XIV.

Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden.

Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum

Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis

ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem

engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr

zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der

Weltfreude das Auge aufschlägt.

Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.

Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was

irdische Seligkeit ist! Nur die ganz Großen, die Menschen mit dem

Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus

und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen

trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.

Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele

in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen

dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an

dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst

verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an

und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu

schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst

verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an

die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert

dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse

dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein,

so lange du mich liebst.“

Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam

zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue

Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen

entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache

pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem Wandel

und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das

Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus,

daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.

Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich

wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen,

das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da

in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich

zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten

stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.

Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen

Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie

ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit

überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre

gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die

Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit

seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark

bleiben können und müssen.

Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der

Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der

Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder ruhig

und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.

Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die

segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den

Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die

Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich

ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber

glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja

überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.

Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll

hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur

eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab

und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu

rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen

Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft

für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen

wollte.

Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war

meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser

ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht

und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter

Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und

er tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn

abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht

einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem

ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.

Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft

sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und

wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde,

sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen

Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen

zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und

hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen

Arbeiten selbst besorgen konnte.

Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr

bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte

Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit

wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten

können.

Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete,

die in der Mühle aus und ein gingen.

Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man

in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter,

einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze Familien

ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium

die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager

Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend.

Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder

allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und

strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt

aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders

werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines

Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.

Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln,

die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal

siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade

in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war

unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir,

wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr

brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde?

Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab

ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah

und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein

lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen

Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für einen, der auch

diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in

Demut aufzunehmen hat.

Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten

einen gewaltigen Stoß erfahren.

Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.

In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich

schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor

mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz

behaftet.

Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir

ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was

an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der

Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß

Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz

bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun

näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir

die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr

doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte

und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.

Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt,

fühlte aber, daß mich Marie ansah.

Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit

einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte,

und da mußte ich ihr doch danken.

„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du

noch an meine arme Mutter denkst.“

„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.

Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte

mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war

Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir,

daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der

Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite

hörte.

Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau,

es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s

gekommen ist.“

Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über

die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich

dauert’s nimmer zu lang.“

„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“

Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren

Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das

--“ ihr Blick glitt an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine

Mutter wohl nie kennen lernen.“

Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für

möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’

mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür,

daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich

kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das

nit.“

Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini,

laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen,

denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine

will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“

An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle

hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu

beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende,

wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in

der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die

Dahingegangenen einen Rosenkranz.

Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im

Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben

war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein

Glück geben könne.

„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme, „ich kann mich

nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler

gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“

Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz

einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig

zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern

würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war

ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und

Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat

möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese

Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das

wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.

Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens

vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem

Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an

der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und

Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren

Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort

kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu

beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender

wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage, als die Kranke

schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser,

ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie,

i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott

nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in

einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ -- der

Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte,

wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und

sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte --

„Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber,

viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen,

hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer

und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der

kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß,

Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i

will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei

mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“

In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte

mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl

gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.

„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war

mir, als habe unser Herrgott selbst gesprochen und am Abende desselben

Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch

sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser

ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis

heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“

Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten

Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du

alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich

verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur

eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“

In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht

ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes

Weib, gebrochen an Leib und Seele.

„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind

halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da

bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich

habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und

schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“

Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige,

was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“

Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem

Armensünderwinkel.

„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für

dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s

sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat

das Leben nit weniger hergenommen.“

Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue

flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen

Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da

brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht,

beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch

immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich

und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich

wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat,

das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere

Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da.

Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken,

daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick

ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf

wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles

ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird

schon wissen, was er mit uns will.“

Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und dort verabschiedete

ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald

empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein

Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein

und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen

war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so

weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen

Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den

trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es

ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle

zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen

könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein,

noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar

genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es

wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte,

woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.

Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben

ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine

Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen

Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und

ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.

Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte

Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner

hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie

sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken

lassen.

Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß

ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer

Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten

und Händel ab.

So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein,

daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach

geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen,

wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur

Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus

dem Eise herauszuhauen.

Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom

Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war

am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom

Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends

fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die

Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen

sei.

Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze

Mühlenpersonal -- Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte

Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers -- wurden aufgeboten.

Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum

Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf

die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom

Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über

eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee

hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine

Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu

entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen.

Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.

Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die

einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im

Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens

nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu

heucheln brauchte.

Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz

empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich

Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin.

Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß

mich das Schicksal zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat

zurückgeführt habe.

An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich

wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht.

Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er

hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.

Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so

furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit

gedacht hatte.

Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung

stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in

die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel

vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr

auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine

Forderungen präsentierte.

Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit

dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries

Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich

gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie

gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male

klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.

Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer

Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse

gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal

hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der

Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?

Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.

Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die

noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen.

Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine

umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine

Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter

wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte

mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte.

Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie

eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und

meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen

laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf,

schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich

seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen,

der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn

deine Schwester Wirtschafterin ist, statt eine fremde Person. Bartel,

überleg dir’s!“

„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar

Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige

Mägen haben.“

„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie.

„Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf

den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die

Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet,

bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“

„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf.

Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“

Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich,

Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in

meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur

dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers

Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich,

Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“

Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da

klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich

hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du

weiterkommst mit deinem Bankert.“

Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die

Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du,

einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als

du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft

du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau

mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal

sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und

darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein

miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen

ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“

Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen

dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an.

In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es

zustande brachte, weiß ich heute noch nicht.

Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag

zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast

gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes.

Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf

und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor

Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der Tischkante lag das

Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut.

Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen!

Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste

mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war,

auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd.

So bin ich zum Mörder geworden.

Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat

stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was

immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe

wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ.

Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich

mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu

bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am

Tischfuße lag.

In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also

bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen

Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube.

In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben

die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken

nicht einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten

erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich

vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich

getan.

Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten

sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der

Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten

Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen,

fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde

aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt.

Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor

allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen

anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um

ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer

ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine

militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher

darausgekommen.

Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine

gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst

keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie

die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also,

ohne dies zu wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor

fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 28 / 54 题