Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle
ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man
anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in
das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu
färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie
sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch
offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten
Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und
auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen
festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer
Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius
über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu
Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter
Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine
Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine
romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche
Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine
ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere
Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der
Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen
noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und
Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die
Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die
denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der
Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse
bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen
Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe
durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr
zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht.
»Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?« fragte er Albert.
Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und
klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug.
»Das ist einfach der Köder, Vater,« antwortete er; »erst müssen die
Leute _kommen_ -- nachher wird sich's schon finden, wie wir sie
drankriegen.«
Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen.
Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber
Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an
die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt überzusiedeln, verlockte.
Namentlich Lise drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß Albert
sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von einer Partie mit einem fest
angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte
für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, das Melken im
schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glühender
Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte
verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen
bleiben, vorläufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun
eigentlich aus Oberlemmingen werden würde. Und so hatte er sich beim
Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses für die
nächsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte,
so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube und kam Abend für Abend
betrunken nach Hause.
Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich die Arbeit in ganz
Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im
Dörfchen eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber so
vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen.
Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die
Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große Glaskutsche des
Döbbernitzer Oberförsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen
dicht aneinandergedrängt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats
von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das
elegante Gefährt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens
und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schließlich auch den
gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen
Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus
Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel
Zernins hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, und die
Genesung war noch nicht vollständig.
Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage
geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt
gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der
außer einigen Häuptern des Kreises auch Albert Möller, Pfarrer von
Eycken und der Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich
gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt
und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst
August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er
wünsche nicht, daß sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da
unten beteilige.
Es war heiß um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation
schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch
seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Büste Bolivias, den
man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus
als die groteske »Büste«. Der Landrat war in der Reserveuniform des
Kürassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wußte nicht
recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug
Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollte _er_ die
Weiherede halten.
Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank --
das war »die Regierung«! Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack
mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten,
die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo
sie ihr schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und
Begrüßung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt
hielten, da auch aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen
Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz großstädtisches Leben und
Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein
buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die
Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene
Abwechslung betrachteten.
Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den
vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der
brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig.
Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen den Stämmen der
Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten überall auf dem
gelben Kies der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier mit einem
Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man
vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang
und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für ihn war diese Quelle
kein Objekt säckelfüllender Spekulation; sie sprang aus Sand und
Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen,
um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen, um die Gebrechen der Welt zu
heilen. Die heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen erfüllte,
schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis
überströmen, um mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid
hinwegzuspülen. Sie war eine Gabe des Höchsten und deshalb auch sollte
ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen.
Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die
Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem
Strahl, springbrunnenähnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die
Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende Naß und schlug
dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz
über die Quellenöffnung.
»So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum
Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der
unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Stärke und
Gesundung zurückgeführt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!«
So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu
diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten
April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte -- das wäre noch
hübscher gewesen. Doch trotzdem -- der Moment war sehr feierlich. Es
ging ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein
Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte.
Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert
Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre
Zeichen. Über die Gestalt des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen
schwarzen Talar und auch über das springende Wasser und die
Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah
wirklich so aus, als ströme das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab --
und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hörte nicht mehr auf
den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des
Regierungspräsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schloß; der
Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete
ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der
der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Träumereien
empor, und ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie
grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen mußte!
Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben,
und nun flutete die Menge durch die Gänge und Anlagen, während
Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch
die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen
worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges Büfett errichtet,
aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es
war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle
konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war
selbstverständlich, daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das
Fritz Möller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr für immer in der
Versenkung verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man nicht auch
seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün im Gesicht. Wäre es nicht
passender gewesen, diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel
Möller zu veranstalten? -- Als der Regierungspräsident, das
Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der
großen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den
intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch »das
Unmögliche möglich mache«, da glaubte Albert, an dem Bissen
Gänseleberpastete, den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen.
Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die Quelle entdeckt, als
hätte ihm das Terrain gehört, als wäre er derjenige gewesen, der den
ersten Anstoß zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben
hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und
ihn, den Albert Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete
man gar nicht!
Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der
höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu
danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das
brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer
Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims
Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher
eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein
Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu
verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer
gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben
Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen
einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser
niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der
Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und
ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber
heiraten -- nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des
Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich
eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der
Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm
gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich
energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu
nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie
ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schloß
sich ein, um ungestört weinen zu können.
Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen
Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den
Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder
einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der -- eine große weiße
Schürze um den Leib -- soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren,
fragte verwundert, was es denn gebe.
»Wirst es schon hören,« antwortete der Bruder, »diesmal geht's dich an!«
In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller
mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte,
Fritz, Albert und Bertold.
Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. »Ich möchte mit
euch einmal wegen der Dörthe reden,« sagte er. »Der Sache muß ein Ende
gemacht werden.«
»Wieso?« fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend
nickte.
»Wieso?« wiederholte Albert mit strenger Stimme. »Kannst dir's wohl
denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.«
»Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein
soll,« entgegnete Fritz; »da wird's ja anders werden!«
»Und ich bin doch auch noch da,« fügte die Mutter hinzu.
Albert schüttelte den Kopf.
»Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,« sagte er. »So einem großen
Hotelwesen muß eine rüstige Kraft vorstehen.«
»Gottlob, das ist die Dörthe,« warf Fritz ein.
»Und wenn sie's auch zehnmal wäre,« fuhr Albert heftig auf; »wenn du dir
hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst
du kein Bauernmädel heiraten!« ... Er lenkte ein, als er das bestürzte
und unglückliche Gesicht seines Bruders sah. »Du mußt Vernunft annehmen,
Fritz,« fuhr er fort. »Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich
alles gestalten würde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die
ganze Macht an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen zu
lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können wir aber nur, wenn wir
Brüder uns solidarisch erklären, das heißt also, wenn wir einer für alle
stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde
heiraten, aber ich muß noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und
ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.«
»Die Hauptsache,« bestätigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu:
»Man muß rechnen.«
»Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, Fritz,« begann Albert von
neuem. »Das gibt ein paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache
vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir
den Wittke wieder zum Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht
recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten,
bäurisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im
Maule. So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen
und einen städtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr
Schulze, sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen können
-- wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch
der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen
eignen würdest!«
Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte nicht, was er sagen sollte.
Man wollte ihm die Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war
das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, daß er gar nicht mehr zu
widerstreben wagte. Im stillen hatte er längst gefürchtet, daß die
Verlobung wieder auseinandergehen würde.
Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den
Tisch gestützt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus
Stein gehauen.
»Hast du nun gehört, Fritz?« sagte er. »Der Landrat hat gefragt, ob du
dich nicht zum Schulzen eignen würdest?«
»Na, gewiß,« entgegnete Fritz etwas zaghaft, »warum denn nicht? Dazu
gehört doch nicht so viel!«
»Mein' ich auch,« fügte Albert ein, »und daß du gewählt wirst, dafür laß
mich nur sorgen. Das ist eine große Stütze für uns alle, wenn du der
Ortsvorstand bist. Ich für meinen Teil werde mich darum bemühen,
Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen -- es geht
auch nicht, daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau
wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe eine andre Partie für dich, Fritz.«
Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.
»Aber, Albert -- ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der
Dörthe,« wagte er einzuwerfen.
Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu
schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt nicht
ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein nicht gepaßt. Und
schließlich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu
verdächtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach
Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen
sehen ...
Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab.
»Was für 'ne Partie?« fragte er Albert; »rede!«
Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle
die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes,
Schlächtermeisters in Frankfurt. Der alte Möller nickte. Er kannte den
Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer Halunke, aber er hatte Geld
gemacht. Also dessen Tochter?! -- Und Albert erzählte weiter. Das
Mädchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, aber groß und ganz
hübsch und nehme sich recht stattlich aus. Grödecke habe sich bereits
einverstanden erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle
aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen
für Oberlemmingen verbürgt würden. Statt dessen wolle man ihm
vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei hier an
Ort und Stelle zu errichten. In ausführlicher Weise legte Albert die
Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn er nicht mit
beiden Händen zugriffe.
»Da gibt's nichts weiter zu reden,« sagte der Alte ruhig; »Fritz
heiratet das Mädel.«
Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf,
reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam
entschuldigend, hoch in die Höhe und stotterte: »Vater -- Vater, sei mir
nicht böse; ich kann's nicht!«
Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot färbte der jähe
Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden,
viereckigen Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.
»So,« stieß er hervor, »du gehorchst nicht -- gehorchst nicht?!«
Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal fürchtet. Aber er
erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe.
Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter
stand am Fenster und schaute wortlos zu.
So war es am besten; es mußte einmal zur Entscheidung kommen.
»Laß, Vater,« sagte Albert in beruhigendem Tone, »Fritz wird gehorchen.
Er ist der Jüngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht
alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die Dörthe langsam fallen
lassen. Unterdes kommt die Frida Grödecke mal her sich vorzustellen --
es wird sich schon alles finden. Ich fahr' morgen sowieso nach
Frankfurt, da sprech' ich mit Grödecke.«
Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete er sich nochmals um. Er sah
kreideweiß aus.
»Und der alte Klempt?« fragte er; »soll der auch betrogen werden?«