»Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor mir?«
»Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um dich.«
»Aber heute nicht mehr?«
»Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe zu meiner großen Freude
gehört, daß es mit dir wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke
anfänglich erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen zu müssen, war
nur natürlich. Aber ich bin schon beruhigt. Mein Schreck war Torheit.
Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch klar darüber
geworden, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben, was nicht die ganze
Welt hören könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns darüber klar. Und
es ist heute nicht anders als damals.«
Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Ruhe, mit der sie
sprach, brachte sein Blut in Wallung.
»Ich danke dir. Du findest immer den rechten Ton. Ist es dir denn _so_
leicht geworden, dich von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, was
_ich_ gelitten habe? Soll es _ganz_ aus sein zwischen uns? Hedda, hast
du gar nichts mehr für mich übrig?!«
Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung von Schwäche beschlich.
»Laß mich, Klaus,« bat sie; »quäle mich nicht ...«
Er richtete sich straff auf.
»Also gut,« sagte er. »Legen wir wieder die Maske vor. Es geht weiter
bergauf. Es geht im Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man mir
mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke Usen und Schellheim sind
mir als rettende Englein zur Seite gestellt worden -- das Weltkind in
der Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden und ein sehr solider
Philister. Der Kommerzienrat hat auch schon eine Frau für mich #in
petto# -- irgend ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht in
der Karriere bergauf, Hedda ...«
Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er sprach. Ein Ausdruck
zynischen Hohns lag auf seinem Gesicht. Es war wie eine Erlösung für
sie, daß in diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer trat, um
sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen: Auguste, Berta
und Constance Tornow wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und
Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß die drei Schwestern
gleichmäßig Weiß tragen sollten -- ob Hedda das nicht auch hübscher
finde?
»Natürlich,« sagte Zernin, »alle drei weiß, wie die Tauben, oder nein,
wie ein Schwanentrio. Denn Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus
diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen. Aber Halsbänder aus
schwarzem Samt dazu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das
gibt eine angenehme Abwechslung und erzielt einen pikanten Kontrast,
dieweil die weiße Unschuld doch manchmal langweilig wirkt ...«
Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil sie nicht wußte, wie sie
sich diesem schrecklichen Menschen gegenüber benehmen sollte, und war
froh, daß Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das A, B, C über die
strittige Frage zu belehren.
Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig Gelegenheit gefunden, sich
Hedda zu nähern. Er litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen
Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter Delikatesse auszuhorchen,
aber es schien, als sei es unmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten
allein habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität irrte
Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte sich bei den älteren Damen,
scherzte mit den Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann
ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, deren dunkle
Schönheit auch auf ihn eine gewisse Anziehungskraft ausübte.
Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm das Wort. Er sah seinen
Vater an der Seite Hellsterns durch die Zimmer schreiten. Der
Kommerzienrat schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen; er
gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, blieb zuweilen vor
einem Bilde oder einer Statuette stehen und verschwand schließlich mit
Hellstern im Speisesaal.
Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des Speisezimmers lag das
Arbeitskabinett seines Vaters. Dort waren die beiden ungestört -- und
stärker hämmerte das verliebte Herz.
Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, weiterzuspielen. Der
Kreisphysikus hatte gewöhnlich die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in
der Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume -- so etwas
Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen. Da dankte man lieber.
Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat abgepaßt. Hellstern sagte ihm
ein liebenswürdiges Wort über die geschmackvolle Einrichtung des
Schlosses, worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig
herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn sicher.
Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum mit einem einzigen hohen
Glasfenster in einer auf einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch
von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns Blick fiel zunächst
auf einen großen eisernen Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an
der Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch die Quitzows und die
Verbrennung der Schuldscheine Kaiser Karls V. durch Fugger.
Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder mit einem gewissen
Interesse betrachtete, und er lächelte.
»Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,« sagte er. »Ein Appell an die
Vorsicht und einer an die Generosität -- #»cave«# und #»noblesse
oblige«#. Knöpfe die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe sie
auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe derartige kleine
Denkzettel.«
»Allerdings,« entgegnete der Freiherr, »sind sie zweckmäßiger als ein
Knoten im Taschentuch. Aber bedürfen Sie denn eines solchen Mementos?
