Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als
es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in
früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat
sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter
abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie
wohl alles geworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen
und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute
wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch
wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der
ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei
Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben
geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen
getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen,
nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich
wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen
Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln
entlocken.
Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt,
den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren
herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde
als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien
kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von
den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und
versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches
Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes
Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden
andrücke, und daß es mir oft für Augenblicke ist, als spüre ich
durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das
ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender
Umarmung.
Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid
auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden
zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten
ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der
große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man
sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer
zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das
Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist
überwundenes, ohnmächtiges Leid.
Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte.
Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein
geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen.
Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe,
unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel
Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl
aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des
Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des
Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesem Gefühle und der
Hochwald macht die passende Musik dazu.
Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen
und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In
einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und
doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum
Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“
Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt
durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze,
mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke
erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen
Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum
müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch
die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum
Frieden zu gelangen.
Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt
sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede.
Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu.
Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage
eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen,
war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand gereicht: „Grüß dich
Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus,
hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt
nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“
Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum
stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen,
aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit
aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir
wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“
„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“
Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene
kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand.
Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige
Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in
dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden
Felszinnen hereinsahen, recht behaglich.
Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe
meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch
frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen
geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief.
„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich.
„Ja, ich tu’s aber gern.“
Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich
aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle,
das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt
ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch
wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde.
Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das
stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz
eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der
Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten
schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde.
Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu
sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini,
reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu
früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut
schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach.
Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“
Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl
als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder
fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganz staubig.
Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“
So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem
eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein
planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt
meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer
Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel
auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann.
Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute
nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können.
Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden
Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein
Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos
auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich
sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein.
Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum
Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede
Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm
wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger
Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich
unsäglich glücklich machte. Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich
mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine
Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm.
Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich
jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten,
wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht
aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte
umzusetzen ist.
Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich
dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen,
mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe
Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so
sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer
Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und
selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre
Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in
einem süßen, weichen Liede.
Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar
Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos
an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri
mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter
demnächst als Güterdirektor des Grafen auf dessen große Besitzung in
Böhmen versetzt werden solle.
Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine
Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus
ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine
Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine
wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte.
So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen
holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß.
Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen
schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und
Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge
zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man
glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern
des Gewändes ihre Heimat hatten.
Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin,
einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten
wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“
Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer
Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun.
Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium
hinausgeworfen worden und damit hatte ich auch die Unterstützung des
Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner
Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin
gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem
anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin
aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war
kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen.
Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das
Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan
endgültig von uns verworfen.
Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte
als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär
konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir
offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster
bringen konnte.
Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin
zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer
Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte,
der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen
Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen
blieb ohne Antwort.
Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber
jedesmal ablehnende Antworten, und ich sah bald ein, daß es meine
Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob.
Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen
Menschen nimmt man nicht auf.
Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich
über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich
in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen
Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter
rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein
eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel
des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer
zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der
Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt
umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen
mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen.
Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war
mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in
der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und
ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen
hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraft
und guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen
Entschluß.
Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich
als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe
glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und
so willigte sie ein.
Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein.
War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen
und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit
sichtlichem Widerwillen.
Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen.
Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn
schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und
besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft
hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter
umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was
sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben
wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto
leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der
Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu
Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren.
Einzelne Bauern, mit deren Söhnen Bartel Streit gehabt hatte und die
bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller
aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch
ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem
sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter
gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er
seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine
gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst
die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am
Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle
übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn
ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben
konnte.
Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich
mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und
ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe.
Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne
nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere,
wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne.
Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat
jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf
besessen hatte, wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins
Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls
eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt
nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn
die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der
staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein
wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein
sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend,
verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er
da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu
werden.
Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen
des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke
schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte
sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll
herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas
ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes
sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir
geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das
eben ein Ausdruck seines Schamgefühls.
Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein
Gedanke aufschnellte, als müßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei
einen Grund haben.
So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben
erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf
vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen
doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die
Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in
dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden,
er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei
der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung
daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten
seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen
sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige
arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten,
sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo
ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu
werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte
es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen
vernichtenden Schlage bewahrt hatte.
Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem
Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein
glänzendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der
den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten
Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den
Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit,
Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man
ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit
ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen
Offizierskorps sei.
Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen,
so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener
Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle
der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit
bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz
nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt.
Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes,
etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu
aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den
Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne
Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft
zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen
Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter
dem weichen Lenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe
zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und
streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde
Licht eines neuen Liebesfrühlings.
Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen
unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage
von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit
seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und
in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles
legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht.
Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine
mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar
Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe
an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre
frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht
wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft
und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern
machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem
unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert.
Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten
fehlte der überzeugende Ton des Überzeugten; es war mehr wie das
eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren
Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt
selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt.
Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann
am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden,
die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen.
Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden
Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast
wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel
von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem
großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der
Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch
den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre
Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz
für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht
mehr verrichten konnte.
Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der
Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche
flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder
sie streiften wohl auch die zarte Beugung des Nackens, die anmutig
schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der
Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr
Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde.
Um unsere gegenseitige Verlegenheit zu verbergen, fingen wir dann immer
von gleichgültigen Dingen zu reden an.
So saßen wir Tag für Tag beisammen und so verging der Winter,
der Frühling kam und der Mühlbach rauschte wieder stärker mit
lenzgeschwellten Wassern unter seinem Rade dahin. Dann kamen die
Schneeglöcklein und die Himmelschlüssel und die Welt wurde mit jedem
Tag lichter und wärmer.
Im Befinden der Müllerin aber stellte sich nicht, wie sie und wir
gehofft hatten, eine Besserung ein, sondern im Gegenteil, der Verfall
schritt sichtlich vor.
Ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden und erhielt die
Vorladung zur Assentierung.
Als ich von derselben nach Hause kehrte, trug ich ein buntes Sträußlein
von künstlichen Blumen mit großen Glaskugeln geschmückt auf dem Hut,
denn man hatte mich für den Militärdienst für tauglich befunden. Der
mir das Sträußlein gekauft hatte, war aber Bartel gewesen, der zum
dritten Male, und also endgültig für untauglich erklärt worden war und
der darüber, wie er sagte, eine Freude hatte, als hätte man ihm einen
blanken Tausender geschenkt.
Er wollte mich auf dem Heimwege in freigebigster Weise in jedem
Wirtshause mit Wein bewirten aber mir stand der Sinn nicht darnach. Ich
fürchtete das Militärleben durchaus nicht, denn ich sagte mir, daß ich
bei meiner Vorbildung wohl sehr rasch die Stelle eines Unteroffiziers
erreichen würde, aber ich dachte an mein friedsames Leben in der Mühle
und ich dachte an Marie. So ließ ich denn Bartel seinen Jubel allein in
den vollen Krug hineinjauchzen und tat ihm nur scheinbar Bescheid. Und
als wir endlich nach Hause kamen, da torkelte er in seine Kammer und
kam an diesem Tage nicht mehr zum Vorschein.
Als Marie das Sträußlein auf meinem Hute sah, erblaßte sie, und ihre
Augen füllten sich mit Tränen.
Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und
blauer Krokus blühte.
„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von
da.“
Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und
auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre
Gewinde vom Vorjahre schlang.
Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und
blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin.
Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine
Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott,
eigentlich liegt gar nichts dran. Die drei Jahre werden auf ja und
nein wieder vorbei sein!“
Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht,
ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen,
daß ihr ganzer Körper bebte.
„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten,
und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu
streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger.
„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle
zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. -- -- Marieli!“
Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen
gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit
einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen.
Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm
um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender
Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“
Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte
ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu
schluchzen.
In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus
tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf
Maries Haar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in
abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich
wahr! Du hast mich gern?“
Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat
und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich
muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“
Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem
verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück
und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so
glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen
und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“
„Und kannst du mir auch verzeihen --“ flüsterte ich, „du kannst mir das
--“
„Sei still, Heini!“
Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen
herum, bis Lippe auf Lippe lag.