Achtes Kapitel

Als die Herren in die Salons zurückkehrten, rüsteten die Pontecks, Biese

mit seiner Frau und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch.

Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte

und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte.

»Wo steckst du denn, Papa?« fragte Gunther.

Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.

»Ich habe für _dich_ gewirkt, mein Junge,« entgegnete er schmunzelnd.

»Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm

doch im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so könnt ihr

schon morgen verlobt sein. Und ich fühl' es: sie _wird_ ja sagen ...

Später mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum

zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? Die Mama bekümmert sich nie um

dergleichen -- wenn _ich_ nicht überall hinterher bin --«

»Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, es ist im Rauchzimmer zu

einer kleinen Streitigkeit gekommen --«

»Streitigkeit? Zwischen wem?«

»Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. Ich weiß nicht, um was

es sich handelt. Ich hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn von

Ponteck sagte: 'Diesmal hat Zernin recht gehabt' -- und der Kammerherr

antwortete: 'Es schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur

einen kleinen Denkzettel gibt.'«

Schellheim war außer sich.

»Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das in meinem Hause --

Donnerwetter -- --«

Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, sollte ihm Rede stehen.

Er erwischte ihn, als der alte Herr sich gerade einen Kognak von einem

Diener reichen ließ.

»Was soll denn los sein, Bester!« antwortete er, den Kopf in den

gedrungenen Nacken werfend den Kognak hinuntergießend, »gar nichts ist

los! Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt, und Zernin hat

sich dabei ganz anständig benommen. Vielleicht schießen sie morgen ein

paar Kugeln in die Luft -- vielleicht auch nicht. Das hat nichts auf

sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine Ahnung von dem

Zwischenfall!«

Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz Usen war wie das Evangelium

für ihn.

Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der Aufbruch der einen Partie

versetzte die ganze Gesellschaft in Unruhe. Man rief nach den Dienern.

»Der Schönwaider soll anspannen!« -- »Der Klein-Güstener auch!« -- »Der

Wagen von Wernochow!« Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen

noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles empfahl sich mit größter

Herzlichkeit. Es sei reizend gewesen, ganz reizend -- auf baldiges

Wiedersehen! -- Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von dem Streit im

Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis Schellheim noch immer nicht

gekommen war. Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und nannte ihn

»lieber Nachbar«. Im allgemeinen Aufbruch empfahl sich auch Klaus,

höflich, liebenswürdig, etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich

nur. Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten der

Woydczinska den Abhang hinab.

Vor dem Portale hielt die lange Reihe der Wagen und Schlitten. Ihre

Lichter glänzten durch die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten

sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze, Decken und Mäntel.

Die Hakennase des Majors von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem

hochgeschlagenen Kragen. Das kleine C des Oberförsters mußte sich noch

den dicken Shawl des Papas um Hals und Mund wickeln lassen. »Aber,

Mama,« ächzte der Backfisch, »ich kriege ja gar keine Luft!« -- »Kriege

keine,« erwiderte die energische Mutter; »wenn du morgen hustest, mußt

du im Bett bleiben und schwitzen«.... Exzellenz Usen sah in seinem

verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze wie ein

Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten aus. Doktor Stramin hatte rasch

noch den Landrat in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei

Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet hätten. »Ein

Schuster und ein Klempner, Herr von Wessels, und das wühlt von unten

auf, das frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn man nicht

rechtzeitig einen Riegel vorschiebt ...« Er schwatzte immer noch weiter,

während draußen sein Wagen wartete.

In der Halle verabschiedete sich Eycken von den Gastgebern.

»Nein, ich habe keinen Wagen,« sagte der Pastor auf eine Frage

Schellheims und reckte seine hohe Patriarchengestalt, »ich geh' die paar

Schritte gern zu Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der

Kinderheilanstalt sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. Wir sprechen

noch über manches. Es ist vielerlei hin und her zu überlegen. Auch das

mit dem Zernin.«

»Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein tüchtiger Mensch wird,

lieber Herr Pastor!« entgegnete Schellheim.

