Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden.
Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum
Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis
ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem
engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr
zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der
Weltfreude das Auge aufschlägt.
Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.
Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was
irdische Seligkeit ist! Nur die ganz Großen, die Menschen mit dem
Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus
und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen
trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.
Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele
in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen
dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an
dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst
verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an
und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu
schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst
verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an
die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert
dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse
dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein,
so lange du mich liebst.“
Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam
zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue
Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen
entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache
pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem Wandel
und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das
Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus,
daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.
Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich
wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen,
das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da
in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich
zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten
stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.
Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen
Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie
ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit
überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre
gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die
Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit
seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark
bleiben können und müssen.
Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der
Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der
Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder ruhig
und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.
Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die
segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den
Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die
Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich
ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber
glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja
überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.
Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll
hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur
eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab
und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu
rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen
Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft
für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen
wollte.
Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war
meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser
ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht
und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter
Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und
er tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn
abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht
einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem
ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.
Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft
sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und
wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde,
sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen
Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen
zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und
hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen
Arbeiten selbst besorgen konnte.
Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr
bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte
Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit
wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten
können.
Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete,
die in der Mühle aus und ein gingen.
Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man
in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter,
einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze Familien
ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium
die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager
Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend.
Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder
allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und
strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt
aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders
werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines
Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.
Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln,
die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal
siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade
in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war
unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir,
wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr
brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde?
Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab
ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah
und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein
lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen
Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für einen, der auch
diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in
Demut aufzunehmen hat.
Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten
einen gewaltigen Stoß erfahren.
Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.
In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich
schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor
mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz
behaftet.
Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir
ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was
an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der
Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß
Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz
bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun
näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir
die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr
doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte
und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.
Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt,
fühlte aber, daß mich Marie ansah.
Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit
einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte,
und da mußte ich ihr doch danken.
„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du
noch an meine arme Mutter denkst.“
„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.
Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte
mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war
Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir,
daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der
Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite
hörte.
Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau,
es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s
gekommen ist.“
Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über
die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich
dauert’s nimmer zu lang.“
„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“
Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren
Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das
--“ ihr Blick glitt an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine
Mutter wohl nie kennen lernen.“
Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für
möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’
mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür,
daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich
kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das
nit.“
Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini,
laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen,
denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine
will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“
An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle
hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu
beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende,
wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in
der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die
Dahingegangenen einen Rosenkranz.
Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im
Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben
war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein
Glück geben könne.
„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme, „ich kann mich
nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler
gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“
Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz
einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig
zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern
würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war
ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und
Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat
möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese
Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das
wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.
Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens
vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem
Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an
der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und
Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren
Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort
kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu
beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender
wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage, als die Kranke
schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser,
ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie,
i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott
nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in
einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ -- der
Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte,
wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und
sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte --
„Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber,
viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen,
hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer
und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der
kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß,
Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i
will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei
mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“
In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte
mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl
gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.
„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war
mir, als habe unser Herrgott selbst gesprochen und am Abende desselben
Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch
sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser
ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis
heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“
Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten
Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du
alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich
verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur
eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“
In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht
ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes
Weib, gebrochen an Leib und Seele.
„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind
halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da
bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich
habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und
schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“
Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige,
was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“
Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem
Armensünderwinkel.
„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für
dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s
sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat
das Leben nit weniger hergenommen.“
Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue
flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen
Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da
brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht,
beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch
immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich
und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich
wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat,
das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere
Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da.
Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken,
daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick
ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf
wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles
ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird
schon wissen, was er mit uns will.“
Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und dort verabschiedete
ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald
empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein
Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein
und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen
war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so
weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen
Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den
trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es
ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle
zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen
könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein,
noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar
genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es
wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte,
woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.
Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben
ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine
Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen
Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und
ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.
Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte
Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner
hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie
sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken
lassen.
Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß
ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer
Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten
und Händel ab.
So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein,
daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach
geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen,
wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur
Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus
dem Eise herauszuhauen.
Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom
Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war
am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom
Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends
fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die
Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen
sei.
Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze
Mühlenpersonal -- Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte
Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers -- wurden aufgeboten.
Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum
Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf
die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom
Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über
eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee
hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine
Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu
entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen.
Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.
Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die
einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im
Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens
nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu
heucheln brauchte.
Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz
empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich
Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin.
Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß
mich das Schicksal zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat
zurückgeführt habe.
An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich
wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht.
Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er
hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.
Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so
furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit
gedacht hatte.
Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung
stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in
die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel
vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr
auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine
Forderungen präsentierte.
Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit
dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries
Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich
gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie
gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male
klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.
Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer
Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse
gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal
hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der
Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?
Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.
Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die
noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen.
Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine
umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine
Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter
wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte
mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte.
Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie
eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und
meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen
laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf,
schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich
seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen,
der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn
deine Schwester Wirtschafterin ist, statt eine fremde Person. Bartel,
überleg dir’s!“
„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar
Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige
Mägen haben.“
„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie.
„Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf
den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die
Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet,
bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“
„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf.
Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“
Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich,
Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in
meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur
dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers
Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich,
Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“
Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da
klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich
hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du
weiterkommst mit deinem Bankert.“
Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die
Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du,
einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als
du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft
du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau
mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal
sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und
darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein
miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen
ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“
Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen
dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an.
In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es
zustande brachte, weiß ich heute noch nicht.
Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag
zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast
gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes.
Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf
und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor
Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der Tischkante lag das
Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut.
Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen!
Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste
mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war,
auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd.
So bin ich zum Mörder geworden.
Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat
stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was
immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe
wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ.
Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich
mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu
bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am
Tischfuße lag.
In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also
bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen
Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube.
In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben
die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken
nicht einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten
erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich
vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich
getan.
Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten
sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der
Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten
Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen,
fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde
aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt.
Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor
allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen
anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um
ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer
ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine
militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher
darausgekommen.
Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine
gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst
keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie
die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also,
ohne dies zu wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor
fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.