Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem
der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen.
Es war das eines jener kühnen, todesverachtenden Stücklein seitens
unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen
Feldzuges so außerordentlich reich ist.
Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete
er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit
dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank
auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden.
In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der
Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein
persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und
ich mußte mich seiner annehmen.
Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf
dem Bauche zum Oberleutnant.
„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“
Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt
und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“
Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte
den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in
seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine
Züge.
„Sie, Binder?“ sagte er leise.
„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich.
Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad! -- Ich bin fertig!
Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat
gestorben.“
Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in
den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der
ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte.
Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an
den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir
dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr
Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“
Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine
Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll
meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren
Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb -- lieber als mich.“
Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen
sie noch an mein Ohr.
Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher
Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot.
Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ -- vergeblich, er
war heimgegangen.
In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des
Sterbenden brachten mich außer mir. Gedankenabwesend sprang ich auf
und begann wieder zu feuern.
Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem
Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne.
Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur
so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes
„Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern
aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz
eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine
Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet.
Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir.
„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s
erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man
schon noch zusammen.“
Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der
nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht,
und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die
schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett
und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben.