Drittes Kapitel

Auf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus gestanden, ein merkwürdiger

Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine Halle

mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern gestützt. Das war

der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk

erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: die Wohnung

des Pächters. Er war ein närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im

Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft

war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die

schönsten Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere

auch immer in unmittelbarer Nähe haben. Er war lange in England gewesen

und hatte dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue

Art der Fütterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glück; sein

Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode

verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf.

Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er

einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß

bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls

und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und

aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern

wären so riesig, daß sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen

aufführen ließen. Schellheim war einverstanden, und der Baumeister

baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat

wollte ein Schloß haben, und zu einem Schlosse gehörte unbedingt ein

Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem

grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht

recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte,

und auf der Südseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als

Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch

mehr, und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft

stillosen Eindruck. »Es sieht wie zerkaut aus,« meinte der alte

Hellstern. Der hübscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige

Kuhstall, die jetzige Halle.

Von seiner früheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natürlich

nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck,

Hellebarden, Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben und

dergleichen mehr, und an den Wänden eine Reihe tiefdunkel gewordener

alter Ölporträts von stark dekolletierten Damen in Reifröcken und

gepanzerten Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten auf der

Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem

Trödler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine »italienischen

Ahnen«. Er spottete nicht ungern über sich selbst; er war vernünftig

genug, stolz auf sein Emporkömmlingstum zu sein.

Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber erst unter ihm war es zur

Blüte gekommen. Jetzt gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen

Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester

hätten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden können.

In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden -- Hemden

in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, für die elegante

Welt, für die einfachen Leute und für das Proletariat, und zwar nur

Männerhemden. Diese Hemden gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie

in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten Marke und jedem

beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in

allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in

Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frères entnommen, gerade so

gut wie Ohm Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der

Dockarbeiter in Wilhelmshaven -- selbst bis Siam und China und bis in

die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.

Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim war Millionär. Freilich

hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Großvater war

noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch das Land gezogen, und der Vater

hatte manche schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun stand der Bau

felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschüttern. Es war Schellheim

nicht leicht geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit war

das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mußte an seine Kinder

denken. Der unpraktische Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen;

ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der Älteste, trat mit sicheren

Schritten in die Fußstapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in

Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und

nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten.

Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen des Geschäfts. Es lag

bei Hagen in guten Händen. Allerdings hatte der Junge auch seine

Nebenpassionen: für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag

nun einmal in der »Mode der Zeit« -- so meinte der Rat --, und deshalb

blieb er doch ein tüchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die

Frage einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig konnte und

wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar

die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer

dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte

er auch an seinen Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, wenn

er des Studierens müde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat

undenkbar, daß ein Mensch, der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens

tagein, tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen Büchern sitzen,

grübeln, vergleichen, schreiben könne. Zudem mußte der Wert des

Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mußte erreicht sein. Es

handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation.

Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in der großen Halle. Die

Glastüren standen weit offen. Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen

in der Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, deren blank

lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das

helle Weiß zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse

flankierten. Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die

Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer

Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum

Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und

selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Süden erstreckte sich der Park

zirka zwölf Morgen weit in das sich hier mählich senkende Land hinein.

Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß bis dicht an die Graue

Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die

Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des

Heilquells, doppelt.

Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree

wartete auf. Die Rätin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem

Gatten.

»Ich will dir was sagen, Gunther,« fuhr Schellheim in der Unterhaltung

fort, eine der goldgelben Scheiben auf seinen Teller legend, »du hast

ja recht: die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die Art bleibt

dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder

Äußerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen.

Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle.

Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, weil der Fortschritt in der Kultur

ihm unbequem ist. Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag' ich den

Menschen: ist das nicht verrückt?«

»Natürlich,« entgegnete Hagen; »du wirst mit den Hellsterns nicht warm

werden.«

Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht

gegen Ansicht.

»Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre

Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der

Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen

Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht,

von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die

Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen,

und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem

Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.«

Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der

grimme Hagen lachte fröhlich auf.

»Nimm mir's nicht übel, Gunther,« rief er, »das ist eine absonderliche

Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe

warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt?

Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige

Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde

die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn

wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der

ganzen Menschheit gedient wird?«

»Gewiß,« fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen.

»Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um

neu aufzubauen.«

Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der

Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht

stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.

»Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,« erwiderte er. »Nur der stetige

Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der

Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück

im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.«

»Das ist das, was ich sagte,« bemerkte Schellheim. »Die Kultur reißt

Löcher, schließt sie aber auch wieder.«

»Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,« entgegnete

Gunther etwas kleinlaut. »Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle

nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus

persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es

auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht

auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.«

»Mahlzeit,« sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl

seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten

Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter

einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei

Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte,

aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.

Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von

vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben

eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.

»Ich will dir was sagen, mein Junge,« begann er -- das war eine

stehende Redewendung von ihm --, »wenn sich die Quellengeschichte

wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz

herausstellt -- ich fürchte es beinah', ich trau' der Sache nicht so

recht --, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk

mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute

zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die

Produktenpreise werden in die Höhe gehen -- ich meine, liebe Jenny« --

er wandte sich an seine Frau --, »wir könnten ganz gut noch die sechs

Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.«

Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und

dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort:

»Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers.

Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich

glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle --

kann mir's sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich

bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir's überlegt: ich

misch' mich nicht 'rein. Sie können _mir_ kommen, wenn sie wollen ...

Wie ist's, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?«

Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen

Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So

kam »das Geschäft« auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten

wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.

Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran.

Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach

der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die

ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer

lag über den Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite,

zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem

Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe

Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten

Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.

Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah

aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des

Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte

Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem

Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen

und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande,

die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr

gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches

Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr

müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher

Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er

ärgerte sich über seine dummen Gedanken!

Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn

Bauunternehmer Möller angemeldet.

Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den

Möllers -- aha, man »kam« ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein

Gesicht.

»Führen Sie den Herrn hierher,« befahl er.

»Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,« erwiderte der Diener, »es sind

drei Leute --«

»Drei?« Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also gleich drei -- man

wollte ihm durch eine Phalanx imponieren. »So lassen Sie alle drei

herkommen, Friedrich,« entschied er.

Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht besser sei, wenn sie sich mit

den Kindern entferne. Aber ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht

einmal, was die Herren überhaupt wollten.

Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold und zuletzt Fritz Möller,

hintereinander und mit dem Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr

Herz in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war. Der dicke Fritz

hatte sich gleich den andern beiden sonntäglich angekleidet, doch der

schwarze Rock paßte nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen

Falten, und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger Bronzeton.

Der Zylinder gehörte ihm auch nicht, sondern dem Alten, der ihn nur zu

Hochzeiten und Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn auf, das

heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen. Davon hatte er seine

anmutige Färbung erhalten.

Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten sich. Aber Fritz hatte

nicht aufgepaßt und ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und machte

dann auch sein Kompliment. Bertold war wütend, rückte an seiner Brille

und flüsterte, während Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren

Bruder zu:

»Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!«

Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er war rot geworden vor

Verlegenheit.

»Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,« sagte Albert inzwischen,

»daß wir Sie inkommodieren. Wir möchten Sie um eine Rücksprache bitten.

Es handelt sich nämlich um die Quelle ...«

Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem der drei die Hand. Es

war sein Bestreben, sich kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten

ihn lieben lernen.

»Ich dacht' es mir beinah', meine Herren,« erwiderte er. »Dürfen die

Meinen dabei sein, oder ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen --«

Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein Geheimnis.

Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an. Fritz betrachtete die seine

mit Ehrfurcht. Sie hatte ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach

viel Geld aus.

Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. Er sprach recht

gewandt, erzählte zunächst von der Analyse des Professors Statius und

von der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft des Wassers

erhalten hatte, und ging hierauf auf die Finanzierungsfrage über. Man

wollte ein Konsortium bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen

solle, und dann das ganze Unternehmen in eine Aktiengesellschaft

verwandeln.

Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange Maurerpolier eine nicht

gewöhnliche kommerzielle Begabung besaß. In der Darlegung der

Einzelheiten verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen überraschend

raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat sie dem einfachen Manne

kaum zugetraut hätte.

Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich zurückgezogen. Die

drei promenierten im Laubengang der zweiten Terrasse auf und ab, während

oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach. Die beiden andern

Brüder saßen stumm neben ihm und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um

ihre Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer sagte.

Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim den Sprecher

unterbrach. Der Rat wußte nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war

unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe er sie selbst nicht

klar überschauen konnte.

»Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens annehme,« sagte er, »daß

ich mich theoretisch und praktisch daran beteilige -- nicht wahr, das

wollen Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die Geschichte in Gang

zu bringen, die Kapitalien zu schaffen, die geeigneten Repräsentations-

und Arbeitskräfte zusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin dazu

bereit --, die Sache interessiert mich, denn eure Quelle fließt mir

sozusagen an der Nase vorbei. Aber erst muß ich mich selber orientieren.

Eure Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle Persönlichkeiten

heranziehen, Berühmtheiten ersten Ranges.... Und dann: eine kurze Frage.

Sie wissen, lieber Herr Bau --« er zögerte einen Moment, weil ihm der

Titel Bauunternehmer zu lang erschien, und fuhr dann rascher fort: »Sie

wissen, lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor Jahresfrist

anbieten ließ, die Graue Lehne mit der Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich

bin noch immer dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung der

Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich geändert. Allein

vielleicht würden wir doch noch einig werden. Überlegen Sie einmal

daheim, ob wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung treten

können ...« Er schaute aufmerksam auf seine Fingernägel.... »Ich will

Ihnen was sagen, meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber

erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr wirklich etwas zu

machen ist. Solche Säuerlinge gibt es zu Tausenden im Lande -- die

meisten sind nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte

unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten machen, -- ach du lieber

Gott, Sie haben ja gar keine Ahnung, was es heißt, solch ein

weitausschauendes Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob es sich überhaupt

lohnen wird?« Der Kommerzienrat zog die Schultern hoch. »Ich glaub's

eigentlich nicht. Nein, ich glaub's nicht! Wir haben kleine Badeorte,

die nicht leben und sterben können. Geschäfte werden da kaum zu machen

sein -- an eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken.... Na --

man muß abwarten! Jedenfalls überlegen Sie sich den Verkaufsgedanken

noch einmal. Wenn ich die Graue Lehne im Besitz hätte -- ich glaube --

ich glaube, ich würde die Quelle ruhig weiter fließen lassen. Das

Risiko ist zu groß -- zu groß ...«

Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem Wort unterbrochen. Aber von

einem zum andern flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber,

der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer ruhig bleiben! Und

nun antwortete Albert in respektvollem Tone:

»Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir verkaufen die Graue Lehne

bestimmt nicht. Und wenn Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen

wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade so. Und wenn Ihnen

eine Beteiligung an der Ausbeutung der Quelle zu unsicher dünkt, dann

müssen wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde. Die Frankfurter

Produktenbank hat sich schon bereit erklärt --«

Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle sich nur ja die

Bankinstitute fern halten. Es gebe genug kapitalkräftige Leute.

»Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, meine Herren,«

schloß er. »Senden Sie mir die Analyse und das sonstige Material über

die Quelle zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen wollen -- es

soll mir recht sein. Solche Leute braucht man.... Also auf Wiedersehen!«

Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat reichte wieder jedem

der drei die Hand und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei

plauderte er ununterbrochen, berührte aber die Quellenfrage mit keinem

Wort mehr. Er sprach über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise,

über alles mögliche. Und während die drei Brüder die breite Fahrstraße

einschlugen, die vom Auberge nach der Chaussee führte, blieb er noch

eine geraume Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den Möllers

nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens altväterischem Zylinderhut

leuchtete fröhlich im Sonnenschein.

»Geriebene Gesellschaft,« murmelte der Kommerzienrat halblaut vor sich

hin. Dann kehrte er auf die Terrasse zurück.

