Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist
vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und
färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich
hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie
keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den
Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und
ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen
kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge
und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu
sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt
hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in
weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter
will nicht kommen.
Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises
Piepsen laut, die Rehe und Hirsche ziehen langsam zum See und scheinen
wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn
wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend
die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen
langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den
Hochwald zurück.
Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen,
ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht
ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh
ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s,
als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß
durchbebt.
Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in
geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese
Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur
entfremdet hat.
Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern
auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine
göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte
sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und
als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön
gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte unverstandene
Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten
durch die traumstille Seele huscht.
Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens
geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf
meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.
Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit
anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde
stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken
aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre
Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf
meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in
einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte,
unerbittliche Notwendigkeit.
Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam
meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte
die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“