IV.

Und nun hat er doch Einlaß gefunden, der Sturm. In einer der seltsamen

Nächte, die wir jetzt hatten, mag er das Pförtlein gefunden haben,

das in unsere Bergwelt führt. So still war’s draußen und doch so voll

heimlichen Lebens. Jedes Wesen hatte mit sich selbst zu tun, sich zu

rüsten zur Frühlingsfeier, und das war ein Geraune und Getue, ein

Gewisper und Geflüster fern und nah, als wäre die ganze Welt in Aufruhr

geraten und alles eile im schützenden Dunkel einem Verschwörungsort zu.

Und plötzlich war er da. Erst nur ein ganz kurzes Brausen, als stürze

von den Bergen ein Strom hernieder, dann kamen kurze, starke Stöße

einer feuchtwarmen Luft, auf den Bergen fing es an zu rauschen und zu

tosen und da sauste es auch schon in den Wald herein mit übermütig

gellendem Pfeifen und die Bäume bogen ihre Wipfel und schlugen mit

den Ästen krachend aneinander. Vom Dach meiner Hütte fing es an zu

tropfen und zu platschen und noch vor der Frühe mischte sich in die

wilde Auferstehungsmusik auch das Donnern ferner Lawinen und das

mächtige Rauschen und Orgeln der Gießbäche, die allenthalben in das Tal

niederbrachen, als könnten sie es nicht erwarten, auch im Flachland zu

erzählen, daß der Frühling gekommen sei.

Schon in meiner Jugendzeit hat diese Zeit des ungestümen Drängens und

Werdens immer mein ganzes Wesen erfaßt, und nie sonst ist es mir so

klar geworden, daß der Pulsschlag der Natur mitten durchs menschliche

Herz geht, als in den Tagen, da der Frühlingssturm rauscht und die

Tauwasser gehen.

Und so hat es mich auch in diesen Tagen hinausgetrieben und wie einst

habe ich die entblößte Stirn den Winden dargeboten und mir das Haar

zausen lassen. Und mit suchenden Augen bin ich durch meinen Wald

gewandert. Unter jeden Strauch habe ich gespäht, und richtig, da fand

ich, von ihren dunkelgrünen Blattarmen noch halb umfangen, die große,

schneeige Blüte der Christrose und an den Haselhecken des Hanges,

der zum See hinuntersteigt, die schüchtern geöffneten Sterne der

weißen Anemone und am Rand neben dem Bach die feinstrahlige Blume des

Huflattichs. Das sind unsere Blumen, die Blumen des Hochwalds. Sie

duften nicht; aber doch liegt es rings wie Veilchenatem, und wie auch

der Sturm tobt und durch die Wälder wütet, dazwischen schwebt es auf

leisen ruhigen Wellen von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch und küßt

die Knospen, mild und warm, wie eine Mutter ihr Kind küßt.

Schön, unsagbar schön ist dieses erste Werden und Blühen nach dem

weißen Schneetraum. Ein Glück, nicht mit Menschenworten auszusagen,

liegt darinnen und doch breitet sich darüber ein Schleier, in dem

heimlich alles Weh schluchzt, das mit jedem Keim geboren wird.

Und so mächtig ist dieser Frühlingshauch, daß ich gestern in meinem

alten, ruhig gewordenen Herzen beinahe etwas wie Wehmut fühlte. Ja, ich

habe den Frieden und ich habe mir ihn in so heißen blutigen Kämpfen

errungen, daß er mir das Höchste ist, was die Welt bieten kann. Und

doch, schön war’s auch damals, als die ersten Frühlingsstürme durch

meine Seele brausten und die Gießbäche der Sehnsucht durch meine Adern

schäumten. Ich schäme mich ihrer nicht, ebensowenig, als wie sich die

Blume des Keimes schämt, der sich in seinem natürlichen Drange so lange

dehnt und reckt, bis ihn die Sonne des Frühlings aufs junge Haupt küßt.

Ein Dehnen und Recken war’s auch, was meine Studienzeit ausmacht.

Ich war in einem Studentenheim untergebracht worden, das ungefähr

anderthalbhundert Schüler beherbergte. Das Gebäude lag am südlichen

Saume der Stadt und über den großen Garten hinweg konnte man schon

von den Fenstern des ersten Stockwerkes die weite Ebene überblicken,

hinter der sich, meist in silbernen Duft versteckt, die Berge erhoben.

Am Fenster stand ich anfangs denn auch am liebsten, denn das Innere

der Anstalt war kahl und von den Wänden, die kein Bild schmückte,

strömte eine Kälte in mein Herz, daß es sich fröstelnd zusammenzog.

Auch der Umgang mit meinen Kameraden war nicht angetan, mir das Dasein

leichter zu machen. Die meisten von ihnen stammten aus Städten und

wohlhabenden Familien, hatten über das Anstaltsleben genug gehört

und waren deshalb mutig genug, sich vom ersten Tage an Übertretungen

der strengen Hausordnung zu gestatten, die mir als heiliges Gesetz

erschien. Unbekannt war es mir, ja unfaßbar, daß man von Vorgesetzten

in höhnischem, verächtlichem Tone sprechen könne, und als gar einmal

einer die Bibel gegen den Boden schmetterte und wütend schrie, daß er

es nicht einsehe, wozu man jetzt noch solche blödsinnige Volksmärchen

lernen müsse, da empfand ich mit Schrecken, welch ungeheure Kluft

mich von meinen Kameraden trennte, wie einsam ich unter all den

Altersgenossen sei.

Jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag hatten wir nach dem Mittagessen bis

vier Uhr freien Ausgang und ich benützte denselben, um mir die Stadt

genau anzusehen. Am liebsten wanderte ich durch die weiten Höfe und

Kreuzgänge des bischöflichen Palastes. Da war es so still und einsam

und man konnte träumen und phantasieren nach Herzenslust. Der alte

Springbrunnen mitten in dem Hofe machte seine leise Musik dazu und die

großen Bilder an den Wänden mit den seltsamen Darstellungen aus der

Heiligengeschichte leuchteten in ihrem düsteren Bunt so geheimnisvoll

aus dem Halbschatten der Kreuzgänge, daß ich mir oft wie in einer

fremden Welt vorkam, besonders wenn die alte, riesige Kastanie, die

den Springbrunnen beschattete, über und über im Schmucke ihrer roten

Blütenkerzen dastand und die Bienen in der Krone summten. Da war es,

als lägen vor den Bildern tausend und tausend Andächtige auf den Knieen

und raunten leise ihre Gebete.

Gerne stand ich auch vor dem Schaufenster der Buchhandlung und sah

mir die prächtigen Bucheinbände und die goldenen Schnitte der zarten

Lyrikbände an und versank in Träume, wie schön das sein müßte, wenn da

auf einem dieser Bände von goldenen Arabesken umschlungen mein Name und

darunter „Gedichte“ stehen würde.

An Sonntagen war ich jedesmal bei Heris Tante. Sie war die Witwe eines

höheren Offiziers und hatte unweit des Klosters der grauen Schwestern

ihr eigenes Haus. Sie war eine feine, vornehme Dame, die es trefflich

verstand, auf die zarteste, unauffälligste Weise Heri und mir das

Verständnis beizubringen, daß nun die Kinderzeit vorüber sei und daß

wir in anderen Formen mitsammen verkehren müßten. Unvermerkt baute sie

eine Scheidewand zwischen uns auf, so daß ich mit der Zeit, ohne selbst

recht zu wissen, warum, die Sonntagsbesuche als lästig zu empfinden

begann und mich unter allerlei Ausflüchten derselben öfter und öfter

entschlug.

Ich trieb mich nun gerne in den weiten Auen herum, die den Lauf

des Stromes, der an der Stadt vorüberzog, begleiteten und streifte

mutterseelenallein durch die grüne Wildnis. Wie ein Marder kroch ich

durch die wildverflochtenen Ranken, welche die Waldrebe in dichten

Massen über die Weiden und Erlen hing, watete durch scharfriechende

Nesselwälder und saß dann wieder in weltfernes Sinnen verloren an den

kleinen Weihern, um die das Schilf rauschte und deren schwarze Wasser

mich, je länger ich in sie hineinstarrte, immer unheimlicher ansahen,

als höbe sich aus ihnen etwas empor, das riesige, glotzende Auge eines

gespenstigen Ungeheuers, bis mich plötzlich ein banges Grauen anlief

und ich in wahnsinniger Hast davonstürzte und nicht eher Ruhe fand, als

bis ich auf dem breiten, schönen Promenadeweg stand, der am Saume der

Au entlang zur Stadt führte.

Es waren ganz wunderbare Erlebnisse, die mir diese einsamen

Streifereien brachten, Erlebnisse, die mich mit dem süßen Schauer des

Märchens durchrieselten. Ich sah hinter den grünen Laubwildnissen

schimmernde Schlösser erstehen mit marmornen Altanen und goldenen

Säulen, ich sah Feen und Prinzessinnen die Anmut ihrer schlanken, in

kostbare Gewänder gehüllten Leiber durch die Gründe tragen, dunkle

Augen strahlten mich an und ein Singen und Klingen war um mich, so

weich und süß, daß mir die Seele in unsagbarer Sehnsucht schwoll.

Aber von all dem erfuhr kein Mensch, keiner meiner Kameraden, auch

Heri nicht und ebenso nicht Marieli, mit der ich in den Ferien öfter

zusammen kam.

So verloren hatte ich mich in meine eigene Traumwelt und so glücklich

fühlte ich mich in meiner Einsamkeit, daß ich auch in den Ferien am

liebsten in den Hochwäldern meiner Heimat umherstreifte, die mir nun

alle ihre Schönheit willig zeigten.