»Nun, Papa?« rief ihm Hagen entgegen. »Abgemacht?«

»I bewahre,« entgegnete Schellheim, und der Sohn spürte am Tone, daß

etwas wie eine leichte Gereiztheit herausklang. »Hellstern hat recht:

mit den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch nicht mit -- ich

werde mich hüten. Es ist nichts mit der Quelle -- nichts! ...« Er griff

nach einer neuen Zigarre. »Wann geht euer Zug, Hagen? Um neun, nicht

wahr?«

»Ja, um neun, Papa.«

»Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf die Felder begleiten. Ich

will eine Umfahrt halten. Das ist so Sitte am ersten Erntetage -- ich

habe mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal an der

Grauen Lehne aussteigen. Man kann sich das -- das Dings wenigstens mal

ansehen.«

Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau, daß sich der Vater die

Beteiligung an dem Quellenunternehmen nicht entgehen lassen würde.

* * * * *

Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der Chaussee rechts ab; sie

schlugen den schmalen Fußweg nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen

sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. Fritz rauchte noch

immer die Zigarre, die ihm der Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm

der kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte. Bertold rückte

nervös an seiner Brille und nahm als erster das Wort.

»Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,« meinte er.

Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er begann ohne Ursache auf

Schellheim zu schimpfen. Das seien alles Betrüger, die reichen Berliner

Herren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein, sonst zögen sie einem das

Fell über die Ohren. Alles schwarz auf weiß und notariell, was man mit

denen abmache -- nicht anders. Schellheim ärgere sich nur, daß man ihm

die Graue Lehne nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der Quelle

herausschlagen. Aber man wolle die Millionen allein verdienen. »Wenn man

das Pack nur nicht brauchte!« schloß er.

»Wir brauchen es aber,« erwiderte Bertold. »Da hilft alles Schimpfen

nicht. Wir haben doch lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure

Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen. Aber über die Ohren

hauen lassen wir uns deshalb schon lange nicht.«

»Wir sind auch helle,« sagte Albert.

Fritz warf seinen Stummel fort. »Die Zigarre war gut,« bemerkte er.

Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August suchen, um sich anmelden

zu lassen. In der Mittagshitze lag das Gehöft wie ausgestorben da.

Selbst das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und sich unter den

Akazien im warmen Sande eingekuschelt. Lord, der Hofhund, kläffte die

drei Männer ununterbrochen an und raste an seiner klirrenden Kette bald

in die Hütte hinein, bald wieder heraus.

Endlich fand man August, der in einem Winkel der Häckselkammer Siesta zu

halten pflegte. Mit verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute

Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit ihnen. Er glaube

übrigens nicht, daß der Herr Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit

halte er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle jedenfalls

nachsehen.

Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne auf und ab. Unter dem

schweren Zylinder Fritzens rannen große Tropfen und perlten dem Burschen

über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien immer schwerer

werden zu wollen. Fritz nahm den Hut auf ein paar Minuten ab, aber da

brannte ihm die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit einem Fluch

setzte er das Ungetüm wieder auf.

Albert war mit überlegender Miene vor der Veranda stehen geblieben. Er

hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb

geschlossen, wie immer, wenn er in Gedanken war.

»Was grübelst du denn, Albert?« fragte Bertold.

»Ach,« entgegnete dieser lächelnd, »ich dachte so 'n bißchen nach. Das

alte Herrenhaus ist gut gebaut. Mauern wie Festungswälle und Balken von

Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist wie geschaffen für das

Sanatorium.«

»Der Baron wird dir was pusten,« meinte Fritz, und Albert erwiderte

trocken: »Bar Geld lacht!«

August kehrte zurück. Der Herr Baron säße schon wieder am Schreibtisch,

aber er hätte nicht viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge.

Und dann führte er das Dreiblatt in das große, kahle, gewölbte Gemach,

in dem der Baron zu arbeiten pflegte.

Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines Tisches, mitten unter

Haufen von alten Folianten und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung

umgaben. Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf keinem gewöhnlichen

Stuhl, sondern auf einem halben Dutzend übereinandergestapelter

Foliobände von Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße hatte

sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und suchte für den Alten

Vokabeln auf. Es war wundervoll kühl im Zimmer, und ein angenehmes

Dämmerlicht herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen waren.

Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, doch es war nicht so schlimm wie

sonst, und in die Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft,

der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf eine Ecke des

Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches Symbol blühender Gegenwart

mitten unter dem Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten

Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen schien.

Hedda nickte den Männern freundlich zu, und Hellstern rief ihnen gleich

entgegen:

»Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der Quelle -- nicht wahr? Kinder,

laßt _mich_ mit der Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!«

Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an seiner Brille, und Fritz

machte ein dummes Gesicht und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut.

»Herr Baron,« begann Albert endlich, »Sie werden uns doch wohl

wenigstens anhören wollen --«

»Anhören -- meinetwegen,« grunzte der Freiherr. »Aber bitte, kurz,

Kinder -- ich habe den Kopf voll. Ihr hättet's auch, wenn ihr euch mit

dem schindludermäßigen alten Latein 'rumärgern müßtet --«

»Papa,« fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.

»Ach so -- entschuld'ge -- du bist ja auch da! -- Nanu vorwärts, ihr

Herren!«

Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert begann abermals seinen Vortrag

-- dasselbe, was er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz

nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie oben auf der Terrasse

des Auschlößchens.

Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen leise auf, wenn ihm

irgend etwas nicht gefiel. Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem

Munde nehmend:

»Was erzählt ihr _mir_ das denn eigentlich alles?! Soll ich vielleicht

auch ein paar Aktien nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, wenn

ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen mich, meine lieben Herren;

ich habe kein Geld -- gar keins -- und für eure Quellenspekulation erst

recht keins!«

»Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr Baron,« antwortete Albert.

»Wir wollen bloß Ihren Namen -- nichts weiter.«

»Namen?! Wozu -- was heißt das -- Namen?!«

»Ich versteh' schon,« fiel Hedda ein, und nun wandte sich Albert mit

Lebhaftigkeit an die Baronesse.

»Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,« sagte er, sich zu ihr

hinabneigend. »Es ist eine große Sache, die der ganzen Menschheit nützen

soll -- nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts

Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man das _klar_ machen, sonst glaubt

sie's nicht. Und wenn der Name des Herrn Barons an der Spitze des ersten

Konsortiums prangt --«

Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn mit der Spitze des

Pfeifenkopfs in die Seite.

»Sie, lieber Möller,« fiel er ein, »bemühen Sie sich nicht weiter! Ich

mache so 'ne Geschichte nicht. Mein Name ist kein Aushängeschild --

_meiner_ nicht! Aber wenn's schon ein Adeliger sein soll -- 's gibt ja

leider genug adeliges Proletariat im Lande --, vielleicht finden Sie

sogar 'nen Grafen --«

»Aber, Herr Baron,« schnitt ihm Albert das Wort ab und hob die Hände,

was der dicke Fritz ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an

der Debatte zu beteiligen, »es handelt sich ja doch um _Ihren_ Namen,

nicht um einen beliebigen -- und auch um Ihre _Person_! Ihr Geschlecht

sitzt hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich -- und Sie sind

überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, sind mit dem Herrn

Landrat befreundet und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz

und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, bei den Synoden, den

Kreisverhandlungen -- du lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für

uns! Und wir wollen das ja auch nicht umsonst haben -- Sie sollen _mit_

bei der Sache verdienen --, wir kaufen Ihnen Ihr Haus ab und machen ein

Sanatorium daraus ...«

Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, daß es dröhnte.

