Gestern sind die ersten Touristen in meine Einsamkeit gekommen. Auf
den Wildenstein wollten sie hinauf und waren sehr enttäuscht, als
ich ihnen sagte, daß der Weg von hier aus nicht gangbar sei, da ihn
die Frühlingswasser zerstört haben. Sie schimpften gewaltig über die
bodenlose Nachlässigkeit, daß der Weg jetzt noch nicht hergestellt sei,
und zogen dann grollend ab.
Arme Menschen! Von einem fußbreiten Pfad hängt ihr Glück ab, und weil
sie den nicht finden, versinkt eine Welt von Schönheit vor ihnen.
Keiner von den drei Männern fühlte mehr die heilige Ruhe des Hochwaldes
in weichen Wellen sein Herz umschmeicheln, keiner mehr trank den
balsamischen Harzduft, und keinem mehr lächelte das tiefblaue Auge des
Sees, in dem alle Seligkeiten des Himmels und alle Märchen der Tiefe
sich spiegeln.
Freilich, ich hätte den Männern sagen können, daß das, was sie sehen
wollten, die Sonnenwendfeuer, auch hier in der Nähe zu sehen wäre und
ebenso schön als auf dem Wildenstein. Aber was kümmern mich andere
Menschen? Mögen sie ihre Wege gehen, ich gehe die meinen. Und meine
sind die Wege der Einsamkeit, also Wege zu Festen der Seele, die eben
nur der findet, der einsam sein will. Die Einsamkeit macht Könige, die
Menge Bettler. Je größer der Haufe, desto armseliger der einzelne.
Und es kam die Nacht. Weich war sie wie zärtliche Mutterhand und
dunkel wie das Auge der Sehnsucht. Warm war sie wie ein in treuer
Liebe brennendes Herz und so voll süßer Geheimnisse wie eine junge
Seele. Kein Mond stand am Himmel, nur die Sterne standen in blitzendem
Flor in der violenblauen Unendlichkeit und wie von einem verglühenden
Rauchopfer stieg von meinem Meiler ein dünner, blaßblauer Faden
senkrecht zu ihr empor.
Da stieg ich auf einsamem Jägersteig empor und das Schweigen ging an
meiner Seite. Nachtschwarz die Gründe um mich und neben mir. Dort und
da glimmt ein vermodernder Baumstumpf in fahlem Licht und zuweilen ist
es, als tauchten in der Finsternis glühende Ringe auf. Die gaukeln aber
nur die eigenen Augen vor, die sich angestrengt in das Dunkel bohren,
um in der Nacht der Haselbüsche und Hainbuchen, die sich laubenartig
über den Pfad wölben, die Richtung nicht zu verfehlen.
Nun weichen die niederen Büsche zur Seite und zwischen den zackigen
Mauern der Bergfichten leuchtet wieder Sternenlicht auf meinen Weg.
Noch eine kleine Viertelstunde. Dort und da knackt ein Zweig von
vorsichtig ziehendem Wild, Büsche rauschen auf und schweigen wieder
und nun sehe ich wieder, aus den letzten Stämmen des Hochwaldes
hervortretend, die ganze lichte Sternenflur über mir hingebreitet, und
wie ich nun zwischen den Baumstrünken des Windbruches emporsteige,
da leuchtet es mir schon allenthalben entgegen, als sei ein zweiter
Sternenhimmel in großen, flackernden Flammen auf die Erde gesunken.
Von den Berggipfeln leuchten die Feuer, an den Hängen und in den
Tiefen brennen sie, bis weit hinaus ins flache Land, zu Hunderten und
Hunderten flimmern und schimmern sie. Licht, Licht, überall!
Aus grauen Vorväterzeiten stammt der Brauch, aus Heidentagen, wie sie
sagen. Als ob es jemals Heiden gegeben hätte! Als ob es nicht auch
damals schon die sehnsüchtige Menschenseele gewesen wäre, die ihr
Heimweh nach den ewigen Lichtgärten der Götter mit Flammenarmen sich
emporrecken ließ. Nach Balder, dem Gott mit den sonnigen Friedensaugen,
verzehrten sich die Sehnsuchtsbrände.
Und nach ihm verzehren sie sich noch heute. Balder ist für die Menschen
gestorben; die Nacht des Hasses hat ihn getötet. Doch ist er auch für
die Menschen tot, der Menschheit ist er auferstanden, den wenigen, die
den Frieden gefunden haben, die da wissen, daß es keinen Tod, sondern
nur ewiges Leben gibt.
