Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie
ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses,
ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz des
Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte,
die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen
gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf
deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die
dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre
Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und
sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im
Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender
Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein
ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht
Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem
Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich
allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach
Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein
spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore
geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten
Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen
fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu
ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine
Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe
und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und Erdenleid. Jede
Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen.
Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand
in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander.
Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn
und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist
allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe,
die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat
der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone
erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder
uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und
Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs
Haupt.
Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die
Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten
ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt
leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben
habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute
nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst
versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem
Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht
trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und
weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen
ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein
Menschengeist sein Wesen faßt.
Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus
dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht
ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der
Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und
erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst.
Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“
auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen
Sinn ein Lächeln abnötigt.
Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den
Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt,
sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an
ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln.
Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder
dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte
erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist
der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu
Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft
und mild und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und
Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß
schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und
Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden
und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen
durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von
seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach.
Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein
Liebesfrühling von mir ging.
Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es,
schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich
getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden
stören könnten. Nein, ich habe keine Angst.
Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun
erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes
und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den
Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer
drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte
ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel
war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in
mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich
leisten und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir
nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn
die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte,
dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor
ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich
geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir
sind ja dein!“
Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten
meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das
Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der
geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu.
Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf
winkte sie mir.
Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf
einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand
die Tante und winkte mir freundlich zu.
Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns
gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte
sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“
Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir
sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ -- und
sie blinzelte mir ermunternd zu -- „deine Mutter hat gesagt, sie werde
es dir schreiben.“
Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris
schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen
wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es
würde nach Ostern sein!“
So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal
das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein
Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame
Gestalt schlingen.
Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd
gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten
Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein
Herzleiden eingestellt habe.
„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich
erschrocken.
„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen
wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine
Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung
beilegen dürfe.
Sehr erstaunt war ich, daß mich die Tante einlud, ich möge, wenn ich
Zeit und Lust habe, an jedem meiner Ausgangstage bei ihr vorsprechen.
Ich war ganz entzückt über diese ihre Liebenswürdigkeit und hatte
keine Ahnung von dem feinen Plan, den sie damit verfolgte.
Als ich das nächstemal kam, hatte Heri schon ihren ersten Ball hinter
sich und schwärmte mir nun von demselben in begeisterten Worten vor.
Daß mir dabei unsäglich weh ums Herz wurde und daß eine namenlose
Eifersucht in mir aufstieg, das bemerkte sie nicht. Wären wir allein
gewesen, so hätte ich sie gebeten, bestürmt, diese Welt zu meiden, denn
ich könne es nicht ertragen, zu hören, wie sie gefeiert und bewundert
werde, wie man ihr Schmeicheleien sagte, wie andere den Arm um sie
schlingen durften; so aber war die Tante hier und es machte ihr ein
sichtliches Vergnügen, Heris Berichte dort zu ergänzen, wo dieser ein
feines Empfinden sagte, das müsse sie mir verschweigen.
„Ja, denken Sie, Heri hat sogar schon eine Eroberung gemacht: einer der
schmucksten Offiziere der hiesigen Garnison, Oberleutnant von Steindl,
interessiert sich sehr für sie.“
„Aber Tante,“ warf Heri ein, deren Antlitz sich in tiefen Purpur
gehüllt hatte.
„Aber Kind, das ist doch nichts Schlechtes! Darüber brauchst du doch
nicht zu erröten!“
Nun warf Heri energisch nach ihrer Weise den Kopf empor und sagte: „Mir
ist aber der Herr Oberleutnant ganz gleichgültig. Er imponiert mir
durchaus nicht so, wie er sich vielleicht einbildet.“
„Aber Kind,“ wehrte die Tante ab, „wer sagt dir denn, daß sich der Herr
Oberleutnant was einbildet! Der ist der letzte dazu. Er ist so ein
lieber, gemütlicher und dabei immer heiterer Mann, daß man nur froh
sein könnte, wenn alle so wären. Du gefällst ihm und das hat er mir
gesagt. Wie du weißt, verkehrt er in meinem Hause und es würde mich
wirklich wundern, wenn er nicht noch heute vorspräche.“
Und richtig: es dauerte keine fünf Minuten, so meldete das
Dienstmädchen den Herrn Oberleutnant von Steindl.
Der junge Offizier war sichtlich überrascht, noch ein anderes
männliches Wesen bei den Damen zu finden, und ich beobachtete, wie
er, während er diese mit vollendeter Artigkeit begrüßte, nach mir
herüberschielte.
Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder,
Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri -- Herr Oberleutnant
von Steindl.“
Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man
wohl fragen, in welcher Klasse?“
„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene
trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein
Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und
noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in angesehener Stellung,
dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend.
Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um
mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten!
Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er
hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr!
Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und
dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie
sich mich als Gelehrten vorstellen?“
Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht.
Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“
„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der
Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort
danach fragte.“
„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“
„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen.
Ich kapiere immer schon früher.“
Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen,
sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit
unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß,
daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen
Mannesnatur war.
Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend
bekommen sei.
Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß
sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der
Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des
Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden
hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir
Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu
ärgern und zu grämen.
Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald
genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte
mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige.
Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O,
hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und
er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über
all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst
angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn
und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden
Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant,
auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an,
und wenn sich der Sturm an seinem eigenen Wüten verzehrt hatte, dann
schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das
ganze Leben gleichgültig machte.
Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort,
bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so
könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der
Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam
der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri
ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste
bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der
Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über
die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber
glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei
wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er
dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der
Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt
hatte, den Reichtum derselben zu zeigen.
So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne
angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder
scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen
Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese
Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach direkt als unbequem und
störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete
vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich
mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin
zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief
überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn
sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere
Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann
oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte.
So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief.
Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir
versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir
bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu
verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne
ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen
und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank!
nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge
ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei
herrsche.
Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll
großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine
Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden,
dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen nicht vergleichen konnte,
an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir
an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines
ganzen Daseins, dann war ich verloren.
Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die
Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer
verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war.
Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr
regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen
und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen
Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich
brächte dort mehr vor mich als zu Hause.
Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln
durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es
nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich
ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht.
Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr
Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen,
der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der
Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten
strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen.
Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde
mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen,
noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen
hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie
der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens
immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon
wieder, nicht?“
Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich
gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den
Umständen ab.“
Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen
Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es
nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre
hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen
Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen.
Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof
aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe
der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der
Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem
Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben,
in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte,
in mein eigenes blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn
mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und
dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene
Bedeutungslosigkeit zurück.
Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort
und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die
langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder
und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und
es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da
sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von
der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag
schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold
der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch
des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs
Land der Lebenden ging.
Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich
aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und
darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes,
den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und
Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der
aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen.
In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische
Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor
diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem
Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik,
mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein
so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die
Knie sank und bitterlich zu weinen begann.
Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend
mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot
gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte
etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“
Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner
Seele lesen?
„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich.
„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken
Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn
Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da
unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“
Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte
seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener
Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er sich
damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der
Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht
Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte.