Zweites Kapitel

Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Dörthes, der Stellmacher

Klempt. Man mußte einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem

mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das heißt, es war

eigentlich kein richtiger Garten, denn es blühten nur wenige Blumen

darin -- ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun

standen --, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause

hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine

besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur

einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar

hochstämmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch

Moosumhüllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor

den Angriffen hungriger Hasen schützte.

Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei

Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation

durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von

eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich von den andern zurückhielt

und auch den abendlichen Zusammenkünften in der Krugwirtschaft

fernblieb, daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast beständig

auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche

Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er

mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende Kinder

hinsterben sehen. Die Dörthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht

gelitten, daß sie ihm die Wirtschaft führte. Sie sollte »die Welt kennen

lernen«, wie er sich ausdrückte, und das fing damit an, daß sie auf dem

Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der

weiblichen Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm er seine einzige,

unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres

Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit

glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger großer Schönheit tragenden

Gesicht. Die Pauline paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches

Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und pflegte sich nur durch

ein eigenartiges Gebärdenspiel mit ihm zu verständigen. Sie war eine

brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern und

Traumdeutungen kramend, männerscheu und von nervöser Empfindlichkeit,

aber auch fleißig und sorgsam im Haushalt.

Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel

Worte zu machen. Dafür las er gern, besonders an den Winterabenden, und

zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, doch nie Romane,

für die er nichts übrig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der

Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der

Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektüre. Das war ein Genuß

für ihn. Saß er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die

Speichen eines Rades ein, daß es weithin dröhnte durch das stille Dorf,

so arbeitete nicht nur seine fleißige Hand, sondern auch seine

Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden

und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des

Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen Kopf über

die Greuel des Dreißigjährigen Krieges und berauschte sich an dem

Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben

naturgemäß nur die außerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am

Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch

allgemach seine Anschauungsweise geläutert; er verglich gern,

kritisierte auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit auf die

Gegenwart.

Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von der Tür seines Häuschens,

hatte die Hände gefaltet im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer,

das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum

überstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch stärker

und zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, der seine

Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue,

treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen

Lippen waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, in dem

gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm

der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am

meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.

Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen

am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des

alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette

Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der

Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.

Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute

nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu

gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden

Stimme, die allen Tauben eigen ist:

»Komm 'rein, August; es fängt an, kühle zu werden.«

Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern

wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das

Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub

erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr

Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals.

»Holla, Vater,« rief sie schon von weitem, »bist du noch draußen? Und

hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der

Stube sein?«

»'s ist ja so schöne,« antwortete Klempt lächelnd, und als er den

Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: »Ist denn heute

Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?«

Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.

»Ich will mal zu Fritzen gehn,« entgegnete sie. »Heut ist 'was los im

Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat

ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie

alle zusammen.«

»Hab's auch schon gehört,« meinte Klempt; »ein Wunderwasser, das Kranke

gesund machen soll. 's käm' mir zunutze.« Er schüttelte den Kopf. »'s

wird bloß wieder so ein Gerede sein,« fuhr er fort; »die Leute reden

viel ...«

Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür.

»Ja, ich komme,« sagte er nickend. »Hast du's so eilig, Dörthe? Wirst

schon noch frühe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!«

»Aber nicht lange,« antwortete Dörthe. Doch sie trat mit den beiden in

das Stübchen, das vom Glanze des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein

schien.

Pauline bereitete das Abendbrot, während sich Dörthe, die Hände auf die

Hüften gestemmt, vor ihren Vater stellte.

»Wie fühlst du dich denn?« fragte sie.

Er winkte mit der Hand.

»So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich drauf! 's ist 'ne Narretei

vom Doktor, daß er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das

einzigste, was mir noch fehlt.«

»Solange du noch hustest, darfst du's nicht,« erklärte Dörthe. »Vater,

ich riech's, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mußt doch

parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er

befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.«

Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.

»Na, ja doch,« sagte er. »Es dauert alles so lange. Und dabei hab' ich

mehr zu tun, als mir lieb ist!«

»So nimm dir doch noch 'nen Gesellen, Vater! Ich hab' dir's schon ein

paarmal gesagt!«

»Ach was, daß er bloß 'rumlungert! Was tut denn so 'n Junge! Bis jetzt

bin ich alleine fertig geworden und werd's auch noch länger werden!

Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem

Baronshof?«

»Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...« Dörthe schnitt eine Grimasse

und lachte schelmisch. »Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den

ältesten! Da soll's hinaus!«

»Da käm' wieder mal Geld ins Haus! Die drüben messen's nach Scheffeln.

Aber ob der Baron will?«

»Warum denn nicht?«

»Na, er ist doch so stolz!«

»Ist er nicht,« erklärte Dörthe kopfschüttelnd. »Und dann macht das

Fräulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die

Hanne meint auch, das würde was werden.«

»Was sagt denn August?«

»Den hab' ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob

wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint's

noch zu gefallen.«

»Hast du ihm meine Rechnung gegeben?«

»Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart' ich

lieber bis zum Ersten und geb' sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der

Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart' ich lieber.«

»Wart ruhig,« stimmte der Stellmacher zu. »Die gehn mir nicht durch.

Sind sie denn immer noch gut zu dir?«

»Ja, sehr! Das Fräulein besonders -- na, die ist ja immer gut! Den Alten

kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat's wieder so schlimm in den Füßen,

sagt August. Aber nu geh' ich, Vater! Ich muß doch hören, was es im

Kruge gibt.«

»Verzähl's mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, Dörthe, und bedenk's dir

mit Möllers Fritze ...«

Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, so daß er den Satz nicht

beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die

Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen Käses und der

Leinölflasche entgegenkam.

»Herrjeses,« sagte Pauline, »so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht

was geträumt?«

Dörthe nickte.

Die Tante wurde wißbegierig.

»Von was denn?«

Dörthe tippte auf die Flasche.

»Von Leinöl?« fragte die Tante verwundert.

Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.

Die Augen Paulinens wurden immer größer.

»I -- auch von Quark?«

Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft.

»Ach so,« sagte die Tante, »zusammengerührt -- Leinöl und Quark ...«

Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke

stand.

»Bei Licht?« fragte die Tante.

Dörthe tippte an das Bassin.

»Was?« rief Pauline. »Mit Petroleum? Leinöl und Quark und Petroleum? Wo

soll ich denn das im Traumbuche finden! I -- du willst mich wohl bloß

zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, du machst dich immer lustig

über mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von

einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden

im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...«

Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie ärgerlich wurde.

»Laß mich in Frieden, Tante!« rief sie zurück, gar nicht daran denkend,

daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg

hinauf, auf den Dorfplatz.

Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und

auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt

zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte.

Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war

doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte

von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte

man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der

aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was

im Kruge wohnte ...

Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine

Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im

Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:

»Ich steh' auf einem hohen Söller,

Ich steh' in einem tiefen Keller,

Heisa dusematee!

Fängst du mich,

Lieb' ich dich,

Aber nee, du kriegst mich nich --

Heisa dusematee!«

Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein

Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon

mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend,

denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge

sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen

Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.

Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren

Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.

»Willst du auch in den Krug, Kleine?« fragte er.

»Versteht sich,« entgegnete sie, »so gut wie du. Bist du mal wieder in

Oberlemmingen?«

»Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei

sein ...« Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter

das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.

Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte sie schon, daß er sie

immer »Kleine« nannte. Er bildete sich viel darauf ein, daß er ganz

städtisch geworden war, und schaute die Bauern über die Achseln an. Seit

drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu

Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber

Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß er schon einmal unter der

Anklage der Begünstigung betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft

genommen und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war

übrigens ein sehr hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und wenn

er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, hätte man darauf

schwören können, daß er der beste und treuherzigste Bursche unter der

Sonne sei.

Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten

herum, durch die Küche. Hier brannte schon Licht, und die alte Möllern

hantierte geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem nahen

Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß Grog bestellt. Die Möllern

war eine große und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer

Siebzig noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte mit roter Glut

ihre harten, ausgearbeiteten Züge.

»'n Abend, Mutter Möllern,« sagte die Dörthe beim Eintritt in die Küche.