»Froh?! Du lieber Gott, _wie_ würde ich dem Himmel danken! Aber -- --

#nous verrons#, lieber Herr Rat, ich tu' vielleicht unrecht, daran zu

zweifeln. Meine Empfehlungen, gnädige Frau!«

Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend durch die Reihen der

Gäste und trat ins Freie. Der Schnee knirschte nicht; es war lauer

geworden. Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel glänzte die

Sternenwelt; nur im Osten baute sich eine weiße Wolkenmauer auf, aus der

phantastische Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und

greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen leichten Havelock

gewickelt, den Parkweg hinab. Auf seinem großen Rundhut bildeten die

Schneeatome einen feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht

einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf stolz erhoben,

konnte man ihn für einen Mann in den besten Jahren halten, für einen

Vierziger. Nur der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der Wind

auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung.

An Eycken vorüber rollten die Wagen und klingelten die Schlitten. Er war

schon außerhalb des Parks, als er hastig zur Seite springen mußte. Der

Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem zweiten Schlitten, und

beide Gespanne füllten die Breite des Fahrwegs aus.

Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der Woydczinska:

»Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht zu spät -- so zwischen

sechs und sieben ...«

Und eine Männerstimme aus dem zweiten Schlitten antwortete:

»Wenn ich es einrichten kann -- aber ich hoffe ...«

Das war das klingende Organ Zernins. Der Pastor strich glättend über

seinen zerflatternden Bart. Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner

Brust, doch ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht christlich

und nicht menschlich, immer das Schlechteste zu denken! --

Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen nach seinem Kutscher.

Der Mann hatte zu viel getrunken; eine Wolke von Schnapsdunst umwogte

ihn. Usen schimpfte fürchterlich.

»Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, rädern!« ... Und

dann schob er dem schweigenden Kutscher seine eigne brennende Zigarre in

den Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel in die Hand.

»Halt dich fest, Saufsack!« schrie er. »Wenn du in den Graben fällst,

laß ich dich liegen!«

Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich auf und rasten davon.

»Gott sei dem Kutscher gnädig,« meinte Hellstern, vor die Tür tretend.

»Wenn der Pascha selber fährt, geht's wie der Deibel. Adjö, lieber Herr

Schellheim!«

Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal die letzten Honneurs

machte, die Hand. »Wenn Sie noch einige Tage bleiben,« sagte sie

freundlich, »so holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen

ab. Apropos, was macht der Schnupfen?«

»Danke, gnädiges Fräulein,« erwiderte Gunther heiter und drückte

beseligt die ihm dargereichte Hand, »ich niese mich vorläufig noch

weiter durch die Welt.«

Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige alte Kalesche

davongerasselt war.

Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener huschten aufräumend hin

und her. Aus dem Speisesaal tönten das Klappern der Teller, die wieder

in das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren des Silbers.

»Es war sehr gelungen,« sagte der Kommerzienrat, der nach jeder

Festlichkeit in seinem Hause Kritik zu üben pflegte. »Im allgemeinen

wenigstens. Die Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein

können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken gibt, muß sie auch

tadellos sein. Aber die meisten merkten es gar nicht; man ist hier doch

noch etwas zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was zwischen Herrn von

Zernin und dem dicken Biese vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es

auch nicht wissen, und ihr« -- er meinte damit seine Frau und Gunther --

»wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr's auch wirklich wüßtet. Denn über so

etwas sieht man hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird ein

Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein Ehrenmann; unter den

Schlacken der Vorurteile sitzt doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda

erst! Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.«

Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die Rätin, der über so viel

ungewohnte Liebe die Augen zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener

schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber und wunderten sich.

* * * * *

Derweilen entschied sich das Schicksal des armen Gunther.

Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten Morgen beim

Frühstück mit Hedda Rücksprache zu nehmen. Das war nämlich jene Stunde

des Tages, in der alle beide am zugänglichsten waren. Sie saßen sich

dann gegenüber am Teetisch, der vor den einzigen Kamin des Hauses -- im

sogenannten Saal -- geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am

Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. Er brauchte viel

Holz und man mußte sparen. Am selben Platze hatte man auch schon zur

Zeit, da die Baronin noch am Leben war, das Frühstück eingenommen, und

es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen um diese Stunde den

beiden besonders nahe.

Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als er neben Hedda im Wagen

saß und den Auberg hinabfuhr. 'Es ist besser, du machst die Geschichte

kurzerhand ab,' sagte er sich. In Wahrheit brannte es ihm auf der Seele,

zu erfahren, wie Hedda über die Werbung dachte. Er bildete sich ein,

sein Töchterchen auf das genaueste zu kennen; wenn man verliebt ist,

benimmt man sich nicht so wie alle Tage. Er räusperte sich in seiner

lauten und derben Weise.

