Siebentes Kapitel

Es war die erste größere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab.

Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den

meisten Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte den reichen

Mann fast überall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in

unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich in

bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des

Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer

Entfernung war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die Familie von

Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Güster,

die Nehringens auf Schönwaide und schließlich auch -- der Stolz

Schellheims -- Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.

Es war zum Diner -- zu sechs Uhr -- eingeladen worden, eine für

ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Zeit. In langer Reihe

fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den

Beinen, um die Auffahrt anschauen zu können. Man stand dicht gedrängt

längs des Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. Die aus

der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam

zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, dessen Kasten, die

Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow,

die Mutter und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und

Constance hießen, von dem die Kürze liebenden Oberförster aber nur A, B

und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von

Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz

kleine, unendlich verschüchterte Frau besaß, -- der Schlitten der Frau

Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich dick und

stets wie ein Puthahn gebläht, -- und der Klapperkasten des Doktor

Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders

als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt,

reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen

Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angängig

war.

Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein

merkwürdiges Gefährt raste den Weg hinauf -- ein Schlitten in

Schwanenform, in dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung sein;

ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weißen Schleier, der über die

pelzbesetzte Konföderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch

die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum

-- was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des

Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: die Dame

war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein großer

Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow -- das breite, rote Gesicht

des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten

Katerschnurrbart glänzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte

Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig sein

feuriges Rappengespann; dann kam der Schönwaider Schlitten -- den Major

von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase

erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen

hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm,

-- Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewiß nicht,

denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf

ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal

Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher saß auch nicht

auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn,

der dicht in einen ehemaligen Militärmantel gewickelt war und die

verschossene Jagdmütze so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von

dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen Schnauzbart sehen

konnte. Sicher nichts Vornehmes -- nein, diesmal war's Täuschung: etwas

außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz von Usen-Karst,

ehemals bevollmächtigter Minister und außerordentlicher Gesandter des

Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie

man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....

Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit achtzig leuchtenden Augen zu

Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter

Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der

Winterkälte waren die hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in

die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus strömte eine ganze

Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die

beiden mit brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen Unterbau

ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausströmten.

Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gäste würdig zu

empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei

Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der

Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu

geleiten. Es ließ sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der

Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten

Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parvenü zuweilen noch

anhaftete, nachzugeben.

Flankiert von Gattin und Sohn -- Hagen hielten die Geschäfte in Berlin

zurück --, empfing er die Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme

durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man

schüttelte sich die Hände, und immer wieder kehrten dieselben

Begrüßungsphrasen zurück.

»Herr Oberförster -- freue mich sehr, sehr.... Gnädigste Frau! ... Meine

verehrten jungen Damen! ... Ah -- Herr von Nehringen -- freue mich sehr,

sehr -- meine gnädige Frau! ... Exzellenz -- freue mich sehr, sehr ...«

Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte

Usen, der mit seinem weißen Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und

den schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und

mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug,

wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor sich hin und

schielte dabei lüstern zu der schönen Frau Woydczinska hinüber, die Herr

von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese drei

Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da

gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei

Gemächern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen

Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes und ein Ölbild des Königs von Rom

fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten

zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht.

Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrüßte

man sich oder ließ sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch

die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte

wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf

seine Krückstöcke gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem blanken

Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Stühle

mit ihren vergoldeten Füßen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den

jungen Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches Lachen klang

aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberförsters kicherte

beständig und gewöhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt

die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei über

das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin,

eine schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber

um keinen Klatsch der Welt kümmerte und ihre emanzipierten Allüren frei

zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten

fremd -- Gunther besorgte die Vorstellung.

Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und

einem etwas spöttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich über

die Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen würde; er

verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die

Mütter schilderten ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche

Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte

plötzlich die Unterhaltung; es wurde ängstlich still. Die Oberförsterin

glitt in instinktiver Aufwallung ihres mütterlichen Herzens wie

schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem

Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke

Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich

hinein. Im übrigen wich die allgemeine Bestürzung rasch wieder einer um

so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende

Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit

der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen

Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, ohne die eisigen

Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut

auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen

streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen.