Und einer von denen bin ich. Und stolz trete ich an den Holzstoß, den
ich in den letzten Wochen gehäuft, und größer, fester und heiliger
als die der anderen Menschen, in stolzer Ruhe schlägt meine Flamme
auf, die Flamme des Einzigen auf der weiten Welt, der keinen Menschen
braucht, um glücklich zu sein, weil sein Herz im All schlägt.
Eine Feierstunde war es gestern droben auf meiner einsamen Bergesweite
und sie hat mir wieder das Herz gestählt, um ruhig weitererzählen zu
können.
Ich war also zurück in den Karzer gebracht worden. Ich erinnere mich
noch, daß ich immerfort zu dem kleinen vergitterten Fenster emporsah,
unfähig, irgend etwas zu denken. Ein Ausgestoßener war ich und die
Eisenstäbe des Fenstergitters wurden mir zum Kreuz, an das man mich
geheftet hatte. Ich war Christus, und in übermenschlichen Martern
mußte ich die Welt von der Erbsünde der Selbstsucht erlösen. Vor dem
Kreuz aber, an das ich geheftet war, auf dem blumenbunten Grund von
Golgatha tanzte Heri auf und nieder. Einen Kranz von Rosen trug sie in
das dunkle Haar geflochten und ihre Augen schimmerten, als hätten sie
das ganze Glück der Erde in sich getrunken. Dann aber warf sie sich
plötzlich an meine Brust und biß mich mit giftigen Zähnen in das Herz.
Dann kam mein Vater mit der noch blutenden Schußwunde in seiner Brust
und an seiner Seite ging meine Mutter, müde und langsam, aber mit
entsetzlich verzerrtem Gesicht und dies Gesicht kam mir immer näher und
näher, qualvoll starrten mich seine Augen an, die todesbangen Augen
des Christus, den Oskar in sein Skizzenbuch gezeichnet hatte. Und dann
wurde es Nacht, glühende, rauschende Nacht um mich. Ein einziges Mal
war es, als ginge mildes Mondlicht durch diese Nacht und ich sah für
einen Augenblick Marielis süßes Gesichtchen vor mir, dann aber tanzte
schon wieder Heri einher und die Jagd der Gestalten ging von neuem los,
bis endlich dunkle, müde Nacht kam und alles, alles begrub.
Als ich erwachte, beugte sich ein mildes, aber mir fremdes Antlitz über
mich, das von den breiten weißen Flügeln der Haube der barmherzigen
Schwestern umrahmt war.
Ich wollte mich aufrichten, fragen, doch sie drückte mich sanft in die
Kissen zurück, indem sie sagte: „Bleiben Sie nur recht ruhig.“
„Wo bin ich denn?“ mußte ich doch fragen.
„Sie sind im Spital, denn sie waren sehr krank. Nun aber werden Sie
bald gesund sein. Bleiben Sie nur schön liegen und regen Sie sich nicht
auf.“
Dann führte sie mir einen Löffel mit einer kühlen, süßlichen
Flüssigkeit zum Munde und ich versank in wohliges Hindämmern.
Dann stand einmal ein bärtiger Mann an meinem Bett und als ich ihn
genauer ansah, erinnerte ich mich, daß ich ihn schon irgendwo und
irgendeinmal gesehen haben mußte. Richtig: das war ja der Doktor, der
am Sterbelager Oskars gestanden hatte. Und da fiel mir’s wieder ein,
daß man mir ja gesagt habe, ich sei im Spital.
Wenn ich aber fragen wollte, bedeutete man mir, mich ja ganz ruhig zu
verhalten, und da mußte ich auch folgen, ich mochte wollen oder nicht.
So kehrte ich langsam zum Leben zurück und dann kam auch der Tag, wo
ich auf meine Fragen endlich Antwort erhielt. Ich war dem Tode nahe
gewesen. Zu einem schweren Nervenleiden hatte sich auch noch eine
Lungenentzündung gesellt und ich war von den Ärzten schon aufgegeben
gewesen. Unerwartet sei dann aber eine Wendung zum Besseren eingetreten
und da hatten auch die Ärzte wieder mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kunst
eingesetzt, und nun war ich gerettet.
Was es nun mit der Anstalt sei. Ob ich wieder weiterstudieren dürfe,
fragte ich.
Doch der Arzt sagte nur: „Daran denken Sie vorläufig am gescheitesten
gar nicht. Jetzt ist es Ihre erste Aufgabe, einmal ganz gesund zu
werden.“
Ob meine Mutter von meiner Krankheit wisse, fragte ich weiter. Ja, sie
wisse alles und hätte auch nur den einen Wunsch, ich solle nur hübsch
allen Anordnungen folgen, damit ich bald gesund werde.