»Ist der Fritz nicht hier?«

Die Alte zog eine Schulter hoch.

»Im Keller,« antwortete sie, »er zappt ab; 's is ja heute wie eine

Volksversammlung da drinne'!«

Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit Dörthe gegenüber,

der sie es nicht vergeben konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt

hatte. Denn die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die

Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten sie, es sei nicht

nötig, daß er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit

Hand anlegen könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein Mädel

ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben.

Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den

dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah.

Eine Falltür führte von der Küche aus direkt in den Keller, und wenn sie

offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier.

Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen Henkelkorb mit Bierflaschen.

Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern

fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus

dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen

wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und

gesunden Gesicht lag der den Möllers eigne Zug von Treuherzigkeit und

gutmütiger Gesinnung.

»Ach, Dörthe, du bist's,« sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit

der Handfläche seiner Rechten rasch über seine blaue Schürze und

begrüßte sodann seine Braut. »Möchtst wohl auch wissen, wie's wird?«

»I nu ja,« erwiderte das Mädchen lächelnd. »Es wird ja so viel davon

gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.«

»Weil er der einzige is, der was davon versteht,« bemerkte die Alte. »Er

hat auch schon 'ne Bank hinter sich, sagt er ...«

Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert »'ne Bank hinter sich«

habe, aber Fritz ließ ihr zum Grübeln nicht lange Zeit.

»Trag immer 'rein,« sagte er und schob ihr einen der Körbe unter den

Arm; »heut könnte man zwanzig Hände haben!«

Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.

So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der

weißgekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den großen

Raum nur notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und Winkeln

schwarze und dämmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand

noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen,

ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste noch erleben.

Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weißen

Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er

fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe,

wieviel ein jeder getrunken hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben,

seine Rechnung stimmte doch.

Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, die reichsten im Dorfe,

hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der

Krugwirtschaft gegenüber an der Chaussee lag, dann der einäugige

Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch

lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches,

leicht aufbrausendes Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner käsigen

Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich »Schlippermilch« genannt wurde. Noch

einer saß am Tische der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller,

der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschäft

in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der

Möllerschen Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein wenig

verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen

listig und lebhaft funkelten.

An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der

Krämer Thielemann, die Kossäten Bachert, Maracke und Klauert und eine

Anzahl Taglöhner, Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen saß

der Förster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die

Inserate im »Zielenberger Kreisblatt«.

Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die

meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tür

aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins Zimmer trat,

wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran,

wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte.

»Warst du beim Kantor?« fragte Bertold, an seiner Brille rückend, eine

ihm eigentümliche Bewegung.

»Ja,« entgegnete der andre nickend. »Der Professor hat geantwortet. Es

hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist großartig, sage ich dir,

Bertold ...«

Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es

schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten

preisgeben.

»Wie ist's denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle?« fragte

Langheinrich.

»Ganz einfach,« und Albert erzählte zum zwanzigstenmal die Geschichte

der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau

und Kindern während der großen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um

hier eine billige Sommerfrische zu genießen, war häufig in dem

Buchenwäldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er

denn eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen unter

Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein Wässerchen entdeckt, das mit

auffallend starkem Geräusch zutage trat und zugleich Tausende von

kleinen zierlichen Perlen und Bläschen bildete, -- »so wie beim

Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?« erläuterte Albert das

Phänomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant

genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu

machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen

Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor

von Oberlemmingen, schickte.

»Da is er schunst!« rief Tengler, der gewöhnlich platt sprach, und

deutete nach der Tür. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um

die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne

Zahnschmerzen.

Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten ihn höflicher, als es

sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und

fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. Aber

Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines

Auftrags entledigen.

Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe Platz und zog den

Brief des Professors hervor. Im Zimmer hatte sich alles erhoben und

bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den

Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt

das linke Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch Dörthe hatte

sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor.

»Also paßt auf,« sagte Herr Feilner. »Nämlich zuerst kommt, was die

Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk,

schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat,

schwefelsaure Magnesia.«

Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern.

Der alte Maracke schüttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und

Braumüller fragte:

»Wat denn? Das ist alles drin?«

»Es kommt noch mehr,« sagte Feilner, und Albert Möller rief »Ruhe«,

obschon niemand sprach, und drängte den dicken Braumüller unsanft vom

Tische zurück.

Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter:

»Temperatur 8,07 Grad #R. R.# heißt nämlich Réaumur, womit das Wasser

gemessen worden ist, und weil's auch noch andre Thermometer gibt, zum

Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, den braucht man aber

nur manchmal. Nun geht's weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell,

dem Rakoczy ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt

ihr verstanden?«

Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schüttelte noch

immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller

wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine Raupach kam ihm zuvor

und schrie aufgeregt:

»Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewußt? Dem

Ra--, dem Ra--, wie war's denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich

sein?«

»Dem Rakoczy,« erwiderte Bertold Möller, »das ist 'ne Quelle in

Kissingen -- auch eine Heilquelle ...«

»Und was ist denn nun so gesund da dran?« fiel Langheinrich ein.

»Wartet mal,« sagte der Kantor, »davon hat Professor Statius auch etwas

geschrieben.« Und er suchte in seinem Briefe. »Aha -- da -- hier

steht's: 'Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler

Stoffe, gesteigerte Oxydation.'«

Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurück.

»Was hat er gesagt?« fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt

hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach

schrie lebhaft:

»Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach!« -- und Maracke

nickte dankend und war so klug wie zuvor.

Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen.

Aber zuvor faßte er den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.

»Hören Sie mal, Herr Möller,« sagte er, »was da der Herr Professor noch

geschrieben hat: er läßt Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen

lassen.«

»Schön, schön, Herr Kantor,« erwiderte Albert anstatt des Alten rasch,

»wird alles gemacht werden,« -- und leise flüsterte er seinem Vater zu:

»Ich weiß schon Bescheid -- nachher! ...«

Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Plätze

zurück. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell

an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung.

Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht

klar über das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, weil

ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken,

und letzterer, nein, im Baden. Schließlich schlichtete »Schlippermilch«

den Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides richtig; erst

baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei.

Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gäste bediene.

Dörthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Möllers zogen sich zu

einer »Familienrücksprache«, wie Albert sagte, in das Extrazimmer

zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze

Stübchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte.

Albert öffnete einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem,

einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der Himmel war ausgesternt: es

gab gutes Erntewetter.

Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch überzogenen Tisch

gesetzt, der mit klebrigen Flecken übersät war, und auf dem ein flacher

Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand.

»Wollt ihr Bier, Jungens?« fragte der Alte.

»Danke,« erwiderte Bertold, und Albert schüttelte naserümpfend den Kopf.

Er war verwöhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde

ja alles anders kommen.

»Nun hört einmal zu,« sagte er. »Setz dich, Vater, ich kann das

zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser

an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will

euch gestehen, daß ich extra deswegen zu einem berühmten Arzte in Berlin

gefahren bin. Ich wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser

ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius

überein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark

so 'ne Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen würde

eine große Zukunft haben.«

»Also wahr und wahrhaftig?« fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde

nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen

entgegen. Bertold stieß ihn leicht von der Seite an; Albert sollte erst

aussprechen. Nachher konnte man fragen.

Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete sich zunächst eine

Zigarre an, während die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der

Klügste in der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen.

Endlich hub er etwas zögernd und mit schwerer Stimme wieder an:

»Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht einigen, Kinder,« sagte

er, und sofort fiel Bertold ein:

»So ist's! Man muß doch wissen, woran man ist. Eher rühr' ich auch nicht

'nen Finger in der Sache!«

Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. Er hatte genau

gewußt, daß das so kommen würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert

war nichts anzufangen.

»Vater hat ja doch schon geteilt,« entgegnete er. »Und alles gerichtlich

und schwarz auf weiß. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die

Krugwirtschaft. Das ist doch längst in Ordnung.«

»Es handelt sich um die Quelle,« bemerkte Albert ernst, »das ist ein

neues Objekt ...«

»Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu

sagen,« antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position

zu verteidigen.

»Schön,« erwiderte Albert und erhob sich. »Bist du der Meinung, so geh'

ich. Dann kümmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch 'ne andre

Beihilfe.«

Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.

