IX.

Gestern sind die ersten Touristen in meine Einsamkeit gekommen. Auf

den Wildenstein wollten sie hinauf und waren sehr enttäuscht, als

ich ihnen sagte, daß der Weg von hier aus nicht gangbar sei, da ihn

die Frühlingswasser zerstört haben. Sie schimpften gewaltig über die

bodenlose Nachlässigkeit, daß der Weg jetzt noch nicht hergestellt sei,

und zogen dann grollend ab.

Arme Menschen! Von einem fußbreiten Pfad hängt ihr Glück ab, und weil

sie den nicht finden, versinkt eine Welt von Schönheit vor ihnen.

Keiner von den drei Männern fühlte mehr die heilige Ruhe des Hochwaldes

in weichen Wellen sein Herz umschmeicheln, keiner mehr trank den

balsamischen Harzduft, und keinem mehr lächelte das tiefblaue Auge des

Sees, in dem alle Seligkeiten des Himmels und alle Märchen der Tiefe

sich spiegeln.

Freilich, ich hätte den Männern sagen können, daß das, was sie sehen

wollten, die Sonnenwendfeuer, auch hier in der Nähe zu sehen wäre und

ebenso schön als auf dem Wildenstein. Aber was kümmern mich andere

Menschen? Mögen sie ihre Wege gehen, ich gehe die meinen. Und meine

sind die Wege der Einsamkeit, also Wege zu Festen der Seele, die eben

nur der findet, der einsam sein will. Die Einsamkeit macht Könige, die

Menge Bettler. Je größer der Haufe, desto armseliger der einzelne.

Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und

dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer

Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge

Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem

Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden

Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden

senkrecht zu ihr empor.

Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an

meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und

da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist

es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber

nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren,

um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig

über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen.

Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen

Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg.

Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von

vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder

und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hochwaldes

hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und

wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige,

da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter

Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken.

Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den

Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und

Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall!

Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie

sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch

damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr

Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich

emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen,

verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände.

Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen

gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für

die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die

den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern

nur ewiges Leben gibt.

Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den

ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger

als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine Flamme

auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen

braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt.

Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite

und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu

können.

Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich

noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah,

unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die

Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich

geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern

mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem

Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von

Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in

das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie

das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich

plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz.

Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust

und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit

entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und

näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen

des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann

wurde es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal

war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für

einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte

schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los,

bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub.

Als ich erwachte, beugte sich ein mildes, aber mir fremdes Antlitz über

mich, das von den breiten weißen Flügeln der Haube der barmherzigen

Schwestern umrahmt war.

Ich wollte mich aufrichten, fragen, doch sie drückte mich sanft in die

Kissen zurück, indem sie sagte: „Bleiben Sie nur recht ruhig.“

„Wo bin ich denn?“ mußte ich doch fragen.

„Sie sind im Spital, denn sie waren sehr krank. Nun aber werden Sie

bald gesund sein. Bleiben Sie nur schön liegen und regen Sie sich nicht

auf.“

Dann führte sie mir einen Löffel mit einer kühlen, süßlichen

Flüssigkeit zum Munde und ich versank in wohliges Hindämmern.

Dann stand einmal ein bärtiger Mann an meinem Bett und als ich ihn

genauer ansah, erinnerte ich mich, daß ich ihn schon irgendwo und

irgendeinmal gesehen haben mußte. Richtig: das war ja der Doktor, der

am Sterbelager Oskars gestanden hatte. Und da fiel mir’s wieder ein,

daß man mir ja gesagt habe, ich sei im Spital.

Wenn ich aber fragen wollte, bedeutete man mir, mich ja ganz ruhig zu

verhalten, und da mußte ich auch folgen, ich mochte wollen oder nicht.

So kehrte ich langsam zum Leben zurück und dann kam auch der Tag, wo

ich auf meine Fragen endlich Antwort erhielt. Ich war dem Tode nahe

gewesen. Zu einem schweren Nervenleiden hatte sich auch noch eine

Lungenentzündung gesellt und ich war von den Ärzten schon aufgegeben

gewesen. Unerwartet sei dann aber eine Wendung zum Besseren eingetreten

und da hatten auch die Ärzte wieder mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kunst

eingesetzt, und nun war ich gerettet.

Was es nun mit der Anstalt sei. Ob ich wieder weiterstudieren dürfe,

fragte ich.