Und eines Tages da ging ich schon in aller Frühe fort. Noch lag die

Welt im weichen Morgendämmer und auf den Wiesen lag der stumpfe

Silberschimmer des Taus. Groß stand der Morgenstern an dem Himmel,

den ein leises Gold zu färben begann. Im Hochwald erwachten die Vögel

und bald da, bald dort erklang der kurze Flötenlaut ihrer Stimmen,

ehe sie mit voller Brust zu ihrem Morgenlied einsetzten. Ich wanderte

weiter und weiter; auf ungebahnten Wegen über Felsblöcke kletterte ich

empor, bis ich endlich an den Schutthalden stand, die sich von den

weißleuchtenden Kalkmauern der Berge zum Hochwald herunterzogen.

Und wie ich dastand und an den schwindligen Zacken und Rissen

emporblickte, da faßte mich mit einem Male ein brausendes Gefühl von

Kraft und Mut und ich begann in einer der Runsen emporzuklimmen. Es war

ein hartes Stück Arbeit und erforderte die Anspannung nicht nur meiner

körperlichen, sondern auch meiner geistigen Kräfte, denn da galt es in

blitzschnellen Entschlüssen jeden Vorteil auszunützen, hier eine Zacke

zu fassen, dort den Fuß in eine Spalte zu zwängen, und, wiewohl mir der

Schweiß in brennenden Bächen über Gesicht und Leib lief, ich empfand

doch ein unendliches Lustgefühl.

So kletterte ich aufwärts und aufwärts, bis ich auf einmal auf einer

breiten Felsplatte anlangte, die zur Rast wie gemacht erschien.

Und da sah ich nun den Weg, den ich zurückgelegt hatte und wunderte

mich selbst, wie ich da, ohne zu stürzen, hatte heraufkommen können.

Schwindlig jäh ging es hinunter und die großen Blöcke am Rande der

Schutthalden sahen aus wie kleine Steine auf grünen Wiesenboden versät.

Wo aber nun aus? Hinab auf demselben Wege, das sah ich ein, konnte ich

nicht mehr, hinauf aber, das gab noch eine ärgere Kletterei als bisher,

und in mir, der ich an körperliche Anstrengung nicht gewöhnt war,

zitterte jede Muskel unter der Nachwirkung der geleisteten Arbeit.

Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden

zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler

türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und

Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder

einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.

Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand

keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich

nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick

zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende

Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine

Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.

So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell

schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am

Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung

kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir

sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um

meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so

aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde

das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen

Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich

sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der

Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst

nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich

nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft

besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.

Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich

kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins

Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die

Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und

nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich

fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung

und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt

überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich

immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.

In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren

Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit

glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten

Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf

mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das

Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug

seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees,

und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land

mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen,

dem Strom.

Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine

Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und

dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen

jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in

überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in

die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:

Der Himmel so blau und die Welt so weit!

So weit und so schön mein Heimatland!

Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!

Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal,

Ihr grünen Wälder in rauschender Rund,

Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!

Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich

sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch

meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und

ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.

Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich,

denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so

lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage

erzählte, wo ich gewesen -- den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich

allerdings -- und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen

Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens

erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann

senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub,

Heini!“

Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid

der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen

sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.

„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die

ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten

Vormittag im Garten trafen.

„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so

ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte

und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre.

Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren

Bergen!“

Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir

vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch:

„Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“

Sie sah mich fragend an.

Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer

leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit

dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“

„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem

Staunen.

Ich nickte stolz bejahend.

„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“

Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor

Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich

eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann

nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen

gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der

grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.

„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die

meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben

hingst?“

Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich,

dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von

meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre

Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.

Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung

meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.

Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust

hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.

Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt

habe, das Heri so tief erregen konnte.

So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten

summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte

ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe

jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.

Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da

konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise

Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“

Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise:

„Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“

„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“

„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem

Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von

goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte:

„Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht

verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast

die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“

Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann

schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend,

ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor

einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des

Lebenssturmes gefahren war.

Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer

Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und

als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht

im hellen Rosenlicht der Freude.

„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn

die ganzen Tage?“

„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der

steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und

viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da

droben ist’s schön!“

Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die

mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das

sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.

Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen

Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann

fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen

Kraxlerei, gelt?“

„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.

„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das

Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit

haben, die kommen auf allerhand Sachen, die einem, der sich plagen

muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein

können.“

„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“

Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon

sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen

Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“

„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“

„Über alle!“

„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn

nun das Marieli zurecht.

Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So

und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“

Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.

„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du

dabei sein können?“

Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:

„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert

und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“

Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber

trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit

anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon was dran an dem,

was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in

Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts

mehr sagen?“

Da mußte ich denn beichten.

„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich

als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den

Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über

die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn

man klettern kann und schwindelfrei ~ist~, ist wirklich nichts

dran.“

„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“

„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“

„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du

nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“

„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja

sowieso sterben!“

„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du

denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“

„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere

Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“

Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes

meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit

wehmütig fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich

mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die

beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine

Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre

beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden

hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.

Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen,

sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden,

Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 14 / 54 题