»Sie sind wohl des Teufels, Möller?!« schrie er. »Ich bin froh, daß ich

meine vier Wände behalten konnte, -- hier will ich auch sterben! Bauen

Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf den Baronshof kommt mir

kein fremdes Volk! Ich lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der

Inschrift: 'Kurgästen ist der Eintritt verboten.' Oberlemmingen war

immer ein gesunder Ort, -- aber mit eurer verdammten Quelle zieht ihr

die Krankheiten mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter leidende

Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft wird verpestet werden, und die

Bazillen werden nur so umherschwirren. Hübsche Aussichten -- ich danke

ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch helfen, meinen Namen

hergeben als Köder, als Lockvogel -- prost Mahlzeit, da seid ihr an den

Falschen gekommen!«

Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder. Eine so

rücksichtslose Abweisung hatte keiner von ihnen erwartet. Ihre

unglücklichen Gesichter erweckten ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie

klappte ihr Lexikon zu und sagte:

»Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. Es muß doch überlegt

werden. Vielleicht kommen die Herren noch einmal wieder --«

»Nein!« schrie der Alte erbost. »Ich will nichts mehr hören! Ging' es

nach mir, so würde die Quelle wieder zugestopft. Ich glaub' nicht an

ihren Segen!«

»Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,« erwiderte Albert, »zu glauben,

was er selbst will. Wir _hoffen_ etwas von der Quelle --«

»Ein gutes Geschäft hofft ihr -- das lockt euch!«

»Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. Aber wir gewinnen

nicht allein. Ganz Oberlemmingen wird aufblühen --«

»Oder zugrunde gehen!« rief der Baron dazwischen. Sein braunes Gesicht

war noch dunkler geworden. »Ich kenn' euch doch, Kinder, -- mir macht

ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geier um die andern, wenn _ihr_

nur eure Taschen füllen könnt! Und ich sehe kommen, wie's werden wird --

ganz genau! Will's Glück euch wohl und die Quelle wirft wirklich Geld ab

-- 's fließt doch nur zu euch! Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner

durchbrechen kann, und die kleinen Leute bleiben draußen stehen und

lassen die Zunge aus dem Halse hängen und hungern weiter!«

Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. Sie fand, daß der

Vater unnötig hart sei, und dies Wort sprach Albert auch aus.

»Das klingt sehr hart, Herr Baron,« sagte er, »und ich glaube auch, daß

dazu kein Grund vorliegt. Wir haben _Sie_ ja doch aufgefordert und den

Herrn Kommerzienrat drüben auch --«

»Und soundsoviel andre dito -- nämlich die, die ihr zuvörderst braucht,

ohne die ihr die Sache nicht in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid

hilflos. Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid mit einer

Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne dankend ab. #Dixi#. Im übrigen --

ich habe keinen von euch kränken wollen -- aber ihr kennt ja meine Art.

Und nun adje, Kinder!«

Er streckte den Möllers die Rechte entgegen. Hedda nickte ihnen zu und

rief Fritz noch nach:

»Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch nichts bestimmt?«

Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, riß ihn aber

schleunigst vom Kopf. Er wurde rot und lächelte breit. »Nein, gnäd'ges

Fräulein,« antwortete er, »noch nichts. Es hat ja noch Zeit.«

Und dann wendete sich auch Albert noch einmal herum und fügte hinzu:

»Wir woll'n mal erst abwarten, gnäd'ges Fräulein.«

Sie gingen.

»Grobian,« sagte Bertold draußen.

»Der Kommerzienrat ist anders,« bemerkte Fritz. »Mir schmeckt noch seine

Zigarre.«

Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben. Er packte die

Brüder mit beiden Händen an den Rockklappen.

»Das merk' ich mir,« sagte er halblaut, in verbissener Wut. »Und wenn's

mir ein Vermögen kosten sollte, -- das Herrenhaus bring' ich an mich.

Hier soll der Alte nicht sterben -- oder der Teufel müßt' ihn gerade

schon in den nächsten drei Jahren holen!« --

Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.

»Immer gleich bullern, Vater,« meinte sie. »Man kann doch auch in Ruhe

mit den Leuten sprechen.«

Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament quer über den

Tisch.

»Kann man nicht!« schrie er zurück; »sonst tät' ich's!«

»Gut. Aber überlegen kann man.«

»Wieso? Was überlegen?«

»Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges schaffen kann.«

Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich nieder über den

Folianten rechter Hand. »Steck die Nase ins Buch,« befahl er grob. »Was

heißt #myrobalanum#?«

Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.

Aus tiefem Schacht · 第 6 / 27 题