Doch der Arzt sagte nur: „Daran denken Sie vorläufig am gescheitesten

gar nicht. Jetzt ist es Ihre erste Aufgabe, einmal ganz gesund zu

werden.“

Ob meine Mutter von meiner Krankheit wisse, fragte ich weiter. Ja, sie

wisse alles und hätte auch nur den einen Wunsch, ich solle nur hübsch

allen Anordnungen folgen, damit ich bald gesund werde.

Das beruhigte mich, und als mir gar der Doktor sagte, daß ich für heuer

selbstverständlich nicht mehr in die Anstalt zurückkehren brauche, da

ich nach Hause zur Erholung müsse und dafür bereits gesorgt sei, daß

es mir recht gut ginge, da kehrte eine stille Freude in mein Herz ein,

die warm und wohlig durch den ganzen Körper strömte und ihn täglich

kräftiger und kräftiger machte.

Und dann sagte der Doktor endlich zu mir: „Also morgen dürfen Sie nach

Hause. Es wird übrigens jemand kommen, Sie abzuholen.“

„Meine Mutter?“

„Das weiß ich nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Aber das eine sage

ich Ihnen: hübsch vernünftig bleiben und keine Geschichten machen, wenn

--“

Er unterbrach sich und ich fragte: „Warum soll ich denn Geschichten

machen?“

„Na, Sie scheinen ein sehr empfindlicher Mensch zu sein, und auf der

Welt findet man’s nie so, wie man es sich ausmalt und wie man’s gerne

haben möchte. Da heißt’s eben fügen und sich abfinden mit dem, wie es

ist. Das meine ich.“

Ich glaubte darin eine Anspielung auf Heri zu hören, und wenn mich

auch eine leise Wehmut durchzuckte, das eine wußte ich, daß ich nun

vor ihr gefeit sei. Wie ein böser, toller Traum erschien mir alles,

was hinter mir lag und selbst für den Fall, daß ich am Ende nicht mehr

weiterstudieren sollte können, fühlte ich doch noch die Kraft, ein

glücklicher und froher Mensch zu werden.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich auf dem Stuhl neben

meinem Bette meine Sonntagskleider, in denen man mich ins Spital

gebracht hatte. Meine übrigen Habseligkeiten, war mir gesagt worden,

seien schon in der Heimat.

Noch einmal kam der Arzt und als er ging, reichte er mir die Hand,

sah mich eine Weile an, als wolle er mir noch etwas sagen, sagte aber

nichts als: „Also, lieber, junger Freund, vernünftig sein.“

Auch die Schwester, die mich so aufopfernd gepflegt hatte und die

mich jetzt bis zur Türe des Besuchszimmers geleitete, sah mich so

eigentümlich an und als ich ihre Hand faßte und ihr aus ganzem Herzen

für all die Mühe dankte, die sie sich um mich gegeben, da war es mir,

als stiege in ihren Augen ein feuchter Schimmer auf. Leise sagte sie:

„Leben Sie wohl, ich will für Sie beten.“

Ich sah ihr nach und als sie an der Biegung des langen Ganges

verschwunden war, drückte ich auf die Klinke und trat in das

Besuchszimmer ein.

Zwei liebe, vertraute Gestalten erhoben sich von den Stühlen, die

Müllerin und die Marieli. Erstere kam mir ein paar Schritte entgegen

und reichte mir mit innigem Druck die Hand: „Grüß dich Gott, Heini.

Also du bist halt doch wieder gesund worden.“

Und nun kam auch Marieli auf mich zu, schüchtern, das blasse, feine

Gesichtchen von Purpur überströmt, vom Purpur der Freude und der Liebe.

Wortlos reichte sie mir die Hand, aber der selige Glanz auf ihrem

Antlitz jubelte einen Willkommgruß, der mich tief glücklich machte.

„Ist meine Mutter nicht da?“ fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf,

warum denn die zwei Frauen allein hier seien.

„Ist sie krank?“

„Nein, Heini.“

Marieli senkte das Haupt und auch die Müllerin gab nicht sofort

Antwort, als ich aber die Frage nochmals und drängend wiederholte,

sagte sie, indem sie mir die Hand auf die Schulter legte: „Krank ist

sie eigentlich nicht mehr. Du weißt ja, sie hat dir’s ja selbst gesagt,

daß sie herzleidend ist, und da haben wir uns halt gedacht, es sei das

beste, wenn wir zwei dich abholen. Meinst du nicht auch?“

Ich mußte der Müllerin recht geben. Nachdem die

Entlassungsförmlichkeiten abgetan waren, verließ ich mit den beiden

Frauen das Spital.

