Hedda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah mit andächtiger Miene
zu, wie die Magd das Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere
Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was von den
Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig blieb. Es gab da allerhand
sonderbares Getier, das mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine
sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus weither bezogenen
Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz kleine, zierliche Geschöpfe mit
bronzefarbenem Gefieder und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen
an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner und solche aus Cochinchina,
Liliputaner aus Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten
ließen und zärtlich behandelt sein wollten.
Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand unter das gackernde Volk,
während sie mit der Linken die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für
das Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das frische,
sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne strahlte vor Vergnügen.
»Der große Gottlieb frißt uns noch tot,« sagte sie, lachend ihre blanken
Zahnreihen zeigend. »Nee gnä'ges Fräulein -- was _der_ fressen kann!!
Und den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen Futter weg; man merkt,
daß er ausländ'sch ist.«
Hedda nickte. »Er ist nur gegen die eigne Art galant,« erwiderte sie;
»die Menschen machen's nicht anders.«
Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der war Stellmacher unten im
Dorfe und hatte sich kürzlich eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber
es ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen -- nun
brauchte er nicht mehr zu kommen. Morgen oder übermorgen konnte der
alte Klempt wieder an die Arbeit gehen.
»Hat er denn viel zu tun?« fragte Hedda.
»O ja, gnä'ges Fräulein,« entgegnete Dörthe lebhaft und klappte die
Futterschwinge aus, damit auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe.
»Seit Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs Arme haben. Da
gibt's immerwährend was!«
Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer umringten und an ihr
emporzuflattern versuchten.
Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und trat in den kleinen
Vorderpark, in dem das Rosenrundell in voller Blüte stand. Es war in der
fünften Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das junge Mädchen
spürte von der Hitze nicht viel. Hedda behauptete, ihr kühles Herz
temperiere sie so völlig, daß sie gegen jede sommerliche Bosheit
geschützt sei. Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der Tat
eine beständige Frische auszuströmen scheinen. Obwohl sie erst Anfangs
der Zwanzig war, machte sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer
großen, stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man sie für eine
junge Frau halten können.
Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses blieb sie stehen und
schaute hinab auf das Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man
erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers, des Freiherrn von
Hellstern, habe ihn auf derselben Stelle erbaut, auf der ehemals das
alte Schloß gestanden habe. Das kannte man freilich nur noch der Sage
nach. Den Hellsterns war es ergangen wie manch anderm alten Geschlechte.
Die Ahnen hatten nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich
-- der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und bitter genug gewehrt
gegen den Untergang, mit Kraft und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und
beiden Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen Kampf
aufgeben und die Waffen strecken müssen. Das war mit vollen Ehren
geschehen, und die Leute sagten, er könne noch froh sein, daß
Kommerzienrat Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und daß
der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf der Scholle seiner Väter
verleben könne. Denn Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der
Kommerzienrat legte keinen Wert auf die halbverfallenen Baulichkeiten --
er wohnte drüben in seinem neuen Schloß, das mit glänzenden
Fensterreihen vom Auberge hinab zum Tale grüßte.
Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Im Sonnendunst des
Tages verschwamm der kaum eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner
modernen Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die ganze
Umgebung war reich an Wald und Höhen. Die Landschaft erinnerte mehr an
Thüringen als an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen
römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen Kurven den
Horizont: weit ausgedehnte Kiefernforsten, die mit wunderschön
gepflegten, unter fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und
Eichenwaldungen wechselten. Durch die breite Talmulde, in deren Mitte
das Dorf Oberlemmingen lag, rann ein Nebenfluß der Oder, die kleine
Barbe, die aber zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen
konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich gleiche Hälften, und hüben
und drüben wuchsen aus flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg und
der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof lag.
Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, viereckiger Kasten mit hohem,
schrägem Ziegeldach, so wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande
zu bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte überall, daß das
Gebäude arg vernachlässigt worden war. Ställe und Scheunen hatte der
Freiherr stets in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus
tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war mehr eine soldatische
Natur. Es war ihm herzlich gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im
Speisezimmer immer schwärzer wurden, und daß in den Korridoren der Putz
von der Decke fiel -- auch jetzt noch, wo er durch den Verkauf seines
Landbesitzes wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es gab immer
einen kleinen Kampf zwischen ihm und Hedda, wenn die letztere Handwerker
ins Haus bestellte, um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen zu
lassen.
Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das freundlichste auf dem ganzen
Baronshofe. Es lag im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem
Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß, luftig und sonnig
und mit dem bunten Komfort eines Backfischchens eingerichtet, das sich
sein Heiligtum nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht.
Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, tannenes Büchergestell ein.
Auf diese ihre Bücher war Hedda stolz. Es waren die Reste einer
stattlichen Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der Generale des
großen Friedrich, zusammengebracht hatte, meist französische Geschichts-
und Memoirenwerke, in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden zu
vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher Naivität über die
tollsten und albernsten Klatschgeschichten fortlesend. Zuweilen schaffte
sie sich auch von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie hatte
wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane Florians interessierten sie
mehr als die Belletristik der Zeitgenossen.
Hedda war müde. Den halben Tag über hatte sie im Hofe gewirtschaftet.
Der Haushalt war nur klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof
und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie hatte nur zwei Mägde und
einen alten Diener, der zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie
hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. Heute früh war sie
schon vor fünf Uhr auf dem Posten gewesen; die »schwarze Marie«, ihre
Lieblingskuh, hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht, früher, als man
erwartet, und darum hatte die Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt.
Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen. Das große Fenster auf
der Südseite reichte mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis
auf den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit Eisen umgittert. Es
stand weit offen; schräg davor der Schreibtisch, sehr ordentlich
gehalten, mit den Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger
Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen großen Buschen gelber
Rosen enthielt. Hedda tauchte ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief
deren Duft ein und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne
überzogenen Lehnstuhl fallen.
Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor. Mit blinzelnden, halb
geschlossenen Augen schaute sie auf den Park hinaus. Die Glut der
Nachmittagssonne brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein Windhauch
ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck dicht unter dem Fenster stand ein
geborstener Sandsteinpfeiler mit einer Marmorplatte, auf der eine
Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, weißes Huhn darauf
und schlief. Weiter hinten schimmerten helle Silbereschen durch das
dunkle Grün der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer. Der
Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz umgab ihn hier. Vom
Fenster aus konnte man über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester
Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand. Die Ernte stand vor
der Tür; das gelbe Getreide zitterte in der Sonne.
Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das Gelände. Dort rollte
ein offener Wagen daher, der Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand
auf, trat dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne.
Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der Wagen Schellheims, --
der Kommerzienrat, der erst vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt
war, wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.
Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete sich Hedda ein wenig
davor. Ihr Vater konnte den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen
Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich -- Hedda nahm in
dieser Beziehung dem alten Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund --,
aber mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt, den Vater
vorzubereiten.
Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete hastig ihr Haar und eilte
dann flinken Fußes in das Erdgeschoß hinab.
Der Baron saß bei der Arbeit -- in einem großen, kahlen, gewölbten
Gemach, vor einem riesenhaften Tische aus weißem Tannenholz, in dessen
Platte ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel
Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der Alte Platz nehmen
wollte. Hellstern litt seit einigen Jahren an periodisch wiederkehrender
Ischias, die ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb den
merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt er saß, ringsum
von Bergen uralter Akten, Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor
sich ein Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen, groben
Schriftzügen bedeckte.
Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz
geschorenem weißem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug
er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre
Gläser. Trotz mäßigen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein
Leiden beeinträchtigter Bewegung hatte er schon frühzeitig das leibliche
Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen müssen: eine lästige
Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale
Erscheinung -- sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und
falstaffischem Leibesumfang. In früherer Zeit hatte man Wunderdinge von
seiner Körperkraft erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen
Eiche.
Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit
Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im
Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten von
der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts.
Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof
bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft für die Familiengeschichte
interessiert und an Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand.
Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die Langweile zu packen;
anfänglich nur, um seine Mußestunden auszufüllen, ging er an das Sichten
und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die
lateinischen Codices übersetzte ihm der Pastor, bei den französischen
und schwedischen Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder
Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings
schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen Kurfürsten seßhaft in der
Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal
nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier
Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die
beiden letzten Abkömmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem
brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem
Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd klingende, melodiöse
Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer -- Hedda sowohl wie der alte
Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit gleich
bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Akten
vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten
Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mühe; aber sie rangen sich
durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg
staubiger Faszikel bewältigt hatten.
Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das
vorhandene Material genügte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im
Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der
folgendermaßen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni
1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten
zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Gräfin von Hetfried),
Königl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Valö und
Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der
schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der
märkischen Linie war. Jarlsberg -- das wußte der Baron -- hieß das
uralte Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felsküste
Schwedens, von weißem Meeresgischt umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit,
da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft
seeräubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch
noch mancher litterarische Schatz, der für die Geschichte des
aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den
jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen große Kisten
ein, mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und
dazu ein liebenswürdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles
zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben können,
und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfügung. Ja,
noch mehr: er nehme selbst einen so großen Anteil an der
Familiengeschichte, daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete
Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses
Hellstjern verfassen könne. Gern willige er in ein Honorar von
zehntausend deutschen Reichsmark.
Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun
gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich
unter andern Verhältnissen sicher gegen die »Soldschreiberei« gesträubt,
aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrückte seinen
törichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er saß von
früh bis zum späten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, beständig
rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend,
prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn
draußen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so
warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann scholl seine Klingel
durch das Haus, und August, der Diener, mußte den Sprachschatz wieder
ins Zimmer holen.
* * * * *
»Puh,« sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, »Vater, dein Tabak
ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und -- ich weiß nicht,
riecht denn jeder Tabak so stark?«
»Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,« antwortete der Baron, ruhig
weiterschreibend; »aber der hat's auch dazu, sich Havannazigarren
leisten zu können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich werde aus
der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heißen alle Axel, und bei den
meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein
bißchen!«
»Nachher gern -- jetzt geht's nicht! Zupf dich ein wenig zurecht,
Väterchen -- Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen
vom Fenster aus erkannt ...«
Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn
hin und lehnte sich im Sessel zurück.
»Sind nicht zu Hause, mein Kind,« sagte er ruhig, nachdem er einen
neuen, tiefen Zug aus seiner Pfeife genommen hatte; »August soll's den
Herrschaften melden -- damit sela.«
»Nein -- nicht sela,« widersprach Hedda, setzte sich auf den
Schreibtischrand und strich ihrem Vater über die Stirn. »Du wirst
vernünftig sein, lieber Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die
kommerzienrätliche Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.«
»Ich kann sie nicht leiden,« grunzte der Freiherr und zog die Nase
kraus.
»Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut abgekauft hat?«
»Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!«
»Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal Kaufmann.«
»Hemdenfritze!«
»Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder goldene Manschettenknöpfe,
ist gleichgültig; jeder ehrliche Erwerb verdient Achtung.«
»Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten an, Hederle!« rief
der Alte halb ärgerlich, halb lachend. »Was du immer für grüne Weisheit
im Schnabel führst! ...« Er rückte an seinem Stuhl. »Also meinetwegen!
Um deinetwillen! Kommt er mit Gattin?«
»Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte, es sei Besuch auf dem
Auberg. Vielleicht sind die Söhne da.«
Ein neues Grunzen des alten Herrn.
»Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den August! Muß ich mich erst
umkleiden?«
»Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron Hellstern seine Gäste
in --«
»Im Bratenrock empfangen wollte!« fiel der Baron ein. »Ich lass' schon
alles über mich ergehen. Gott, diese Umstände!«
Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber es half ihm nicht viel.
Hedda verstand, mit dem Alten umzugehen, und August auch. Der letztere
war dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich geworden. Er
stöhnte, ächzte und grunzte genau soviel wie sein Herr und konnte auch
ebenso grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste und ehrlichste
Seele, eines der aussterbenden Exemplare des dienenden Geschlechts.
Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der Baron, von Hedda gestützt,
in sein Schlafzimmer. Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer
Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte stand ein schmales,
eisernes Bettgestell mit einigen Decken. An den Fenstern hingen keine
Gardinen; in der Nacht schloß man die Läden von draußen, die herzförmige
Öffnungen hatten und die Spuren von Schrotladungen zeigten.
August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.
»Nicht so reißen, du Esel!« brummte Hellstern.
»Das Ding ist zu eng,« gab August unwirsch zurück. »Ich kann nicht
davor, daß der Herr Baron immer dicker werden! Das Marienbader hat auch
nichts genützt.«
»Weiß ich allein. Halt keine Reden!«
»Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.«
»Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es ist wahr -- ich werd' immer
dicker. Hedda muß die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich kriege
das Ding nicht mal mehr zu.«
»Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,« meinte August. »Es
sieht ja besser aus. Aber die gestrickte Weste würd' ich nicht
anbehalten --«
»Ich tu', was ich will. Die Weste bleibt drunter. Ich bin kein Popanz
und kein Modegigerl. Drück mal von hinten ein bißchen nach, dann geht
der Rock schon zu ... Hupla -- na, siehst du wohl!«
Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Er
gefiel sich ganz gut. Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk
aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine eigentümliche
Biedermaierfasson, umspannte den Oberkörper und den mächtigen Leib in
ängstlicher Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie das Kleid
einer Bäuerin nach auswärts. Dazu trug der Baron dunkle, gestreifte
Beinkleider von außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.
Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel erschaute.
»Wie ein Elefant,« meinte er schmunzelnd; »man kann auch Dickhäuter
sagen. Aber dennoch ganz stattlich. Das Halstuch, August!«
»Erst setzen!« antwortete dieser und schob dem Baron einen massiven
eisernen Stuhl zu, auf dem sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann
schlang August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze Tuch um den
Hals und steckte vorn eine goldene Busennadel hinein; Hedda hatte sie
aus einem Ohrring der seligen Mutter anfertigen lassen.
Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats vor die Veranda.
August beeilte sich, den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen
verschossenen blauen Rock mit versilberten Knöpfen. Der reich
galonnierte Diener des Kommerzienrats, der neben dem Kutscher gesessen
hatte, war ihm bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein wenig von
der Seite an. Das ärgerte August. Er gab dem Livreekollegen einen
kräftigen Schubbs und stellte sich neben den Schlag.
Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge Herren sprangen zuerst aus
dem Wagen, Hagen und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide in
Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann kam die Mutter, eine
zierliche, kleine Dame von sympathischem Äußern -- dann der Rat selbst,
untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge Gesicht nach englischer
Sitte bis auf einen kurzen, auf der halben Backe wie über einem Lineal
abgeschnittenen grauen Bart glatt rasiert.
Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft und herzlich, seitens
seiner Frau liebenswürdig reserviert. Die Söhne hielten sich zurück, die
Zylinder im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Hedda gab
jedem die Hand und führte den Besuch sodann in das Wohnzimmer.
Hellstern war noch nicht anwesend, aber man hörte im Korridor bereits
das gleichförmige Geräusch, das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem
Fußboden hervorrief.
Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit strahlendem Gesicht und
rascher, pendelnder Armbewegung entgegen.
»Mein sehr verehrter Herr Baron -- ich freue mich herzlich -- ich freu'
mich von ganzem Herzen ...«
»Lieber Herr Kommerzienrat!« Hellstern drückte Schellheim so kräftig die
Rechte, daß dieser am liebsten mit einem energischen Donnerwetter
geantwortet hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden Rätin die
Hand und sagte den jungen Herren »Guten Tag«.
Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung im Fluß. Schellheim war
ein weltgewandter Mann, bei dem nur zuweilen, in seltenen
Ausnahmefällen, die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen
Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die große Lebhaftigkeit, mit
der er, von ausdrucksvollem Gebärdenspiel unterstützt, sprach und
agierte, ließ dies nicht sonderlich auffallen.
Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte Anrede hin pflegte sie
etwas zu sagen, mit einer Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich
und melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen sehr angenehmen
Eindruck. Sie war nicht hübsch, aber chic und vornehm. Sie mußte auch
bedeutend jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, als er
bereits ein gemachter Mann war und seine Verhältnisse es ihm
gestatteten, in eine »gute Familie zu kommen«. Er war immer
liebenswürdig zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel ihm
zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin für sein
Hauswesen gewünscht. Ihrer feinen musikalischen Bildung und ihrer
Verehrung für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen Einfall
gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen und Gunther geben zu lassen.
»Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen blutdürstigen Eindruck,«
bemerkte Herr von Hellstern lächelnd, als das Gespräch sich dem
Wagnerianismus zuwandte; »im Gegenteil ...«
Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, obschon nicht von ihm
die Rede war. Er war schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein
Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse
Gesicht.
Der »grimme Hagen« schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie
dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn
er lächelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter
der Fabrik und Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz seiner
Lebemannsallüren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei
merkantile Neigungen und galt für einen Gelehrten. Er war
Literarhistoriker.
Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich
bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzählte, daß er es
bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität gebracht habe, und
daß seine Spezialität die höfische Dichtung des Mittelalters sei.
Insofern mache er auch seinem »ihm wider Willen« gegebenen Vornamen
Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des
Nibelungenliedes geworfen habe. Er führte noch einige Lyriker und
Didaktiker aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda
ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide,
von Tannhäuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.
Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine
nette Art, sich auszudrücken, und das weiche, sympathische Organ seiner
Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu
sein über das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium
entgegenbrachte. Unwillkürlich hatten die beiden während ihrer
Unterhaltung sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. Sie standen
in einer Fensternische, während die andern sich um den Sofatisch
gruppierten.
