Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer
Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus
Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen
herübergekommen und hatte die »Säuberung« des Buchenwäldchens auf der
Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche
Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen,
Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden
vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres
treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform
aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten
Buchengrün große Schokoladentorten.
Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen
regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in
Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert
Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen
abgekauft. Diese lagen dem »Kurpark« ungefähr gegenüber, und die beiden
kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen
und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten
Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte
Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein
Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert
Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich
natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte
jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre
fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster,
Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.
Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich.
Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch
längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der
Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den
Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die
Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen
sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit.
Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne
Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten
Schleier umhüllen sollte.
Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte
sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten
hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten,
zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und
andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken
verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür
stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch
nichts vergessen worden sei. Richtig -- in einem Winkel der Kammer neben
der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr
letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken
raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn
hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und
als Maracke ihr ein ungeduldiges »Mutter, nu' mach aber!« zurief,
schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch
noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles
stand und lag, auf den Einspänner gepackt.
In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er war ganz vergnügt, hatte
sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein
Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer
bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen
Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich
ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der
Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden
und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so
fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft?
Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen
können? -- Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während
er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und,
die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief
die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie
hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet
war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie
ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den
Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu
Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber
standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte
zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine
Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig
aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem
Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der
Neubau an die Reihe. Das ging rasch.
An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt
unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste
Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rühren
können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung.
Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das
Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf
aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust
auf die Quelle zu räsonieren.
»Siehst du, Hedda,« sagte er, »das sind die ersten -- die ersten Opfer
der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung -- vielleicht
erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit
zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird.
Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und
Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und
wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten,
immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das
Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....« Er
zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf.
»Sicher -- es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei
Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in
unser Tal -- oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren
Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit
Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu
gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach
physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und
auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und
Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude
daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf
die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören
können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt,
denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen --
überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des
Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es
wird ganz großartig werden ...«
Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:
»Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich
symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte
muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die
kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen
auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf
ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe
gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die
Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit -- aber sind
nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter
Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen
wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß
gegeben; _sie_ werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf
der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf
der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das
Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern
kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein
Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen
wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität.
Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer
Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch
zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel
ergeben und schließlich untergehen. #Ceterum censeo# -- ich sehe
durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.«
Der alte Freiherr stand mit seinem #»Ceterum censeo«# allein. Auch Hedda
teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit
dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich
lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In
seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und
leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte -- mit weit
offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: »Lasset
die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....« Die Bücher
blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten
Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte
ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so
fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen
statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen
und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er
hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte
gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den
Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen
wollte Eycken nichts -- Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich
die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie
anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das
ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte,
was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem
Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens
war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der
Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung
gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch noch an den
Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich
verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels,
den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.
Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser
Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen
großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur,
denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht
an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag.
Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und
hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es
wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten
Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar!
Natürlich sollte man da alles haben können -- ein riesiges Warenhaus
schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die
Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich
»schenial«, wie sein Lieblingsausdruck lautete.
Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte,
seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös
des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte --
außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich
schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute
seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die
Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar
Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag;
schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die
Wiese war ihrer Lage wegen wichtig -- aber was auch er nicht vermochte,
das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja
lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der Dörthe,
und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und
nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald
einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden
sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu
können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie
wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte
Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte
in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt
einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse
gebracht und für Dörthe festgelegt.
Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda
abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben,
zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner
Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer
denselben Worten darauf geantwortet: »Es tut mir schrecklich leid,
liebste Hedda, daß --« und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings
gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch
einmal eine »Ausspannung« gönnen; im Grunde genommen aber war er
herzensfroh, daß sie dennoch blieb -- sie war ihm unentbehrlich
geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn
sie neben ihm saß.
Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an
sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein
Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn
Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner
Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das
ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte
jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten
abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.
»Eine Depesche für den Herrn Baron,« sagte die Botenfrau.
»Allmächt'ger Gott,« rief August, »eine Depesche! -- Dörthe, eine
Depesche!«
Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das
zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.
»Eine Depesche!« stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.
»Dörthe, das bedeutet ein Unglück,« fuhr August mit Überzeugung fort.
»Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag' ich dich bloß!« Und er
schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen
wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem
Kopfschütteln in das Herrenhaus.
»Eine Depesche, gnädiges Fräulein,« sagte er zu Hedda, die in der
Speisekammer zu tun hatte.