Das beruhigte mich, und als mir gar der Doktor sagte, daß ich für heuer
selbstverständlich nicht mehr in die Anstalt zurückkehren brauche, da
ich nach Hause zur Erholung müsse und dafür bereits gesorgt sei, daß
es mir recht gut ginge, da kehrte eine stille Freude in mein Herz ein,
die warm und wohlig durch den ganzen Körper strömte und ihn täglich
kräftiger und kräftiger machte.
Und dann sagte der Doktor endlich zu mir: „Also morgen dürfen Sie nach
Hause. Es wird übrigens jemand kommen, Sie abzuholen.“
„Meine Mutter?“
„Das weiß ich nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Aber das eine sage
ich Ihnen: hübsch vernünftig bleiben und keine Geschichten machen, wenn
--“
Er unterbrach sich und ich fragte: „Warum soll ich denn Geschichten
machen?“
„Na, Sie scheinen ein sehr empfindlicher Mensch zu sein, und auf der
Welt findet man’s nie so, wie man es sich ausmalt und wie man’s gerne
haben möchte. Da heißt’s eben fügen und sich abfinden mit dem, wie es
ist. Das meine ich.“
Ich glaubte darin eine Anspielung auf Heri zu hören, und wenn mich
auch eine leise Wehmut durchzuckte, das eine wußte ich, daß ich nun
vor ihr gefeit sei. Wie ein böser, toller Traum erschien mir alles,
was hinter mir lag und selbst für den Fall, daß ich am Ende nicht mehr
weiterstudieren sollte können, fühlte ich doch noch die Kraft, ein
glücklicher und froher Mensch zu werden.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich auf dem Stuhl neben
meinem Bette meine Sonntagskleider, in denen man mich ins Spital
gebracht hatte. Meine übrigen Habseligkeiten, war mir gesagt worden,
seien schon in der Heimat.
Noch einmal kam der Arzt und als er ging, reichte er mir die Hand,
sah mich eine Weile an, als wolle er mir noch etwas sagen, sagte aber
nichts als: „Also, lieber, junger Freund, vernünftig sein.“
Auch die Schwester, die mich so aufopfernd gepflegt hatte und die
mich jetzt bis zur Türe des Besuchszimmers geleitete, sah mich so
eigentümlich an und als ich ihre Hand faßte und ihr aus ganzem Herzen
für all die Mühe dankte, die sie sich um mich gegeben, da war es mir,
als stiege in ihren Augen ein feuchter Schimmer auf. Leise sagte sie:
„Leben Sie wohl, ich will für Sie beten.“
Ich sah ihr nach und als sie an der Biegung des langen Ganges
verschwunden war, drückte ich auf die Klinke und trat in das
Besuchszimmer ein.
Zwei liebe, vertraute Gestalten erhoben sich von den Stühlen, die
Müllerin und die Marieli. Erstere kam mir ein paar Schritte entgegen
und reichte mir mit innigem Druck die Hand: „Grüß dich Gott, Heini.
Also du bist halt doch wieder gesund worden.“
Und nun kam auch Marieli auf mich zu, schüchtern, das blasse, feine
Gesichtchen von Purpur überströmt, vom Purpur der Freude und der Liebe.
Wortlos reichte sie mir die Hand, aber der selige Glanz auf ihrem
Antlitz jubelte einen Willkommgruß, der mich tief glücklich machte.
„Ist meine Mutter nicht da?“ fragte ich, denn mir fiel plötzlich auf,
warum denn die zwei Frauen allein hier seien.
„Ist sie krank?“
„Nein, Heini.“
Marieli senkte das Haupt und auch die Müllerin gab nicht sofort
Antwort, als ich aber die Frage nochmals und drängend wiederholte,
sagte sie, indem sie mir die Hand auf die Schulter legte: „Krank ist
sie eigentlich nicht mehr. Du weißt ja, sie hat dir’s ja selbst gesagt,
daß sie herzleidend ist, und da haben wir uns halt gedacht, es sei das
beste, wenn wir zwei dich abholen. Meinst du nicht auch?“
Ich mußte der Müllerin recht geben. Nachdem die
Entlassungsförmlichkeiten abgetan waren, verließ ich mit den beiden
Frauen das Spital.
Es war ein wunderschöner Junitag. Die Straßen lachten im Sonnenlicht,
und da es noch zu früh zum Mittagessen war, schlug ich vor, durch den
Park und in die Au zu gehen. Ich war so froh und glücklich, daß mir gar
nicht auffiel, wie schweigsam die beiden Frauen waren.