Der Kommerzienrat führte im Augenblick das Wort.
»Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron,« sagte er, den
ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, »die Quelle
soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das könnte 'ne große
Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad
machten?!«
»Bleiben Sie mir vom Leibe!« rief der Baron zurück. »Ein Bad -- na, das
fehlte noch! Bin froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen!
Übrigens glaub' ich das noch nicht recht -- das mit der Quelle. Wo soll
sie sein -- an der Grauen Lehne?«
Schellheim nickte eifrig.
»Ja -- an der Grauen Lehne, im Möllerschen Gehölz,« antwortete er. »Man
hat sie gar nicht beachtet -- was versteht der Bauer vom Gurkensalat!
Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt während der großen Ferien bei
Möller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung
aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, -- wissen Sie,
ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert förmlich -- wie eine
Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf
aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich
Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, -- der Mann hat Kohlensäure und
Eisen konstatiert und Möller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu
lassen.«
Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich dann über den Leib.
»Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,« meinte er;
»vielleicht ist unser heimisches Wässerchen wirkungsvoller.«
Schellheim lachte.
»Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen
brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches
Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos!
Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen.
Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.«
»Eh -- na -- warten Sie's ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern
kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und
namentlich der alte Möller, -- der hat's faustdick hinter den Ohren ...
Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem
Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist's aus, wenn wir erst Badegäste
hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer
unwirsch von der Seite an.«
»Das ist egoistisch, lieber Baron --«
»Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner
Einsamkeit. Hab' neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen,
der nennt die Einsamkeit ein 'vornehm' Land'. Und, weiß Gott, der Poet
hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen 'vornehm'
Land' rauben lassen.«
Der Kommerzienrat verzog den Mund.
»Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron -- aber die Einsamkeit
widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im
Menschentreiben stehn.«
»Oho -- haha -- Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer
Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und
lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.«
Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen
Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend:
»Ach nein, Herr Baron -- den Gunther muß man als Sonderling beurteilen.
Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und
selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.«
»'s ist so,« fiel Schellheim ein, während die beiden in der
Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern
nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; »ich
bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst --
ah, nun ja -- ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die
Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen
herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar
Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? -- Ich bitte Sie, die
ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen,
sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der
Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger
der Lebenden,« wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck
besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine
Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: »Ich
hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische
Karriere ergriffen. Er wollte nicht -- schön -- ich bin kein Rabenvater.
Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht
Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker -- Anthropologe, Bazillenmensch
-- die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre
Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein -- er wollte partout ein
Bücherwurm werden --«
»Und fühlt sich recht wohl dabei,« warf Gunther ein. Er war aus der
Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er
lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel.
»Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr
von Hellstern,« wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; »ich
begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver
Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich
Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte
Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in
umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen
irgendwie dienlich sein kann --«
»Merci, Herr Doktor -- sehr liebenswürdig,« entgegnete Hellstern; »das
Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas
besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern
an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?«
»Leider nein,« erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein:
»Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...«
Er klopfte Gunther auf die Schulter. »Ich hab's nicht böse gemeint --
#de gustibus# und so weiter. _Mir_ würde das Herumwühlen in alten
Scharteken den Appetit verderben. Da lob' ich mir noch die Musik.
Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?«
Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen
ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da
wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß
Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins
seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau
Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.
Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein
Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter
Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach
findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer
Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach
Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt -- und
Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron
noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig
übrig hatte.
Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser
Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich
gänzlich auf der »Auburg« -- so hatte er sein Schloß getauft --
festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen.
»Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft
befassen,« sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. »Es macht mir
Spaß -- möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute
Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, -- stehen Sie mit
dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?«
»Auf gar keinem,« erwiderte Hellstern ziemlich kurz. »Aber, falls Sie
mit ihm in Verbindung treten sollten -- #attention!# Es ist ein brutaler
Schlaukopf.«
Schellheim lachte.
»Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,« sagte
er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch
einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das
alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser
viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht
für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...
August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den
frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der
Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg
imponierten ihm durchaus nicht.
Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit
seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster.
Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten Geschirr sich sehr
stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach.
»Solche Karrossiers hab' ich mir mein Lebtag nicht gegönnt,« sagte er zu
Hedda. »Hübsche Gäule und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es
im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krämer die Sieger und wir
vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.«
»Freilich,« entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, »'s ist leider immer
so in der Weltgeschichte. Hammer und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm
sind die Schellheims noch nicht.«
»Na, es geht,« erwiderte der Baron etwas mürrisch.