»Hier bleiben!« befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt

war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten,

gelben Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes

Gesicht böse, und das Auge begann zu funkeln.

Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein

paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend

hervorgestoßenen Sätzen fort:

»Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. Nicht bloß einem.

Freilich, die Graue Lehne gehört zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat

sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders

ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei's

Mergel, seien's Kohlen oder sei's Alaun, gedrittelt werden soll. So

ist's auch gerecht!«

Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war's;

man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rücksicht auf den

Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt,

allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung bisher nicht

gelohnt hatte.

»Ich will nicht streiten,« entgegnete Fritz schließlich; er wie die

andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die

erwachsenen Männer zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. »Setzt's auf

und dann wollen wir's vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die

Quelle bringt, geht in drei Teile.«

»In vier,« sagte der Alte bestimmt.

Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was hieß denn das nun wieder?

Wollte der Alte, der seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem

Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?

»Warum denn in vier?« fragte Albert endlich zaghaft.

»Weil ich auch meinen Teil haben will,« erwiderte der Alte fest. »Ich

bin sechsundsiebzig, aber will's Gott, so leb' ich noch zwanzig Jahr'.

Und bringt uns die Quelle Glück, so bau' ich mir ein Extrahäuschen und

zieh' mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten

tut ...«

»Es ist noch nicht so weit,« fiel Albert ein, und Bertold setzte, an

seiner Brille rückend, hinzu: »Das mit der Dörthe wird er sich auch noch

überlegen.«

Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den

Zähnen behaltend, in trotzigem Tone: »Ganz gleich. Es bleibt dabei. In

vier Teile.«

Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie

Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und

verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.

Albert setzte sich wieder.

»Also abgemacht: in vier Teile,« wiederholte er. »Ich werde morgen mit

Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame

gemacht werden. Professor Statius will in der 'Medizinischen

Wochenschrift' über seine Analyse berichten. Den Artikel lass' ich an

alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das

nötige Geld, um alles instand zu setzen ...«

»Ja, das Geld,« warf Bertold nickend ein.

»Wir brauchen etwa 300000 Mark ...«

»Ihr seid wohl verrückt!« fuhr der Alte auf.

»Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,« entgegnete Albert lächelnd.

»Laß man, Vater, darin hab' ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft

werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal

zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden -- mit guten

Namen --, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der

Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu

kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...«

»Ein --?« fragte der Alte.

Albert winkte mit der Hand. »Du wirst schon verstehen lernen, Vater.

Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der 'Krug' muß ausgebaut

werden -- zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege,

Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß

der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir

späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit

Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar

errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor

und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...«

Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick

sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach.

Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine

wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein

schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er

besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine

Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die

Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken,

Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen,

sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu

dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das

waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher

hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken -- im Traume selbst

-- Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft

schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein

moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren

gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden -- eine ganze Reihe von

Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil,

dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches

Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah

das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten

blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der

Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo

sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren,

taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben.

Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der

Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen

war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des

Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal

hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber

noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch

Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den

Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und

glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch:

die, daß Albert ihn betrügen könne.

Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der

Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei

aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich

mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor

Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und

hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die

ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und

erdrücken würden.

Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern

und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um

nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom

Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß

träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die

Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige

gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los.

Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das

Gesicht. Sie schluchzte so, daß ihre ganze Gestalt zitterte -- nicht

aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu

sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die

»Schafskopf« spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke

schritt gutmütig auf sie zu und sagte:

»Nanu, flenn man nich, Dörthe -- es is doch nich so schlimm! Bis du

heiratst, is die Backe wedder gutt! ...«

Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch

nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle

einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee -- da werde er es sich doch

noch lieber bedenken ...

Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer,

während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür

führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise

vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja -- das war

ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen.

Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie

liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen

Augen doch so sehr.

Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die

Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der

frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe

hinzogen.

Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht

schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante

Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war

heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden

und Ärger. Und so war's auch gekommen.

Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der

große Köter Marackes mit seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom

Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes

dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe

begannen zu bellen.

Aus tiefem Schacht · 第 5 / 27 题