VIII.

Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ

mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine

Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel,

wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war.

Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler

aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch

wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu

Kohle zu Asche geworden.

Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei

unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese

alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen.

In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals

empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger

Zeit, mein pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.

Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben

wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten

strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken

und meine Seele wird gesund und still.

Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende

Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und

Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der

brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer,

der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und

langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit

schön, schön zum Jauchzen.

Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt

und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der

mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub

entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung

durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel

ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen

verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht,

zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.

Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen. Es ist nur

merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im

Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis,

so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen

solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit

unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine

Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall,

es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten

Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere

Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes

Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben

Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.

Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so

merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später

nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in

seine Gewalt bekommen.

„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort

ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht,

ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte

es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich

aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden

ähnliches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen

sprachen.

Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt.

Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben

und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht

nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal

befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine

Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie,

ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich

zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies

stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in

der Karwoche in die Stadt kommen würde.

Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie

vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte,

plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause

bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag

zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal

einzukaufen.

Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die

Promenadewege durch die Au.

Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge

ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß,

getröstet hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz

gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.

Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden

Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein

wenig nieder. Ich bin so müde.“

Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein.

Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und

über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde

gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume.

In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade

über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und

die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und

gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.

„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu

sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“

Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme.

Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“

„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise

heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir

jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das ewige

Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine

Mutter nicht mehr gar zu lang.“

Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert;

mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter

Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen

Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die

blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.

Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen

und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.

„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn

dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“

„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“

Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar

Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte

zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter.

Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine

Mutter bin ich und du, du --“ ihre Stimme zitterte -- „du bist ja mein

einziges Kind!“

Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem

beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im

Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille innige

Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen.

Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der

Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns

nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner

Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns

und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.

Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben

der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und

Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte

ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar

Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es

heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“

Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem

Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor,

küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig,

Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir

dann leichter.“

Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich

unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der

mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein

gewöhnlicher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.

„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den

Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und

wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd

ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause

geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden.

Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir

liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und

allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben -- Mutter, laß

mich wenigstens du nicht allein!“

Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte

sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein

armer Bub!“

Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten.

Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr

doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun

aber fand sich keine Gelegenheit mehr.

Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende

Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals

die Hand, -- einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten

wagte sie nicht und auch mich hielt die alte Scheu davor zurück,

obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.

„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß

unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd

schon fleißig für dich beten.“

Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann

mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie

das Tüchlein an die Augen drückte.

Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich

mit!“ -- aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen

Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.

Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von

Marieli. Sie schrieb:

Lieber Heini!

Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt,

daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini,

denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch

glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja

alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend

für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick

Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil in meinem Gebetbuch

gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr

selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und

denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil

an Dich. Gelt?

Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 19 / 54 题