Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele
hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer
liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die
schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark
und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s
verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen
möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist
Kraft.“
Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir
gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir
vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses
graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr
mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.
Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was
noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann
war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.
Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg
vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen
zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst,
so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen
Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das
Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.
Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen
abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines
stand fest in mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein
Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun
haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein
Leitstern sein.
Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß,
die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für
mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher
Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war,
Aufseher über den Holzplatz werden.
Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner
Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.
Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.
Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie
hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war
gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.
Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide
Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“
Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe,
Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner
Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.
Es herrschte eine Weile Stille.
Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat
bist du frei?“
Ich nickte und sah sie fragend an.
Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini,
ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“
Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht
mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht
nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem
Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal
allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz
oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte,
ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst
und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden
die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders,
bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“
Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte:
„Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist
für mich das Wichtigste.“
„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat
schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch
einmal aufgeweckt würde.“
Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns
hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu
fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher
zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht
über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht
besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei
einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und
wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir
wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für
mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in
Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“
Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.
In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er
verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich:
„Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als
ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich
gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts
schuldig.“
Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das
glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir
nichts mehr dran, und du willst dich selbst auch schlecht machen.
Heini, das darfst du nimmer sagen!“
Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst,
als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist
mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso
gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt
nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir
nichts mehr.“