Deine

Heri.

In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und

mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde

mit ihr dieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen,

sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus,

ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen

Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können.

Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie

war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also,

sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei

ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar.

Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten

jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit

Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann

daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die

anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit!

Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der!

Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben

herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen

Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf

aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht.

Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf

mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließ meinen Jammer in sinn- und

fassungslosen Tränenströmen ausfließen.

Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich

sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der

Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann

hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die

Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich

auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese

auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis

entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen

Umständen geschehen.

Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die

vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im

geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die

Tante nicht.

Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den

Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen,

auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die

Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten

die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf

dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen.

Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wenn ich vom Bahndamm aus

den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle

diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher

Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes,

Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz

wie mit eisernen Händen zusammen.

Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen

Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der

Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals.

Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station

herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen.

Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri,

meine schöne Heri erscheinen.

Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des

Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri.

Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß

sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen,

und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der

alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie

eine wirkliche Dame und ich -- mein Blick glitt unwillkürlich an

meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab -- ich war ein armes

Studentlein, sonst nichts.

Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein

Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß

der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein

leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als

er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen

hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen

waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.

Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber

nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz

gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich

jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe

überkommen hatte.

Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich

entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich

kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut

genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.

Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere,

die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.

„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“

fragte der eine.

„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte das die Nichte

sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die

Gesellschaft einführen wolle.“

„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden

über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie

auch reich?“

„Interessiert dich das?“

„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens:

geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal

verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen

Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg

werfe ich mich nicht!“

Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich

offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich

einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten,

überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken,

genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im

offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst

einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein

gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er

mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm

überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wozu solche Menschen wie

ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den

Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut!

Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte

vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch

glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet

waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum

kommst du nicht, Heini?

Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme,

unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke

Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich

will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach

mir ausgestreckt.

Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital

zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war,

dann wollte ich ihm nachfolgen.

Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem

Oskar lag, traf ich die Krankenschwester.

„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist

entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle

paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er,

ich müsse Sie holen lassen, wenn Sie nicht bald kämen. Er ist ganz

verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht

vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich

fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren,

wie es um ihn steht.“

Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein.

Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer

von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf

mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett

zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ.

Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne

die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als

ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie

es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor

fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den

Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“

„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich

selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.

Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand

und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es

gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“

„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß geträumt. Bedenke,

selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht

sagen.“

Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es

nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt

und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen

hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das

Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da

hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den

Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“

„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus

seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon

ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung

da -- na, es ist eben ein Spital! -- ist auch nicht danach angetan,

heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz

und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch

selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“

Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der

festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.

Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich

wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.

„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es gibt keine Hilfe mehr!

Da drinnen“ -- er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen --

„ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür

sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll,

verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“

Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn

plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte,

der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend

und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half,

umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam

es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf

mir -- Heini -- ich mag nicht sterben -- hilf mir -- ich -- ich --“

Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein

Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und

da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen

Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich

zusammen.

Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen

unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die

Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht

aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel.

In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den

Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen

hob.

„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester.

„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die

Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader

fühlten.

Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das

apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am

ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars

liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich

bläuliche Schatten breiteten.

Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet

schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte

ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen

streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“

In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle

einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen

konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen

begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da

brach ich neben dem Bette zusammen.

Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die

Anstalt.

Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.

Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun

trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen

Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es

und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen

Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen

Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des

Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der

Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein

Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des

Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich

durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf

den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.

Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer

ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie

eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die

schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner

schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.

„Es ist bestimmt in Gottes Rat,

Daß man vom Liebsten, was man hat,

Muß scheiden!“

Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher

in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen,

nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie

eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen

rinnenden Tränen.

„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in

diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit

verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich

nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes

vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.

Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie

Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien

Sie ein Mann!“

Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen

wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie

wieder auferstehen: die Freundschaft.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 17 / 54 题