Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im
Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.
»Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,« sagte er, ihr die Hand
reichend. »Das ist aber nichts weeter als eine Folge des
Frühschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer
gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich
der Morgen ist!«
Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der
Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und
Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde
Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an;
die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem
Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die
Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck.
Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei
Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten
Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine
Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die
Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest
dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den
Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft,
die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein
Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel
deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem
Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war
noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die
verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der
Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten.
Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein
Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen
des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe
arbeiten -- sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel -- und dann das
Öffnen verschiedener Türen, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen
zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle
Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ...
Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der
Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie
fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit
hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen
darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was
ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner
Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein
Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant
aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten
Haltung.
Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am
Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des
Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen
Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die
Flammen zuckten hin und her.
Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei
neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von
Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der
Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er
schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle
geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen.
Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf
die »Handelsverträge und das römische Recht« und vermied die
landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der
Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle
Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen der Preise
Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal
eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt
-- was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der
die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für
das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres
Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht
fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben -- und er, Hellstern, hatte
sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen,
waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben?
Verpulvert, verschleudert, vergeudet -- »adjö!« ... Daß die
Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt
habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle
reichen Juden kauften sich Güter ...
Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er
sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren
gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte
sodann:
»Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast,
Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an
mich gewandt hast -- ich hätte dir doch so gern geholfen.«
Der Freiherr schüttelte den Kopf.
»Du standst mir zu fern, Axel,« erwiderte er. »Und dann lagen auch schon
überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch
weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten
konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat
Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte
vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.«
Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war
einverstanden.
Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda
mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des
Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde
gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und
gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel
angebaut. Die alte Inschrift: »Gastwirtschaft von C. Möller« war längst
übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: »Hotel
Möller«, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die
Höhe; überall regten sich fleißige Hände.
Axel wollte auch den »Kurpark« sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die
Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald
war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die
Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch
vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein,
Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu
ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der
kälteren Jahreszeit.
Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda
grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der
verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen
des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht
mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln
entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel
vor.
»Freue mich sehr,« sagte der Kommerzienrat. »Sie lernen die
Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr
Baron sprechen doch Deutsch?«
»Gewiß,« erwiderte Axel; »nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch
nicht so recht. Das interessiert mich alles sehr, Herr Kommerzienrat.
Das ist sozusagen ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das da drüben ein
Pavillon, wenn ich fragen darf?«
»Nein,« entgegnete Schellheim, »das wird der Quellenbau. Wenn die
Herrschaften gestatten, führe ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem
Herrn Papa, gnädigstes Fräulein?«
Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rätin, auch unbefangen
nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich.
Gunther war noch immer in Montreux; seine große Arbeit ging dem Abschluß
entgegen.
»Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges Fräulein --«
»Ja -- ich weiß, Herr Kommerzienrat --«
»So -- Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat
ihm die ersten Bogen geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln
und Forschen und Suchen -- ein Glücksgefühl, das unsereiner gar nicht
kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel --«
Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen nach zu urteilen, mußte
man mit großen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor
und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf
geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige
Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und
an den Endpunkten der Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche
Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstämmiger
Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park.
Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prächtige Allee
bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielplätze hergeben,
für Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man.
Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz,
Eisen und Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem
Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten »Sandkuhlen« der Grauen
Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Möllers hatten die
Verpflegung der Leute übernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man
überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze
und verließ ihn als letzter. Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte
sich, daß er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner Halbbildung
ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von
kriechender Unterwürfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war,
schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel schlaflose Nächte gehabt;
der Gedanke, daß der Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte
ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber gegrübelt, wie man sich
Schellheims am bequemsten entledigen könne, wenn alles »fertig sei«.
Schließlich aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. Schellheim
war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die
Gesellschaft war gegründet; an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu
denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mißtrauen.
Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen
wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah
wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die
Einrichtungen, die man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen.
Wo sollten diese Menschen wohnen? -- Die Wohnungsfrage war in der Tat
erst in der Lösung. Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem
Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von Logierhäusern
errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Bauplätze gekauft,
auch der Getreidehändler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater
Bertolds, begann zu bauen. Und dann unterhandelte man noch mit Raupach
und Thielemann, deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße lagen.
Am wichtigsten war freilich Braumüller, doch der hatte bisher jedweder
Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise mußten noch
ganz anders in die Höhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter
Akazienbaum, der den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht auf den
Boulevard störte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und
fällen zu lassen. Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte das
für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf Taler wert. Dann solle der
Baum stehen bleiben, gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf Tod
und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem
Kommerzienrat Bericht. Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung,
und schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: »Zahlen Sie dem Kerl
die fünfzig Taler -- der Teufel soll ihn holen, den Gauner!« Braumüller
strich die fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, und betrank
sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte nach Hause tragen mußten.
Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr für die Bauern da. Fritz
hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht
worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von
Friedrich Wilhelm IV. und der Königin Elisabeth waren mit
herübergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte
zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, daß alles so fein und so vornehm
wurde. --
Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und
Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf
dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die
ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart.
Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer Platz freigelegt; dorthin
sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das
Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein
achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von
Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue
Kinderheilstätte stehen würde.
Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie
hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle
sich sehr wohl und auch sehr glücklich.