»Ja, Vater!« fragte Hedda und zuckte in ihrem Winkel wie erschreckt

zusammen. »Sagtest du etwas?«

»Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst mir an, nervös zu

werden! Wenn ich mal 'hm' mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen

hätte. Nein, ich sagte nichts, aber ich _wollte_ etwas sagen. Nämlich --

denke dir, da hat der Kommerzienrat mit mir gesprochen --«

»Wegen der Quelle?«

»Nein -- deinethalben.«

Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie schob die weiße gestrickte

Kapuze, die sie bei winterlichen Fahrten über Land zu tragen pflegte,

etwas weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit ernsten Augen an.

»Meinetwegen?« fragte sie. »Was heißt das, Papa?«

Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.

»Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich heran, Kind,« entgegnete er.

»So -- und nun lege den Dickkopf an meine Schulter -- so -- und gib mir

auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal, warum klopft denn dein Herz

so stark?«

»O, es klopft nicht stärker wie sonst!«

»Doch -- ich spüre es. August soll dir meine Baldriantropfen bringen.«

»Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?«

Hellstern drückte die Hände Heddas fest.

»Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther, haben.«

Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die Glieder Heddas.

»Das ist eine Unverschämtheit!« rief sie empört. Aber sofort tat ihr

dieser Ausruf leid. »Das ist naiv,« fuhr sie, sich selbst beschönigend,

fort. »Wie kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?«

»Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er meint, er liebe dich. Und

es muß doch wohl die Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht

so ohne weiteres fortweisen.«

»Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm nicht gegeben, Vater.«

»Wenn du es sagst, glaube ich dir's aufs Wort. Aber man täuscht sich oft

in so subtilen Empfindungen. Gunther mag in seiner Schwärmerei eine

Liebenswürdigkeit deinerseits für Entgegenkommen gehalten haben. Ganz

sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; immerhin war es taktvoll

von ihm, daß er durch seinen Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken

ließ.«

Hedda schüttelte den Kopf.

»Mir ist es unklar, Papa ...«

»War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich doch. Ich hätte schon

gemerkt, wenn dein Herz lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh' dir

offen, ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat

mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl von Kränkung und Zurücksetzung

dazu. Ich fragte mich: 'Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind

anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige Dinge, um Herzens- und

Lebensfragen handelt?'«

Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, da die Liebe zum

erstenmal wie Frühlingsbrausen und Wettersturm durch ihr Herz gezogen

war. Gleich einer Träumenden war sie damals umhergewandelt, war blasser

geworden und abgemagert -- und der Vater hatte nichts gemerkt. Und nach

einer endlos langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual

schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen, statt sich an der Brust

des Vaters auszuweinen.

Hellstern räusperte sich wieder.

»Ich muß noch einiges sagen, Hedda,« begann er von neuem. »Auch der

Kommerzienrat hat die heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt -- wie

ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. Aber er setzte doch gleich

mit Zukunftsmusik ein; es herrscht eine ausgesprochene Wagnersche

Atmosphäre in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein Fideikommiß

für Gunther daraus machen; da solltet ihr denn im Sommer leben --«

»Auch das noch!« murmelte Hedda.

»Und im Winter ein paar Monate in Berlin oder auf Reisen -- ganz, wie es

euch passen würde. Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er

hat mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... Sieh einmal,

Hedda, wir sind arm, und ein andres, viel glänzenderes Leben würde ja

zweifellos für dich beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist

auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich selbst nichts gegen das

Bürgerliche sagen; um der Kinder willen ließe sich der Adel schon

beschaffen, obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem

Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir nicht. Ich bin

kleinlich in solchen Dingen -- ich weiß es --«

Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte sich wieder aufrecht in

ihre Ecke.

»Das ist in der Tat kleinlich, Papa,« erwiderte sie. »Wir haben schon

einmal über den Punkt gesprochen. Ob Hemden oder Geschütze, was ist da

der Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden vielleicht noch

nötiger als Kanonen. Wenn irgend ein junger Krupp um mich anhielte,

würdest du keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von neuem

streiten. Es handelt sich weder um Kanonen noch um Hemden, sondern um

mein Herz.«

»Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht.«

»Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?«

»Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort geben würde.«

»So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form, daß sein Sohn sich

in eine Täuschung hineingelebt habe, und daß ich es noch nicht -- für an

der Zeit hielte, über mein Herz zu entscheiden.«

Hellstern nickte.

