Marie.
Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die
trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner
ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog
in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der
Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.
Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den
der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten,
rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg,
der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner
Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust
gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte,
dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom
wahnsinniger Sehnsucht.
So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste
Parkkonzert stattfand.
An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis,
bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das
Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.
Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all
den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten
in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.
Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen
auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf
den Hüten, Frühling in den Augen.
Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid
umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in
breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des
Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in
freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten
und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön
war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie
einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der
holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden
schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit einer etwa gleichaltrigen
Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.
Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug
zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in
wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen
und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten
Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem
Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich
eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo
ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher
leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich
meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.
Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht
fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber
weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß
kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein
Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur
eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.
Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher,
mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie
aufmerksam machen, daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht
steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte
-- und diese sind nicht unbedeutend -- dem Studium zuwenden, so erleben
Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten;
in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn
in Sie gefahren? Reden Sie doch!“
Ich schwieg.
„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt,
dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist
als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie
wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich
aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist
und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein
Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange
Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie
ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können
Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“
Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.
Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr
weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war
nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es
zwischen uns stehe.
Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, -- ich hatte inzwischen
Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante
spazierengehen gesehen -- stand mein Entschluß fest.
Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde,
mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können,
schrieb ich ihr ein paar Zeilen:
Meine liebste Heri!
Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt
davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus
Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort
wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen.
Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein,
daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß
Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat.
Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten
können. Gib mir ehestens Bescheid.