,
Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann nähren, nur mußte man zu
wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch
aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den
Abschied und setzte sich auf Döbbernitz fest. Schon der Minister war
kein Landwirt gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat
gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen.
Klaus ging noch stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als
habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile,
die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, für die
nicht genügend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte das
andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch
mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er
füllte seine Ställe mit edeln Pferden, die große Summen verschlangen; er
versuchte es mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn
auch für seine Person verschwendete er mit vollen Händen, und in der
angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren
pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und betrügen. Und dabei
konnte man ihm nicht gram sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit
entzückte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von
Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam zurückzuziehen.
Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins aus. Häßliche Geschichten
kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder
verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater das Tempo des
Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Königshauses half einmal aus, als
der Subhastationstermin für Döbbernitz schon angesetzt war; reiche
Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der König wurden
angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann
rasch im großen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten.
Und nun stand endlich der Untergang vor der Tür. Noch vor einigen
Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten -- damals, als
Kommerzienrat Schellheim ihn für seine Unternehmungen gewinnen wollte.
Das törichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt
konnte man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß man sich für
seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen.
Aber eine Hilfe für die Dauer war's nicht. Und auch die Heiratspläne --
das reiche Judenmädel, das irgendwo für ihn aufgetrieben werden sollte
-- der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte --
all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; eine riesige schwarze
Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten
Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren Schatten
warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhüllten. Das war die Schande.
Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es über seine
Stirn. Eisiger Schweiß perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte
Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und
stieß die Läden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die
Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des Schlosses empor.
Die Fenster des Schlafzimmers führten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo
sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben
morgenfröhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und öde wie im Schlosse
selbst. Ein barfüßiges Mädel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen
und pumpte einen Eimer voll Wasser -- seine einzige Bedienung. Alles war
geflüchtet und, mit gierigen Händen das Letzte zusammenraffend, was da
und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war
geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm
für seine flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den
letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen,
der mit den Jahren eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau wie
das Haar eines Greises. Es war merkwürdig genug, daß sich die Wut der
Gläubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles
genommen hatten, was stand und lag.
Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt in die Höhe.
»Herrje, Herr Baron!« rief sie hinauf. »So früh schon?! -- Ich komme
gleich 'rauf, den Kaffee machen!«
»Laß nur!« gab er zur Antwort. »Ich will nichts! Aber lege den Sattel
auf -- vielleicht reit' ich aus!«
Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen
konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer
dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.
Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus in den Park. Er
fühlte, daß er nervös war -- es war ihm immer, als sei jemand hinter
ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem Munde, wie
ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gänge des Parks.
Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht
seine zauberischen Reize rauben können. Nur war es kein Garten mehr mit
Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein
Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden Grasflächen
ausbreitete, über zerfallene Statuen seinen grünen Mantel hing und seine
Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers
tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom
Buschwerk eingeengt, und das große Rosenparterre glich einer blühenden
Wildnis, durch deren farbenglühendes Dickicht man nicht mehr
durchzukommen vermochte. Auf den Grasplätzen unterschied man noch die
Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien,
bunte Flecken im Grün, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das
seine Kreise immer weiter zog.
Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, deren Fenster zertrümmert
waren, und in deren Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er
eigentlich? Ja so -- ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal
seine verwüstete Besitzung durchqueren -- lebewohl sagen -- und dann
zurück! Oben lagen seine Pistolen.
Wieder durchschauerte es ihn kalt -- und es war so heiß dabei, so heiß.
Er riß seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn.
Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen
Händen an der Kinnkette fest.
Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der
Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:
»Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, Jule -- ich bin auch lustig!«
Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er
scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse
vorüber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze zog.
Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfänglich sauer an;
die müden Knochen wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm
keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, daß der
Rappe bald schaumübergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen
und Schatten über den Weg fielen, zügelte Zernin den Gaul.
Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn
geschützt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung
genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert war er genügend
worden; überall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden,
wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen die
Baumstümpfe hervorlugten.
Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als
sein Viehbestand immer mehr zusammenschmolz, an kleine Leute
verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt.
Zernin legte wieder die Schenkel an und ließ den Christian in Galopp
fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem
vorüberrasenden Reiter nach.
Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf denen die Bestellung längst
aufgehört hatte, Unkraut schoß überall empor, die Quecken hatten
ausgeschlagen und überzogen die braune Erde mit ihrem grünen Gespinst.
Eine mächtige Fläche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine
Prärie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen
Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande
eingewühlt, und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.
Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts dieser Wüsteneien. Seit fast
zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne
bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter liefen ihm davon; an
eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da ließ man schon alles
liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem
er sein Stück Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in
sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz übernommen
hatte, an den blühenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten,
die ersten Ernten -- zweifellos, er hätte seinen Besitz schon festhalten
und auch gegen die Mißgunst schlechter Jahre verteidigen können,
wenn ...
Ja -- wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, wozu grübeln -- es war ja
doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es
kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen begann.
Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der
Försterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide
»vernünftig« miteinander gesprochen hatten. Sicher -- an der Seite
eines so tapferen Kameraden hätte aus ihm immer noch etwas werden
können; sie würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie war ein
starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit hätte wohl seinen
Leichtsinn und seinen tollen Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das
war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben
strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flügeln die Sonne auf. Sie
leuchtete ihm nicht mehr.
Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe schritt langsam über den
Moosgrund, durch Farne und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß
hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden Buchenast, mit
seinen alten Zähnen die frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der
See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, mit schneeweißer
Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter Hänge, über die, wie ein
Wahrzeichen überwundener Feudalität, der quadratische Turm des
Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben das rote Ziegeldach des
Forsthauses und die Eichenschonung, die Wiesentrift, auf der ein ganzer
Flor wilder Blumen blühte, und der große Felsstein, auf dem sie damals
gesessen hatte!
Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder da? War sie das nicht, die
Dame im lila geblümten hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die
ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als suche ihr Blick irgend
etwas zwischen dem Ufergeröll zu ihren Füßen?
Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame schaute sich um und erhob
sich. Klaus sah, wie sie mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang
ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und näherte sich ihr mit
abgezogenem Hute.
»Grüß Gott, Cousine,« sagte er ruhig. »Das ist ein unerwartetes
Zusammentreffen, aber ich freue mich von Herzen darüber. So kann ich
dir wenigstens noch Lebewohl sagen.«
Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort und erwiderte seinen
Händedruck. »Ich hörte, daß heut über Döbbernitz entschieden werden
soll,« entgegnete sie. »Hast du noch keine Nachricht?«
Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei, drei Uhr könne der Termin
nicht beendet sein.
»Und warum bist du nicht selber da?«
Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich neben sie auf die Erde.
»Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte ich nicht mehr, und --
nun, ich schämte mich auch!«
Die Bitterkeit stieg in ihr auf.
»Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher über dich gekommen,
Klaus?« sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. »Herrgott, was
hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe mich oft genug gefragt:
wie ist all das möglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten
vermocht. Nein -- denn du übernahmst Döbbernitz doch in geordnetem
Zustande, und du gingst mit guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst
leichtsinnig gewesen sein -- aber wie konnte nur so rasch alles über dir
zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe
es nie begriffen!«
Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den
Schultern.
»Ich auch nicht,« erwiderte er. »Ganz gewiß, Hedda, es geht mir wie dir
-- ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art
Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine über mich herab und begrub
mich. Natürlich bin ich selber schuld -- ich verteidige mich auch nicht
-- ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn
nicht so viel!«
Er schnippte mit den Fingern.
»Nein -- nicht so viel! Es war im Grunde genommen ein klägliches
Amüsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris
verjubelt hätte -- es wäre hundertmal vernünftiger gewesen. Aber ich
habe nur blödsinnige Geschichten getrieben -- die Pferdezucht, die
Viehankäufe, die Trinkgelage und Spielabende -- die Rennen und die
ewigen Reisen nach Berlin -- mir steigt ein schales Gefühl auf, wenn ich
an all den Unsinn zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, die ich
mir eingebrockt habe.« -- Und wieder zuckte er mit den Schultern.
Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hände
gestützt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen
Menschen, den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran gewesen war,
um seinetwillen eine große, große Dummheit zu begehen. Die Vernunft
hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es für diese
erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, unter dessen
Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt
sich in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr Herz in seiner
Nähe klopfte.
»Und was wird nun?« fragte sie.
»Was soll werden?« lachte Klaus häßlich auf. »Weißt du, was man mit
einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht
mehr weiter kann? -- Man schießt das arme Biest tot.«
Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? -- Nein -- daran glaubte
sie nicht. Er hätte längst seine Kugel finden müssen.
»Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?« fuhr er fort. »Wozu
törichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts -- und
mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen
und Biergläser füllen -- lieber quittier' ich schon mit dem Leben!«
Nun sprang sie erregt empor.
