Neuntes Kapitel

Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer

Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus

Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen

herübergekommen und hatte die »Säuberung« des Buchenwäldchens auf der

Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche

Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen,

Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden

vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres

treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform

aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten

Buchengrün große Schokoladentorten.

Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen

regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in

Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert

Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen

abgekauft. Diese lagen dem »Kurpark« ungefähr gegenüber, und die beiden

kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen

und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten

Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte

Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein

Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert

Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich

natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte

jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre

fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster,

Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.

Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich.

Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch

längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der

Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den

Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die

Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen

sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit.

Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne

Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten

Schleier umhüllen sollte.

Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte

sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten

hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten,

zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und

andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken

verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür

stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch

nichts vergessen worden sei. Richtig -- in einem Winkel der Kammer neben

der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr

letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken

raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn

hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und

als Maracke ihr ein ungeduldiges »Mutter, nu' mach aber!« zurief,

schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch

noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles

stand und lag, auf den Einspänner gepackt.

In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er war ganz vergnügt, hatte

sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein

Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer

bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen

Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich

ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der

Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden

und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so

fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft?

Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen

können? -- Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während

er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und,

die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief

die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie

hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet

war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie

ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den

Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu

Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber

standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte

zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine

Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig

aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem

Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der

Neubau an die Reihe. Das ging rasch.

An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt

unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste

Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rühren

können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung.

Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das

Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf

aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust

auf die Quelle zu räsonieren.

»Siehst du, Hedda,« sagte er, »das sind die ersten -- die ersten Opfer

der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung -- vielleicht

erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit

zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird.

Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und

Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und

wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten,

immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das

Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....« Er

zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf.

»Sicher -- es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei

Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in

unser Tal -- oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren

Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit

Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu

gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach

physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und

auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und

Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude

daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf

die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören

können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt,

denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen --

überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des

Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es

wird ganz großartig werden ...«

Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:

»Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich

symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte

muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die

kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen

auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf

ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe

gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die

Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit -- aber sind

nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter

Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen

wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß

gegeben; _sie_ werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf

der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf

der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das

Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern

kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein

Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen

wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität.

Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer

Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch

zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel

ergeben und schließlich untergehen. #Ceterum censeo# -- ich sehe

durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.«

Der alte Freiherr stand mit seinem #»Ceterum censeo«# allein. Auch Hedda

teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit

dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich

lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In

seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und

leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte -- mit weit

offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: »Lasset

die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....« Die Bücher

blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten

Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte

ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so

fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen

statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen

und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er

hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte

gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den

Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen

wollte Eycken nichts -- Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich

die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie

anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das

ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte,

was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem

Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens

war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der

Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung

gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch noch an den

Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich

verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels,

den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.

Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser

Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen

großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur,

denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht

an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag.

Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und

hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es

wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten

Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar!

Natürlich sollte man da alles haben können -- ein riesiges Warenhaus

schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die

Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich

»schenial«, wie sein Lieblingsausdruck lautete.

Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte,

seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös

des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte --

außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich

schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute

seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die

Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar

Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag;

schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die

Wiese war ihrer Lage wegen wichtig -- aber was auch er nicht vermochte,

das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja

lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der Dörthe,

und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und

nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald

einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden

sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu

können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie

wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte

Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte

in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt

einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse

gebracht und für Dörthe festgelegt.

Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda

abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben,

zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner

Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer

denselben Worten darauf geantwortet: »Es tut mir schrecklich leid,

liebste Hedda, daß --« und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings

gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch

einmal eine »Ausspannung« gönnen; im Grunde genommen aber war er

herzensfroh, daß sie dennoch blieb -- sie war ihm unentbehrlich

geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn

sie neben ihm saß.

Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an

sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein

Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn

Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner

Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das

ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte

jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten

abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.

»Eine Depesche für den Herrn Baron,« sagte die Botenfrau.

»Allmächt'ger Gott,« rief August, »eine Depesche! -- Dörthe, eine

Depesche!«

Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das

zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.

»Eine Depesche!« stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.

»Dörthe, das bedeutet ein Unglück,« fuhr August mit Überzeugung fort.

»Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag' ich dich bloß!« Und er

schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen

wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem

Kopfschütteln in das Herrenhaus.

»Eine Depesche, gnädiges Fräulein,« sagte er zu Hedda, die in der

Speisekammer zu tun hatte.

Aus tiefem Schacht · 第 15 / 27 题