Heini.
Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen
hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute
mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri
wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand
sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie
aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß
feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war.
Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken.
Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer
Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief
gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn
es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich
befürchtet hatte.
Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur
wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte
es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein
Brieflein in die Hand drücken konnte.
Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur:
Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn
es Dir aber möglich wäre, einmal abends fortzukommen, so komme
übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem
Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.
Heri.
Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt
fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man
konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner
Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen.
Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.
Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns
war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt
und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal.
Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den
anderen benützt worden.
Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine
Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im
Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er
aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut
und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten
Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab, öffnete dort
leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten
hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während
der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief
ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite
desselben kletterte ich über den Zaun.
Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der
Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und
in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit
hochklopfendem Herzen vor Heri.
Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das
sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten
Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die
ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.
Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort
hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres
erbebte in namenlosem Glück.
Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da
ist eine Bank.“
Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie
endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“
Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begann ich zu reden: „Ja,
Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen.
Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse.
Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“
Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise:
„Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“
„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast,
Heri, damals zu Hause im Park.“
Sie schwieg.
Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich,
ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich:
so wie damals?“
Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch
Kinder!“
Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel
zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur
stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, -- ich
-- ich gehe.“
Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten
Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich
nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme
und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund.
„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte
sich mir zu entwinden.
Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen
Küssen: „Heri, dies eine Mal, -- dies eine Mal -- will ich noch
glücklich sein, Heri -- ich hab dich so lieb -- so lieb, Heri -- so
lieb -- --“
Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust
und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange.
Das brachte mich zur Besinnung.
„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen
wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“
Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit
tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“
„Ja, ich gehe!“
Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte
ich hinaus in die nächtliche Straße.
Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn
je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen
wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines
vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner
Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über
meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlanken Leib in meinen Armen,
ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen
Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter
Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst
diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“
Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah
und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im
Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die
Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein
Frühgewitter zu murren begann.
Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über
mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender
Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das
Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt.
Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen
wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin
und darauf ein langgezogenes Rollen.
Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß
werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und
auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es
einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er
dann das zumachte, durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht
mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber
konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus
der Anstalt.
Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger
Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich
noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden
Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei
Dank! das Fenster stand noch offen.
Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich
auf die Fliesen des Korridors niedergleiten.
In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der
volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur
zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da
haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche
ist zu allem fähig.“
Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und
da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen!
Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen
Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er
auch der meinige.
„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an.
Ich gab keine Antwort.
„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“
Ich gab abermals keine Antwort.
Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube
heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt
abgewehrt hätte.
Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für
heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so
erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“
Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor
immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da
mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen
nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“
„Gewiß, Herr Direktor!“
„Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Herr Direktor!“
Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll
und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht
erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und
Wäsche.“
Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden
solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu
dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen
die Blitze ihre blendenden Brände warfen, ich horchte dem Schmettern
der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit
machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und
während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und
ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst
geweckt werden mußte.
Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn
Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die
Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das
überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.
Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite
stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie
verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite
stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich
war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß
ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet
werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich
wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen.
Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte
von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als
Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder
nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß, denn die mußte doch
wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber
bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war
diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf
davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte
ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.
Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich
geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male
jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das
alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar
nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.
Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen
entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können.
Mochte kommen, was da wolle.
Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor
des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem
Klassenvorstand.
Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es
ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen
Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum
handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die übrigen Schüler vor
Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können.
Sie aber“ -- damit wandte er sich an mich -- „fordere ich auf, die
Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch
Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern
Abend?“
Ich schwieg.
„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“
Keine Antwort.
„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.
Ich schwieg.
„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch
des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein
junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt
hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb
ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine
Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse
bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken
sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine
Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten
aufsuchen zu können!“
Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte:
„Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen
Mannes!“
Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und
rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So
kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“
Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz
und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der
Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“
„Wo waren Sie dann?“
Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren
brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen?
Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich
möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne
allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die
volle Wahrheit bekennen wird!“
„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt.
Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der
Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden
zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu
bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde
zurück.“
Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen
Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der
Präfekt.
Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund,
wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die
Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei
Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in
Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für
einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie
versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch
nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“
Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war.
Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend,
und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“
Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem
ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer
Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß
alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen
Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst
draußen, bis Sie gerufen werden.“
Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der
Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich
stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen in den
Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen
Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in
einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen
Lichtflut sendend.
Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid
bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was
ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum
moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie
sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes
zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein.
In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber
bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die
Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder
in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich
noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine
Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde.
Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es
hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen,
holte mich der Präfekt neuerdings ab.
„Kommen Sie,“ sagte er kurz.
Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn:
„Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“
„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der
kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange
Ahnung stieg in mir auf.
Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer
feierlichen, finsteren Ernst.
Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die
Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“
Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen.
Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“
„Nun“ -- der Direktor zog eine höhnische Miene -- „ich habe die Frau
Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt
und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei.
Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft
bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie
sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand
sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den
Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten
von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen
hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen
Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den
geringsten Zweifel zu setzen und“ -- er erhob seine Stimme -- „stehen
vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau,
wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten
dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene
Schande zu bemänteln.“
Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den
Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf
etwas zu erwidern?“
Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt
zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es
außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich
hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als
rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich
um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen
Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen,
um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend
ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den
Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht
ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen
hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt,
ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte,
und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz.
Ich hörte nicht, was man mich noch fragte, ich gab keine Antwort, ich
stand wie betäubt und meine Augen starrten zu Boden, als öffne sich da
vor ihnen der Abgrund, in dem alles versunken war, was mir bisher als
heilig und unverbrüchlich gegolten hatte.
Was kümmerte es mich jetzt, daß der Anstaltsdirektor meine
Ausschließung beantragte, daß der Gymnasialdirektor erklärte, er wolle
sofort eine Konferenz seines Lehrkörpers einberufen und denselben
Antrag stellen, denn er habe tatsächlich einsehen gelernt, daß ich eine
Gefahr für die Moralität der ganzen Klasse, ja der ganzen Anstalt sei.
Mochten sie reden, mochten sie tun, was sie wollten; in dieser Welt,
in die mich diese Stunde geworfen hatte, war alles möglich. Gegen die
Mächte, die in ihr das Szepter führten, war ich machtlos.
Mein Klassenvorstand trat auf mich zu und fragte mich: „Haben Sie denn
gar nichts zu Ihrer Verteidigung anzuführen?“
Ich wußte nichts, mir fiel nichts ein und achselzuckend wandte sich der
alte Mann ab und ich hörte nur noch, wie er sagte: „Das ist die größte
Enttäuschung in meinem vierzigjährigen Lehrerleben.“
Dann trat der Präfekt auf mich zu und führte mich schweigend in den
Karzer zurück.