Zehntes Kapitel

Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle

ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man

anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in

das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu

färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie

sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch

offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten

Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und

auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen

festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer

Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius

über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu

Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter

Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine

Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine

romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche

Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine

ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere

Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der

Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen

noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und

Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die

Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die

denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der

Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse

bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen

Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe

durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr

zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht.

»Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?« fragte er Albert.

Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und

klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug.

»Das ist einfach der Köder, Vater,« antwortete er; »erst müssen die

Leute _kommen_ -- nachher wird sich's schon finden, wie wir sie

drankriegen.«

Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen.

Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber

Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an

die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt überzusiedeln, verlockte.

Namentlich Lise drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß Albert

sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von einer Partie mit einem fest

angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte

für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, das Melken im

schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glühender

Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte

verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen

bleiben, vorläufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun

eigentlich aus Oberlemmingen werden würde. Und so hatte er sich beim

Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses für die

nächsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte,

so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube und kam Abend für Abend

betrunken nach Hause.

Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich die Arbeit in ganz

Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im

Dörfchen eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber so

vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen.

Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die

Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große Glaskutsche des

Döbbernitzer Oberförsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen

dicht aneinandergedrängt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats

von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das

elegante Gefährt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens

und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schließlich auch den

gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen

Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus

Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel

Zernins hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, und die

Genesung war noch nicht vollständig.

Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage

geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt

gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der

außer einigen Häuptern des Kreises auch Albert Möller, Pfarrer von

Eycken und der Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich

gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt

und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst

August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er

wünsche nicht, daß sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da

unten beteilige.

Es war heiß um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation

schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch

seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Büste Bolivias, den

man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus

als die groteske »Büste«. Der Landrat war in der Reserveuniform des

Kürassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wußte nicht

recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug

Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollte _er_ die

Weiherede halten.

Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank --

das war »die Regierung«! Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack

mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten,

die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo

sie ihr schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und

Begrüßung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt

hielten, da auch aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen

Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz großstädtisches Leben und

Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein

buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die

Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene

Abwechslung betrachteten.

Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den

vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der

brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig.

Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen den Stämmen der

Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten überall auf dem

gelben Kies der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier mit einem

Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man

vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang

und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für ihn war diese Quelle

kein Objekt säckelfüllender Spekulation; sie sprang aus Sand und

Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen,

um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen, um die Gebrechen der Welt zu

heilen. Die heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen erfüllte,

schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis

überströmen, um mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid

hinwegzuspülen. Sie war eine Gabe des Höchsten und deshalb auch sollte

ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen.

Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die

Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem

Strahl, springbrunnenähnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die

Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende Naß und schlug

dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz

über die Quellenöffnung.

»So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum

Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der

unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Stärke und

Gesundung zurückgeführt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!«

So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu

diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten

April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte -- das wäre noch

hübscher gewesen. Doch trotzdem -- der Moment war sehr feierlich. Es

ging ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein

Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte.

Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert

Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre

Zeichen. Über die Gestalt des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen

schwarzen Talar und auch über das springende Wasser und die

Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah

wirklich so aus, als ströme das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab --

und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hörte nicht mehr auf

den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des

Regierungspräsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schloß; der

Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete

ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der

der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Träumereien

empor, und ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie

grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen mußte!

Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben,

und nun flutete die Menge durch die Gänge und Anlagen, während

Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch

die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen

worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges Büfett errichtet,

aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es

war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle

konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war

selbstverständlich, daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das

Fritz Möller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr für immer in der

Versenkung verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man nicht auch

seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün im Gesicht. Wäre es nicht

passender gewesen, diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel

Möller zu veranstalten? -- Als der Regierungspräsident, das

Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der

großen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den

intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch »das

Unmögliche möglich mache«, da glaubte Albert, an dem Bissen

Gänseleberpastete, den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen.

Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die Quelle entdeckt, als

hätte ihm das Terrain gehört, als wäre er derjenige gewesen, der den

ersten Anstoß zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben

hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und

ihn, den Albert Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete

man gar nicht!

Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der

höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu

danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das

brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer

Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims

Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher

eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein

Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu

verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer

gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben

Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen

einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser

niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der

Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und

ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber

heiraten -- nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des

Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich

eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der

Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm

gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich

energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu

nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie

ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schloß

sich ein, um ungestört weinen zu können.

Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen

Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den

Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder

einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der -- eine große weiße

Schürze um den Leib -- soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren,

fragte verwundert, was es denn gebe.

»Wirst es schon hören,« antwortete der Bruder, »diesmal geht's dich an!«

In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller

mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte,

Fritz, Albert und Bertold.

Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. »Ich möchte mit

euch einmal wegen der Dörthe reden,« sagte er. »Der Sache muß ein Ende

gemacht werden.«

»Wieso?« fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend

nickte.

»Wieso?« wiederholte Albert mit strenger Stimme. »Kannst dir's wohl

denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.«

»Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein

soll,« entgegnete Fritz; »da wird's ja anders werden!«

»Und ich bin doch auch noch da,« fügte die Mutter hinzu.

Albert schüttelte den Kopf.

»Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,« sagte er. »So einem großen

Hotelwesen muß eine rüstige Kraft vorstehen.«

»Gottlob, das ist die Dörthe,« warf Fritz ein.

»Und wenn sie's auch zehnmal wäre,« fuhr Albert heftig auf; »wenn du dir

hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst

du kein Bauernmädel heiraten!« ... Er lenkte ein, als er das bestürzte

und unglückliche Gesicht seines Bruders sah. »Du mußt Vernunft annehmen,

Fritz,« fuhr er fort. »Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich

alles gestalten würde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die

ganze Macht an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen zu

lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können wir aber nur, wenn wir

Brüder uns solidarisch erklären, das heißt also, wenn wir einer für alle

stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde

heiraten, aber ich muß noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und

ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.«

»Die Hauptsache,« bestätigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu:

»Man muß rechnen.«

»Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, Fritz,« begann Albert von

neuem. »Das gibt ein paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache

vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir

den Wittke wieder zum Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht

recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten,

bäurisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im

Maule. So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen

und einen städtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr

Schulze, sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen können

-- wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch

der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen

eignen würdest!«

Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

Man wollte ihm die Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war

das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, daß er gar nicht mehr zu

widerstreben wagte. Im stillen hatte er längst gefürchtet, daß die

Verlobung wieder auseinandergehen würde.

Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den

Tisch gestützt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus

Stein gehauen.

»Hast du nun gehört, Fritz?« sagte er. »Der Landrat hat gefragt, ob du

dich nicht zum Schulzen eignen würdest?«

»Na, gewiß,« entgegnete Fritz etwas zaghaft, »warum denn nicht? Dazu

gehört doch nicht so viel!«

»Mein' ich auch,« fügte Albert ein, »und daß du gewählt wirst, dafür laß

mich nur sorgen. Das ist eine große Stütze für uns alle, wenn du der

Ortsvorstand bist. Ich für meinen Teil werde mich darum bemühen,

Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen -- es geht

auch nicht, daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau

wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe eine andre Partie für dich, Fritz.«

Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.

»Aber, Albert -- ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der

Dörthe,« wagte er einzuwerfen.

Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu

schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt nicht

ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein nicht gepaßt. Und

schließlich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu

verdächtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach

Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen

sehen ...

Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab.

»Was für 'ne Partie?« fragte er Albert; »rede!«

Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle

die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes,

Schlächtermeisters in Frankfurt. Der alte Möller nickte. Er kannte den

Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer Halunke, aber er hatte Geld

gemacht. Also dessen Tochter?! -- Und Albert erzählte weiter. Das

Mädchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, aber groß und ganz

hübsch und nehme sich recht stattlich aus. Grödecke habe sich bereits

einverstanden erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle

aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen

für Oberlemmingen verbürgt würden. Statt dessen wolle man ihm

vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei hier an

Ort und Stelle zu errichten. In ausführlicher Weise legte Albert die

Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn er nicht mit

beiden Händen zugriffe.

»Da gibt's nichts weiter zu reden,« sagte der Alte ruhig; »Fritz

heiratet das Mädel.«

Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf,

reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam

entschuldigend, hoch in die Höhe und stotterte: »Vater -- Vater, sei mir

nicht böse; ich kann's nicht!«

Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot färbte der jähe

Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden,

viereckigen Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.

»So,« stieß er hervor, »du gehorchst nicht -- gehorchst nicht?!«

Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal fürchtet. Aber er

erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe.

Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter

stand am Fenster und schaute wortlos zu.

So war es am besten; es mußte einmal zur Entscheidung kommen.

»Laß, Vater,« sagte Albert in beruhigendem Tone, »Fritz wird gehorchen.

Er ist der Jüngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht

alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die Dörthe langsam fallen

lassen. Unterdes kommt die Frida Grödecke mal her sich vorzustellen --

es wird sich schon alles finden. Ich fahr' morgen sowieso nach

Frankfurt, da sprech' ich mit Grödecke.«

Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete er sich nochmals um. Er sah

kreideweiß aus.

»Und der alte Klempt?« fragte er; »soll der auch betrogen werden?«

Aus tiefem Schacht · 第 18 / 27 题