Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder
Hast zu diesen Blättern. Langsam und gemütlich wollte ich mein Leben
niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand
nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt
und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine
Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann.
Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß
mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht
ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen.
Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich
es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich
habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt
nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen.
Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die
letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor
mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder
ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines
Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in
dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!
Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines
Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!
Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler noch besorgt, wieder
zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe.
Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich
setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine
Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte
sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch
kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und
abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie
einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.
Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden
Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in
den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so
leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der
honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den
Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und
Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu
fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in
die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine
Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet
bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du
wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich ruft und dir den Weg weist
an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!
O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben
dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine
Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen,
der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir
erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der
Friede!
Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt
mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als
möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die
Pforte ins Unendliche sein.
Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch
weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast
stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die
Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz
gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen
müssen.
Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte,
ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es
nicht zu.
„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei
und soll für immer vorbei sein. Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich
ja nichts vom Leben.“
Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie
war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen
Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen
würden.
So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller
Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch
unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer
strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern.
Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube,
da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß,
hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum,
der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als
wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß
die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre
stillen Gebete hinein.
Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit
ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich
Zeit hatte, war ich bei ihr draußen.
Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war
überhaupt seit meiner Assentierung so heiter, wie ich ihn nie gesehen
hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du,
ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem
Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus
der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“
Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und
vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die
Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.
Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und
meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor
dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden.
Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen
kann.“
So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir
einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange
geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter
hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß
ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel
glücklich.“
„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.
„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf
unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner
sein.“
Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da
gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche
Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die
Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen
und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz
Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.
In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und
wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises,
schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen
huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in
meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.
Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel
Leid über Marie und mich brachte.
Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter
die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den
Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen
wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich
schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten.
Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still.
Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen Trockenheit
die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar
Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in
der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch
schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele
verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so
scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken
Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze
Wolken seines herbwürzigen Atems.
Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt
an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir
brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu
fühlen, genügte uns vollkommen.
Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt
von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“
„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich.
„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder
ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr
haben soll. Und mir ist auch --“
Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen
drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß.
„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag
mir’s, du hast was sagen wollen!“
Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte
sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein,
Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat
fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“
Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich
tatsächlich in tiefster Seele trafen.
„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie
schwer du mir damit das Fortgehen machst?“
Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine
Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und
da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich
nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar
nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar
nichts, Marieli, gar nichts.“
Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr.
Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll
und die Nacht war still, heiß und schwer.
Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.
Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge dahin. In jener Nacht
noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger
Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle
ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.
Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand
ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche
durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich
Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich
in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.
Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder
Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde
ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen
geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür,
ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“
Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was
geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren
Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem
auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine
Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil
ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt
habe. Damals habe ich erkennen gelernt, daß eine Frau alles geben, und
dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.
Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten
die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier
auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold
hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei
der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot
der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die
Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.
Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von
Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher,
und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der
Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem
Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher
über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht
durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.
Und endlich war der Tag da.
In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche,
ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können:
Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare
Kassette war drinnen, die einige Banknoten barg. Es waren diejenigen,
die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren.
Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der
Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange,
lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort
kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können.
Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie
in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust
zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch
lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt.
Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du
kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“
Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr
felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar
nicht aufkommen.
Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch
einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“
Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon.
Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch
Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein,
nein, Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’
da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“
Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ
sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf
Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und
wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen
sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“
Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und
er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist
eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen
beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück
gescheh’n.“
Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte
er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“
Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal
kurzen, heißen Abschied nehmen.
Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem
trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund
habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.