Es war ein wunderschöner Junitag. Die Straßen lachten im Sonnenlicht,

und da es noch zu früh zum Mittagessen war, schlug ich vor, durch den

Park und in die Au zu gehen. Ich war so froh und glücklich, daß mir gar

nicht auffiel, wie schweigsam die beiden Frauen waren.

Als wir eben in die Hauptallee des Parkes einbogen, kam uns ein

Offizier mit einer jungen Dame am Arme entgegen.

Ich erkannte sie und wenn auch mein Herz erbebte, ich richtete mich

stolz auf und grüßte kalt und gemessen. Der Offizier griff salutierend

an die Mütze, Heri aber senkte das Antlitz und es war mir eine

Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Die Müllerin aber tat, als hätte sie

Heri gar nicht erkannt, während Marieli erbleichend zu Boden sah.

Bald lag der Park hinter uns und wir schritten auf dem Promenadeweg

durch die Au. Als wir bei der Bank angelangt waren, auf der ich vor

Wochen mit der Mutter gesessen hatte, sagte ich dies den beiden Frauen.

„Nun dann setzen wir uns auch ein wenig hier nieder,“ meinte die

Müllerin. „Ich bin beinahe ein bißchen müde.“

Wir ließen uns nieder und jetzt, nachdem wir wieder eine Weile gesessen

hatten, ohne ein Wort zu reden, fiel mir die Schweigsamkeit der beiden

Frauen auf. Das mußte seinen Grund haben. Und da fiel mir ein, daß man

jedenfalls den wahren Grund meiner Erkrankung erfahren haben könne.

„Weiß die Mutter, was mir gefehlt hat?“ fragte ich, „und warum ich so

krank geworden bin?“

„Ja, das Warum weiß sie. Das ist ja in dem Brief gestanden, den der

Direktor an sie geschrieben hat.“

„Was hat er denn geschrieben?“

Die Müllerin faßte meine Hand und sagte: „Mein lieber Heini, wozu

willst du das wissen! Wir da und auch deine Mutter, wir haben es ja so

nit geglaubt. Wir glauben dir und wir wissen auch, daß nur die die

Schuld hat, die uns zuvor begegnet ist. Wenn wir dir nit glauben täten,

Heini, so wären ich und die Marieli nit da.“

In mir krampfte sich das Herz zusammen. „So haben sie mich also sogar

bei meiner Mutter verleumdet!“

„Sie hat’s nit geglaubt. Heini, sie hat’s nit geglaubt.“

„Was hat sie denn gesagt?“ bat ich.

„Sie hat nit viel gesagt, Heini, ‚Mein Heini ist unschuldig‘, -- sonst

hat sie nichts gesagt.“

„Gar nichts sonst?“

„Nein, Heini, gar nichts sonst,“ erwiderte die Müllerin leise und dabei

rollten ihr große Tränen aus den Augen.

Was hatten diese Tränen zu bedeuten? Warum sah mich Marieli so seltsam

an? Ein Gedanke stieg in mir auf und wuchs augenblicklich zur Gewißheit

an. Ich sprang auf und rief angstvoll, heimlich aber doch ein tröstende

Antwort erwartend: „Die Mutter ist -- --“

Flehend hob ich die Hände, als könnte ich mir eine gute Nachricht

erbitten, nicht die, die ich befürchtete.

Doch die Müllerin nickte nur und während sie mich neben sich auf die

Bank niederzog, sagte sie: „Ja, Heini, es ist so. Deine Mutter ist

heimgegangen zu deinem Vater.“

Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun

auch das Letzte, was mir noch auf Erden verblieben war, versunken und

ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir

fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um

mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich

starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin:

„Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“

Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten

haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden

davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum

Ausbruch. Meine arme Mutter!

„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm

mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als

wenn du dich vergrübelst.“

Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte

sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s

nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht,

davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat.

Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich

halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil

so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen

kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts

genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst

zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als

geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr

zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da

hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich

und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl

nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s:

wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich

mir’s. -- Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern

versprochen. -- Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da

ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich

ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie

aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini

ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe

sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat

eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich

ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die

Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat

sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt

liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder

beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit

auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“

Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt.

Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden

quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz

lösend und lindernd, kam es über mich.

Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte:

„Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich

deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und

ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und

auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir

haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“

Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und

küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von

denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen

meiner Mutter.

„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir

die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“

„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da

ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher

Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch

noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“

Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der

seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls

die Hand reichte.

Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die

Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug

uns der ratternde Zug der Heimat zu.

Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen,

die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen

Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter

seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der

Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein

verstürmtes Herz ein.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 22 / 54 题