Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen
Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben,
das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll
heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu
rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein
Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr
geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu.
Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze
von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße
einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu
tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig
gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit
den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu
tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die
wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das
mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal
niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu
erzählen, daß der Frühling gekommen sei.
Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und
Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so
klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche
Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die
Tauwasser gehen.
Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst
habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar
zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald
gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand
ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große,
schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges,
der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der
weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des
Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie
duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch
der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf
leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt
die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.
Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem
weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen,
liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier, in dem
heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.
Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem
alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich
habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen
errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und
doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch
meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern
schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die
Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange
dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.
Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.
Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr
anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen
Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon
von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken,
hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben.
Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere
der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte,
strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog.
Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein
leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und
wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört
und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen
der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz
erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten
in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal
einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er
es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen
lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft
mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den
Altersgenossen sei.
Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis
vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt
genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und
Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam
und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte
Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die
großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der
Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll
aus dem Halbschatten der Kreuzgänge, daß ich mir oft wie in einer
fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die
den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten
Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es,
als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen
und raunten leise ihre Gebete.
Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah
mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten
Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da
auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und
darunter „Gedichte“ stehen würde.
An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines
höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern
ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich
verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das
Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß
wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie
eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst
recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden
begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter
entschlug.
Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen herum, die den Lauf
des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte
mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich
durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten
Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende
Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den
kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser
mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen,
als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines
gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief
und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als
bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der
Au entlang zur Stadt führte.
Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen
Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des
Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen
schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen
Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in
kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle
Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so
weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.
Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner meiner Kameraden, auch
Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter
zusammen kam.
So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich
fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am
liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun
alle ihre Schönheit willig zeigten.
Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die
Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe
Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel,
den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel
und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen,
ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte
weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich
empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den
weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.
Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen
emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von
Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war
ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner
körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt es in
blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke
zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der
Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand
doch ein unendliches Lustgefühl.
So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer
breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.
Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte
mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können.
Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der
Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät.
Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich
nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher,
und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war,
zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.
Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden
zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler
türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und
Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder
einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.
Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand
keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich
nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick
zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende
Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine
Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.
So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell
schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am
Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung
kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir
sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um
meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so
aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde
das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen
Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich
sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der
Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst
nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich
nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft
besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.
Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich
kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins
Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die
Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und
nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich
fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung
und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt
überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich
immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.
In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren
Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit
glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten
Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf
mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das
Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug
seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees,
und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land
mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen,
dem Strom.
Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine
Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und
dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen
jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in
überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in
die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:
Der Himmel so blau und die Welt so weit!
So weit und so schön mein Heimatland!
Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!
Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,
Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,
Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!
Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich
sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch
meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und
ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.
Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich,
denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so
lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage
erzählte, wo ich gewesen -- den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich
allerdings -- und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen
Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens
erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann
senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub,
Heini!“
Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid
der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen
sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.
„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die
ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten
Vormittag im Garten trafen.
„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so
ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte
und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre.
Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren
Bergen!“
Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir
vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch:
„Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“
Sie sah mich fragend an.
Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer
leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit
dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“
„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem
Staunen.
Ich nickte stolz bejahend.
„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“
Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor
Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich
eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann
nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen
gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der
grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.
„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die
meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben
hingst?“
Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich,
dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von
meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre
Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.
Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung
meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.
Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust
hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.
Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt
habe, das Heri so tief erregen konnte.
So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten
summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte
ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe
jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.
Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da
konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise
Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“
Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise:
„Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“
„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“
„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem
Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von
goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte:
„Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht
verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast
die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“
Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann
schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend,
ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor
einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des
Lebenssturmes gefahren war.
Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer
Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und
als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht
im hellen Rosenlicht der Freude.
„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn
die ganzen Tage?“
„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der
steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und
viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da
droben ist’s schön!“
Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die
mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das
sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.
Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen
Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann
fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen
Kraxlerei, gelt?“
„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.
„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das
Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit
haben, die kommen auf allerhand Sachen, die einem, der sich plagen
muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein
können.“
„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“
Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon
sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen
Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“
„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“
„Über alle!“
„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn
nun das Marieli zurecht.
Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So
und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“
Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.
„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du
dabei sein können?“
Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:
„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert
und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“
Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber
trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit
anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon was dran an dem,
was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in
Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts
mehr sagen?“
Da mußte ich denn beichten.
„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich
als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den
Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über
die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn
man klettern kann und schwindelfrei ~ist~, ist wirklich nichts
dran.“
„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“
„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“
„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du
nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“
„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja
sowieso sterben!“
„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du
denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“
„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere
Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“
Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes
meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit
wehmütig fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich
mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die
beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine
Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre
beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden
hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.
Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen,
sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden,
Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.