Ein Charakter wie Sie?«
»O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre ich in der Tat ein ganzer
Charakter, dann wäre ich auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich
allerdings für einen hervorragenden Industriellen, aber in Wahrheit bin
ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. Auf der einen Seite steckt noch zu
viel vom Krämer in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer
Aristokratismus. Und das verträgt sich schlecht. Irgend ein bekannter
Volkswirtschafter -- war es nicht Friedrich List? -- hat einmal gesagt,
die Kraft, Reichtümer zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum
selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich: klingendes Kapital kann
zerrinnen, aber die Gabe des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will
nicht sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte ich es --
immerhin -- nicht so weit gebracht. Doch hundertmal stelle ich mein
Licht unter den Scheffel -- ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich
Landgüter und lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein
bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit des
Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, die sich mit dem Geiste des
kaufmännischen Bürgertums im Grunde genommen herzlich wenig verträgt.
Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitz soll verkauft
werden; ich hätte nicht übel Lust, es an mich zu bringen und meinem
Zweiten fideikommissarisch zu sichern ...«
Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem Schreibtische stand,
neben Hellstern.
»Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester Baron,« sagte er, »Sie werden
ermüdet sein.«
Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken gegen den Stuhl.
»Ja,« entgegnete er kopfnickend, »ich bin ein bißchen müde. Die
verdammte Ischias dörrt einem das Mark aus den Knochen. Also Sie
spekulieren auf Döbbernitz? Ich dacht' mir's beinahe, als ich Zernin bei
Ihnen sah. Es mußte einen Zweck haben --«
»Ah ja« -- und Schellheim lachte kurz auf --, »so viel Kaufmann bin ich
denn doch! Aber andrerseits reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder
auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze Portion
Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer tragisch, einen großen und
berühmten Namen verschmutzen und versumpfen zu sehen --«
»Seine eigne Schuld,« bemerkte Hellstern knurrig.
»Seine eigne Schuld -- freilich, freilich! Aber darum nicht minder
tragisch. Sein Vater hat am Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich
mitarbeiten helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. Durch eigne
Schuld, ganz gewiß -- Sie haben schon recht, Herr Baron. Aber ich
erinnere Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht allzu
pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch einmal etwas ganz
Brauchbares werden, wenn er mit den alten Schulden aufgeräumt hat und
man ihm ein klein wenig Beistand leistet.«
»Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz fordern -- fordern _müssen_,
um seine Gläubiger befriedigen zu können?«
»Ah nein -- ich kaufe nicht direkt, ich warte die Subhastation ab. Sie
steht vor der Tür. Mit den ausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von
Zernin zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen lassen.«
»Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte Hand -- warum nicht.
Übrigens, leicht wird es Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu
schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit Jahresfrist ist nichts
mehr bestellt worden, wie mir Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst
Schilf, und die Felder sehen wie eine Prärie aus.«
»Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen wird ihm nicht viel geschadet
haben.«
»Ist richtig. Und schließlich -- mit Geld ist alles zu machen.«
Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.
»In gewissem Sinne, ja,« antwortete er. »Aber das Kapital, das ich in
Döbbernitz hineinstecken muß, arbeitet nicht -- wenigstens vorläufig
nicht --, und wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine geringe
Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: ein vollendeter Kaufmann bin
ich noch lange nicht. Trotz alledem -- ich möchte dem Gunther ein
behagliches Nest schaffen --«
»Sehr verständlich,« warf der Freiherr ein; »er wird ja auch einmal an
das Heiraten denken.«
Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei Dank, nun war die
Anknüpfung gefunden! Er hatte schon Sorge gehabt, den rechten Faden
nicht erwischen zu können. Ein wenig in Unruhe war er doch. Er zog sich
gleichfalls einen Stuhl heran und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine
Hände zitterten leicht.
»Ja natürlich,« entgegnete er, »an das Heiraten -- nötig wär's ja noch
nicht -- er könnte immer noch ein paar Jahre warten. Aber -- na, er hat
mich neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade unter uns sind,
lieber Baron, möcht' ich mir auch ein paar vertrauliche Worte gestatten.
Der -- der Junge ist nämlich in -- ist nämlich bis über beide Ohren
verliebt, lieber Baron -- und in wen? Wissen Sie, in wen?«
»Ahnungslos,« sagte Hellstern, und dann schoß ihm ein Gedanke durch den
Kopf. »Sapperlot -- etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges
Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!«
»I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein -- in -- in -- in -- na, es
muß einmal heraus -- in Baronesse Hedda!«
Hellstern war wie erstarrt.
»In Hedda?« fragte er, maßlos erstaunt. »In _meine_ Hedda?«
Der Kommerzienrat nickte.
»Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich eine ernsthafte
Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die
Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen
gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über die Klippen und
Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der
uralte Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. Sie
haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze
Bewußtsein, ein Emporkömmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich
stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst.
Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das
war's, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther
die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in meinem Stolze
verletzt zu werden ...«
Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war sehr ernst
geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so
zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, nicht
beleidigte. Denn in der Tat -- das wollte er nicht; es war doch etwas
Respekteinflößendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen
Anschauungswelt auch der seinen lag.
Er ließ die Hand sinken.
»Zunächst die Hauptsache,« fragte er; »haben die beiden sich schon
verständigt?«
Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig über sein Gesicht. Eine
strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun
war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.
»Nein,« antwortete der Kommerzienrat, »sie haben sich noch nicht
ausgesprochen. Aber -- Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert
kleinen Zügen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu
dürfen geglaubt.«
Hellstern schüttelte den Kopf.
»Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie
hat Gunther -- hat Ihren Herrn Sohn --«
»Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron --«
»Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen!
Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des
Abends kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. Aber es
frappiert mich doch, daß Hedda -- nun, und _Sie_, Kommerzienrat?
Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat
passen?«
Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger
Mann triumphierte er nicht.
»Gott, Herr Baron,« erwiderte er, »ich bin kein Komödienvater. Ich habe
das Für und Wider reiflich erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden
nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die Sache noch erheblich
ernster aufgefaßt haben, wäre Baronesse Hedda eine andre. Aber _so_! Ich
muß Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse Hedda die
allergrößte Hochachtung habe --«
»Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht hättest,« dachte
Hellstern.
»-- und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt habe. Gerade die
Anspruchslosigkeit ihres Wesens -- das ist's, was mir so gut an ihr
gefällt. Und ich meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind
auch so.«
»Wir sind alle so,« erwiderte Hellstern. »Der märkische Adel hat sich
immer nach der Decke strecken müssen. Er hat immer um Leben und Existenz
gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah's in Ehren, wie
draußen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natürlich -- die gibt's
überall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß unser
Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach --«
Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater fiel ihm ein, ein wilder
Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug
erzählt hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, und er winkte mit der
Hand.
»Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?« fragte er. »Wie denkt _sie_ über
die Heirat?«
Schellheim lächelte. »Sie war von vornherein der Meinung, daß man dem
Glücke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.« Er seufzte.
»Das ist es ja -- im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig
richtige. Ich möchte Gunther auch glücklich sehen. Er ist eine stille,
bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut -- ich
habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewählt
hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken
abzuhängen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen.
Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er
sich seinen Studien noch besser widmen. Ich möchte wissen, wem es so
bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder
sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er
Döbbernitz. Das ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre
Tochter immer in der Nähe, können täglich ein Stündchen mit ihr zusammen
sein, wenn Sie Lust haben --«
»Und wenn aus der Heirat etwas wird,« fiel Hellstern ein. Er erhob sich
schwerfällig. »Nun hören Sie auch einmal _meine_ Ansicht, lieber
Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich bin _nicht_ für die Heirat.
Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken -- genau so wie Sie. Kein
Mensch kann aus seiner Haut. Hätt' ich einen Jungen und Sie hätten ein
Mädel -- ich würde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich
liebten und haben wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die
Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts für ungut,
Herr Schellheim. Auch _Ihr_ Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und
fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in
Vorurteilen; ich würde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann
heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natürlich -- Sie verstehen mich
schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, bettelstolz -- ich lass' mir's
gefallen. Ich kann nicht anders -- ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...«
Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern sah das. Er legte
seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats.
»Denken Sie mal nach, lieber Freund,« fuhr er fort; »wir haben uns nie
verstanden -- ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im
allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Städtewesens
so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze
liberale Presse paukt auf dem Junker herum --«
»Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem
Junkertum, das nur Prärogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren
Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung
verbindet.«
»Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit unsrer Presse streiten,
Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben -- das
ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen Beamten
-- alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar,
die zur gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg und
Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heißen mögen,
-- das sind leuchtende Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum,
daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist
nicht zu rütteln. Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber
überbrücken sie nicht. Na -- und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt
kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht's mir wie Ihnen. Ich will
gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde
sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: 'Hör mal,
der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas für
ihn übrig, und wie denkst du über eine Ehe mit ihm?' Und nach ihrem Ja
oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste.
Einverstanden, Schellheim?«
Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. »Wie
sollte ich nicht!« antwortete er. Und sie schüttelten sich die Hände.
»Nun aber zurück zur Gesellschaft,« sagte Hellstern. »Man glaubt sonst,
ich wollte Aktionär Ihrer Quelle werden ...« Er schob seinen Arm unter
den des Rats. »Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort
erteilen können.«