»Grüß Gott, lieber Baron,« sagte sie freundlich; »wir haben uns ja seit

Ewigkeiten nicht gesehen!«

Und dann geschah noch etwas Überraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte

Zernin die Hand, vielleicht nur aus Gefälligkeit für seine schöne

Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu

verdecken, -- aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrüßte den

Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte

wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich wurden

die Mienen freundlicher, und der Landrat flüsterte Hellstern erstaunt

und fragend ins Ohr: »Der Zernin rappelt sich wohl allmählich wieder in

die Höhe?«

Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich mit einem

Achselzucken. Die Diener hatten die Türen zum Eßzimmer geöffnet; der

Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben

würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paßten in

mancherlei Beziehungen zu einander -- aber sein Gesicht färbte sich

dunkel, als er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf

Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.

Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl

überlegt. Er hatte gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und

seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem Rufe stand, -- da

er indessen seine Pläne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam

wieder in die Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn eine

passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel Schellheim zum guten Glück

ein, daß die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war.

'Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,' sagte er sich und

schrieb die Namen nebeneinander.

Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner

Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck,

zuzuraunen, daß alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war

es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Menü war nicht

übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter

den Stühlen der Gäste entlang; es ging alles wie am Schnürchen. Dabei

war der Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren Aufsätzen aus

Silber und Vieux Saxe blühte ein ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des

Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose

schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Fülle köstlicher

Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen

flutete in den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, die

von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert wurden, geschmackvoll

angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und

die breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß man kaum die

Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat

sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die

Absicht, ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er genau wußte, daß

er es nie tun würde.

Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen nicht üblich; da gab

man's einfacher, wenn man Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen

ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau ließ keinen

Gang vorüber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um

den Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem Messer und tupfte

die Soße mit kleinen Brotstückchen auf. Die jungen Mädchen wurden bei

den Gemüsen interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette

hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Fräulein Gerlinde noch nicht,

die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnächst bei Hofe

vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen

diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen wollte, zerstach sie

sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich

hauptsächlich an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht glühte

förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneeweiß.

Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu Tische geführt, eine

niedliche Brünette, die aus dem Entzücken nicht herauskam und sich

jedesmal auf dem Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie

traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden.

Gunther gab sich alle Mühe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten,

doch er fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war

zerstreut. Sein Auge flog zuweilen mit ängstlichem Aufblick zwischen

das flimmernde Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch

sie war zerstreut -- vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach

wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst.

Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel geführt zu werden, hatte

jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es,

sich zu beherrschen. »Man lebt doch einmal in der Welt,« hatte sie ihrem

Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt

zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens

keine Dummheiten.

Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu

erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der

Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe

Kluft -- heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern.

»Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste Cousine --«

»Lange nicht -- wie ist es dir inzwischen ergangen?«

»Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden

Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die

auch ihre Reize hat -- bis einem schließlich das Nervenprickeln zu viel

wird und man allmählich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe

vermutlich friedlicher verbracht.«

»So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.«

Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Geräusch der auf und nieder

wogenden Unterhaltung vermochten sich übrigens nur die nebeneinander

Sitzenden zu verstehen.

»Du mußt mir verzeihen,« sagte er, »daß ich mein Versprechen nicht

halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie

zwischen Oberlemmingen und Döbbernitz respektiert. Ob es mir leicht

wurde, tut nichts zur Sache -- jedenfalls hab' ich mein Wort eingelöst.

Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende.

Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert werden.«

Das war neu für Hedda und schmerzlich. »Also mußte es doch dahin

kommen,« sagte sie leise.

Er nickte. »Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend

Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten

Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt -- bis auf eine, die

erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne --«

»Was hat die mit _dir_ zu tun?«

»Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. Ein unternehmender Geist,

sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht,

und vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. Das ist nun mal

nicht anders. #Enfin# -- unser liebenswerter Gastgeber hat mir

vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu

dieser Idee?«

Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzählte, kam so

überraschend für sie, daß sie sich Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu

verbergen. Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt?

Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern?

Nein, dazu war er zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit Klaus

haben. Aber es war doch verrückt. Klaus paßte im Leben nicht in eine

solche Stellung, die großes administratives Geschick erforderte. Und

schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, sich einen neuen

Wirkungskreis in unmittelbarster Nähe des durch eigne Schuld verlorenen

zu schaffen. Und endlich -- dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut

in die Wangen --, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was

geschehen war, täglich sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?

Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.

»Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das #changement de la

position# sonderlich beglückend für mich ist,« fuhr er fort. »Nein,

Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen?

Mein letzter Ausweg war die Fremde -- Amerika, der Sammelplatz der

verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drüben -- ich

glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt für andre Porter und

Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib' ich schon lieber daheim.