»Ja -- sehr glücklich, Cousine,« wiederholte er. »Ist es der Reez des
Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben
Verwandten zusammen sein zu können -- ich kann dir nur sagen: ich fühle
förmlich, wie mir das Herz auftaut -- ich spüre selbst so etwas wie
Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert -- und ich
danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet
habt, euch besuchen zu dürfen.«
»Aber ich bitte dich, Vetter,« wehrte Hedda den Dank unter hellem
Erröten ab, »wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und
hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe
bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt --
denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar
verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott,
es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!«
»O Hedda, du mißverkennst mich völlig,« entgegnete Axel. »Ich bin
verwöhnt -- allerdings -- das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es
möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht
sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe
einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir
uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen
Schiffszwieback angewiesen waren -- es hat mir nicht wehe getan. Ich
liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so
weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur
wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch
die Seele -- ich weiß nicht, woher es kommt -- so etwas wie
Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig
genug: im tollsten Trubel hab' ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun
hat man mir auch Jarlsberg verboten -- wegen der rauhen Luft und des
verdamm -- o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat
genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen
-- und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...«
Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen »Heimatlosen«,
der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen
schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte
Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus -- einer, der immer einer
linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er
sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der
Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den
er hart empfinden mußte.
»Weißt du, Vetter,« begann sie wieder, »daß ich deinen Entschluß, den
Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?«
»Wirklich?« fragte er.
»Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles
Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.«
»Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich
ordentliche Natur, Hedda.«
Sie lachte.
»Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen --«
»Ach nein -- in keine des #genus homo#!«
»Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs Carrieremachen angewiesen
bist,« fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. »Und bei deinem
lebhaften Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig bleiben und dich
langweilen wirst.«
»O du lieber Gott, Hedda -- ich kenne das Wort Langeweile überhaupt
nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen -- und wenn ich mich dazu
entschloß, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur -- gewissermaßen
aus traditionellen Rücksichten; irgend einen Beruf mußte ich doch
ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle
Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein
besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern --
der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den großen
Adelsaufstand beigelegt haben -- doch ist es immerhin fraglich, ob man
diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf ...«
Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See
ein. Er lag in voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern,
die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. Unten erstreckte sich
Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees
erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche Gestaltung
einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte
wieder, in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des Döbbernitzer
Schlosses in verschwimmenden Umrissen herüber.
Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschränkte sich
auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er
habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung;
dieser Tage solle das Gut subhastiert werden -- man erzähle sich,
Schellheim werde es kaufen.
Der Vetter wurde aufmerksam.
»Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten?« fragte er.
»Ja, Vetter, der einzige.«
»Und ist das Gut im Stande?«
»Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und
Schloß und Park sind herrlich.«
Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard über die Stirn.
Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch
darüber und ließ sich nieder.
»Bist du nicht auch müde, Hedda?«
»Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.«
Er schaute sie ernst und lange an.
»Ach,« sagte er, »wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du
bist ein echtes Germanenweib, Hedda --« und plötzlich brach er ab und
winkte ihr. »Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde bist -- es
plaudert sich besser.«
Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz für zwei. Hedda
setzte sich zu ihm. Sie hätte gern die Röte zurückgedrängt, die sie
plötzlich auf ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich sie.
Ihr war genau so zu Mute, als müsse im nächsten Augenblick ein Antrag
kommen.
Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, die schilfumbuschten
Ränder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann plötzlich:
»Vielleicht ist das etwas für _mich_ -- dies Döbbernitz da drüben.«
»Wie meinst du das?«
»Nun -- irgendwo muß ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen,
Hedda -- und hier in eurer Nähe gefällt mir's schon am besten. Immer
unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd' mich
nach den Verhältnissen in Döbbernitz erkundigen ...«
Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des
Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so plötzlich, daß
sie nicht recht wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien
ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und
sagte:
»Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist --«
Jetzt lachte Hedda.
»Aber, Vetter,« antwortete sie heiter, »warum soll es mir nicht recht
sein? Es ist doch naturgemäß, daß ich Döbbernitz lieber in den Händen
eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, zumal es früher einmal
Hellsternscher Besitz gewesen ist --«
»Wirklich?« fiel Axel ein.
»Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem Hellstern -- ich glaube, er
hieß auch Axel --, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in
brandenburgische übertrat; dann kauften es die Rothenburgs und später
die Zernins.«
»Es ist gut, daß ich dies weiß,« erwiderte Axel ernsthaft;
»Familienerinnerungen muß man wert halten ...«
Und nun wurde er schweigsam, während man langsam den Heimweg antrat.
Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens tagsüber
nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, daß er nicht wenigstens ihren
Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das
Thema von neuem anzuregen.
Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof,
die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber.
Sein Wagen tät' es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen
ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach,
in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang
so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den
Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. »Ein merkwürdiger
Mensch,« dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.
August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden.
»Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges
Fräulein,« erzählte er Hedda. »Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten
je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei
uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann
das doch nicht zurückweisen -- wie würde das denn aussehen!«
Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück.
»Ich werde nicht klug aus ihm,« sagte Hellstern. »Er ist mir zu weich,
zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner
Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von
Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen
wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden -- man hat ihm den Rest
seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel
und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.«
»Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,«
entgegnete Hedda.
»Es wäre im Grunde genommen ganz gut,« erwiderte der Alte; »so mal für
ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr --
ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht
auch?«
Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick
an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.