»Gut; das werd' ich ihm schreiben. In höflichster Form -- ich will den

Leuten ja nicht wehe tun.«

Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In einer raschen, heiß

aufsteigenden Aufwallung nahm er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er

küßte sie stürmisch.

»Mein Liebling,« stammelte er; es klang wie verhaltenes Schluchzen. Er

tastete über ihre Wangen und streichelte sie. Er war so selig, daß er

sein Kind noch behalten durfte.

Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne in der Hand, öffnete den

Schlag. Auch Dörthe war noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen

Herrschaften vielleicht noch Teewasser wünschten.

»Nein, Dörthe,« erwiderte Hedda; »wir gehen gleich zu Bett. Wir sind

müde. Gute Nacht, Papa -- schlaf wohl!«

Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß ihre Hände kalt wie Eis

waren, wandte er sich an Dörthe.

»Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche in das Bett gelegt?«

»Jawohl, Herr Baron.«

Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf in ihr Zimmer, stellte

das Licht auf den Nachttisch und begann sich langsam zu entkleiden. Es

war merkwürdig -- sie fühlte sich wirklich grenzenlos müde und dabei so

zerschlagen in allen Gliedern, als ob sie einen weiten Marsch hinter

sich habe. In Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand und

faltete die Hände. Ein holdes Lächeln flog über ihr Gesicht. Der

Gedanke, geliebt zu sein, ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber

das Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück, den sie nicht

vergessen konnte, und seufzte.

An der Tür klopfte es leise.

»Was gibt's noch?« rief Hedda.

Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Fläschchen hielt, und

ein Arm wurden sichtbar. »Der Baldrian, gnädiges Fräulein,« sprach

Augusts Stimme, »und drei Stückchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der

Herr Baron sagen, und wenn gnäd'ges Fräulein in der Nacht aufwachen

sollten, dann nochmal zwanzig.«

Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie löschte das

Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was nützte der

Baldrian! Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte,

und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurück. Dörthe hatte auch das

Zimmer geheizt -- gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht

auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mädchens Kopf.

Sie wollte sich beruhigen und zündete abermals das Licht an. Dabei fiel

ihr Blick auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die

verstorbene Mutter dar.

Ihre Augen wurden naß. 'O du liebes Mütterchen, wenn du doch noch

lebtest!' dachte sie. 'Dir wollte ich sagen, wie mir's ums Herz ist! Und

du würdest auch Rat und Trost finden und würdest mir helfen und mich

aufrichten in all meinem Gram. Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich

mich dem Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, aber er

ist zu rauh, und er haßt -- ihn. Und jedes Schmähwort gegen ihn ist mir

wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders ...'

Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich

hinein. Dann fühlte sie einen leisen Frostschauer über ihre Schultern

rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie

auf. An den Fensterläden rüttelte und schüttelte es. Ein Sturm schien

die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff;

hin und wieder hörte Hedda auch das Geräusch eines losgerissenen und

über das schräge Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in ihrer

erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte sich rufen -- klagend,

schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr

rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen entzündete sie

zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem

Nachttisch. Aber was nützte der.

* * * * *

Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer der Kossätenhäuser

unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie

zerzaust. Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt worden. Den

Schnee aber hatte die Windsbraut zu großen Haufen zusammengeweht,

pyramidenförmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt

und an den Stämmen und Wänden in die Höhe gebürstet, wo er dann in der

Kälte der Morgenfrühe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster

zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit großen offenen Kelchen und

tausendfach verschiedene Arabesken.

Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte über

Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert

worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, zum

höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Göttin ein

Symbol für die Notwendigkeit seines Geschäftsbetriebs sah.

Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und der Niedergeschlagenheit.

Um zwölf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die

Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August erhielt eine Mark, und

der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der

Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll

ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen

Zügen. Sie sahen, wie über die Stirn Schellheims während der raschen

Lektüre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte

Gunther den Brief.

»Kopf hoch behalten, mein Junge,« sagte er dabei. »Noch ist nicht aller

Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft -- nein, erwartet --

trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...«

Gunther las:

»Baronshof, 3. Januar.

»Mein verehrter Herr Kommerzienrat!

Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir

schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn

sei von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch nicht für an der

Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...« Das war genau so, wie Hedda es

vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung:

»Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat ...« Dann

ein Trostwort: »Die Zeit wird schon alles ausheilen ...« Und schließlich

die formelle Höflichkeit: »Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird

Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen

allerseits

Ihr ganz ergebener

Freiherr von Hellstern.«

Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. Er war weiß wie Kalk

geworden. Rasch trank er sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte

heftig dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der Rechten ihres

Jungen und tätschelte sie wortlos.

Eine bange Stille war eingetreten.

Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf und stieß seinen Stuhl

gegen den Boden.

»Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!« rief er zornig. »Du hast dir

einen Korb geholt -- Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch

andre als das hochnäsige Mädel von drüben!«

Nun erhob sich auch Gunther.

»Bitte, Papa,« entgegnete er abwehrend und mit fester Stimme, »kein Wort

weiter darüber! Vor allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche? Die

Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir eine Liebe erweisen wollt,

erwähnt sie nicht mehr. Irrungen soll man abtun ...«

Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos um, als suche er irgend

etwas.

»Ich -- ich will fort,« fuhr er fort. »Es wäre auch nicht in der

Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden Verhältnissen hier bleiben

wollte -- gerade jetzt. Später -- wird sich ja alles legen.... Wenn ihr

nichts dagegen habt, reise ich auf ein paar Wochen nach Oberitalien oder

dem Genfersee. Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und dann

kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung in Lissa -- das gibt

Abwechslung genug. Das wird mir auch gut tun. Aber -- ich möchte dann

schon mit dem Abendzug fahren ...«

Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen Worten von unnötiger

Überhastung ab. Das Herz tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr

litt. Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb auch fest. Er

wollte durchaus fort. Einen Augenblick schwankte er, ob er dem Pastor

lebewohl sagen sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen,

noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete sich davor, Hedda zu

begegnen.

Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ es sich nicht nehmen,

Gunther nach der Station zu begleiten. Er war auch vernünftig genug,

während der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort auf die

Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther dankte ihm im stillen dafür.

Er sprach fast gar nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der

Pritsche -- wie damals. Ach, damals! Da glitzerte der Sonnenschein durch

das Eisgezweige, und seine Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete

es.

Die Herren trafen in letzter Minute auf dem Bahnhof ein. Es war gerade

noch Zeit ein Billett zu lösen.

»Grüße die Mama!« rief Gunther aus dem offenen Coupéfenster.

»Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig! Und laß dir nichts

abgehen! Wenn du noch Geld brauchst, so telegraphiere -- hörst du,

telegraphiere!«

Der Zug brauste davon. Als Schellheim an seinen Schlitten zurückkehrte,

klingelte von der Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt vor

dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah Herrn von Wessels aussteigen

und begrüßte ihn.

»Im Dienst, Herr Landrat?« fragte er, auf die schwarze Ledermappe

deutend, die der Angeredete unter dem Arm trug.

»Ja -- sozusagen, -- das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester

Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut

früh duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen worden. Er kann

froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglücklich, er

hat es nicht so gewollt -- aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch.

Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie werden ihn an Ihrem

Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges

Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen ...«

Schellheim starrte den Landrat an.

»I Gott bewahre -- ein Duell -- also wirklich ein Duell!« stammelte er.

»Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich

getan?«

Herr von Wessels lächelte verlegen.

»Das läßt sich schwer sagen,« erwiderte er. »Sie sind gestern abend bei

Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und

taktvoll benommen -- jawohl. Biese -- na, also kurzum, erfahren werden

Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie

als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin

scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich muß weiter! #Addio#,

mein verehrter Herr Kommerzienrat!«

Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat in das

Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich noch einmal um und rief

kopfnickend: »Es war gestern abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!«

Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. An seinen Sohn, an den

Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im

Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der

dicke Biese, ein Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann -- und

das sprach mit --, hatte eine beleidigende Äußerung über ihn fallen

lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer

sie liebte -- und da hatte Herr von Zernin Partei für ihn, den

Kommerzienrat, genommen, und schließlich war es auf Tod und Leben

gegangen -- um seinetwillen. Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache

doch nur _ihn_ an als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden

um _seine_ Ehre?! -- Und in halbem Selbstgespräch fügte er hinzu: »Es

ist im Grunde genommen lächerlich und unverzeihlich. _Mich_ kann ein

Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!«

Aus tiefem Schacht · 第 14 / 27 题