Man muß sich in die Verhältnisse zu schicken suchen. Der Junkerschädel

hält nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das römische Recht sind

unser Unglück --«

Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der

Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hörte nur den

Schall der Worte -- sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr

sich Klaus verändert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er

hatte sich »in die Verhältnisse geschickt«. Es war wohl das beste für

ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der wilde, trotzige

Bursche von ehemals, der auf die Welt »pfiff« und mit grimmigem Lachen

aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der

sich glatt fügende Diplomat von heute.

Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so

hatte es kaum über eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und

Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters machten glückliche

Gesichter: sie knabberten gar zu gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann

Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so

ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner

war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung

ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin über den Tisch herüber

freundlich lächelnd zu.

Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein Glas. Man hatte schon

längst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das

Aufkichern des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke

Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hände mit den Knöcheln

fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom

durch die Nase stoßend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat,

dem die böse Welt nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel

mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte

Spekulationen verdient hätte, und daß er auch auf seiner Herrschaft

Karstedt ein tolles Serailleben führe, war ein geistreicher Mann und ein

vorzüglicher Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen liebte, und

erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas Ähnliches, zumal die Rede

mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne

langsam auch hier, in diesem verlorenen märkischen Winkel, an Boden zu

gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen

von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es

weiter, in buntem und lustigem Durcheinander -- ein ganzes Feuerwerk

guter Einfälle sprühte auf.

Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit einer Aussöhnung

zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen

und von schönen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darüber, daß

ein so tüchtiger Vertreter des kaufmännischen Standes, wie der

Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann

berührte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend

spreche, und deren Ausbeutung in die Hände des scharmanten Gastgebers

gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit

solle sein Wasser dienen, ein Getränk, das er im allgemeinen

verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht

versagen könne. Daran schloß sich ein Passus, der auf aller Mienen die

mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich:

»... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen Ära entgegengeht --

ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern --, daran zweifle ich

nicht. Ich höre, daß _mit_ unserm liebenswürdigen Wirt noch ein andrer

Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, --

und ich hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch

für _ihn_ ein _Heil_quell werden wird. Nach Heilung dürsten wir

schließlich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung

ist ein Besserwerden, und wen gibt's, der selbstlos genug wäre, es sich

nicht besser zu wünschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns:

wir sind Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert in unsrer

Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tür an Tür das

Besserdünken. Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer in uns sich

gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich

hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank

Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner.

Und wenn man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: 'Geh hin nach

Chanimbaïri und sieh, ob _du_ nicht sündig bist.' Dort liegt nämlich ein

Brunnen, von dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich Flecken

zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. Und so mein' ich auch

-- ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...«

Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern. Man nahm fröhlich das Hoch

auf, dann aber zog, während auch die dicke Exzellenz wieder Platz

genommen hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung oder wenigstens

von Befremdung durch die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von

Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den Döbbernitzer Zernin

gestreift. Der war gemeint. Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat

die Quellengeschichte »entrieren« -- gerade der, der dem Bettelstab nahe

war --, gerade der. Und unzweifelhaft war die Rede Usens ein

Rehabilitationsversuch für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam Usen dazu?

Er hatte schon vorher dem verlotterten Döbbernitzer so merkwürdig

herzlich die Hand geschüttelt -- was sollte das alles heißen?! Herr von

Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches Lächeln, und

der Kammerherr von Ponteck flüsterte seiner Nachbarin zu: »Prost, meine

Gnädigste -- also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das Ding

heißt ...«

Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert. Er spielte zuerst mit

der Nelke, die neben seinem Teller lag, und hierauf mit einem kleinen

goldenen Crayon, den er aus der Westentasche genommen hatte. Und auf

einmal zog er seine Tischkarte näher und kritzelte ein paar Worte auf

deren Rückseite. Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten

Nachbarin zu.

Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich berührt wurde, und auf

deren Wangen Röte und Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf

die Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las: »Kann ich dich

morgen nachmittag fünf Uhr auf wenige Minuten allein sprechen? -- Am

alten Platz.«

Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte und zerriß sie.

»Nein!« sagte sie kurz.

Nur einer am Tische schien die kleine Episode bemerkt zu haben: der

Pastor. Er sah sehr ernst aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf

seinem schönen, alten Gesicht.

Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man erhob sich. Die ganze

Gesellschaft flutete in die Salons zurück, und wieder schwirrte, während

man sich »Gesegnete Mahlzeit!« wünschte, die Unterhaltung lebhaft auf.

Jetzt drückte nicht mehr von allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin

die Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die Oberförsterin

lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr verneigte. Die Woydczinska strich

dicht an ihm vorüber.

