XIII.

Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal

und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen

haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt

und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im

Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen

saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das

Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen

und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das

noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen,

ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen

sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt.

Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag

keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den

Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine

Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so

süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas

Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen

möchte.

Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald ein Gewitter. Schon

um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den

Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend

grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der

nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken

zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert

dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und

abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten

Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und

zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß

und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären.

So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen

alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann

zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des

Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten

Tiefen hinab.

Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut

unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel

gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die

stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm

seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die

aus seinen eigenen Gründen emporwallen.

Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst

quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille

Heiterkeit des Wesens trüben.

Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue

Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie

er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst.

Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen

leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende

Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht:

„Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der

in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da

ist, ist mein!“

Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in

die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem

Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf

denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter

Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie

Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in

sich trägt, ist zum Messias berufen!“

Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es

sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in

die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen Menschentums

wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen

lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen.

Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit

tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine

Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will,

der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir

nach!

Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und

es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer

Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht

auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen;

aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf

der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb

mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln

kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen

Himmelsostern des Friedens.

Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese

Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich

selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der

weiten Welt!

Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon damals angefangen hat,

als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen,

die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte

mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien

und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit,

daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken

zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen

Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen

konnte ich nicht ins Auge sehen.

Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren

naturgesetzmäßigen Fortgang nahm.

Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken.

Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein

Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht

verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk

ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und

es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal

würde gebrauchen können.

Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber

nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache

früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war,

wollte ich Marie heiraten. War Bartel damit einverstanden, dann wollte

ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam

führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten

wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein

kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß

wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das

hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich

fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal

durch wackere Arbeit zu meistern.

Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun

stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns

werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der

Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch,

wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen.

Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz

erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich

hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte

nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben

sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem

stillen Gebirgsgraben nichts.

Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen

dahin. Der Arzt konnte mir zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß

mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch

nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als

der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich

besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk,

wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr

gewachsen.

Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden

konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren

Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der

Heimat zu.

Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin.

Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei

unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und

ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß

der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und

als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über

vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich

leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich

die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees

hernieder.

Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises Regenrieseln, und als ich

mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr,

wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe.

Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden

Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort

eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der

Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und

Bier und Braten und Zigarren dankte.

Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner

Marie, zu meinem Kinde.

Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die

Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie

Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch

wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem.

Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde

mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen

entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige

Pflichten.

Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von

meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und

wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung

hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus

meinem Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem

Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur

Heimat zu stärken.

Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich

nun gleich zu mir.

Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen,

und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele

brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer

weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit

erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend

nach Hause kommen.

„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in

seiner Neugierde gesättigt.

„Wohin soll ich denn gehen?“

„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint,

weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner

geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du

dir am End um was anderes umschauen tätst.“

Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße

versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust

drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr

hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen

und ich hatte nicht gezittert, war nicht erbleicht. Nun aber ging ein

Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig

in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete.

„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer

erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“

„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor.

„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder,

„du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben

können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den

Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das

Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“

Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben

das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen

sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den

Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die

Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und,

wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen

Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der

Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur

mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter

gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft von Grund auf

umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet.

Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen

nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht,

wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere

und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser

Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich

wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen!

Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr.

Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war

nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube

war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache

redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und

ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in

später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube

verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht

von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die

alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die

Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die

Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der

Heinrich Binder sei.

Was nun anfangen? In immer schmerzlicher mein Herz zerwühlenden

Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute

Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den

Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich

seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit

Marie gesessen war.

Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen

war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben

an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und

verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten

Welt.

Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein

Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen.

Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck

-- und alles ist nicht mehr.

Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem

Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch

zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s

einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung?

Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen,

was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich

damals, über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht,

wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all

meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen

Besitz nahm.

Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im

Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle.

Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde

ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können.

Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn

Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben

nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter.

Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer

Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser

Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme

so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht

gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar

Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht

doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je

mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es

für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der

Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen letzten Akt in der Tragödie

meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger

Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen

lassen.

Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu

enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in

Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da

sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite

Verworfener liegen.

Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab

gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im

Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe

sich die Kehle durchschnitten hatte.

Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher.

Noch eine Weile saß ich so, -- ließ mein Leben an mir vorüberziehen und

stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid

hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert

war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß!

Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah

ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die

Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“

Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus

Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein

Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe.

Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen:

„Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“

„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber

sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“

Er sagte das so unbekümmert heraus, daß ich stutzig wurde. Doch

erwiderte ich: „Da fragst du? Was hätt’ ich denn bei euch gemacht? Wär’

euch ja doch nur im Weg umgangen, dir und der Marie! Und zum Arbeiten

bin ich mit meinem blessierten Arm doch auch nichts mehr.“

Bartel kniff die Augen zusammen, ein eigentümliches, widerliches

Lächeln spielte um seine schmalen Lippen und dann sagte er: „Weilst

schon selber anfangst davon, na ja, eine recht große Freud könnt meine

Schwester, die Oberleitnerin, freilich über dich nit haben. Zuerst

bringst du’s in die Unehr und dann laßt du von dir nix mehr hören! Das

ist wohl nit grad in der Ordnung gewesen.“

„Das ist nit wahr,“ fuhr ich auf, „ich habe ihr ein paarmal

geschrieben, dann freilich, dann hab ich’s nicht mehr können!“

„Geschrieben hast du?“ erwiderte Bartel und schüttelte ungläubig den

Kopf, „das versteh’ i dann nit. Wir haben keine Zeile von dir kriegt!“

„Das ist nit möglich!“

„Keine Zeile sag i dir. Na und da haben wir uns halt denkt, du willst

von der Mariel und uns nix mehr wissen, und weil gerade der Oberleitner

um sie angehalten und zeigt hat, daß er sich auch aus dem Kind nix

draus macht, da hat halt die Mutter, besonders die Mutter, freilich ich

auch, denn es hat mich geärgert von dir, da haben wir halt der Mariel

zugeredet, na und sie hat ihn halt genommen, und so hat wenigstens ihr

Kind gleich einen Vater gehabt.“

„Und hat sie ihn gern geheiratet, den Oberleitner?“ fragte ich zagend.

„Na, wenn ich schon ganz aufrichtig sein will,“ meinte Bartel, „ein

bißl geweint hat sie schon. Aber jetzt ist sie ganz zufrieden.

Mein Gott, bei die Weiberleut ist nix besonders tief. Wie mir der

Oberleitner verraten hat, ist sogar schon wieder etwas Kleines im

Anzug. Aber sag mir jetzt, wie geht’s denn dir und was bist denn du

jetzt?“

„Ich, ein Bettler,“ entgegnete ich. Es stand mir nicht mehr dafür,

jemanden meine Lage zu verbergen. Meine Schuld war’s nicht, daß es

soweit mit mir gekommen war.

Bartel riß die Augen auf und drängte solange, bis ich ihm alles

erzählte, wie es mir seit meinem Einrücken zum Militär gegangen war.

Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann

sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an

und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht

einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein

großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen

verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst

du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch

noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und

Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres

gefunden hast, könntest es ja probieren!“

Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat

zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern

mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den

dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder

den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe,

liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte,

ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller

Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras

strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu

hören und zu fühlen: du bist daheim.

Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf

verließ, da er noch Geschäftsgänge hatte, und mich auf den Bahnhof

bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte

hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe,

wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott

emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich

auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das

Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich

das Leben gemacht.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 27 / 54 题