Als wir eben in die Hauptallee des Parkes einbogen, kam uns ein
Offizier mit einer jungen Dame am Arme entgegen.
Ich erkannte sie und wenn auch mein Herz erbebte, ich richtete mich
stolz auf und grüßte kalt und gemessen. Der Offizier griff salutierend
an die Mütze, Heri aber senkte das Antlitz und es war mir eine
Genugtuung, sie erblassen zu sehen. Die Müllerin aber tat, als hätte sie
Heri gar nicht erkannt, während Marieli erbleichend zu Boden sah.
Bald lag der Park hinter uns und wir schritten auf dem Promenadeweg
durch die Au. Als wir bei der Bank angelangt waren, auf der ich vor
Wochen mit der Mutter gesessen hatte, sagte ich dies den beiden Frauen.
„Nun dann setzen wir uns auch ein wenig hier nieder,“ meinte die
Müllerin. „Ich bin beinahe ein bißchen müde.“
Wir ließen uns nieder und jetzt, nachdem wir wieder eine Weile gesessen
hatten, ohne ein Wort zu reden, fiel mir die Schweigsamkeit der beiden
Frauen auf. Das mußte seinen Grund haben. Und da fiel mir ein, daß man
jedenfalls den wahren Grund meiner Erkrankung erfahren haben könne.
„Weiß die Mutter, was mir gefehlt hat?“ fragte ich, „und warum ich so
krank geworden bin?“
„Ja, das Warum weiß sie. Das ist ja in dem Brief gestanden, den der
Direktor an sie geschrieben hat.“
„Was hat er denn geschrieben?“
Die Müllerin faßte meine Hand und sagte: „Mein lieber Heini, wozu
willst du das wissen! Wir da und auch deine Mutter, wir haben es ja so
nit geglaubt. Wir glauben dir und wir wissen auch, daß nur die die
Schuld hat, die uns zuvor begegnet ist. Wenn wir dir nit glauben täten,
Heini, so wären ich und die Marieli nit da.“
In mir krampfte sich das Herz zusammen. „So haben sie mich also sogar
bei meiner Mutter verleumdet!“
„Sie hat’s nit geglaubt. Heini, sie hat’s nit geglaubt.“
„Was hat sie denn gesagt?“ bat ich.
„Sie hat nit viel gesagt, Heini, ‚Mein Heini ist unschuldig‘, -- sonst
hat sie nichts gesagt.“
„Gar nichts sonst?“
„Nein, Heini, gar nichts sonst,“ erwiderte die Müllerin leise und dabei
rollten ihr große Tränen aus den Augen.
Was hatten diese Tränen zu bedeuten? Warum sah mich Marieli so seltsam
an? Ein Gedanke stieg in mir auf und wuchs augenblicklich zur Gewißheit
an. Ich sprang auf und rief angstvoll, heimlich aber doch ein tröstende
Antwort erwartend: „Die Mutter ist -- --“
Flehend hob ich die Hände, als könnte ich mir eine gute Nachricht
erbitten, nicht die, die ich befürchtete.
Doch die Müllerin nickte nur und während sie mich neben sich auf die
Bank niederzog, sagte sie: „Ja, Heini, es ist so. Deine Mutter ist
heimgegangen zu deinem Vater.“
Ich schrie nicht auf, ich tobte nicht; mir war nur zumute, als sei nun
auch das Letzte, was mir noch auf Erden verblieben war, versunken und
ich stünde nun ganz, ganz mutterseelenallein auf einer Erde, die mir
fremd und feindlich ist. Grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit um
mich und so schwer, so traurig, daß ich nicht einmal weinen konnte. Ich
starrte nur vor mich hin und unwillkürlich sprach ich vor mich hin:
„Keine Mutter mehr. Keine Mutter mehr.“
Dann aber dachte ich plötzlich daran, was wohl meine Mutter gelitten
haben müsse, als sie erfahren hatte, daß man ihren Sohn mit Schanden
davongejagt habe und dieser Gedanke erst brachte meinen Schmerz zum
Ausbruch. Meine arme Mutter!
„Wein dich nur aus, Heini,“ sagte die Müllerin und legte ihren Arm
mütterlich um meine Schultern, „wein dich nur aus. Es ist besser, als
wenn du dich vergrübelst.“
Und während ich immer nur vor mich hinschluchzte, sagte und erzählte
sie: „Schau, Heini, deine Mutter war schon sehr krank, nur hat sie’s
nicht so zeigen wollen. Daß sie aber gewußt hat, wie’s mit ihr steht,
davon ist das ein Beweis, daß sie dich nach Ostern heimgesucht hat.