»Du sprachst von Scham, Klaus,« rief sie, »aber bei Gott, du kennst sie
nicht! Du würdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig
dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst
selber ein, daß du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu
feige, dir ein neues Leben zu schaffen!«
»Zu feige -- ganz recht,« sagte er und erhob sich gleichfalls. »Aber ich
glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit --
wenigstens vor der, die mir drüben winkt -- vor der schmutzigen Arbeit
im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wäre ich weniger Herrenmensch
und mehr Bedientennatur -- vielleicht würd' ich mich fügen. So kann ich
es nicht -- ich kann es nicht!«
Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen
flammten und auch über ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich
die Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn für ihn
schämte sie sich. Er rühmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles
Edelmännische längst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben
ihm nichts mehr zu bieten hatte als -- Arbeit.
Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. Zittern und Angst ergriff sie,
und die zärtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. Sie sah
schon die Wunde an seiner Schläfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam
das Blut sickerte, und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil
über den Verkommenen fällen: das hatte man gewußt und erwartet --
Selbstmord -- das Ende jedes Elenden!
Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.
»Klaus,« begann sie mit bebender Stimme, »denkst du nicht an dich
selbst, so denke zurück -- an deinen großen Vater und deine liebe,
gütige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst,
an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord
unauslöschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder
gut zu machen versuchen -- das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns
allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein
Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch
jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher Gaben -- du wirst dich
wieder aufraffen können -- -- ich bitte dich, Klaus -- lieber Klaus!«
Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß in ihr empor; ihre Hände
zuckten zwischen seinen Fingern.
Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach.
'Wenn du wüßtest!' schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem
Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach
seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht
ersterben wollte -- die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, die ihr
ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt hatte und auch im Entsagen
noch haften blieb. Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte
ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit starker Hand riß er sie an
seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.
»Du liebst mich noch -- du liebst mich noch!« schluchzte und jubelte er.
Und sie ließ ihn gewähren. Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer
bemächtigt, das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in
seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr
und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine Küsse aber brannten auf
ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein.
Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.
»Laß mich!«
Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem,
der ihr vom Scheitel geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf
ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin über sich selbst geworden,
wenn auch große Tränen in ihren Augen standen.
»Ich liebe dich noch,« sagte sie mit fester Stimme, »nun ja -- was will
das bedeuten? Angehören können wir uns nie, und wenn du mir sagen
wolltest: komm mit mir nach Amerika -- ich würde mit Nein antworten.
Nicht weil mir's an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen,
sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen will!«
Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen
Mädchennatur gegenüber, zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider an
sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche
Tränen, die er über sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.
»O Hedda!« rief er, »warum konnten wir uns nicht schon vor fünf Jahren
finden? Du hättest mich retten können, und alles wäre anders geworden!«
Ja -- vor fünf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie über ihn gewacht
hätte, vielleicht wären dann alle die guten Keime, die in ihm
schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! --
Sie hob ihn auf.
»Es hat nicht sollen sein,« sagte sie. »Was hilft uns die Reue? Wir
hätten stark sein müssen -- heut ist es zu spät. Und doch, ich segne
auch diese Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, weist uns die
Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns
einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, daß
du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, daß du ein neues
Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein
Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich 'erniedrigst'. Tu es;
greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schändet dich nicht, wenn deine
Hände blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir
anderwärts Stellung! Ich will unablässig an dich denken und beten für
dich. Werde ein Mann!«
Gerade dies: »Werde ein Mann!« klang tief in das Herz des Schwächlings
-- nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener,
erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem
Lächeln.
»Ich danke dir, Hedda,« erwiderte er. »Du verjüngst mich. Ja -- ich
fühle es: es sprießt Neues und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der
törichte Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, um Arbeit zu
lernen. Ich hab' es eilig, denn du sollst bald von mir hören. Ich rufe
dich oder hole dich selbst!«
»Ich warte auf dich,« sagte sie mit leuchtenden Augen.
»So lebe wohl!«
Er preßte noch einmal ihre Hände an seine Lippen.
»Lebe wohl und behüte dich Gott!«
Er saß schon zu Pferde und sprengte davon, ohne sich umzuschauen. Sie
aber blieb aufrecht stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine
Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in die Kniee und sprach laut
mit ihrem Gott, denn nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung --
der schluchzende See und die Bäume am Ufer.
* * * * *
Es war in der dritten Nachmittagstunde, als ein kleines Gefährt, ein
offener Korbwagen, in den Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold
Möller hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur Erde und rief
der erstaunt aus der Häckselkammer tretenden Jule zu: »Ist der Herr
Baron zu sprechen?«
»Ja, er ist oben,« entgegnete Jule und wies hinauf nach den Fenstern.
Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte seit Jahren zu den
Geldvermittlern Zernins, aber er wie sein Schwiegervater, der
Getreidehändler Ring, hatte sein Schäfchen längst ins Trockene gebracht.
Er fand Klaus vor einem großen Koffer knieend.
»Teufel -- wo kommen Sie denn her, Möller?« rief Zernin und stand auf.
»Von der Subhastation,« erzählte Bertold, »direkt vom Termin. Wissen
Sie, wer Döbbernitz gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für wieviel?
Und wissen Sie, daß so etwas noch gar nicht dagewesen ist! Und wissen
Sie --«
»Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!« fiel Klaus grob ein.
Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär von Hellstjern war
Besitzer von Döbbernitz geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein
schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte das ganz genau. Und
460000 Mark kostete ihn das Vergnügen. 422000 Mark betrug der
Hypothekenstand von Döbbernitz; verblieb für Herrn von Zernin noch ein
Reingewinn von 38000 Mark. Auch darüber wußte der brave Bertold genau
Bescheid.
»Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies meldete, Herr Baron,« fuhr er
fort. »Aus reiner Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß ja,
es sind noch immer eine Masse Gläubiger da, die bloß darauf lauern, daß
Sie wieder einmal zu Gelde kommen --«
Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck im Gesicht des vor ihm
Stehenden.
Klaus war blaß geworden und sein Auge starr. Es schwirrte durch sein
Hirn, es bohrte sich nadelspitz in seine Schläfen ein, es klopfte und
hämmerte in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern trat an das
Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! Die Summe flimmerte, mit großen
Ziffern geschrieben, vor ihm in der sonnenhellen Luft.... Wenn er
sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo reiste, dort sein Glück zu
versuchen ...
Mit rascher Bewegung fuhr er herum.
»Haben Sie Geld im Hause, Möller?« fragte er.
Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich handelte. Er war ja nur
hergekommen, um noch letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin zu
verdienen.
»Im Hause nicht -- aber in Frankfurt -- auf der Bank,« erwiderte er.
»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,« fuhr Klaus fort, dessen
Augen voll Erwartung und Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen
begannen. »Wir fahren zusammen nach Frankfurt. Dort zediere ich Ihnen
notariell meine Forderung an Herrn von Hellstjern -- der Mann ist Ihnen
doch sicher?«
»Bombensicher,« sagte Bertold.
»Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten den Rest.«
»Einverstanden, Herr Baron, aber --« Bertold holte sein dickleibiges
Notizbuch hervor, feuchtete seine Fingerspitzen an und begann zu
blättern. »Ich habe da nämlich noch einen kleinen Wechsel in die Hände
bekommen -- Silbermann in Kölpin hatte ihn einmal meinem Schwiegervater
in Zahlung gegeben -- es handelt sich nur um acht- oder neunhundert
Mark --«
»So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter!« rief Klaus ungeduldig.
Herrgott, was hatte der Mensch ihn schon betrogen!
Bertold steckte ruhig sein unförmiges Taschenbuch wieder ein.
»Da steh' ich also zur Verfügung, Herr Baron,« sagte er. »Um fünf Uhr
geht der Zug -- ein Bummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu
versäumen; Rechtsanwalt Sarnow empfängt uns auch außerhalb seiner
Sprechstunden. Dann können Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter -- das
heißt, wenn Sie überhaupt nach Berlin wollen. Paßt Ihnen mein Wagen? Der
Koffer da geht bequem hinauf -- wir binden ihn hinten fest -- er hat
Platz. Das Pferd stell' ich auf die paar Stunden bei Petersen ein -- Sie
wissen ja, dem Restaurateur in --«
»Ja, ja!« rief Klaus. Das Geschwätz Bertolds machte ihn nervös. Er
pfropfte noch rasch einen Anzug in den Koffer hinein, wechselte in
fliegender Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach Jule.
»Allons,« sagte er, »den Koffer auf den Wagen des Herrn Möller! Ich
verreise für einige Zeit. Du wirst ja hören, wann ich zurückkomme --«
Die Kleine starrte ihn mit großen Augen erschreckt an. Aber sie
entgegnete kein Wort. Sie war an willenloses Gehorchen gewöhnt.
Der Wagen ratterte über das Hofpflaster und fuhr staubaufwirbelnd den
Berghang hinab.
Jule war in der Prallsonne stehen geblieben. Aus dem Stalle wurde ein
leises Wiehern vernehmbar. Der Rappe wollte sein Futter haben. Er und
die Jule, die Zurückbleibenden, waren die letzten lebendigen Wesen im
Döbbernitzer Schlosse.
Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grün stark wuchernder Schneeballen,
stand ein einfacher Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den
Sandsteinplatten im Innern ruhten die Särge der Eltern Zernins. Auch
hier tiefer und schweigender Friede, kein Laut des Lebens.
Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und her huschend, über das
körnige Grau des Sandsteins.