XI.

Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder

Hast zu diesen Blättern. Langsam und gemütlich wollte ich mein Leben

niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand

nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt

und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine

Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann.

Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß

mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht

ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen.

Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich

es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich

habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt

nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen.

Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die

letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor

mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder

ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines

Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in

dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!

Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines

Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!

Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler noch besorgt, wieder

zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe.

Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich

setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine

Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte

sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch

kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und

abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie

einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.

Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden

Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in

den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so

leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der

honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den

Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und

Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu

fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in

die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine

Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet

bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du

wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich ruft und dir den Weg weist

an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!

O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben

dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine

Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen,

der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir

erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der

Friede!

Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt

mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als

möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die

Pforte ins Unendliche sein.

Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch

weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast

stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die

Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz

gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen

müssen.

Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte,

ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es

nicht zu.

„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei

und soll für immer vorbei sein. Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich

ja nichts vom Leben.“

Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie

war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen

Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen

würden.

So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller

Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch

unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer

strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern.

Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube,

da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß,

hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum,

der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als

wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß

die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre

stillen Gebete hinein.

Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit

ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich

Zeit hatte, war ich bei ihr draußen.

Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war

überhaupt seit meiner Assentierung so heiter, wie ich ihn nie gesehen

hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du,

ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem

Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus

der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“

Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und

vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die

Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.

Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und

meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor

dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden.

Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen

kann.“

So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir

einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange

geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter

hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß

ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel

glücklich.“

„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.

„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf

unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner

sein.“

Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da

gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche

Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die

Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen

und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz

Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.

In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und

wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises,

schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen

huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in

meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.

Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel

Leid über Marie und mich brachte.

Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter

die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den

Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen

wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich

schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten.

Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still.

Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen Trockenheit

die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar

Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in

der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch

schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele

verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so

scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken

Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze

Wolken seines herbwürzigen Atems.

Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt

an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir

brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu

fühlen, genügte uns vollkommen.

Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt

von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“

„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich.

„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder

ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr

haben soll. Und mir ist auch --“

Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen

drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß.

„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag

mir’s, du hast was sagen wollen!“

Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte

sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein,

Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat

fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“

Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich

tatsächlich in tiefster Seele trafen.

„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie

schwer du mir damit das Fortgehen machst?“

Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine

Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und

da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich

nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar

nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar

nichts, Marieli, gar nichts.“

Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr.

Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll

und die Nacht war still, heiß und schwer.

Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.

Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge dahin. In jener Nacht

noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger

Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle

ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.

Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand

ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche

durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich

Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich

in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.

Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder

Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde

ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen

geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür,

ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“

Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was

geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren

Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem

auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine

Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil

ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt

habe. Damals habe ich erkennen gelernt, daß eine Frau alles geben, und

dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.

Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten

die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier

auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold

hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei

der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot

der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die

Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.

Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von

Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher,

und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der

Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem

Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher

über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht

durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.

Und endlich war der Tag da.

In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche,

ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können:

Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare

Kassette war drinnen, die einige Banknoten barg. Es waren diejenigen,

die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren.

Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der

Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange,

lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort

kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können.

Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie

in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust

zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch

lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt.

Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du

kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“

Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr

felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar

nicht aufkommen.

Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch

einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“

Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon.

Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch

Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein,

nein, Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’

da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“

Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ

sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf

Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und

wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen

sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“

Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und

er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist

eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen

beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück

gescheh’n.“

Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte

er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“

Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal

kurzen, heißen Abschied nehmen.

Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem

trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund

habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 24 / 54 题