Bevor sie fortgefahren ist, hat sie zu mir gesagt: ‚Ich weiß nit, ich
halt’s nimmer länger aus: ich muß den Heini sehen. Mir ist alleweil
so, als müßte was geschehen, daß ich ihn dann am Ende nit mehr sehen
kann.‘ Ich hab ihr das natürlich auszureden gesucht, aber es hat nichts
genützt. Und wie sie dann von da heimgekommen ist, da ist sie zuerst
zu mir gekommen und da hat sie wohl eine Stund nichts und nichts als
geweint. Ich hab’ nit gewußt, was sie hat, und hab sie gefragt und ihr
zugeredet und da ist sie wirklich endlich auch still geworden. Und da
hat sie mir dann auch gesagt: Du, Lois, mein Heini ist nit glücklich
und ich fürcht, er wird noch unglücklicher werden. Ich werd ihm wohl
nimmer viel helfen können. Aber gelt, Lois, du versprichst mir’s:
wann ich einmal nimmer sein soll, du nimmst dich um ihn an. Versprich
mir’s. -- Und ich hab ihr’s versprochen, Heini, ich hab ihr’s gern
versprochen. -- Und wie dann der Brief vom Direktor kommen ist, da
ist sie grad bei mir gewest. Weil sie zu viel gezittert hat, hab’ ich
ihr den Brief aufmachen müssen. Wie sie aber gelesen hat, da ist sie
aufgesprungen und hat geschrien: ‚Das alles ist nit wahr! Mein Heini
ist unschuldig!‘ Und wie sie das sagt, greift sie ans Herz, ich habe
sie aufgefangen, und in meine Arm hat sie die Augen zugemacht. Sie hat
eine recht schöne Leich gehabt, deine Mutter. So still und friedlich
ist sie im Sarg gelegen und bevor er zugemacht ist worden, ist die
Frau Oberforstverwalter mit einem schönen Kranz kommen und geweint hat
sie am Sarg, als wär deine Mutter ihr Schwester gewesen. Und jetzt
liegt deine Mutter neben deinem Vater und jetzt sind sie halt wieder
beieinander, die so bald und so auf unverhoffte Weise haben seinerzeit
auseinander müssen. Gott geb ihnen die ewige Ruhe!“
Das stille, schlichte Erzählen übte eine tiefe Wirkung auf mein Gemüt.
Wie ein begütigendes Streicheln fühlte ich die aus innigem Mitempfinden
quellenden Worte und wie ein traumhaft weiches Dämmern, allen Schmerz
lösend und lindernd, kam es über mich.
Und da nahm die Müllerin meine beiden Hände in die ihren und sagte:
„Und jetzt, Heini, jetzt will ich das Versprechen halten, das ich
deiner Mutter gegeben hab. Von jetzt an will ich deine Mutter sein und
ich werd mir schon recht Mühe geben, daß alles wieder recht wird und
auf eben und gleich kommt. Mußt halt auch ein bißchen Vertrauen zu mir
haben und mich ein bißl gern haben, dann wird’s schon gehen.“
Auf diese Worte konnte ich nicht anders, ich beugte mich hinab und
küßte die Hände, die so treu die meinen umschlossen hielten und von
denen es in warmen Wellen in mich überströmte wie der letzte Segen
meiner Mutter.
„Aber, Heini, was tust du denn!“ wehrte jedoch die Müllerin ab, „mir
die Hand küssen. Ich bin ja nur eine Bäuerin!“
„Aber meine Mutter jetzt,“ drängte es sich über meine Lippen, und da
ging über das liebe, gütige Antlitz der einfachen Frau ein glücklicher
Schimmer und sie sagte: „Ich mein, wir werden alle miteinander doch
noch recht glücklich werden. Gelt, Marie, du hilfst auch dazu?“
Ja, das wußte ich und hätte ich’s nicht gewußt, so hätte es mir der
seelenvolle Strahl aus Marielis Augen gesagt, als sie mir nun ebenfalls
die Hand reichte.
Es war inzwischen die Mittagsstunde gekommen und wir kehrten in die
Stadt zurück. Nach dem Mittagessen gingen wir zum Bahnhof und dann trug
uns der ratternde Zug der Heimat zu.
Bald hatten wir die weiten Felderbreiten des Flachlandes durchflogen,
die Berge traten näher, der Sommerwald schickte durch die offenen
Fenster aufrauschend seinen duftigen Gruß herein, nun stiegen hinter
seinen tiefgrünen Wipfeln auch schon die leuchtenden Felszacken der
Heimatberge auf und ein wunderbares Friedlichwerden zog in mein
verstürmtes Herz ein.