»Kommen Sie übermorgen abend,« flüsterte sie ihm zu; »eine Cousine aus

dem Polnischen ist bei mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke

proben ...«

Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand drückte, fragte er

halblaut:

»So war es gut, dächt' ich --«

»Ganz ausgezeichnet, Exzellenz -- tausend Dank, tausend Dank --«

»Aber nun eine Zigarre als Belohnung --«

Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte ihn in das Rauchzimmer.

Die meisten Herren hatten sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann

Biese rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk des Abends

krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee und Liköre; man fühlte sich

sehr behaglich.

Es war selbstverständlich, daß das Thema von der Quelle nicht abriß.

Aber der Kommerzienrat wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als

wolle er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An seiner Stelle gab

der Landrat einige Einzelheiten. Gewiß, die Graue Lehne war

Bauernterrain -- die Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat

war der Geldmann. Er war sozusagen der treibende Faktor. Die

Formalitäten waren bereits abgeschlossen: Kommanditgesellschaft -- eine

Bank beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung sein, das

stand fest.

Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im Munde in einem Fauteuil neben

dem Kamin lag, sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der Kammerherr

von Ponteck, der Wernochower Klitzingk, Oberförster Tornow und der

Schönwaider waren im Augenblick im Zimmer -- da konnte man schon ein

bißchen klatschen.

»Aber hören Sie mal, meine Herren,« sagte Biese mit seiner fetten

Stimme, »das mit dem Döbbernitzer -- unter uns -- ist doch ein Wagnis.

Das ist doch eine verfluchte Geschichte -- nicht?«

Der Landrat zuckte die Achseln.

»Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär' ja recht gut, wenn der arme

Kerl wieder ein bissel in die Höhe käme!«

Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen weißen Katerbart und

schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr von Wessels,« erwiderte er, »ich kann Ihnen in diesem Falle

nicht recht geben. Exzellenz Usen meint zwar, wir sollten nach --

Dingsda gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären -- na, ich habe

aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle gemacht, aber ich bin doch der

Ansicht, daß Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu drücken. Er

hat's _zu_ toll getrieben --«

»Ach was -- der alte Bismarck hat's auch toll getrieben, als er noch auf

Kniephof saß, und ist doch ein ganzer Mann geworden!«

»Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz halten können?« warf der

Oberförster ein.

Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen wollte wissen, daß

Schellheim Döbbernitz im Interesse Zernins administrieren lassen werde.

Herr von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen -- daher seine

Bemühungen, Zernin eine neue Position zu schaffen.

Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine »ganz schlaue Unke«. Er sprach

von seinem Gastgeber nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte

schließlich den Landrat.

»Erlauben Sie, Herr Nachbar,« sagte er, »wir befinden uns noch immer

unter dem Dache des Kommerzienrats ...«

In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. Die Damen saßen im

ersten Empiresalon und sprachen von häuslichen Dingen. Im Augenblick

wurde die Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten

Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen Gläsern halte. Frau

Necker aus Klotschow führte das Wort. Nebenan kicherten die Backfische.

Sie unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar sollte in

Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, und das war immer ein

Ereignis.

Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht und war dann in die

Salons zurückgekehrt. Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß er

nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster Laune und durfte sie

nicht austoben lassen. Er wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine

abgekartete Sache war -- so eine Art »Restitutionsedikt« für ihn. Aber

nichtsdestoweniger war sie brutal und taktlos gewesen. Er kam sich

unglaublich lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders. Im Grunde

seines Herzens war ihm die ganze Gesellschaft der Umgegend heute genau

so gleichgültig wie früher; heimlich »pfiff« er noch immer auf die Welt.

Aber es half alles nichts; er mußte katzbuckeln und ein frommes Gesicht

machen, wenn die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten.

Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit ihr sprechen. Sie hatte sich

mit der Woydczinska unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.

»Der sitzt schon beim Whist,« antwortete Klaus.

»Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem spielt er?«

»Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, -- ungefährliche Leute, die sich

widerspruchslos anschnauzen lassen ...«

Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von einem großen, kunstvoll

gestickten Schirm mit goldenen Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte.

Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenan hörte man die scharfe Stimme

der Frau Necker-Klotschow, die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.

Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. Er fand, daß sie noch

schöner geworden war, reifer; sie stand im Sommer ihrer

Jungfrauenschaft.

»Also nicht, Hedda?« fragte er.

Aus tiefem Schacht · 第 12 / 27 题